10 Jahre Bridges – Musik verbindet

Mit den großen Flüchtlingsbewegungen 2015/2016 waren zahlreiche Geflüchtete nach Frankfurt gekommen, unter ihnen auch viele Musiker*innen. Das „Bridges – Musik verbindet“-Projekt sollte ihnen die Möglichkeit bieten, fern der Heimat wieder Musik zu machen und ihren Gedanken und Gefühlen eine Stimme zu geben. Beim ersten Konzert am 19.4.2016 brachten denn auch 70 einheimische und neu zugezogene Musiker*innen im hr-Sendesaal ein Programm aus ganz unterschiedlichen Stilrichtungen zu Gehör. 

Vorangetrieben wurde das wirkstarke, in Deutschland einzigartige Projekt von der Musikerin und künstlerischen Leiterin Johanna-Leonore Dahlhoff und der Geschäftsführerin Anke Karen Meyer. Das Ziel war es, möglichst viele verschiedene Musikinstrumente und -traditionen zusammenzubringen und transkulturell weiterzuentwicken, fern von Konventionen, wie Musik zu klingen habe, schreiben die beiden im Begleitheft zum Jubiläum. Scheinbar nicht Zusammenpassendes wird so zu etwas Neuem verwoben. Ganz praktisch sollten aber auch Beschäftigungsmöglichkeiten für die geflüchteten Musiker*innen geschaffen werden, in dem bereits 2018 eine GmbH gegründet wurde. Aus regelmäßigen Proben und Treffen entstand ein Pool von Musiker*innen und daraus 2019 ein Kammerorchester, das den Kulturförderpreis The Power Of The Arts bekam.

Corona zum Trotz nahm das Orchester 2020 sein erstes Album „Identigration“ auf und gewann damit den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Durch die Coronabeschränkungen entstanden neue Formate, z.B. Open-Air-Konzerte im öffentlichen Raum. Schulprojekte, in der Kinder lernen können, das Diversität eine Stärke ist, verankerten das Projekt noch mehr in der Frankfurter Stadtgesellschaft. Auch überregional wuchs die Bekanntheit, z.B. spielte das Orchester 2024 sein Debüt in der Elbphilharmonie in Hamburg, ihre Konzerte werden mittlerweile von ARTE aufgezeichnet und ausgestrahlt, und das Orchester tourt regelmäßig durch die Lande auf renommierten Bühnen. 2024 erschien das zweite Album „Complementarity“.

 

Jubiläumskonzert 10 Jahre BridgesBrücken 9.4.2026

Mit einem Festakt wurde die eindrucksvolle Geschichte des Projekts gefeiert. Der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef sprach in seinem Grußwort von „Frankfurter Musik“, die die Vielfalt in der Stadt widerspiegele. Brücken zu bauen sei leichter gesagt, als getan, zumal wenn Menschen aus Ländern zusammenkämen, die sich im Krieg miteinander befinden. Durch Bridges sei das Ankommen in unserer Stadt für viele Geflüchtete leichter gewesen, sagte Josef, der selbst im Alter von 4 Jahren mit seiner Familie von Syrien nach Deutschland geflohen ist. Deshalb habe das Projekt 2022 zu Recht den Frankfurter Diversitäts- und Integrationspreis erhalten. 

Nach einer Ehrung der vielen am Projekt Beteiligten und einer kurzen Pause ging es endlich los mit der großartigen Musik. Das Bridges Kammerorchester, das ja ein „composing orchestra“ ist, in dem viele der beteiligten Musiker*innen das Repertoire selbst arrangieren und komponieren, präsentierte an diesem Abend zahlreiche Uraufführungen. Mehr noch: für das Jubiläumskonzert am 9.4.2026 waren im Vorfeld Komponist*innen in Teams zusammengekommen, um gemeinsam Musik eigens für dieses Konzert zu schreiben und zu arrangieren. Als Dirigentin wurde Xizi Wang gewonnen, die das Ensemble der Internationalen Ensemble Modern Akademie Frankfurt leitet und mit mehreren renommierten Klangkörpern wie dem Kammerorchester Basel, dem Lucerne Festival Contemporary Orchestra, der Jungen Deutschen Philharmonie sowie mit Ensembles wie dem Ensemble Modern, Ensemble Reflektor und Klangforum Wien arbeitet

