
Meinen Arbeitstag organisiere ich um meine Tochter herum
Backstage Mom #13: Änne Wetzel
Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Musikbranche, einer Leidenschaft für außergewöhnliche Musik und einem Gespür für kreative, maßgeschneiderte PR-Strategien hat Änne Wetzel 2025 ihre eigene PR-Firma gegründet: LoudHer PR. Mit ihrer unabhängigen Musik-PR-Agentur will sie Künstler*innen und Bands dabei unterstützen, ihre Stimme zu verstärken – unabhängig von Genre oder Bekanntheitsgrad. Ihr Ansatz: maßgeschneiderte, kreative Lösungen, die zu den individuellen Bedürfnissen und Zielen der Künstler*innen passen. Ihr Anspruch ist es, für jeden Künstler und jede Künstlerin die passende Kommunikationsstrategie zu finden, egal ob Major-Artist oder Underground-Talent. Vor allem kleinen Acts, die es oft schwer haben, sich in der Medienlandschaft Gehör zu verschaffen, möchte sie mit professioneller PR-Arbeit unterstützen.
Du bist Mutter eines Kindes und als Promoterin tätig. Lässt sich dein Beruf gut mit Kindern vereinbaren?
Meistens lässt sich der Job als Promoterin mit dem Mamasein für mich gut vereinbaren – wenn ich auch „Schattenseiten“ erlebt habe. Die meisten Acts haben Verständnis, wenn ich beispielsweise einen Anruf auf den Abend terminiere, weil meine Tochter dann im Bett ist. Mittlerweile versteht meine Tochter auch, wenn ich nachmittags nochmal telefonieren muss. Ich war von Anfang an alleinerziehend, habe aber Unterstützung vom Papa meiner Tochter. Gerade als ich direkt nach dem Mutterschutz in Teilzeit weitergearbeitet habe, wurde mir sehr viel Verständnis entgegengebracht. Aber ich habe auch anderes erlebt. Eine Band, die sich nach außen hin für weiblich gelesene Personen in der Musikbranche eingesetzt hat, hat nicht verstanden, warum ich im Mutterschutz nicht arbeiten kann. Dabei hatte ich alle Termine so gelegt, dass es passen sollte, doch sie wollten die Veröffentlichung ihres Albums verschieben. Es gab auch Situationen, die mir absurd vorkamen. Dass ich mir zum Beispiel ein Panel zum Thema Mutterschaft in der Musikbranche nicht anhören konnte, weil ich zur Kita musste.
Warst Du mit Deinem Kind bereits on tour? Wie ist es euch da ergangen?
„On Tour” bedeutet in diesem Fall, dass meine Tochter beispielsweise zweimal mit zum Reeperbahn Festival war oder öfter beim M4Music in Zürich. Dann ist meine Schwester zur Betreuung mitgekommen, denn sie lebt in Zürich. Beim Reeperbahn Festival ist sie extra hergeflogen. Das funktioniert gut, auch wenn ich mir ab und zu wünschen würde, dass es eine organisierte Kinderbetreuung geben würde.
Würdest Du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?
Ich könnte mir eine längere Auszeit nicht wirklich leisten, da mir wahrscheinlich die Kunden wegbrechen würden. Außerdem verändert sich die Medienlandschaft ständig, sodass ich Angst hätte, den Anschluss zu verlieren. Das waren auch die Gründe, warum ich nach meiner Schwangerschaft direkt weitergearbeitet habe.
Was ist Dein Eindruck, haben sich Veranstaltende, Deine Kund*innen und Projektpartner*innen, die Musikbranche insgesamt bereits auf Kulturschaffende mit Kindern eingestellt?
Ja und nein. Viele haben inzwischen ein Bewusstsein dafür, was es in der Branche bedeutet, ein Kind zu haben. Es gibt immer wieder Veranstaltungen, die das Thema aufnehmen. Aber mein Eindruck ist, dass es am Ende doch zu kurz kommt, gerade bei der Umsetzung. Beispielsweise war ich bei einem Event und musste nach Hause zu meiner Tochter; da sagte ein Mann zu mir: „Ich habe meine Kinder einfach bei meiner Frau gelassen.“ Meine Tochter war damals noch keine zwei Jahre alt und wurde noch gestillt. Oft spüre ich aber eine Verbundenheit, wenn beide Seiten Kinder haben. Ich arbeite beispielsweise mit vielen Müttern und Vätern zusammen und kann deren Musik, vor allem wenn es darin um Kinder oder Elternschaft geht, in manchen Teilen besser verstehen.
In der Regel arbeiten Schwangere in den letzten Wochen vor der Geburt nicht mehr und gehen in den Mutterschutz und danach in Elternzeit. Wie war das bei Dir?
Aufgrund eines Releases habe ich meinen Mutterschutz später angetreten und direkt im Anschluss in Teilzeit weitergearbeitet. Das war nur möglich, weil meine Tochter relativ „pflegeleicht“ war. Ich konnte tagsüber etwas arbeiten und abends dann viel. Da ich aber relativ flexibel bin, ging das gut. Ein Redakteur hat sich nur mal beschwert, warum ich immer nachts Mails schicke. 😊
Konntest Du Deine Projekte so planen, dass Du beruhigt eine Auszeit nehmen konntest? Und wie hast Du das finanziell hinbekommen?
