Lucía Martínez

Die spanische Jazz- & Worldmusikerin live in Frankfurt

Die große spanische Tageszeitung El País schrieb über die erste CD „Soños e Delirios“ des Lucía Martínez Cuarteto: „Der Jazz trägt jetzt den Namen einer Frau“. Die junge Perkussionistin, Schlagzeugerin und Komponistin Lucía Martínez ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen der spanischen Jazzszene und gehört zur neuen Generation europäischer JazzmusikerInnen. Ihre erste CD wurde für die Auszeichnung als bestes Jazz-Album des Jahres 2009 in Spanien nominiert. Wir haben sie in Zusammenarbeit mit der Brotfabrik zum Melodiva.de Clubkonzert nach Frankfurt eingeladen (19.05.) und mit ihr ein Interview geführt.

Doch nicht nur in Spanien, auch in Deutschland und hier besonders in Berlin, hat sie sich schon einen Namen gemacht und spielt in vielen Formationen wie z.B. dem Rusira Mixtett von Ruth Schepers und dem COB Composers‘ Orchestra Berlin. 2011 veröffentlichte sie die CD „Azulcielo“, welche als Projekt während ihres Master-Jazz-Studiums entstand. Seit nunmehr 7 Jahren pendelt sie zwischen Berlin und Vigo, ihrer Heimatstadt in Galizien, und kommt nun mit ihrem spanisch/portugiesischen Quartett und dem neuen, zweiten Album „De Viento Y De Sal“ auf Deutschland-Tour.

„Von peruanischen Walzern bis hin zu italienischer Musik hörte man so ziemlich alles im musikbegeisterten Elternhaus der Spanierin. Von der Mutter lernte die kleine Lucia zunächst das Spiel der Drehleier, und jeden Nachmittag nach der Schule begab sie sich in eine Art Volkshochschule, um traditionelle galicische Perkussion zu studieren. Schon damals, inmitten von dreißig Gaitas, den galicischen Dudelsäcken, kam das energiegeladene Mädchen auf den Geschmack und erkannte, welche Kraft und welches Klangpotenzial in Schlagzeug oder Perkussion stecken. Die Feinheiten und – wie sie selber sagt – die musikalische Disziplin erwarb sie später beim Klassikstudium am Konservatorium.
Schließlich landete die Multiinstrumentalistin im Jazz und vernarrte sich in seinen Freigeist. Nach Studienaufenthalten in Helsinki und Porto kam sie vor einigen Jahren nach Berlin, der Empfehlung des ebenfalls dort lebenden portugiesischen Jazzbassisten Carlos Bica folgend. Am Jazz-Institut Berlin macht die junge Schlagwerkerin ihren Master.“
*

Zu ihrem Jazz-Master-Abschluss entstand das Projekt Azulcielo, eine Formation im Jazz-Institut Berlin (Universität der Künste UdK) unter der Leitung von u.a. John Hollenbeck und David Friedman. Mit ihren MitmusikerInnen Ludwig Hornung – Klavier, Viktor Wolf – Klarinette/Tenor Saxophon, Silke Lange – Akkordeon und Marc Muellbauer – Kontrabass brachte Lucía dann im Jahr 2011 die CD „Azulcielo“ heraus. Die Band interpretiert originelle Kompositionen von Lucía, die sich in vielen Fällen auf die musikalische und kulturelle spanische Tradition stützen, aber moderne junge Strömungen des Jazz mit einfließen lassen. Das Album bietet auch eine Vielfalt an Kompositionstechniken, u.a. den Kontrapunkt und die thematische Entwicklung. Im Zusammenspiel der vielversprechenden jungen MusikerInnen ist ein frischer und eigener Klang der Gruppe entstanden.

„Das Diplom kaum in der Tasche studiert die neugierige junge Frau weiter, derzeit Filmmusik an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Dazwischen bleibt offenbar noch genug Zeit zum Komponieren und zum Musizieren in diversen Projekten. Lucía Martínez ist unter anderem der kreative Kopf eines Quartetts, in dem sie mit portugiesischen Musikern arbeitet.“ *

Mit dieser Band, dem „Lucía Martínez Cuarteto“ veröffentlichte sie 2009 ihr Debutalbum „Soños e Delirios“, (erschienen bei Nuba Records/Karonte) unter Mitwirkung von Maria João und dem spanischen Saxophonisten Perico Sambeat. Als einzigartiges und zugleich eines der interessantesten Alben der letzten Jahre auf dem spanischen Markt aufgenommen, wurde es als bestes Jazz-Album des Jahres 2009 in Spanien nominiert und kam in die engste Auswahl der Finalisten.