Los ging es mit der Bridges-Sinfonie Nr. 2, an der acht Komponist*innen aus drei Jahrhunderten beteiligt waren. Damit schlugen die Musiker*innen eine Brücke von der persischen (Hassan Kasaee) zur europäischen Musik (Claude Debussy) hin zu einer kollektiven Komposition, in der auch der Sheng-Solist Wu Wei mitwirkte. Sein Instrument bot nicht nur eine exotische Erscheinung, sondern faszinierte auch aufgrund der Klangvielfalt, die es erzeugen kann. Die Sheng gilt als eines der ältesten chinesischen Musikinstrumente und besteht aus mehreren Bambuspfeifen, die in einer Windkapsel stecken. Man kann sie beim Ein- und Ausatmen spielen und sogar Akkorde erzeugen. Durch ihre Beschaffenheit bietet sie nahezu unbegrenzte Möglichkeiten in Bezug auf Melodie, Harmonie, Rhythmus und Polyphonie, klingt mal wie eine Panflöte, mal wie eine Melodiva oder Klarinette.

Mit „The Earth Revives“ zogen ostasiatische Klänge ein, bevor nach der Pause mit „Recuentos“ und südamerikanischen Rhythmen und Klängen ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. Spannend wurde es auch mit den kollektiven Kompositionen „Cycles“, „Segahmania“ und „Mipala“, die eindrucksvolle Brücken zwischen stilistisch verschiedenen Werken ausgestalteten. Als Highlight spielte das Orchster das letzte Stück „Mosaik am Main“ des syrischen Musikers Walid Khatba, bevor mehrere Zugaben für das begeisterte Publikum folgten. 

Das Konzept, Räume für einen kulturellen Austausch auf Augenhöhe zu schaffen, in denen man sich kennen-, voneinander lernen und Musik miteinander teilen kann, kann in der heutigen Zeit gar nicht hoch genug geschätzt werden. Diese Orte der Begegnung gibt es in unserer Gesellschaft viele zu wenige und Migration wird viel häufiger als Problem, denn als Chance gesehen. Leuchturmprojekte wie Bridges zeigen eindrucksvoll das gesellschaftliche, aber auch künstlerische Potenzial, das in kultureller Vielfalt liegt. Das Programm „10 Jahre BridgesBrücken“ könnt ihr noch am 11.5.2026 in der Orangerie in Darmstadt erleben.

Website | Youtube

Fotos: Salar Baygan

Nach einer herzlichen Begrüßung und einem kurzen Rückblick auf die Geschichte von MELODIVA und des Frauen* Musik Büro folgte unmittelbar das alle miteinander verbindende – die Musik. Im Mittelpunkt standen Musiker*innen und Bands, die den Abend durch ihre Auftritte bereicherten. Der BeVocal Choir  eröffnete die Feier mit einer kraftvollen emotionalen Darbietung. Der bewegende Song „Stand Up“ von Cynthia Erivo, Teil der Filmmusik des Biopics über die ikonische Freiheitskämpferin Harriet Tubman, beeindruckte das Publikum mit seiner Botschaft von Widerstand und Stärke. Für Gänsehautmomente und einen energiegeladenen Anfang des Abends war also gesorgt.

Danach spielten Lu Vains, eine ganz neue Darmstädter Band aus unserem Netzwerk, deren Musik mal zweistimmig, mal nachdenklich, aber immer auch hoffnungsvoll in Richtung Indie-Pop und Singer-Songwriter ging. Ihre Texte behandelten Themen wie die Herausforderungen des Lebens sowie die damit verbundenen täglichen Hürden. Mit ihren Songs nahmen sie die Zuhörenden mit auf eine emotionale Reise. Eine Coverversion von Yoko Onos feministischer Hymne „Sisters, oh Sisters“ als Zugabe rundete ihren Auftritt ab.