Finanziell wäre es leider nicht nur mit Elterngeld gegangen, da ich als Alleinerziehende nur mit dem Elterngeld unsere Kosten nicht hätte decken können. Ich war dann in Teilzeit angestellt und habe Elterngeld Plus* bekommen. Ich konnte alles gut koordinieren, sodass ich den Mutterschutz nach der Geburt in Anspruch nehmen konnte. Allerdings musste ich auch ein wichtiges Projekt absagen, da es sich nicht realisieren ließ.
Ist Dein Beruf als Selbstständige manchmal auch ein Vorteil bezüglich einer Familiengründung?
Meine Selbstständigkeit habe ich jetzt seit März 2025, davor war ich angestellt. Ich habe schon einige Freiheiten, die ich in einem anderen Beruf vermutlich nicht hätte. Ich kann meiner Tochter z. B. ermöglichen, Hobbys am Nachmittag wahrzunehmen, ohne Probleme mit der Arbeitszeit zu bekommen.
Stichwort Kinderbetreuung: viele Kitas haben zu, wenn Kulturschaffende arbeiten, nämlich abends und am Wochenende. Wie hast Du das geregelt?
Meine Tochter wurde 2020 geboren, mitten in der Corona-Pandemie – deshalb fiel das anfangs gar nicht so ins Gewicht. Heute kann ich nur selten zu Events und Konzerten gehen, da ich immer eine Betreuung organisieren muss. Aber auch, weil ich die Abendstunden oft selbst zum Arbeiten brauche. Wenn es sich machen lässt, betreut der Papa unsere Tochter. Ansonsten ist meine Familie eine riesige Hilfe. Wir haben außerdem das Glück, dass meine Tochter tolle Freund*innen hat, bei deren Eltern ich mal fragen kann – wir helfen uns untereinander aus, da viele von ihnen auch selbstständig sind.
Meine Tochter ist damit aufgewachsen, dass Arbeit zum Alltag gehört – nicht zuletzt wegen der vielen Kitastreiks in Berlin. Wir haben inzwischen unseren Weg gefunden, wie Betreuung und Job parallel funktionieren. Sie ist aber auch ein sehr verständnisvolles Kind und kann wunderbar in ihre Fantasiewelt abtauchen. Da ich mit Acts wie Senta arbeite, ist mein Beruf für sie greifbar geworden: Durch die tolle Kindermusik ist meine Arbeit für sie buchstäblich nahbarer und hörbarer.
Was musstest Du an Deiner Lebens- und Arbeitsweise ändern, um alles unter einen Hut zu bekommen?
Ich musste mir vor allem angewöhnen, extrem flexibel in meinen Zeitplänen zu sein. Meinen Arbeitstag organisiere ich um meine Tochter herum.
Früher war ich in der Tendenz ‚überall‘ gleichzeitig – heute muss ich meine Zeit viel bewusster einteilen. Es geht nicht mehr ohne ein stabiles privates Netzwerk und die gegenseitige Hilfe mit anderen Eltern. Ich musste lernen, Hilfe anzunehmen und auch mal Nein zu sagen, wenn ein Event zeitlich einfach nicht realisierbar ist, auch wenn er wichtig wäre. Alles unter einen Hut zu bekommen, heißt für mich heute vor allem: Disziplin am Schreibtisch, wenn die Zeit da ist, und die Akzeptanz, dass der Rechner eben erst dann wieder aufgeht, wenn das Kind schläft oder in der Kita ist.
Gibt es Tipps & Tricks, die Du weitergeben möchtest?
Ich habe leider keine Nonplusultra-Formel, die für jede*n funktioniert. Ich denke, es ist wichtig, für sich selbst herauszufinden, was für einen stimmt – und vor allem auch was nicht.
Wie sind Deine Pläne für die nahe Zukunft?
Mit der Gründung von LoudHer PR im März 2025 habe ich mir den Raum geschaffen, meine Arbeitswelt so zu gestalten, wie sie für mein Leben als Mutter passt. Mein Ziel ist es, LoudHer als feste Größe für strategische PR zu etablieren – von Pop bis Metal. Und es wäre toll, wenn ich damit zeigen könnte, dass man als (alleinerziehende) Mutter und Selbstständige eine Agentur führen kann, die ‚laut‘ ist und Impact hat, ohne dass das Familienleben hintenanstehen muss.
Vielen lieben Dank, liebe Änne, für das Gespräch!
* Elterngeld Plus: ElterngeldPlus lohnt sich besonders für Eltern, die nach der Geburt in Teilzeit arbeiten (bis 32 Std./Woche), länger finanzielle Unterstützung wünschen oder den Partnerschaftsbonus nutzen wollen. Es ermöglicht, Elterngeldbezugszeiten zu strecken (1 Monat Basis = 2 Monate Plus) und führt bei Teilzeit oft zu einem höheren Gesamteinkommen (Mehr Infos auf einen Blick hier). Um sich auszurechnen, welche Version die Beste für die eigene Familie ist, könnt ihr den Elterngeldrechner zu Hilfe nehmen.
25.02.2026

