
Zwischen Tourbus, Tonstudio & Tagesmutter
Ergebnisse der MELODIVA-Interviewreihe "Backstage Mom"
Zwölf Musikerinnen – Magdalena Ganter, FEE (heute Fee Penafiel), Elsa Johanna Mohr, Nicole Johänntgen, Johanna Amelie, Ella Fall, Jarita Freydank, Sophie Trost, Johanna Eicker, Alin Coen, Cäthe und Julie Pascale – sowie Produzentin Jenny Gerdts, Promoterin Änne Wetzel und Unternehmensberaterin Jutta Frimmel haben sich unseren Interviewfragen gestellt. Sie teilen ihre Erfahrungen, geben wertvolle Tipps und legen den Finger auf die Stellen, an denen die Vereinbarkeit von Familie & Beruf besonders schwierig wird.
Impovisation ist alles: Kreative Strategien unter prekären Bedingungen
Unsere Interviews zeigen, dass die Erfahrungen rund um Schwangerschaft, Geburt und Elternzeit stark von sozialen und finanziellen Faktoren abhängig sind. Die meisten Interviewten arbeiten als freischaffende Musikerinnen ohne festes Einkommen, eine längere Babypause können sich daher viele nicht leisten. Wer zu lange nicht präsent ist, „ist schnell weg vom Fenster“. Deshalb stehen viele bis kurz vor der Geburt auf der Bühne – und bald danach wieder, wenn auch häufig nur für kürzere Touren oder Konzerte in der näheren Umgebung.
Für manche ist es auch ein inneres Bedürfnis, weiterzuarbeiten. „Die Arbeit erfüllt und inspiriert mich zu sehr“, sagt die Musikerin und Schauspielerin Magdalena Ganter. Die Jazzsängerin Elsa Johanna Mohr beschreibt, dass sie neben dem Muttersein „auch noch sie selbst sein“ und ihre Projekte nicht komplett niederlegen wollte, nachdem sie so viel Zeit in den Aufbau investiert hatte.
Eine „richtige“ Auszeit ist auch deshalb nur schwer möglich, weil viele Musikerinnen* sich selbst promoten: „Das Netzwerk & die Community wollen lebendig gehalten, die Socialmedia-Kanäle bespielt werden. Die Followerzahlen sind die neue Währung und für Veranstaltende häufig dafür ausschlaggebend, ob sie einen Act buchen oder nicht. Diese Tatsache setzt mich immer wieder unter Druck und erzeugt innerlichen Stress“, beschreibt es Ganter eindrücklich.
Das Jonglieren der verschiedenen Aufgaben ist anstrengend. Die Gitarristin Johanna Eicker erzählt: „Die Konzerte habe ich teilweise mit Family dabei oder mit abgepumpter Milch durchgezogen. Das ging an die Substanz, aber es war möglich.“ Elsa Johanna Mohr kam körperlich an ihre Grenzen: „Mein Körper hat mir jetzt mit einem leichtem Bandscheibenvorfall vor einem Monat gezeigt, dass ich ihm seit der Geburt zu viel zugemutet habe… Equipment schleppen, Baby tragen, Projekte am Laufen halten, viel Orgakram am Laptop und wenig bis gar keine Zeit für mich selbst und für Sport“.
Vielen fällt es schwer, Zeit für das kreative Arbeiten abzuzwacken: „Arbeitsblöcke am späten Abend oder Songwriting in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann, sind mit dem Mama-Sein dazugekommen. Und der Kaffekonsum ist ordentlich gestiegen“, berichtet Julie Pascale. FEE erzählt, dass sie dabei sei „zu lernen, wie es ist, kreativ zu arbeiten, Songs zu schreiben, ohne dass einen gerade die Muse küsst. Nämlich in den Zeitfenstern, in denen ich mein Kind gerade nicht um mich habe“.