Nun in 2014 erschien das zweite Album der Gruppe „De Viento Y De Sal„. Als Bandleaderin spielt sie mit ihren portugiesischen Kollegen João Pedro Brandão (alto sax, flute), Pedro Neves (piano) und Carl Minnemann (doublebass) ihre Musik, die von der Folkmusik Galiziens, vom Flamenco und den Klängen des Mittelmeerraumes sowie vom jungen europäischen Jazz beeinflusst ist. Als vielseitige Multi-Instrumentalistin (Schlagzeug, Percussion, Vibraphon) verfügt sie über eine unvergleichliche Technik und großes Feingefühl beim Musizieren. Ihr zwangloses, lebendiges und kreatives Spiel verleiht ihren Kompositionen eine große Eindringlichkeit, die sie ihrer Ausbildung in verschiedenen stilistischen Bereichen und vor allem ihrem offenen und progressiven Charakter verdankt. Jedes der neuen Stücke auf der CD würde – wie ein Kritiker schrieb – ein komplettes neues Album rechtfertigen!

Foto: Mario Burbano

Lucía Martínez hat im Interview mit uns über ihre Musik gesprochen und was für sie das „Glück in kleinen Dosen“ bedeutet.

Du bist weiterhin in Spanien, aber auch seit einigen Jahren in Berlin sehr aktiv in der Jazzszene. Wo liegt Dein Schwerpunkt oder sind beide Regionen gleich wichtig für Dich? Wie beurteilst Du die Unterschiede dieser musikalischen Szenen? Welche Vorteile gibt es wo?

Spanien ist mein Land und sehr wichtig für mich, da ich diese Verbindung zu meiner Heimat brauche und ich mich dort sehr wohl fühle. Mit meinen Freunden Musik zu machen, die Volksmusik und traditionelle Musik Galiziens und Spaniens sind für meine Arbeit grundlegend, und daher ist es für mich wichtig, diese Verbindung mit meinen Wurzeln aufrechtzuerhalten.

Berlin ist wie eine andere Welt. Ich glaube, auf der künstlerischen Ebene, ist das der Ort, wo ich jetzt sein muss. Die Stadt bietet mir so viel. Vielfalt, Wettbewerb, Angebot, Nachfrage… ich fühle mich hier wohl. Niemand fragt, warum ich Schlagzeug spiele, obwohl ich eine Frau bin, ich fühle mich frei (wenn Freiheit überhaupt existiert ;-)) und glücklich, dass ich mir auch in Berlin ein „Leben“ habe aufbauen können, was nicht sehr einfach ist.

Beide Städte sind für mich wichtig. Meine Familie lebt in Vigo, und auf dieser Ebene kann keine andere Stadt mithalten, aber meine Träume, Ziele und die Lust, zu arbeiten und mich weiter zu entwickeln sind auch wichtig, und deswegen bin ich in Berlin.

El País hat 2009 über Dich geschrieben: „Der Jazz trägt jetzt den Namen einer Frau“. Bist Du in Spanien die erste Frau, die sich als Jazzmusikerin einen Namen gemacht hat?

Ich weiß nicht, ob ich die erste Frau bin, aber es stimmt, dass ich eine von nur wenigen bin, vor allem als Schlagzeugerin und Bandleaderin. Wahrscheinlich bin ich eine der ersten Musik-Absolventen in Spanien (Männer eingeschlossen) und sicher eine der ersten mit einem Master in Jazz (auch Männer eingeschlossen).

Der Jazz in Spanien ist, wie fast alles in Spanien, Männersache. Und für die Frauen ist es immer noch schwierig, in die Szene hineinzukommen und sich Respekt zu verschaffen. Es ist harte Arbeit! Aber die Musik kann alle Mauern einreißen und wir sind hier. Jetzt kennt man mich und man respektiert mich in den zahlreichen Facetten meiner Arbeit, sowohl mit dem Quartett, das mehr von der Folk- und Worldmusik lebt, als auch bei meinen Improvisationsprojekten, die gewagter und moderner sind.

Du hast nach Deinem Jazz-Master-Abschluss in Berlin weiter Filmmusik studiert. Was hat Dich daran gereizt und hast Du schon irgendwelche Projekte dazu gemacht?

Foto: Mario Burbano

Ich habe Kino immer gemocht, es ist auch eine Leidenschaft von mir. Ich hatte immer den Gedanken, Film oder Filmmusik zu studieren. In Vigo hatte ich diese Chance nicht, aber hier in Berlin schon, und ich wollte sie nicht ungenutzt lassen.