Das Jazz Sisters Quartet mit Sängerin Juliane Schaper, Katrin Zurborg an der Gitarre, Nina Hacker am Bass und Uta Wagner am Schlagzeug gab eine gelungene Vorstellung voller Lebens- und Spielfreude. Sie präsentierten ihre eigenen Interpretationen von bekannten Film- und Popsongs. Alles, was Spaß macht wurde verjazzt oder verswingt oder beides, von Amy Winehouse über Van Halen bis hin zu Tom Waits. Auch von ihrem neuen Album „Cookin’ with the Jazz Sisters Quartet“ konnte der ein oder andere kulinarisch inspirierte Song vernommen werden.

Der Abend wurde abgeschlossen von der preisgekrönten Musikerin Fee, einer Künstlerin, die mit ihrer besonderen Stimme und tiefgründigen Texten die Zuhörer berührte. Textlich ging es unter anderem um das prekäre Leben als Musikerin oder den Alltag in Langzeitbeziehungen bzw. dem Infrage stellen dessen. Mehrfach wurde von der Musiker*innen auf der Bühne die Bedeutung von MELODIVA als Plattform betont, die Künstler*innen nicht nur eine Stimme gibt, sondern ihnen auch hilft, sich zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen. Mit allen auftretenden Künstler*innnen hat MELODIVA  in der Vergangenheit in verschiedenen Formen schon zusammen gearbeitet, im Verein bei Workshops und Konzerten. Schön, so viele talentierte und starke Frauen* und auch ein paar Männer auf der Bühne sehen und hören zu können. Es könnte geradezu der Eindruck entstehen, wir haben die Gleichberechtigung auf den Musikbühnen schon erreicht.

In einer ihrer Moderationen an diesem Abend zitiert Mane Stelzer (Foto) von MELODIVA eine Studie der Malisa-Stiftung, derzufolge der Frauenanteil auf den Festivalbühnen im Jahr 2019 gerade einmal 16 Prozent betrug. Zum Beginn des Untersuchungszeitraums im Jahr 2010 lag dieser noch bei etwa 7 Prozent. Es tut sich also was, kleine Erfolge können durchaus gefeiert werden, aber nach oben ist immer noch ein „wenig“ Luft.

Das Jubiläum von MELODIVA war nicht nur eine Feier der vergangenen 40 Jahre, sondern auch ein kraftvoller Auftakt für die nächsten Jahrzehnte, in denen sich das Büro weiterhin für die Gleichberechtigung von Frauen* und nicht-binären Menschen in der Musik einsetzen wird. Der Abend wird sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben. Es war ein Fest der Musik und der gemeinsamen Vision einer gleichberechtigten Zukunft. Ein ganz besonderer Dank soll zum Abschluss noch an die vielen Personen gerichtet werden, die sich über die Jahre für diese Anliegen eingesetzt haben und das Frauen* Musik Büro/ MELODIVA unterstützt haben!

Du konntest nicht dabei sein? Hier geht es zur Bildergalerie:

Eine Kooperation des Frauen* Musik Büros und der Romanfabrik in Frankfurt

Die Idee zum Projekt hatten die beiden Spark-Gründer*innen Andrea Ritter und Daniel Koschitzki, die schon lange vorgehabt hatten, ein Programm mit Komponistinnen zusammenzustellen. Der zündende Moment kam dann tatsächlich bei der Begegnung mit Wallis Bird, die sich seit dem Beginn ihrer Karriere für Themen für Female Empowerment, Gender Equality und die LGBTQI*-Community einsetzt. Wallis war sofort begeistert. „Die weite Zeitspanne, die wir in dem Programm beschreiten, gab uns allen die Möglichkeit, Neues kennenzulernen, die eigene Komfortzone zu verlassen, Risiken einzugehen. Es war eine wunderbare, sehr inspirierende gemeinsame Reise“, beschreibt Daniel Koschitzki die Zusammenarbeit. „Wir haben zunächst sehr viele Frauen aus unterschiedlichen Epochen, Ländern und Genres gesammelt und die Auswahl dann im Lauf der Zeit immer mehr eingedampft und verdichtet. Wallis war Vielfalt und Diversität extrem wichtig. Es sind Frauen unterschiedlicher Ethnien aus neun verschiedenen Ländern und drei verschiedenen Kontinenten auf dem Album vertreten.  Wir wollten unbedingt ganz unterschiedliche Geschichten erzählen“, ergänzt seine Kollegin Andrea Ritter.

