Der Buchtitel „Musikpraxis und ein gutes Leben“ von Daniela Bartels sprach mich an, und die Frage, welchen Wert ethische Konzeptionen eines guten Lebens für die Musikpädagogik und umgekehrt haben, geisterte in dieser und ähnlicher Fragestellung schon das ein oder andere Mal in meinem Kopf herum, da ich selbst seit mehr als 20 Jahren im musikpädagogischen Bereich arbeite. Daniela Bartels (Jahrgang 1982) hat sich dieses Themas in ihrer Dissertation angenommen. Sehr akribisch hat die Studienrätin für Musik und Englisch mit Schwerpunkt Gesang und Jazzchorleitung beleuchtet, was Musikpraxis für die Entwicklung des Menschen für eine Bedeutung hat. In sieben Kapiteln und auf 186 Seiten untersucht sie, inwieweit Musikunterricht junge Menschen dazu befähigen kann, ein gutes Leben zu führen.
Sehr umsichtig ist sie mit den unterschiedlichsten Definitionen. Was ist ein „gutes Leben“? Wie wird im musikpädagogischen Bereich gearbeitet? Wie wird unterrichtet? Dabei unterscheidet sie zwischen Musikunterricht in der Schule, wo über Singen neue Kenntnisse wie die Funktion und das Lesen des Bassschlüssels erarbeitet werden einerseits und dem Instrumentalunterricht im 1:1 Einzelunterricht bzw. in der Gruppe andererseits. Wie viel Mitsprache- oder Mitgestaltungsrechte haben die Schüler*innen?
Viele Querverweise, Quellenangaben und Literaturzitate machen das Buch zu keiner einfachen Kost, aber dieses Schriftstück ist eine Dissertation und keine populärwissenschaftliche Untersuchung. Gründlich untersucht Daniela Bartels die Verbindungen zwischen philosophischem Denken und unterrichtspraktischen Überlegungen, und steuert konkrete Beispiele aus dem Schulalltag bei. Interessante Aspekte, inwieweit sich der Erwerb bestimmter Grundfähigkeiten oder Fortschritte messen lassen, da vieles in den Bereich der Interpretation der*s Außenstehenden fällt, regen ebenso zum Nachdenken an wie andere Ansätze wie z.B. die These der US-Philosophin Martha Nussbaum, die den Menschen nicht primär als Mangelwesen ansieht, sondern die vorhandenen Kräfte und Fähigkeiten in den Vordergrund stellt. Dadurch ergibt sich eine besondere Philosophie der Lebenskunst, in der Musiklehrer*innen ihren Schüler*innen Raum lassen, ihre Probleme selbständig zu lösen. Sie erziehen junge Menschen so zum eigenständigen Reflektieren.
„Selbstgestaltung“ nimmt in Bartels‘ Dissertationsschrift einen wichtigen Platz ein. Kann man musisch-künstlerischen Aktivitäten einen Wert zusprechen, der der Selbst- und Sozialkompetenz zugute kommt? Wie kann anhand Musikunterricht – egal, ob in der Schulklasse oder im Instrumentalunterricht – so gearbeitet werden, dass die Schüler*innen bestmöglich und ideal gefördert werden? Wie können musikalische Praxen zu einem „guten Leben“ beitragen? Sehr versöhnlich endet Bartels‘ Fazit, indem sie Hannah Arendt zitiert und den verantwortlichen Musiklehrer*innen eine Last von den Schultern nimmt. Vergessen und verzeihen gehörten zum Prozess des Musik Erlernens dazu. Sie ermutige alle Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen, im Leben selbst zu handeln und in die eigenen, aber auch prinzipiell in die Fähigkeiten der anderen zu vertrauen. In diesem Umfeld könnten sich Heranwachsende selbst im Handeln üben.
Daniela Bartels Buch ist somit eine gute Anregung für junge und auch schon erfahrene Musikpädagog*innen, sich neu über Sinn und Werte ihrer Arbeit zu positionieren.
