Marilyn Mazur (DK)

"Perkussionistin mit Weltruhm"

Marilyn Mazur sollte eigentlich allen musik-interessierten Menschen bekannt sein. Die dänische Perkussionistin spielte vier Jahre lang mit dem Jazztrompeter Miles Davis (s. Foto u.) und die letzten 15 Jahre war sie mit dem Saxophonisten Jan Garbarek auf vielen internationalen Bühnen zu sehen.
Doch Marilyn Mazur ist weit mehr als „nur“ eine Perkussionistin, sie ist Komponistin, Keyboarderin und Bandleaderin. Ihre bekannteste Band ist „Future Song“, weniger bekannt in Deutschland ist ihr Frauen-Perkussion-Projekt „Percussion Paradise“.
Im Laufe der Jahre hat die 50-jährige zahlreiche Preise, Stipendien und Auszeichnungen erhalten. Der renommierteste davon ist vermutlich der hochdotierte JazzPar Preis von 2001.
Wer mehr über die Künstlerin, ihre Bio- oder Diskographie nachlesen möchte, sei auf ihre Website verwiesen. Hier sollte sie in erster Linie selber zu Wort kommen.

Besten Dank an Marilyn Mazur für das angenehme Gespräch, an ihre Managerin Camilla Stølen für die Vermittlung und an die dänische Botschaft für die prompte und nette Vermittlung.

Melodiva: Es ist sehr ungewöhnlich, dass eine Band so lange besteht wie deine Band Future Song.
Marilyn Mazur:
Future Song besteht seit 1989, also seit 16 Jahren. Aber wir sind keine Gruppe, die konstant arbeitet, weil wir aus allen Teilen der Welt kommen. Deshalb treffen wir uns zwei oder dreimal im Jahr, um Konzerte zu spielen. Deswegen sind wir immer noch hungrig, zu spielen. Jeder macht noch andere Sachen, und wir fühlen uns wie eine große Familie, die sich immer mal wieder trifft. Jeder entwickelt sich weiter, das gibt wieder frische Inspiration für die Band. Es ist ein sehr idealistisches Projekt, weil die Musiker von weit her kommen, die Band zu groß ist und wir eine Menge Instrumente haben, die mit auf die Reise gehen müssen. Aber wenn wir uns treffen, haben wir eine Menge Spaß.

Melodiva: Ich möchte etwas über deine Philosophie als Perkussionistin erfahren. Ich hatte den Eindruck, dass du, solange du mit Schlagzeuger spielst, eher an den gestimmten Instrumenten wie Gong, Becken etc. interessiert bist und die Musik einfärbst, als an den reinen Schlaginstrumenten.
Marilyn Mazur:
Es ist eine Mischung aus Groove spielen und Farben addieren. Früher habe ich mehr gestimmte Perkussion gespielt, weil ich viel Marimba gespielt habe. Das habe ich aufgegeben, zumindest live, weil es zu groß ist und schwierig zu verstärken. Ich mag beides, gestimmte und ungestimmte Schlaginstrumente. Wenn ein anderer Drummer beteiligt ist, mache ich mehr Farben, ich bin für das Drama, die Schönheit etc. verantwortlich. Ich spiele gerne Groove, aber mit einem Drummer zusammen muß ich nicht. Ich bin eigentlich eher eine Drummerin als eine Perkussionistin. Ich war Pianistin, und ich habe erst mit 19 mit dem Schlagzeug angefangen. Ich habe gerne in Bands mit einem Drummer gespielt, wo ich mit der Perkussion für Farbe sorgen konnte, aber es ist einfacher, eine Schlagzeugerin zu sein, weil du für den Groove verantwortlich bist. Als Perkussionistin mußt du deine Rolle selber definieren. Ich sehe mich selber als Schlagzeugerin, aber ich sammle auch gerne Instrumente. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich auf dem Klavier viele Noten spielen konnte. Nur Schlagzeug wäre mir vermutlich zu wenig. Ich will Sounds spielen. Außer als Perkussion-, Schlagzeug-, Marimba- und Keyboardspielerin sehe ich mich vor allem als Komponistin. Ich bin für das Ganze der Musik verantwortlich, nicht nur für einen kleinen Ausschnitt.

Melodiva: Was hat dich vom Klavier zu den Drums wechseln lassen?