Im konzeptionellen Entwicklungsprozess des Programms von 2019 bis 2022 fanden zuerst regelmäßige Online-Meetings statt, wo sich die Musiker*innen über die Komponistinnen und den Spannungsbogen des Programm ausgetauscht haben. 2022 trafen sich die sechs Musiker*innen zum gemeinsamen Musizieren an der Ostsee. Da waren die ersten Arrangements bereits erstellt, aber es ging bei vielen Songs auch darum, Tonarten zu testen, Arrangementideen auszuprobieren etc. Die letzten Stücke wurden erst wenige Tage vor der Premiere im Sommer 2023 fertig, die beim stARTfestival in Leverkusen stattfand. Im Herbst 2023 ging es dann ins Studio. 

Bei den Arrangements gab es verschiedene Herangehensweisen. Zum einen wurden Komponist*innen und Arrangeur*innen aus ihrem Netzwerk beauftragt, die Songs für die spezielle Spark-Besetzung zu arrangieren, die ein großes Instrumentarium zur Verfügung hat. An diesen Arrangements wurde dann weiterexperimentiert und kleine Anpassungen vorgenommen. Einige der Songs sind auch von Mitgliedern von Spark arrangiert, wie z.B. „Visions of Venus“, das von Andrea Ritter für Spark final gestaltet wurde. „Es war ein sehr aufwendiger und zeitintensiver Weg, bis wir bei den finalen Stücken angelangt sind, in der Form wie sie auf der Bühne und auf dem Album erklingen“, beschreibt Koschitzki den Projektablauf.

Live 21.07.2024 @ Casals Forum Kronberg

Wer kann, sollte sich ein Konzert dieser fantastischen 5+1 Formation jedenfalls nicht entgehen lassen! Eine klassische Band (ja Band!), in der hochtalentierte, virtuose und beseelte Musiker*innen völlig in ihrer Musik aufgehen und ungemein dynamisch und gut aufeinander eingespielt sind. Atemberaubend schnelle Blockflötenmelodien & Grooves, Piano, Cello und Geige in perfektem Zusammenspiel, gefühlvolle und berührende leise Szenen und mittendrin die Person, die der Band in Sachen Talent, künstlerischer Version und Leidenschaft um nichts nachsteht: Wallis Bird. Die irische Singer-/Songwriterin mit der Liebe zum Groove ist für ihre energiegeladenen Shows bekannt und geht auch im Casals Forum in Kronberg, wo ich am 21.07. das neue Programm „Visions of Venus“ im Rahmen des Rheingau Musik Festivals erleben durfte, völlig in den sorgsam ausgewählten Songs auf.

Das Programm umspannt Tausend Jahre des Musikschaffens von weiblichen* Komponistinnen und wird live sehr abwechslungsreich präsentiert; mal spielen alle gemeinsam, mal nur die Band, mal nur Bird mit Piano oder einer Flöte. Auf der Bühne ist also schon mal jede Menge Bewegung, zumal die Musiker*innen allesamt vor Energie und Gefühl regelrecht überschäumen. Neben Flügel (Christian Fritz), Violine (Stefan Balazsovics) und Violincello (Victor Plumettaz) betten viele verschiedene Blockflöten Birds Stimme kammermusikalisch wunderbar ein. Andrea Ritter und Daniel Koschitzki fahren ein ganzes Arsenal von Blockflöten auf (im Studio waren es 30!), auf der Bühne sind es nicht ganz so viele. Dafür erklingt eine sog. Paetzold-Bassflöte, eine große, viereckige Bassflöte. Ritter und Koschitzki sind schon allein eine dynamisch hervorragende Einheit; ihr Spiel ist groovig und ausdrucksstark und beschert dem Gesamtsound eine Fülle von Klangfarben. Vor allem die warmen tiefen Klänge passen wunderbar zu Birds leicht rauchiger und souliger Stimme.