Über die Autorin: Von 2009 bis 2013 war Daniel Bartels zunächst als Referendarin und danach als Musik- und Englischlehrerin an der Clay-Schule tätig. Hier setzte sie ihre musikpädagogischen Schwerpunkte auf die Band- und Chorarbeit. Von 2013 bis 2017 lehrte und promovierte Daniela Bartels als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar. Zeitgleich gründete und leitete sie in Berlin den Pop/Jazz-Chor „zimmmt“, in dem bis heute allen Sänger*innen künstlerische Mitbestimmung und die Übernahme künstlerischer Verantwortung ermöglicht wird. Von 2017 bis 2019 war sie als hauptamtlich Lehrende im Lernbereich „Ästhetische Erziehung“ an der Universität zu Köln tätig. Seit April 2019 lehrt Daniela Bartels als Gastprofessorin an der UdK Berlin. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Philosophie der Musikpädagogik, Musikpädagogik und Ethik und die Verknüpfung von Theorie und Praxis in der Musikpädagogik, z. B. im Rahmen der Weiterentwicklung des Ansatzes einer demokratischen Chorpraxis (Quelle: UdK Berlin).
Daniela Bartels‘ Dissertationsschrift „Musikpraxis und ein gutes Leben – Welchen Wert haben ethische Konzeptionen für die Musikpädagogik?“ ist 2018 im Wißner-Verlag, als Band 146 in der Reihe „Forum Musikpädagogik“ erschienen.
186 Seiten | ISBN 978-3-95786-156-6 | 29,80 €


Am Montag, dem 30. September 2019 performte sie mit ihrer Band vor einem völlig begeisterten Düsseldorfer Publikum. Funkig geht es los. Während die Band sich einspielt, tanzt die Sängerin auf roten Pumps hinaus auf die Bühne, der Rock ihres pastellblauen Tupfenkleids schwingt und wirbelt zu der Musik mit afro-kubanischen Anklängen. Dann stimmt sie ein rhythmisches Lied an, das sie mit einem kecken, mädchenhaften Knicks beendet und nach dem sie ins Publikum ruft: „Alles gut?“ „Ja!“ ruft das hingerissene Publikum zurück. Dem feurigen Intro folgt eine Ballade, inspiriert von ihrem „Ex“, wie die Sängerin erzählt. Dieser Ex wird im Laufe des Abends für einige weitere Balladen herhalten. Mit ausdruckstarker Stimme singt sie davon, was auch immer dieser Ex getan oder nicht getan hat. Da die Künstlerin alle Songs in ihrer kreolischen Muttersprache singt, verstehe ich den Text nicht, so wie vermutlich die meisten Konzertbesucher*innen auch nicht. Aber das ist auch völlig egal, denn Elida Almeida singt mit ganzem Körpereinsatz und viel Gesichtsmimik, so dass sich die Stimmungen der einzelnen Songs ohne Worte übertragen. Bei dem Song „Forti Dor“ wird ihr Gesichtsausdruck so traurig, dass man sofort die trübe Stimmung nachempfinden kann, die der junge Mann verursacht haben muss.
Und obwohl die Band bis vor wenigen Jahren alles selbst machte und bis heute nur ein kleines Management-Team hat, hat sich ihre Musik herumgesprochen. Sie spielen häufig in ausverkauften Hallen und auch die Presse ist aufmerksam geworden: Der Rolling Stone listete sie im Mai unter die “10 New Country Artists You Need to Know”. Als ich am Konzertabend das Frankfurter BETT betrat, hatte ich davon keine Ahnung und vorher nur kurz in zwei Songs reingehört. Als Opener war Temple Haze eingeladen, ein US-amerikanischer Singer-/Songwriter, der seit geraumer Zeit in Berlin lebt. Dass er auch als Yogalehrer arbeitet, erfahren wir nach einiger Zeit, und es erklärt, warum das Publikum seine Musik zunehmend im Sitzen genießen wollte. Seine sehr freie Art zu singen, seine Ausdrucksstärke und sein akzentuiertes Gitarrenspiel waren beeindruckend, aber eher geeignet, den Puls zu verlangsamen und sich nach einer bequemen Couch zu sehnen.