Marilyn Mazur:
Das waren verschiedene Gründe. Ich habe klassisches Klavier gelernt, und als Teenager hatte ich schon meine Bands mit eigenen Stücken. Mein Klavierlehrer sagte aber immer, dass ich eine gute Ausbildung haben müsse. In den 70ern konnte man nur Klassik studieren, und ich wollte keine klassische Pianistin werden. Ich habe überlegt, und das Physische in der Musik lag mir nahe. Perkussion fühlte sich gut an, deshalb habe ich mit dem Studium begonnen. Ein anderer Grund war, dass es keine Frauen gab. Niemand spielte Schlagzeug, und das hat mich sehr aufgeregt. Ich muß das machen! Der dritte Grund war, dass ich Tänzerin war zu der Zeit, und Drums fühlten sich wie tanzen an.

Melodiva: Ist es einfacher, mit Drummer zu spielen oder schwieriger?
Marilyn Mazur:
Das kommt auf den Drummer an. Ohne Schlagzeuger zu spielen, ist einfacher, weil deine Rolle klarer definiert ist. Du bist für den Rhythmus verantwortlich. Zu zweit muß man die Energie besser verteilen. In anderen Bands bin ich eher die Drummerin. Aber eigentlich ist ein wichtiger Teil der Musik die Kommunikation mit den anderen Musikern, und den Zuhörern.
Ich habe eine Perkussionsgruppe, nur mit Frauen, die ich im Jahr 2000 gegründet habe. Eigentlich sollte ich ein Solokonzert spielen. Ich hatte die Idee schon seit Jahren. Früher hatte ich auch schon eine Band mit 10 Frauen – Stimmen, Perkussion und Bewegung. Nicht alle Profis, aber eine sehr tolle experimentelle Band. Dann kam ich aber in Miles Davis‘ Band und es war unmöglich, die Band beieinander zu halten. Außerdem hatte jede dann Familie…. Ich habe die musikalische Form immer vermißt. Was Frauen machen können, ist anders. Die weibliche Energie ist anders. Jetzt habe ich eine neue Band mit dänischen Perkussionistinnen. Früher gab es keine Schlagzeugerinnen, heute gibt es eine Reihe guter Musikerinnen in Dänemark. Wir haben großartige Momente mit dieser Band erlebt, so eine Menge Spaß und eine Menge Energie. Diese sehr physischen Frauen, die es lieben, Musik zu machen… diesmal sind wir allerdings nur fünf, vier Perkussionistinnen und eine Sängerin, Josefine Cronholm.

Melodiva: Du hast mit Miles Davis und Jan Garbarek gespielt. War die Aufnahme „Aura“ der erste Kontakt zu Miles?
Marilyn Mazur:
Persönlich ja, aber ich hatte schon vorher so meine Erfahrungen mit Miles. Ein Freund von mir setzte mir Kopfhörer auf, schubste mich in ein dunkles Zimmer und machte Bitches Brew an. Ich habe während des Hörens Visionen gehabt, und als er mir hinterher das Cover zeigte, erkannte ich all meine Visionen wieder. Das ist Magie, und ich war in die Musik verliebt. „Aura“ sind Palle Mikkelborgs Kompositionen, die er für Miles geschrieben hat. Mit Palle habe ich zu der Zeit gespielt. Die Erfahrung war großartig. Ein Jahr, bevor ich Miles zum ersten Mal traf, habe ich sogar davon geträumt, mit Miles auf Tour zu gehen. Alles war wie ein großartiger Traum, der wahr wurde. Einige Monate nach den Aufnahmen habe ich in Molde am Festival gespielt. Wir kamen spät an und wir wollten alle Miles hören und rasten vom Flughafen zum Festival. Es war ausverkauft und wir hatten die Erlaubnis, uns vor die Bühne auf den Boden zu setzen. Miles sah mich und erinnerte mich. Er sagte „Marilyn, komm rauf, spiele den Reggae mit uns“ und danach kam das Angebot, mit seiner Band zu touren, insgesamt in zwei Projekten über vier Jahre hinweg. Und wir verstanden uns gut, obwohl er sonst keine Frauen in seinen Bands hatte. In der zweiten Band bin ich gegangen, ich war vier Jahre am Stück weg, und hatte das Gefühl, ich müsse wieder nach Hause kommen und meine eigenen Sachen machen. So entstand Future Song. Es war mir immer wichtig, meine eigenen Sachen zu machen. Ich hatte das starke Gefühl, nach Skandinavien und Europa zu gehören. Obwohl ich Miles anbetete, die Band und das Konzept war mehr Pop und die Chemie der Band war nicht einfach. Deshalb bin ich gegangen.