Auf die erwartungsvolle Spannung im Saal erklingt als erstes Hildegard von Bingens Stück „O Virtus Sapientiae“, das Bird und die Flötistin Andrea Ritter gemeinsam mit leisen, geloopten Chören und wunderschönen Blockflötenmelodien bestreiten. Weiter geht es mit dem einzigartigen „Oceania“, das Björk als Eröffnungssong für die Olympischen Spiele 2004 geschrieben hat und das aus der Sicht des Meeres auf die menschliche Evolution schaut. Hier bekommen wir Birds Stimmkraft eindrucksvoll zu hören. Beim folgenden „Dreier“ aus Amy Beach, Clara Schumann und Fanny Hensel beweist sie, dass sie sich auch der Klassik mit wandlungsfähiger Stimme nähern kann. Hensels Stück „There be none of beauty’s Daughters“ schmettert sie voller Freude in die Konzerthalle hinaus. Jazzig wird es bei „Now Or Never“ von Billie Holiday, von der viele nicht wissen, dass sie selbst auch Songs geschrieben hat. Ein Duett mit Christian Fritz am Flügel bringt uns Tori Amos‘ „Cloud On My Tongue“ wieder in wunderschöner Weise in Erinnerung (es ist aber wie einige andere live gespielte Songs nicht auf dem neuen Album zu finden). Bei Joni Mitchells „Big Yellow Taxi“ greift Bird dann selbst zur Gitarre. Auch das Publikum wird auf charmante Weise von ihr zum Singen eingeladen, bei Kate Bushs „Babooshka“ (best version ever!) zum Beispiel, bei Janis Joplins „Mercedes Benz“ und auch grandios: bei „You Make Me Feel Like A Natural Women“ von Carol King.

Auch die Instrumentalstücke sorgen für Highlights wie z.B. „Fast Blue Village“, eine rhythmisch herausfordernde Komposition der australischen Komponistin Elena Kats-Chernin, eigens für Spark komponiert und von den fünf perfekt in Szene gesetzt. Germaine Tailleferre, der einzige weibliche Teil der legendären „Groupe de Six“, eines einflussreichen Komponistenkollektivs der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war mit dem zauberhaften „Larghetto“ ebenfalls Teil des Programms, neben einer Komposition von Isabella Leonarda, die eine Pionierin der frühbarocken Instrumentalmusik war.

Wallis Birds‘ Songs dürfen natürlich nicht fehlen. „Home“ erklingt aber nicht in der A Cappella-Originalversion, sondern von Andrea Ritter für die Band arrangiert. Das mitreißende Titelstück des Albums „Visions of Venus“ wird mir noch lang im Ohr nachklingen. Im Song „James Barry“ erzählt Bird die Geschichte eines 1798 geborenen Chirurgen, der eigentlich eine Frau war und sich als Mann ausgab, um praktizieren zu können. Bird setzt sich seit vielen Jahren für Female Empowerment und die LGBTQIA*-Community ein; so hat sie bewusst auch ein Lied einer Transperson ausgewählt: „Daylight And The Sun“ der transidenten Musikerin Anohni, die* für ihre tiefgründigen Lyrics bekannt ist. Enyas „Only Time“ ist ein würdiger und epischer Abschluss des sagenhaften Programms, das mit Standing Ovations belohnt wird. Hier zeigt sich mal wieder, dass Spark mit ihrem Konzept recht haben: das Publikum ist nicht so „geschmacksunbeweglich“, wie oft angenommen wird!