Doch die Selbstständigkeit bietet auch Vorteile: flexible Zeiteinteilung, kreative Freiheit und mehr gemeinsame Zeit mit dem Kind. Nicole Johänntgen schwärmt: „Für mich hilft Musik, insbesondere die Improvisation, im Alltag flexibel zu bleiben. Ich verbringe viel Zeit mit meinem Kind, aber auch mit meiner Musik. Ich mag es sehr!“ Jarita Freydank schätzt die vielen verschiedenen Möglichkeiten, mit Musik den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. „Da ich neben dem Theater alle Projekte selbst anleite und meine Zeit frei gestalten kann, passt sich mein Berufsleben gut an die Bedürfnisse meiner Tochter an. Und ganz nebenbei bekommt sie ihre eigene musikalische Früherziehung – und trifft durch meinen Beruf viele spannende Menschen. Man muss nicht zwangsläufig auf der Bühne stehen, um Musikerin zu sein“.
Schwankende Einkommen machen Mutterschafts- und Elterngeld unberechenbar. Die starren gesetzlichen Regelungen benachteiligen Selbstständige, die kurz vor der Geburt geringere Einnahmen hatten, weil sich das Elterngeld nach dem Gewinn des letzten Kalenderjahres bemisst. Deshalb sei es wünschenswert, flexiblere und praxisnähere Regelungen bei der Einkommensberechnung einzuführen und den bürokratischen Aufwand zu reduzieren, sagt die Unternehmensberaterin Jutta Frimmel. „Vor allem aber braucht es mehr Transparenz. Viele Selbstständige erfahren erst sehr spät, welche Gestaltungsmöglichkeiten sie überhaupt haben“. Deshalb sei es wichtig, sich frühzeitig mit dem eigenen Versicherungsstatus auseinanderzusetzen, sagt sie: „Ob gesetzlich versichert, über die KSK abgesichert oder privat versichert: Die Voraussetzungen und Leistungen unterscheiden sich teilweise deutlich. Deshalb lohnt es sich, den eigenen Versicherungsschutz rechtzeitig zu prüfen und sich frühzeitig beraten zu lassen“.
Auch Julie Pascale bemängelt die Regelungen beim Elterngeld. Sie findet es „schwierig, während des Elterngeldbezugs Konzerte zu spielen, ohne dass man Rückzahlungen leisten müsste oder praktisch umsonst arbeitet, weil man in dieser Zeit nur begrenzt Einkommen erzielen darf. Gleichzeitig ist es existenziell, dass wir Musikerinnen unser Netzwerk und unsere Kontakte auch in dieser Zeit aufrechterhalten. Es ist ein Teufelskreis. Hier bräuchte es dringend spezielle Sonderregelungen, die die Realität selbstständiger Künstlerinnen widerspiegeln“, fordert sie.
Viele Musikerinnen überbrücken die „Auszeit“ mit Förderungen, Crowdfunding, angesparten Rücklagen, einer klugen Releaseplanung oder Nebenjobs. Trotz guter Planung bleiben aber viele unsichere Komponenten. „Es ist ein ständiges trial and error“, sagt Magdalena Ganter. Krankheiten, Betreuungslücken oder Komplikationen bei der Geburt können alles über den Haufen werfen. „Da ich die erste Geburt schlecht weggesteckt habe, brauchte ich schlichtweg die Zeit zur Regeneration – die physischen als auch die mentalen Narben mussten erstmal heilen. Ich betrachte es als Luxus, dass ich mir das rausgenommen habe“, sagt die Singer-/Songwriterin Ella Fall.
Touren mit Kind: zwischen Offenheit und Abwehr
Es gibt viele positive Beispiele: Veranstalter*innen, die Doppelzimmer für Familien zahlen, Babysitter*innen organisieren, Bedürfnisse von schwangeren Musikerinnen mitdenken oder „Kinderbackstage“-Räume einrichten. Doch mancherorts sind Kinder nach wie vor unerwünscht – selbst backstage. Ella Fall musste ein Konzert absagen, weil sie ihr Kind (trotz Babysitter) nicht mitbringen durfte. Auch Johanna Eicker hat diese Erfahrung auf großen bekannten Pop-/Rock-Festivals gemacht. „Es fühlt sich immer noch so an, als sei man die seltene Ausnahme“, sagt Eicker.