Nach seinem Set und einer kurzen Pause begannen Leah und Chloe Smith ihr Konzert mit einem A Cappella-Stück, das vom Publikum mit Begeisterung gewürdigt wurde. Schnell wurde klar, dass die beiden mit ihrem zweistimmigen Gesang über ein großes Maß an künstlerischem Potential verfügen. Zwei wunderschöne Klangfarben, die sie in ihren Arrangements interessant variiert und verfeinert haben, die zugleich kontrastieren und perfekt zusammenpassen. Mit Wechselgesang, harmonisch toll gesetzten Stimmen und fast schon percussivem Einsatz der Stimme und des Atems werden sie mich im Laufe des Abends immer wieder auch an Zap Mama erinnern. Nach dem ersten Stück greifen sie zu Gitarre und Banjo und später auch zu Fiddle und Rahmentrommel, ganz in der Tradition der traditionellen Musik der Appalachen, mit der sie aufgewachsen sind. Es ist diese traditionelle Musik, auf die sie sich berufen, die sie in ihren 13 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte mit neuen Einflüssen vermischt haben.
Nicht alles ist in Englisch, da sind das spanische „Caminando“ und ein bulgarisches Lied namens „Zavidi Me Lalino“, das die schöne Reibung der traditionellen Gesangskunst Bulgariens offenbart. Am Ende erklingt „Downtown“, wo sich HipHop in Leahs Gesang mischt und ein noch kämpferischer Ton Einzug hält. Keine Frage, mit dieser Band kann frau nicht nur einen tollen Abend verbringen – sie hat das Zeug, Menschen zusammenzubringen und Veränderung ins Rollen zu bringen. Während ich dies schreibe, höre ich in den Nachrichten vom befürchteten Wahlsieg der Rechtspopulisten in Schweden (!). Da hilft nur noch Musik: „I am resilient | I trust the movement | I negate the chaos | uplift the negative | I’ll show up at the table | again and again and again | I’ll close my mouth and learn to listen“, heißt es in dem Song „Resilient“. Er wird in den nächsten Monaten noch oft bei mir zu hören sein.
Nachdem die Band Forsonics (nur Musiker) den letzten Tag mit wunderbaren relaxten Sounds und coolen Klängen eröffneten und für eine chillige Stimmung im Park sorgten, hatten die Damen ihre Auftritte. Im zweiten Konzert des Tages trat die niederländische Sängerin Fay Claassen mit ihrer Band auf. Mit Stücken aus ihrem neunten Album „Luck Child“, für das sie am 6. Juli mit dem Edison Jazz Award (dem renommierten niederländischen Jazz Preis) in der Kategorie Vocal ausgezeichnet wird, erfreute sie das Open-Air Publikum im Capio Park. Als Überraschungsgast trat ihr Mann, der Saxofonist Paul Heller auf. Zusammen gaben sie einen Love-Song zum Besten, welchen er für sie als Geburtstaggeschenk komponiert hat. „Finding You“ hieß die gesungene und am Saxophon geblasene Liebeserklärung, die ein total gerührtes Publikum hinterließ. Mit einem Lied ohne Worte rund um das melodische Thema der Filmmusik von Cinema Paradiso endete das wunderbare Konzert.
Die Jazz-Tage endeten mit einem sehr ungewöhnlichen Konzert im Fabry Museum, das zwischen 1864 und 1979 eine Kornbrantweinbrennerei beherbergte. In diesem einzigartigen Ambiente, inmitten von alten Korn-Fässern, trat die Schweizer Sängerin und Stimmakrobatin Sarah Buechi auf, begleitet vom Schlagzeuger Christoph Haberer. Die beiden präsentierten ihr neuestes Projekt „Duality“. Zu hören waren ungewöhnliche Töne – Scats und Melodien – die ein Duell mit Schlagzeug und Percussion Pad eingingen. Von ganz hoch, mädchenhaft sanft und lieblich über warm und rauchig bis tief knurrend und guttural waren die Töne, die Sarah Buechi hervorbrachte, wobei ihre Stimme in dem engen Raum mit niedriger Decke leider immer wieder von Schlagzeug und Pad übertönt wurden. Beeindruckend war es schon dennoch zu erleben, wie wandlungsfähig sie ihre Stimme einsetzte. Von draußen, im Innenhof vor dem Gebäude, wo das ganze Volumen ihrer Stimme mehr Raum hatte, klang das Dargebotene dann auch sehr viel besser. (Fotos: Autorin)