Kaki King

Interview von Sascha Krüger

Von New Yorks U-Bahnen hinaus in die Welt einzigartiger Gitarrenvirtuosen: Dies ist in Kurzform der Weg von Kaki King. Dank ihrer überwältigenden Techniken hielt Kaki King als erste Frau Einzug in die ewige Liste der „Greatest Guitar Gods“ des amerikanischen Rolling Stone.

Kaki, ein Zitat von dir lautet: „Ich fange gerade erst an, meine Stimme in der Welt der instrumentalen Musik zu entdecken.“ Verglichen mit dem, was die Medien und Fans über dich sagen, bist du offenbar Weltmeisterin im Tiefstapeln.

(lacht) Finde ich nicht. Ich bin aber, im Gegensatz zu den meisten Medien, eine Realistin. Und als solche weiß ich: Der Weg zu einem wirklich guten Instrumentalisten ist ein sehr langer. Sich lediglich über das Instrument einen Ruf und eine Wiedererkennbarkeit zu erspielen, braucht eine Menge Energie, Zeit und Ehrgeiz. Und in meinen Augen habe ich diesen Punkt noch lange nicht erreicht. Es ist eine Kombination aus Technik, dem ureigenen Ton, dem Equipment und den Songs, die man schreibt. Auf meiner letzten Platte habe ich erstmals in Einzelfällen den Eindruck, dass mir das gelungen ist. Somit stehe ich in meinen Augen tatsächlich erst am Beginn dieser Entwicklung. Aber es wird noch eine ganze Reihe an Veröffentlichungen benötigen, bis sich bei mir und beim Hörer das dauerhafte Gefühl einstellt, dass man meine Musik unmittelbar als Kaki-King-Musik erkennen kann.

Wie würdest du deine zweifellos sehr spezielle, musikalische Stimme beschreiben?

Der zentrale Begriff ist „Veränderung“. Sicher – ich habe meinen Stil, meine Techniken. Aber mit allem, was ich tue, bemühe ich mich, im Rahmen der einmal gesetzten Vorgaben immer wieder neue Winkel und Ecken zu entdecken. Ich nehme meine Grundideen und forciere sie ständig in neue Richtungen, um zu sehen, was passiert. Das gilt vor allem für die Live-Situation: Der Ausdruck meines Spiels verändert sich kontinuierlich. Mein Bemühen ist, dass kein Konzert klingt wie das vorherige.

Hat instrumentale Gitarrenmusik eine Aussage, die ein traditioneller Song mit Leadstimme niemals haben könnte?

Darüber habe ich viel auf der Uni gelernt, vor allem über die Beschäftigung mit deutschen Philosophen. Ihre Grundaussage ist: Kunst im Allgemeinen ist ein Ausdruck von Emotionen, Musik im Speziellen ist die Sprache dieses Ausdrucks. Dies gilt in besonderem Maße für instrumentale Musik. Ohne jedes Wort kann der Zuhörer dabei unglaubliche Glücksgefühle oder unerträgliche Traurigkeit erfahren. Dabei bleiben diese Gefühle jedoch eine zwar intensiv erlebte, aber doch wenig konkrete Tendenz, anders als bei Songs mit einer Stimme: Hier steht das erlebte Gefühl zwangsläufig immer im Zusammenhang mit den Wörtern, die der Sänger singt.

Reflektiert deine Musik dein ganz persönliches Gefühlsspektrum? Und wenn ja: Bist du tatsächlich eine derart melancholische Person?

Die Wahrheit ist: Nein, bin ich überhaupt nicht. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Musik ist mein Ventil, mich dieser melancholischen, dunklen Gefühle zu entledigen. Über das Schreiben solch trauriger, nachdenklicher Musik schaffe ich mir einen Großteil meiner dunklen Gedanken vom Hals. Meine Traurigkeit steckt somit in der Musik und erlaubt es mir, als Mensch viel fröhlicher zu sein. Es ist viel besser, seine Depressionen über Musik auszudrücken, als sie leben zu müssen.

Du hast schon sehr früh begonnen mit der Musik.

Ja, mit fünf Jahren. Mein Vater, ein begeisterter Hobbygitarrist, trieb mich dazu.

