Unterwanderung der Jam-Bühnen

Interview mit Ra zur femjam

It’s an intervention: Mit Jam Sessions abseits der etablierten Orte soll in Frankfurt ein safe space geschaffen werden für die, die sich ohne Druck ausprobieren wollen. femjam richtet sich an alle außer Hetero-Cis-Männer, die bisher die Jam-Bühnen dominieren. Ein Gespräch mit der Gründerin Ra.

Du hast die femjam initiiert. Wann kamst du dazu und wie?

Das ist zwei, zweieinhalb Jahre her. Das war nach einer Zeit, in der ich viel auf Jam Sessions gegangen bin und gemerkt habe, irgendwie komm ich nicht rein, irgendwie kann ich mich gar nicht so frei darin entfalten wie ich gedacht hatte, dass es der Fall sein würde, wenn es eben so ein offenes Format ist wie eine Jam Session. Ich glaube, Jam Sessions haben diesen spontanen Charakter: du bist irgendwo, du hast irgendeine Form von Instrument, oder du benutzt deine Stimme, und fängst einfach an Musik zu machen. Und das ist eigentlich auch das Schöne, dass es so frei ist. Es gibt kein Konzert, es gibt keine Proben, sondern du machst das was passiert, in dem Augenblick, wenn es passiert. Und das ist dann auch sehr öffentlich, je nachdem wo du bist. Aber irgendwie waren das nicht so die Räume, wo ich Lust hatte irgendwas zu machen, mich zu beteiligen. Beziehungsweise wo dann auch gar nicht der Raum offen dafür war, dass ich mich beteilige, obwohl ich vielleicht Lust gehabt hätte an dem Abend. 

Kannst du von einem konkreten Fall erzählen, in dem du dich darin ausgebremst gefühlt hast, mitzumachen?

Ich war auf einer Jam Session, bei der denen, die häufig da sind, die Regeln irgendwie schon klar waren, die aber nicht offen kommuniziert wurden. Und dann gab es nur den Aufruf, Leute, wer auf die Bühne will, meldet sich bei der und der Person. Und ich war eine der ersten, die sich gemeldet haben. Aber diese Person, bei der man sich anmelden sollte, ist dann selbst auf die Bühne und hat teilgenommen an der Session, war dann also gar nicht mehr so ansprechbar. Und das war dann irgendwie die Jam Session. Also die Leute die dann hoch sind die kannten sich, und die Leute die neu waren kamen irgendwie gar nicht mehr richtig zum Zug. Ich wurde auch nicht mehr aufgerufen, sondern die waren am Jammen. Fertig.

Es gab also eine Art Programm?

Ja, und was für mich auch neu war, dass über bestimmte Songs gejammt wurde. Also es waren schon festgelegte Songs, Standards würde ich sagen, so Jazz-Standards, und in diesen Standards wurde dann gejammt.

Dann scheint es ja echt ein Transparenzproblem zu geben und auch ein schlechtes Management, oder?

Es funktioniert ja trotzdem, aber es funktioniert halt nur, wenn du dich wirklich explizit vordrängst oder echt so stark darin bist, dass du dich da präsentieren willst, und ich für meinen Teil bin vor einer Jam eher so Oh. Mein. Gott. Will ich das wirklich, auf diese fucking Bühne? Also ich krieg eher Lampenfieber.

Hat man gar nicht das Gefühl bei dir. Du kannst es gut verstecken.

Ich bin dann voll so wie ein Wildtier im Scheinwerferlicht: Daaamn, wo bin ich, wer bin ich, warum bin ich hier. Deswegen, ich finde das ja so schon anstrengend. Das ist schon eine Hürde, mich überhaupt zu trauen, mich da zu melden. Und dann ist es natürlich zusätzlich schlimm, wenn ich es dann mache, und dann funktioniert es irgendwie nicht.

Und dann schaust du so voll hypnotisiert in die Scheinwerfer und wirst überrollt von dieser Jam-Energie, die sich da aufgebaut hat über Jahre.

Ja. Ich hätte mir ein Mikro schnappen müssen von einer anderen Person. Das wollte ich halt auch nicht, das war für mich so ein No-Go. Es sind vornehmlich eher dudes, die das Mikro für sich einnehmen und das dann auch nicht mehr abgeben wollen. Das checke ich halt auch nicht.

Das heißt also, du musst diese Attitüde schon mitbringen bei der jetzigen Aufstellung bei Jam Sessions. Dass du denen das Mikro entreißt, auch wenn du das erste Mal da bist. Dass du super selbstbewusst auftrittst und dich da irgendwie durchboxt. Und das willst du jetzt verändern mit der femjam?

Genau. Ich glaube, wie man da bis jetzt reinkommt ist dadurch, dass du halt deine Skills anbietest. Was kannst du, was die anderen nicht können. Das ist ja auch nice, aber das hat so was Elitäres, das heißt, du musst schon supergut sein, damit du quasi akzeptierst wirst von der Truppe, die da spielt und du musst es halt auch krass droppen. Also du musst es so richtig showcasen, damit die das auch wirklich sehen und annehmen, und das muss nicht so sein, finde ich.

Jam kann ja vielleicht echt auch was Spielerisches haben und weniger diesen Wettbewerbscharakter, weniger so einen Promotion-Charakter.