Melodiva: Dann schließt deine lange Zusammenarbeit mit Jan Garbarek an.
Marilyn Mazur:
Als ich meine erste Tour mit Future Song hatte, wurde ich schwanger und habe meinen Sohn Fabian geboren. Und genau dann rief mich Jan an und fragte mich. Ich hatte das Gefühl, ich müsse zuhause bleiben und eine gute Mutter sein, auf der anderen Seite war Jan auch ein sehr wichtiger Musiker für mich. Nachdem ich einige Tage nachgedacht hatte, habe ich mich entschieden, mit dem fünf Monate alten Baby auf Tour zu gehen. Das war 1991. Jetzt haben wir eine Bandpause mit Jan und werden sehen, was passiert. Das bedeutet, dass ich selber noch beschäftigter bin, da ich mich um alle Projekte kümmern kann, die sonst wegen der anderen Tourneen brach lagen. Mehr Zeit für Future Song, Percussion Paradise und anderes.

Melodiva: Wie würdest du deine Musik selber beschreiben?

Marilyn Mazur:
Wenn die Bezeichnung Soul nicht schon vergeben wäre, wäre es genau der Name, den ich meiner Musik geben würde. Gefühle im Herzen, die Schönheit des Lebens zum Erscheinen bringen, Menschlichkeit, Energie, Vibrationen, Kommunikation, das gehört alles dazu. Vielleicht „Abenteuermusik“? Es gibt eine Menge Weltmusik, aber nicht nur. Es inspiriert mich sehr, afrikanische und indische Musik zu hören, meine Mitmusiker inspirieren mich aber mindestens genauso. Meine Musik hat seine eigene Balance. Ich übernehme nicht bewußt Teile aus verschiedenen Kulturen. Das passiert unbewußt. Ich habe nie afrikanische Musik studiert. Ich kenne aber meine Gefühle, und die möchte in die Musik einbringen.

Melodiva: Wie arbeitest du an deinen Stücken?
Marilyn Mazur:
Ich schreibe Stücke und Texte. Ich starte mit Gefühlen, die ich in Musik fassen möchte. Wir haben heute „Tour Song“ gespielt, der am Ende einer 75 Konzerte-Tour mit Jan Gabarek entstanden ist. Das ist das Gefühl von nach Hause kommen, dein Körper fällt wieder dahin, wo er hingehört, ich kann wieder an meinem Flügel sitzen, die Musik fließt wieder. Musik ist immer da, und wenn du deinen Gefühlen zuhörst, ist es so, als ob die Musik wie aus den Sternen fällt. Später wird ausgearbeitet. Die erste Inspiration ist sehr spontan, vielleicht singe ich einfach, oder ich sitze am Klavier.
Melodiva: Du spielst mit zwei weiteren Frauen in deiner Band. Machen Frauen anders Musik?
Marilyn Mazur:
Unbedingt. Ich mag keine Generalisierungen, weil jeder andere Energien hat. Ich arbeite gerne mit Männern, ich arbeite gerne mit Frauen. Ein Grund, warum ich eine Frauenband gegründet habe, war, weil ich so viel mit Männern gespielt habe. Ich habe den weiblichen Aspekt in meinem Leben vermißt. Ich spiele mit Männern, ich bin verheiratet und habe einen Sohn… Ich vermisse Frauen und brauche sie um mich, um mich gut zu fühlen. Sänger sind oft Frauen, und ich mag Stimmen. Frauen sind sich sehr bewußt von der Ganzheit der Musik. Ich will das ganze Bild und gehe dann in Details. Männer haben eher ihren eigenen Anteil, der mit den anderen das Ganze formt. Solofeatures sind wichtig und deshalb wären wir in unserer Percussionband sehr unglücklich, wenn wir keine hätten.

Marilyn Mazur’s FUTURE SONG

2002 Marilyn Mazur All The Birds

2002 Marilyn Mazur’s Tryllemusik (magic music for and with children), Edition Wilhelm Hansen CD 30539 WH

2000 Marilyn Mazur /Ars Nova / Copenhagen Art Ens.: JORDSANGE, dacapo DCCD9454

1998 BIMWO Orch. play Marilyn Mazurs A STORY OF MULTIPLICITY, dacapo DCCD 9431

1997 Marilyn Mazur’s FUTURE SONG: Small Labyrinths, ECM 1559

1995 Marilyn Mazur & PULSE UNIT: Circular Chant, Storyville STCD 4200

1992 Marilyn Mazur’s FUTURE SONG, veraBra vBr 2105-2

1984 LP – Primi Band: PRIMI Rosen ROLP-29

1984 LP – Mazur/Markussen Quartet: MM4 Rosen ROLP-28

Copyright: Redaktion Melodiva

www.marilynmazur.com
Autorin: Angela Ballhorn

29.06.2005