Sun-Young Pahg – 1. „Composer in Residence“ in Frankfurt

Interview von Renate Brosch

Für das erstmalig ausgeschriebene Internationale Arbeitsstipendium „Composer in Residence – Komponistinnen nach Frankfurt“ des Archivs Frau und Musik in Kooperation mit dem Institut für zeitgenössische Musik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst im August 2009 wurde als erste Stipendiatin die südkoreanische Komponistin Sun-Young Pahg ausgewählt. Das Internationale Arbeitsstipendium bietet kostenfreien Wohnraum in den Hoffmanns Höfen Frankfurt sowie einen monatlichen Stipendienbetrag. Während des Arbeitsstipendiums werden Workshops und Werkstatt-Gespräche in Kooperation mit dem Institut für zeitgenössische Musik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt a. M. veranstaltet. (Titelfoto: Rüdiger Schestag)

Die 1974 geborene Komponistin Sun-Young Pahg wurde 1974 in Südkorea geboren und lebt und arbeitet in Paris. Sie studierte Komposition bei Byung-Dong Paik, einem der bedeutendsten koreanischen Komponisten an der National University in Seoul/Südkorea (1994-1998) und Elektroakustische Komposition bei Prof. Robin Minard an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar (1999-2003). Sun-Young Pahg erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge, u. a. durch das „Ministère de la Culture et de la Communication“ („au fil du temps“, 2008) und das Ensemble Modern Frankfurt („Ich spreche dir nach“, 2005). Renate Brosch sprach mit ihr über ihre Zeit in Frankfurt für die Zeitschrift VivaVoce des Archivs Frau und Musik.

Frau Pahg, Sie sind die erste Preisträgerin und damit Stipendiatin des Kompositionswettbewerbs „Composer-in-Residence-Komponistinnen nach Frankfurt“. Am 10. August diesen Jahres sind Sie aus Paris angereist, und was die Dauer Ihres Aufenthalts betrifft, haben Sie jetzt gerade „Halbzeit“. Wie fühlen Sie sich?

Nach meiner Anreise im August war erst einmal Sommerpause, und in den „Hoffmanns Höfen“ war es sehr ruhig. Das wird sich in den nächsten Wochen ändern …

Kein bisschen Langeweile für Sie?

Nein, gar nicht, ich habe die Ruhe sehr genossen, denn die Zeit davor in Paris war sehr hektisch und voller Termine. Die hiesige Einsamkeit war ganz wunderbar, die Tage wirkten wie verlängert, ich konnte meine Zeit selbst organisieren und gestalten und konnte in aller Ruhe arbeiten. Außerdem bin ich mit dem Fahrrad viel in der Stadt unterwegs – und ich genieße es, so viel Platz zu haben. Es ist innerhalb von Paris völlig unmöglich, solche Räumlichkeiten zu bekommen.

Wir sitzen hier im „Archiv Frau und Musik“. Was für einen Eindruck macht eine solche Einrichtung auf Sie?

Es ist mir fast peinlich, aber als ich hierher kam, wusste ich fast nichts über Komponistinnen. Frau Blaszke hat mich darüber informiert, über die Situation in Europa und die geschichtlichen Zusammenhänge. Es war mir schon früher aufgefallen, dass es in Deutschland wenig Komponistinnen gibt, aber ich habe nie darüber nachgedacht, was es bedeutet. Ich dachte mir, Komponistin sei ein Beruf, den Frauen nicht gerne ergreifen. Das ist in Korea ganz anders.

In Korea ist es eher ein Beruf für Frauen?

Musik und die Kunst im allgemeinen genossen in Korea nicht die nötige Wertschätzung, so dass sie als Berufe für Männer nicht in Frage kamen. Für Männer war ein Beruf mit mehr Macht wichtig, und so haben sie die Musik nur als Hobby gepflegt. Komponieren als Beruf kam nur für Frauen in Frage oder Leute aus den unteren Gesellschaftsschichten. Das ist wiederum in Europa ganz anders. Da ist Komponieren eine hoch stehende Tätigkeit, die anscheinend lange Zeit den Frauen nicht zugetraut wurde: Deshalb muss die Arbeit des „Archivs Frau und Musik“ viel bekannter gemacht werden.

Foto: Barbara Fahle

Sie gehören nun schon fast zur dritten Generation koreanischer Komponistinnen und Komponisten in Deutschland. Ich nenne als Beispiele Ysang Yun und Younghi Pagh­Paan. Haben sie Einfluss auf
Ihr Komponieren gehabt?

Das ist eher weniger der Fall. Ich kann überhaupt nicht sagen, dass ich in dieser Hinsicht von koreanischen Traditionen geprägt bin. Unsere musikalische Ausbildung in Korea ist von Grund auf europäisch ausgerichtet. Von Ysang Yun hatte ich zwar gehört, aber seine Musik war in Korea fast bis 1995 verboten. Es gab damals viele Konzerte zu seinem Tode, und da hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, seine Musik zu hören. Ich muss gestehen, dass mich seine Kompositionsweise befremdet hat, diese Musik, die so geprägt war von koreanischen Emotionen, und das in Verbindung mit europäischem Instrumentarium. Heute höre und sehe ich das ganz anders und muss sagen, dass er einer der wenigen ist, denen es gelungen ist, diese Synthese zwischen beiden Welten, der europäischen und der koreanischen Tradition herzustellen. Bei Younghi Pagh-Paan ist es ähnlich, aber sie ist für meine Begriffe stärker europäisch, besonders deutsch geprägt. Ich werde oft gefragt, ob traditionelle koreanische Musik ein wichtiges Element meines Komponierens sei. Das ist für mich eine schwierige Frage. Ich bin eher vorsichtig, traditionelle Elemente als kompositorisches Material zu verwenden.