„Visions Of Venus“ will mutigen Menschen ein Denkmal setzen: denen, die sich gesellschaftlichen Erwartungen widersetzt haben, die sich hinter einer anderen Identität verstecken mussten oder im Verlauf ihrer Karriere diskriminiert und nie angemessen entlohnt wurden. Es ist ein Programm, das diese Pionierinnen, Ikonen und Role Models feiert – spannend und vielfältig. Genres werden freudig gesprengt und vergangene Epochen ins Heute überstellt. „Letztlich soll Visions of Venus Spaß und Befreiung sein, Unterhaltung, Erzählung, Einführung – fernab der Fragen nach Color und Sexual Identity“, heißt es im Promotext. „Love, Respect, Peace, Sex, Death, Healing“ ist denn auch auf Birds Effekte-Rack zu lesen. Ein herausragendes Programm, das ihr noch vier Mal in diesem Jahr erleben könnt.

Fotos: Leonard Kötters

CD „Visions of Venus
(VÖ: 19.04.2024 Neue Meister)

 

 

 

Termine:
20.08. Kiel, Casino der Stadtwerke  (Schleswig-Holstein Musik Festival)
21.08. Hamburg, Elbphilharmonie (Schleswig-Holstein Musik Festival)
04.09. Meran, Südtirol Festival (IT)
07.11. Fürth, Kulturforum

Infos: Wallis Bird & Spark

Das Programmteam (Olaf Stötzler, der Manager der hr-Bigband, Claus Gnichwitz und Jürgen Schwab, beide hr2-Jazzredaktion), wurde durch ein neues Organisationsteam (Frank Lauber, Janina Schmid und Tim Wirth) erweitert. Die Eröffnung in der Alten Oper wurde aus Kostengründen gestrichen und wieder in den hr-Sendesaal verlegt. Hier fanden drei Konzertabende statt, davon am Mittwoch und Donnerstag mit je 2 Acts und am Samstag – wie früher – mit 3 Ensembles. An den Abenden mit Doppelkonzerten konnten die Bands ein Set von mind. einer Stunde plus Zugabe spielen. Da ohne Pause, geriet dies (je nach Geschmack) etwas anstrengend. Neu war die Clubnacht am Freitag: fünf parallele Konzerte in den Jazzlocations der Stadt (Jazz-Initiative in der Romanfabrik, Alte Seilerei mit „Fabrik außer Haus“, Milchsackfabrik, Jazzkeller und Jazz Montez). Das Abschlusskonzert fand, wie in den Vorjahren, am Sonntag im Mousonturm statt.

Bemerkenswert war eine neue inhaltliche Gewichtung in Bezug auf die stärkere Präsentation von Musikerinnen, und zwar nicht in quantitativer sondern qualitativer Hinsicht. Bei 3 von 4 Konzerten an den beiden ersten Tagen waren die „wichtigen“ Rollen in den Bands von Musikerinnen besetzt. So trat im Eröffnungskonzert die hr-Bigband unter der Leitung von Theresia Philipp und mit der Pianistin Julia Hülsmann als gefeaturete Gastsolistin auf. Julia Hülsmann, die preisgekrönte Grande Dame der deutschen Jazzszene, hatten wir schon 2001 als Dozentin für die 4. Frauen Musik Woche engagiert. Damals stand sie in den Startlöchern ihrer Karriere. Als Solistin am Klavier eröffnete sie jetzt mehr als 20 Jahre später, gemeinsam mit der hr-Bigband und der vielversprechenden jungen Dirigentin Theresia Philipp das Jazzfestival. Gerade hat diese den WDR-Jazzpreis für Komposition erhalten. Kompositionen von Julia Hülsmann, von ihr arrangiert für das Konzert mit der Bigband sowie zwei Arrangements von Theresia Philipp bildeten das Thema des Auftritts.