Viele Interviewten setzen sich daher für mehr Sichtbarkeit von Musiker*innen mit Kindern ein, denn Vorbilder spielen eine große Rolle. Alin Coen berichtet, dass sie durch ihre Kollegin Dota ermutigt wurde: „Wenn ich bei anderen sehe, dass etwas machbar ist, kann ich mir das leichter vorstellen.“ Eine besonders schöne Erfahrung machte Julie Pascale bei einem Konzert im Rahmen der Mom’s Got Talent Academy – einem Coaching-Programm vom Music Family Hub Berlin für Musikerinnen mit Kindern, an dem sie sechs Monate teilnehmen durfte. Das Konzert war bewusst als Familienkonzert konzipiert und die gesamte Infrastruktur war auf Familien mit Kindern ausgerichtet. Auch die Musikerinnen können aktiv werden: Jarita Freydank bewirbt ihre Musik „immer als familienfreundlich, deshalb finden meine Auftritte grundsätzlich nicht am Abend statt“.
Kinderbetreuung: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen
Alle Interviews zeigen: Flexible, verlässliche Kinderbetreuung ist der Dreh- und Angelpunkt. Viele sind auf Großeltern, Partner*innen oder Freund*innen angewiesen. Bei meist zu geringen Gagen lohnt es sich finanziell nicht, Konzerte zu spielen und dafür Babysitter zu bezahlen. Bei Sophie Trost passen deshalb der Opa oder die Nachbarin unentgeltlich auf ihre Kinder auf. Alleinerziehende wie Cäthe geraten schnell an Grenzen: „Ich habe alles versucht, um in der Selbstständigkeit zu bleiben… Am Ende musste ich Hartz IV beantragen.“ Manchmal hilft auch die beste Planung nichts: „Schwierig wird es, wenn man ständig selber krank ist oder ein krankes Kind zuhause hat. Denn Konzerte oder Studiosessions abzusagen ist natürlich mit viel Kosten, Koordination und Frust verbunden,“ erzählt FEE.
Johanna Eicker teilt sich mit ihrem Partner, der ebenfalls Musiker ist, zu gleichen Teilen Haushalt, Kinderbetreuung und Erziehung. „Das ist leider auch heute nicht selbstverständlich und letztendlich DER Schlüssel, um den Alltag und den Beruf als Musikerin mit Kind verhältnismäßig entspannt stemmen zu können“. Auch bei Sophie Trost funktioniert der Alltag nur deshalb so gut, weil der Vater ihrer Kinder als Papa und im Haushalt sehr engagiert ist und als Perkussionist in ihrer Band am selben Strang zieht. Nur wenn Männer mehr „weiblich“ konnotierte Bereiche übernähmen, könnten Frauen mehr in „männlich“ konnotierten Berufen Fuß fassen, sagt sie.
Ungleichheiten & gesellschaftliche Erwartungen
Immer wieder wird deutlich, dass Mütter härter bewertet werden als Väter. Magdalena Ganter fragt: „Und was ist mit den Vätern? Generell kommt es mir so vor, als gingen Männer noch immer wesentlich selbstverständlicher weiter ihrer Arbeit nach, sobald Kinder an Bord sind. Oder zumindest wird es ihnen gesellschaftlich nicht vorgeworfen, wenn sie das tun.“ Claudia Rudy kommentierte in den sozialen Medien ein Interview so: „Wenn man sich Dokus oder Beiträge großer weiblicher Legenden wie Marlene Dietrich oder Nina Simone anschaut, dann wird leider auch ganz oft thematisiert: Sie war eine Ikone, aber als Mutter hat sie versagt. Mich fucked das richtig ab. Bei den männlichen Stars wird nie erwähnt: Er war ein herausragender Künstler, aber als Vater eigentlich nicht präsent. Aber bei den weiblichen Stars schon.“
Lösungsvorschläge
Viele Interviewten wünschen sich mehr Wertschätzung, Verständnis und Solidarität, aber auch ganz konkrete Unterstützung für Eltern: „Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen solidarisch mit Eltern sind und die „Extra-Mile“ gehen, um Dinge für Familien, Beruf und Freundschaften möglich zu machen. Kinder haben ist nicht nur Privatsache, finde ich“, sagt Johanna Amelie. Auch Johanna Eicker wünscht sich, „dass wir als Gesellschaft mehr zusammenhalten und das Thema ‚wie schafft man diesen Spagat‘ nicht nur in Mami-Whatsapp-Gruppen stattfindet“.