Ich habe schon einige Projekte durchgeführt: Dokumentarfilme, Zeichentrickfilme, historische Filme, wie zum Beispiel die Musik für eine unveröffentlichte 8mm-Film-Version von „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau, von der Murnau Stiftung herausgegeben, und für die Filme SEA RAIDER (1931) und KREUZER EMDEN (D-1932) 2014 vom Filmmuseum Potsdam herausgegeben; für den Dokumentarfilm „Somos Cuba“, etc.

Um sich erfolgreich als Musiker und besonders als Frau zu behaupten, gehören sicher Talent, Ehrgeiz, Beharrlichkeit und auch Glück. Was denkst Du, hat Deine Karriere entscheidend beeinflusst und gefördert?

Ich habe immer viel geübt, mich weiter gebildet und tue es immer noch. Das tägliche Üben und Proben, Ausbildung und Vorbereitung sind wesentliche Teile des Werdegangs als MusikerIn und KünstlerIn. Das Glück oder Chancen können kommen, wenn Du dafür gerüstet bist. Es nützt nichts, wenn du eine Chance bekommst und nicht gut vorbereitet bist, um die Aufgabe zu erfüllen und deine Arbeit gut zu machen.

Ich versuche immer sehr professionell zu sein, meine Arbeit sehr gut zu machen und immer höflich und dankbar zu sein. Selbstverständlich muss man das Glück auch suchen, und das tut man, indem man präsent in der Szene ist und offen und vorbereitet. Dazu gehört viel Initiative, Lust auf neue Herausforderungen und gute Laune. Solange ich diese Energie habe, werde ich „das große Glück“ suchen. Oft kommt es in kleinen Dosen, welche die Lust aufs Weitermachen erhalten. Und das ist auch gut.

Außerdem trifft man im Leben Menschen, die uns ganz besonders unterstützen und den nötigen Schub geben, um unsere Ziele zu erreichen. Zweifellos waren diese Personen für mich Baldo Martínez, Carlos Bica y Agustí Fernández. Drei große und faszinierende Musiker, die an mich glaubten. Darüber hinaus sind es die MusikerInnen, die mir die Möglichkeit gaben, meine Projekte zu realisieren und mit denen ich Musik mache, für mich sind es die besten MusikerInnen der Welt.

In Spanien habt Ihr die neue CD mit Deinem Quartett auf einer Tour schon erfolgreich präsentiert. Nun wollt Ihr auch Deutschland erobern. Wie würdest Du Deine Musik beschreiben, wie findest Du Deine Themen und Ideen zum Komponieren?

Meine Musik hat immer mit der Musiktradition Galiziens und der Weltmusik viel zu tun gehabt, jedoch aber aus meiner Sicht und meiner Art, den Jazz und die Musik in allgemeinen zu verstehen. Außerdem lasse ich mich sehr von Musik aus aller Welt beinflussen. Auf meinen Reisen suche ich immer nach Aufnahmen oder Musikern, die mir etwas Neues beibringen können. Ich versuche auch, an Volksfesten mit Musik und Essen, etc. teilzunehmen. Die Musik ist überall präsent, weil sie Bestandteil aller Kulturen ist. Meine neue CD „De Viento Y De Sal“ enthält vieles aus Lateinamerika, vor allem aus Kolumbien. Und das kommt von meinen Reisen dorthin, wo ich spiele und Neues entdecke. Die Welt ist da, um entdeckt zu werden. Die Künstler, die großen Handwerksmeister, der Film, die Malerei, jeder in seiner Sprache, erzählen die Geschichte der Welt.

Übersetzung: Elena Lopez Vilar

CD Lucía Martínez Quartett „De Viento Y De Sal“ (2014)
siehe auch Rezension auf Melodiva: ?f114=20&t114=detail,36780

CD-Release Tour:
14.05 Pohrsdorf, Saxstall
15.05 Chemnitz, Chemnitzer Jazzclub
16.05 Dresden, Blaue Fabrik
17.05 Berlin, B-flat
19.05 Frankfurt, Brotfabrik – Melodiva.de Club Concert **
20.05 Berlin, Galerie bauchhund Rixdorfer Jazzsalon
21.05 Hamburg, Elbphilharmonie Kulturcafe

**Tickets über www.brotfabrik.de: https://shop.reservix.de/off/login_check.php?id=7c421e5247cdb753ed6fbe41b702d162cac7d0950fb25ed26535ce922a436d32&vID=1987&eventGrpID=157280

www.lucimartinez.com
http://luciamartinezazulcielo.blogspot.de

* Deutsche Welle Radioportrait von Katrin Wilke „Lucía Martínez – Die Spur der Klänge“. Das vollständige Radioportrait finden Sie auf http://dw.de/p/149Ot. Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Welle.

Autorin: Hildegard Bernasconi

17.05.2015