 

Foto links Theresia Philipp: © hr/Lukas Diller, Foto rechts Julia Hülsmann: © hr/Peter Hundert

 

Den zweiten Abend prägten zwei Saxofonistinnen: Die deutsche Tenor- und Sopransaxofonistin Ingrid Laubrock ist in New Yorks Avantgarde-Szene zuhause und kam mit ihrem Quartett angereist. Ebenfalls aus New York kam die Altsaxofonistin Lakecia Benjamin mit ihrem Quartett, mit dabei die Pianistin Miki Hayam. Mit ihrem Konzert würdigte Benjamin das Vermächtnis der Coltranes, und zwar dezidiert nicht nur John’s, sondern auch dessen unter Kennern hoch geschätzter Gattin, der Harfenistin, Pianistin und Organistin Alice Coltrane. Das allein ist schon eine bemerkenswert feministische Note ihrer Musik, denn sicher hatte bis zu diesem Konzert kaum jemand der Besucher*innen (wie auch ich) etwas von Alice Coltrane gehört! Dafür vielen Dank an die Musikerin. Am Samstag beschloss der Oud-Virtuose Rabin Abou-Khalil mit seinem Quintett, zu dem die Sängerin Elina Duni gehört, den letzten Abend im hr-Sendesaal.

 

Foto links Ingrid Laubrock: © hr/Caroline Mardok, Foto rechts Lakecia Benjamin: © hr/Elizabeth Leitzell

 
Diese Präsenz der Frauen war auffallend und bedeutet eine Aufwertung in der Wahrnehmung der Jazz-Musikerinnen in Deutschland und international! Eine erfreuliche Entwicklung nach Jahren der kaum vorhandenen Beachtung von Frauen bei der Festivalkonzeption – und auch bitter notwendig. In den letzten Jahren kamen immer mehr kritische Nachfragen – auch von männlichen Besuchern, warum so wenige Frauen auf der Bühne stünden. Und spätestens seit der Keychange-Initiative des Hamburger Reeperbahn-Festivals (die eine 50 %-Quote fordert) wird deutlich, dass sich die Zeiten geändert haben und dass auch Veranstalter*innen von Festivals den veränderten Gegebenheiten Rechnung tragen sollten. Denn es gibt sie inzwischen in großer Zahl: die hochqualifizierten, talentierten Jazzmusikerinnen und ihre großartigen Projekte.
 
Im Jahr 2019 hatten wir uns schon einmal gefreut: Zum 50jährigen Jubiläum des Festivals präsentierten die Veranstalter die „German All Stars“ mit einer überwiegend weiblichen Besetzung: Angelika Niescier | Alto Saxophone, Johannes Lauer | Trombone, Ronnie Graupe | Guitar, Julia Kadel | Piano, Eva Kruse | Bass und Eva Kresse | Drums. Beim 1. Deutschen Jazzfestival 1953 waren die „Deutschen All Stars“ die Headliner des Festivals, eine Zusammenstellung der besten deutschen Instrumentalisten – allesamt männlich. 

Wir hoffen, dass die zu beobachtende Neuausrichtung konsequent fortgeführt wird und 2022 nicht nur ein Zufall war! Deshalb schlagen wir vor: Solange nicht die Hälfte der auftretenden Musiker*innen weiblich ist, sollten 50 % der Acts von Bandleaderinnen geführt bzw. die Musik maßgeblich von ihnen gestaltet sein oder die Bands sind paritätisch besetzt!

 

Foto Julia Hülsmann (li), Theresia Philipp (re) & hr Bigband @ Deutsches Jazzfestival 2022: © hr/Sascha Rheker

Inzwischen wissen wir, auch wenn sich die Macher*innen des hr-Jazzfestivals um mehr Musikerinnen in der Bigband und beim Festival bemühen (s. Report): Insgesamt müssen sich Prioritäten, Strukturen und Netzwerke der bestehenden Musikszene verändern, sonst erreichen wir nichts oder nur sehr sehr langsam und sehr, sehr wenig in den nächsten Jahren.

Titelfoto Lakecia Benjamin @ Deutsches Jazzfestival 2022: © hr/Sascha Rheker
 

2015 gewann die damals knapp Zwanzigjährige den „Prix Découvertes“ des französischen Radiosenders RFI, der seit 1981 das Ziel verfolgt, musikalische Talente aus Afrika bekannter zu machen. In ihrer Heimat hatte Elida Almeida sich bereits einen Namen als Sängerin gemacht. Die Auszeichnung von 2015 katapultierte die Sängerin schnell von den lokalen kapverdischen Bars auf große internationale Bühnen.