Ja, ich sehe es auch als Form von Kommunikation zwischen den Leuten die daran teilnehmen, die sich dann halt mit Instrumenten oder mit Stimme gegenseitig antworten oder aufeinander eingehen. Oder auch eine Art Klangreise, weil sich der Klang mit der Zeit verändert, also während eines Stücks oder wenn man sich öfter trifft. Und dann ist es halt nice, wenn es ein Geben und Nehmen ist, und nicht so ein Bam Bam Bam!! Ich zeig dir alles was ich drauf hab! In diesen zwei Sekunden die ich habe.

Heißt das, das ergibt sich bei euch aus den Leuten die kommen, die dann schon ein bisschen awarer sind als sonst bei den Jams, die du als eher negativ erlebt hast? Musstest du schon mal eine Ansage machen, so nach dem Motto Jetzt ist aber mal die dran, oder klappt das einfach?

Es klappt witzigerweise sofort, sobald keine Hetero-Cis-dudes am Start sind. Die sind ja ausgeschlossen von der femjam. Und witzigerweise kriegt das automatisch so was Spielerisches, weil die Frauen* nenn ich sie jetzt mal, teilweise einfach auch Songs aus den Charts nehmen, das letzte Mal haben wir gerappt am Mainufer und es war scheißegal, ob es gut klingt. Das war einfach nur, weil es Spaß gemacht hat da zu sitzen und sich diesen Song mehrmals durchzuhören und dann diesen Text zu singen. Und du musst auch nicht an einem Instrument sein, was du super krass beherrschst. Jede Form von Klang ist im Prinzip ein Beitrag.

Okay. Also Klatschen. Stampfen.

Genau.

Also können sich auch Interessent*innen melden, die überhaupt gar kein Instrument spielen?

Ja. Die aber Bock haben was auszuprobieren, klar.

Am Mainufer habt ihr dann ja auch diese Bühne- und Zuschauerraum-Konstellation aufgebrochen, also ich glaube eher ungeplant, weil euch zu heiß war? Aber trotzdem ist das ja vielleicht auch ein schöner Nebeneffekt, wenn die Leute einfach vorbeilaufen und nicht die ganze Zeit wie die Karnickel vor der Bühne stehen oder als Groupies davor rumtanzen.

Ich glaube der Unterschied ist tatsächlich, dass es gar keine öffentliche Veranstaltung sein muss, in dem Sinne, dass es Publikum gibt. Die Leute, die an so einer Jam teilnehmen, sind beides zugleich. Also je nachdem wie groß die Gruppe ist, hast du dann automatisch die, die dann nicht direkt mitmachen, sondern einfach zuhören bei der Runde. Aber es wird nicht Publikum geben wie im Voltaire. 

Ich frage mich etwas, vielleicht auch so ein bisschen weil ich in dieser fixen Vorstellung von dem Event „Jam Session“ verhaftet bin. Weil das eben bis jetzt meistens so aussah, dass Cis-Männer auf der Bühne stehen und performen. Ich frage mich, ob nicht die Kreativität darunter leidet, wenn man das so kollektiv gestaltet und wenn es nicht so ein paar Leute gibt, die Ansagen machen. Vielleicht steckt da so eine Vorstellung von Kreativität dahinter, dass man die eigenen Ideen durchsetzen muss. Funktioniert das aus deiner bisherigen Erfahrung, dass so eine Art kollektive Kreativität entsteht? 

Also, Ideen sind gut! Und ich würde sagen, wenn darüber abgestimmt wird, und wenn Leute überwiegend Bock darauf haben, und die Leute die nicht so krass Bock drauf haben vielleicht auch was anderes machen in der Zeit, geht das schon klar. Wie es bisher ablief, war es eine sehr heterogene Gruppe, also einige hatten schon sehr viel Erfahrung am Instrument und einige fast nicht. Ich glaube, es braucht so ein bisschen eine Phase, in der man sich aufeinander einspielt. Wir gehen gerade erst wieder in die zweite Runde. Ich will da gar nichts festschreiben, aber wie ich es mir vorstelle, kommen da Leute zusammen, die Bock haben zusammen kreativ zu sein. Und daraus entwickeln sich vielleicht wieder feste Gruppen, die dann als Bands an den Start gehen können. Dem sind eigentlich keine Grenzen gesetzt.

Willst du mit der femjam ein Alternativangebot schaffen zu den bisherigen Sachen oder willst du so richtig infiltrieren? Wie stellst du dir die leuchtende Zukunft vor?

Haha, wow, Vision! Also ich sehe es teilweise als safe space, weil ich auch gesehen habe, dass die Cis-dude-Musiker sich da auch nicht gut getan haben auf der Bühne gegenseitig. Und ich will nicht Empowerment sagen – aber es geht darum, das, was da ist, irgendwie auch zugänglich zu machen. Aber auf eine andere Weise. 

Also dass man sich in dem safe space dessen vergewissert was man kann, und das dann vielleicht auch aus dem safe space herausträgt?

Genau. Man kann das natürlich auch aus dem safe space heraustragen. Und ich glaube, als einzelne Person kannst du natürlich auch zu diesen Jam Sessions gehen und dir denken, What the fuck macht ihr da bitte? Aber wenn du als Gruppe dort aufschlägst, kannst du trotzdem sichtbar machen, dass es auch anderes gibt. 

Kontakt femjam: (at)

Autorin: Marie Koppel

27.07.2020