Damals hast du mit Ehrgeiz Gitarre und Schlagzeug parallel gelernt …

Weil das die beiden Instrumente sind, die mich am meisten begeistern, bis heute. Ich konnte mich auch lange nicht entscheiden, zu welchem ich nun mehr tendiere.

Lässt sich aus dieser „Zweigleisigkeit“ dein extrem perkussiver Gitarrenstil erklären?

Entscheidend war, dass ich über das Schlagzeugspiel verstanden habe, wie meine beiden Hände völlig unabhängig voneinander arbeiten und sich doch zu einem Gesamtklang ergänzen. Wenn ich mit der linken Hand Akkorde auf dem Griffbrett tappe und mit der rechten gleichzeitig kompliziertes Fingerpicking und geschlagene Rhythmus-Figuren auf dem Korpus miteinander verbinde, so ist der Ursprung dafür in meinem Verständnis zu suchen, wie das Spielen eines Schlagzeugs funktioniert. Ohne mein Wissen um die Drums wäre ich also eine deutlich konventionellere Gitarristin.

Gibt es denn trotzdem Dinge, bei denen deine außergewöhnliche Technik versagt, also Ideen, die du technisch nicht umsetzen kannst?

Nein, denn das ist keine Frage der Technik, sondern des Wollens. Man kann alles spielen, was man will, wenn man bereit ist, genug zu üben. Stoße ich an meine Grenzen, so ist das nur ein Anlass, noch mehr zu trainieren. Es gibt theoretisch nichts, was man nicht spielen könnte, wenn man die Ausdauer hat, es sich beizubringen.

Inwieweit ist das auch eine Frage des Equipments? Kommt alles nur aus den Fingern?

Das Equipment ist dabei gar nicht entscheidend – mit ausreichend Willen kann man auf jeder Supermarkt-Gitarre die virtuosesten Dinge spielen. Das Equipment spielt vor allem in Bezug auf den Ton eine große Rolle. Hier gilt es, alle Möglichkeiten durchzuspielen, bis man den für sich passenden Ton gefunden hat. Dabei sind die Effekte erstmal nicht entscheidend.

Der originäre Ton des Instruments scheint für dich also das entscheidende Merkmal zu sein.

Ja, das stimmt. Deshalb spiele ich auch die meisten meiner Instrumente recht regelmäßig – fast jede Gitarre steht für einen speziellen Sound. Bis auf einen Chorus und einen Octaver bin ich kein Freund von Effekten. Lediglich für die eher sphärischen Klänge auf meinen Alben, die ich meistens mit der Pedal-Steel erzeuge, benutze ich zuweilen ein paar Effekte; davon abgesehen geht es mir meistens um den reinen, puren Ton.

Du hast deinen Stil in den U-Bahnen New Yorks perfektioniert, wo du nach dem 11. September 2001 über einen längeren Zeitraum gespielt hast – mit dem Antrieb, „die gebeutelten Menschen zu erfreuen“ …

Ja, genau. Wenn du in der U-Bahn spielst, gibt es keine Verwendung für Effekte. Dort musst du nur mit deinem Spiel und deinem Ton überzeugen. Es war, ganz ohne Zweifel, die beste Gitarrenschule meines Lebens. Denn wenn man in einer derart flüchtigen, unverbindlichen Situation die Menschen dazu bekommt, einem zuzuhören, kann einem auf der Bühne nichts mehr passieren.

Das Interview führte Sascha Krüger für guitar (Fachmagazin für Gitarristen, Ausgabe 02/09); wir bedanken uns für die freundliche Abdruckgenehmigung.

Aktuelle CD:
Dreaming of Revenge (2008)
Label: Cooking Vinyl
In Picking, Tapping und Slapping gegossenes Kopfkino: So wirkt die transzendentale, dichte und spannende Musik von Kaki King. Mittlerweile häufiger mit Stimme angereichert, hat sie einen eigenen Kosmos zwischen Folkmusik und Ambient geschaffen.

www.guitar.de, www.kakinking.com, www.myspace.com/kakiking

Autor: Sascha Krüger

27.03.2009