Am Montag, dem 30. September 2019 performte sie mit ihrer Band vor einem völlig begeisterten Düsseldorfer Publikum. Funkig geht es los. Während die Band sich einspielt, tanzt die Sängerin auf roten Pumps hinaus auf die Bühne, der Rock ihres pastellblauen Tupfenkleids schwingt und wirbelt zu der Musik mit afro-kubanischen Anklängen. Dann stimmt sie ein rhythmisches Lied an, das sie mit einem kecken, mädchenhaften Knicks beendet und nach dem sie ins Publikum ruft: „Alles gut?“ „Ja!“ ruft das hingerissene Publikum zurück. Dem feurigen Intro folgt eine Ballade, inspiriert von ihrem „Ex“, wie die Sängerin erzählt. Dieser Ex wird im Laufe des Abends für einige weitere Balladen herhalten. Mit ausdruckstarker Stimme singt sie davon, was auch immer dieser Ex getan oder nicht getan hat. Da die Künstlerin alle Songs in ihrer kreolischen Muttersprache singt, verstehe ich den Text nicht, so wie vermutlich die meisten Konzertbesucher*innen auch nicht. Aber das ist auch völlig egal, denn Elida Almeida singt mit ganzem Körpereinsatz und viel Gesichtsmimik, so dass sich die Stimmungen der einzelnen Songs ohne Worte übertragen. Bei dem Song „Forti Dor“ wird ihr Gesichtsausdruck so traurig, dass man sofort die trübe Stimmung nachempfinden kann, die der junge Mann verursacht haben muss.

So wechselt sie bei dem Konzert zwischen ruhigeren Liedern und Gesangsexplosionen, die den traditionellen kapverdischen Sound – Funaná, Coladera und Tabanka – mit Latino- Flair vermengen. Elida Almeida ist ein Energiebündel auf der Bühne, die mit ihrer Musik eine ansteckende Lebensfreude versprüht. Man merkt ihr deutlich an, wie viel Spaß sie selber hat. Es ist, als ob sie singend und tanzend eine private Party mit ihren Musikern feiert, mit denen sie im ständigen Kontakt ist. Pausenlos in Bewegung, tanzt sie ständig von einem Bandmitglied zum nächsten. Beim vierten Song – ein traditioneller Beat – Cachupa? – ist sie nicht mehr zu halten. Der Schlagzeuger legt sich ins Zeug. Die roten Pumps werden abgeworfen und barfuß geht es weiter. Elida singt und kreist dabei wild ihre Hüften zur Musik. Zum Mittanzen holt sie sich zwei Frauen aus dem Publikum, die recht gekonnt die Hüftkreisbewegungen mitmachen.


 

Mit „Djam Krel Pa Mi“ wird es wieder etwas ruhiger. Es folgt ein gefühlvoll gesungenes, gesellschaftkritisches Lied („Grogu Kaba“), in dem die Sängerin auf Missstände auf den Kapverden hinweist. Am Ende des Konzerts sitzt kein Mensch mehr auf den Plätzen. Alle tanzen auf den beengten Brettern zwischen den bunten Stuhlreihen. Zwei Zugaben gibt es noch, das Publikum darf „Oh lé lé lé“ und einen einfachen kreolischen Refrain mitsingen. Und dann ist Schluss. Wenn es eine Kritik an diesem Konzert gibt, dann diese: Solche Musik eignet sich einfach nicht für ein bestuhltes Sitzkonzert.

Elida Almeida und Band waren ein toller Abschluss zu einem wunderbaren Festival, das im kommenden Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Der Termin steht auch schon fest: 9. bis 27. September 2020.

Fotos: N’Krumah Lawson Daku (Titelbild), Tina Adomako (Livefotos)

Autorin: Tina Adomako