Foto: Philippe Stirnweiss

Aus welchem Grund?

Die Musik kann allein schon dadurch neu und exotisch klingen, weil sie fremdartig ist. Die kompositorischen Qualitäten einer Komposition treten dadurch leicht in den Hintergrund. Auch in Korea ist es mittlerweile so, dass volkstümliche Elemente oft verkitscht werden. Um der echten Tradition auf die Spur zu kommen, muss man viel recherchieren und ausarbeiten, um die populären Elemente ganz authentisch in die eigene musikalische Sprache einbauen zu können. Dafür bin ich noch bereit, und ich möchte in meinem kompositorischen Arbeiten mir selbst gegenüber ganz ehrlich bleiben.

Über ihr Verhältnis zur elektronischen Musik haben Sie in der letzten „VivaVoce“ schon viel gesagt. Was interessiert Sie am klassischen Instrumentarium?

Ich selbst bin von Haus aus Pianistin. Mein kompositorisches Interesse gilt nicht der elektro akkustischen Musik an sich, sondern den neuen Klängen im allgemeinen. Für mich ist die Elektronik nur ein Instrumentarium mehr. Genauso benutze ich die Ideen elektroakkustischer Klangphänomene und Verfahren in rein instrumentaler Komposition.
Klangfarben und Spektren sind für mich wichtigere Parameter als zum Beispiel Tonhöhe. Ich werde oft von jungen unerfahrenen Musikern gefragt, ob sie die richtigen Tonhöhen gespielt haben. Bei einem überblasenen, explosiven Ton in der Klarinette oder Flöte ist das nicht wichtig. Die Elektroakkustik eröffnet unbegrenzte klangliche Möglichkeiten, mit denen ich auch auf traditionellen Instrumenten experimentieren möchte – nicht immer zur Freude der InstrumentalistInnen.

Gilt das auch für die Vokalmusik?

Ein bisschen schon. Allerdings habe ich noch nicht so viel Erfahrung mit der menschlichen Stimme. Ich habe 2005 „La fenêtre de Rozalie“ für Mezzosopran, Schlagzeug und Live-Elektronik für das „IRCAM“ („Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique“) in Paris geschrieben, außerdem „Fünf Lieder des Rapunzel“ für Sopran und Ensemble, die 2007 bei den „Hamburger Klangwerktagen“ von Nadine Lehner und der „Ensemble Modern Akademie“ uraufgeführt wurden. Ich konnte allerdings mithilfe der Elektronik sehr viel Stimmanalyse machen und habe dabei herausgefunden, dass die menschliche Stimme in Kombination mit Sprache die lebendigsten und interessantesten Spektren überhaupt hat.

Sie haben noch keine Sinfonien oder Opern geschrieben…

Die Sinfonie als Kompositionsform ist mir zu konventionell und festgelegt, aber ich habe schon Material gesammelt für ein Orchesterstück. Es hat sich bis jetzt noch keine Gelegenheit gefunden, etwas aufzuführen. Die Oper ist für mich weiter weg: Das ist eine sehr komplexe Kunstform, bei der man so viele Aspekte berücksichtigen muss: die Grundidee, das Libretto müssen stimmen! Um diese große Arbeit auf sich zu nehmen, muss man einen Stoff von ganzem Herzen lieben. Grundsätzlich bin ich sehr interessiert an Bühnenmusik, das kann aber genauso Tanztheater sein.

Foto: Rüdiger Schestag

Am 6. November geht Ihr Studienaufenthalt in den „Hoffmanns Höfen“ zu Ende. Das Abschlusskonzert wird flankiert von einer Sound­Installation im Foyer der „Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt“. Diese Installation wurde ursprünglich für die Wandelgänge eines Klosters konzipiert. Lässt sie sich ohne weiteres auf andere Räumlichkeiten übertragen?

Die Sound-Installation „Au fil du temps“ wurde bei der Uraufführung in Annecy in den Säulengängen eines Klosters positioniert, d.h. es gab dort eine Gruppe von Klanglautsprechern, die statische Klänge erzeugten, die sich kreisförmig bewegten, aus einer anderen Gruppe von Lautsprechern kamen kurze, perkussive, präzise Klänge. Dieses Prinzip haben wir schon auf andere Räumlichkeiten übertragen, z. B. in Genf in einem öffentlichen Garten, und es hat funktioniert. Diesmal ist es die erste Aufführung in geschlossenen Räumen. Die Hochschule hat zwar auch einen Innenhof, aber im November ist eine Installation im Freien keine gute Idee.

Ihre Klavierkomposition, die zur Uraufführung kommt, ist auch schon fertig?

Die Arbeit ist fast fertig. Gespielt wird die Komposition von einer ganz jungen Koreanerin aus der Klavierklasse von Prof. Catherine Vickers, Hye Lee Chang. Sie hat eine ungemein positive Ausstrahlung und ist sehr engagiert. Ich bin sehr gespannt auf die Aufführung!

Das Interview erschien in der Zeitschrift „VivaVoce Nr. 85, 2009, 30 Jahre Archiv Frau und Musik, S. 8-11“ des Archivs Frau und Musik: VivaVoce. Wir bedanken uns für die freundliche Abdruckgenehmigung.

www.archiv-frau-musik.de

29.11.2009