Helfen würde auch eine bessere, flexible und bezahlbare Kinderbetreuung, sagt z.B. die Poduzentin Jenny Gerdts, um späte Studio- & Recordingzeiten abdecken zu können. Alin Coen fände es hilfreich, wenn Veranstalter*innen ein Netzwerk von Babysitter*innen hätten, mit dem sie unterstützen könnten. Die Promoterin Änne Wetzel plädiert für eine organisierte Kinderbetreuung auf Festivals und Konferenzen. Ein weiterer Vorschlag war, dass die Erstattung von Betreuungskosten wie bei der Künstler*innenförderung der Initiative Musik Standard bei allen Förderprogrammen werden sollte.
Jarita Freydank spricht sich dafür aus, dass Musiker*innen ihre Kinder zu Proben, Arbeitstreffen und Engagements mitbringen können: „Das würde der Musikszene guttun, weil sich dann alle automatisch ein bisschen bewusster und respektvoller verhalten“. Johanna Amelie, die u.a. als Produzentin & Kuratorin des Podcasts „Mom’s Got Talent“ das Thema Mutterschaft in die Popmusik trägt, tritt dafür ein, dass mehr Konzerte nachmittags – also für Familien – veranstaltet werden.
Dringend sollte die überfällige Reform von Mutterschafts- und Elterngeld für Selbstständige angegangen werden, um der Realität von Profimusiker*innen gerecht zu werden. Mindestgagen und eine bessere Absicherung für Alleinerziehende sind weitere Vorschläge für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Tipps aus der Praxis: Der Rat der Expertinnen
Viele Interviewte beschreiben, dass sie viel strukturierter, organisierter und effizienter seien, seit sie Kinder haben, weil sie viel mehr Disziplin aufbringen müssten, um alles unter einen Hut zu bekommen. Gleichzeitig sei es schwer, dabei die eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen. Als „Gelingensfaktoren“ wurden geregelter Schlaf, gute Ernährung, Sport, Ruhepausen zwischen den Konzertblöcken, eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, Zeit für sich, eine gute Kommunikation innerhalb der Familie und viel Austausch mit Gleichgesinnten von den Interviewten genannt.
Elsa Johanna Mohr rät dazu, Dinge auch mal abzugeben und nicht selbst alles kontrollieren zu wollen. Jo Eicker hat gelernt, dass es wichtig ist, sich selbst nicht automatisch hintenanzustellen und schon früh um Hilfe zu bitten – „nicht erst dann, wenn auch psychisch nichts mehr geht“. Aber auch der Mut zum Unperfekten kam zur Sprache. FEE rät dazu, nicht so viel Druck auszuüben. Es sei normal, sich unvollkommen zu fühlen: „Bleibt bei euch, denn euer Kind ist ja Teil eurer Welt und nicht Teil einer perfekten Welt“.
Johanna Amelie empfiehlt, auch Partner wie Label, Verlag, Booking, Veranstaltende und Bandkolleg*innen sowie Förderinstitutionen um Unterstützung zu fragen: „Oft gibt es doch überraschend vieles, was möglich gemacht werden kann, z.B. können Kinderbetreuungskosten bei der Initiative Musik abgerechnet werden, und das Musicboard hat jetzt eine Residency nur für Musiker*innen, die Eltern sind, ins Leben gerufen“.
Ella Fall hatte sich anfangs viel Stress gemacht, dass sie allem gleichzeitig gerecht werden muss. Mittlerweile empfindet sie es als Luxus, die Zeit mit ihren Kindern verbringen zu dürfen. „Diese Zeit, wenn die Kinder klein sind, kommt nicht wieder. (…) wieder mehr Zeit auf Bühnen zu verbringen, kommt sicherlich wieder – und man ist nicht ‚gescheitert‘, wenn man ein paar Jahre andere Prioritäten setzt.“
Wir danken allen Interviewpartnerinnen*, dass sie ihre Erfahrungen & Tipps mit uns geteilt haben!
Fotos: Titelbild & Fotos aus den Backstage Mom Interviews
14.07.2026

