
Es regnet Männer?
Genderverteilung auf deutschen Festivals
“Ganz unten auf dem Festivalplakat / Erstma’ egal, Hauptsache da / Als wir dann zum ersten Mal / Im Backstage war’n, wurde es uns klar / Wir sind allein / Wo sind all die ander’n Frauen?”
So heißt es im gemeinsamen Song “Männer” von Blond und addeN. Die Frage ist naheliegend: Wie männlich dominiert sind deutsche Festival-Line-ups im Jahr 2026 noch?
2023 berichtete die Tagesschau, dass bei Rock am Ring “deutlich mehr“ Musikerinnen auftreten würden als zuvor. Dies umfasse 21 von 72 Acts des Festivals und entspräche knapp 30% des Line-Ups1. Das ist zwar noch lange nicht die Hälfte, aber wenigstens ein Anfang. Trotz allem stellt sich die Frage, wie sich diese Zahl verändert hätte, wenn man nur die FLINTA* Artists und Bands mit FLINTA* Frontperson betrachtet. Außerdem wäre es interessant zu wissen, wie die gemischtgeschlechtlichen Bands zusammengesetzt waren und wie ausgeglichen das Verhältnis dort wirklich war.
Die Festival-Hochsaison begann ungefähr im Juni. Somit scheint es jetzt ein guter Zeitpunkt zu sein, sich diesen Fragen zu widmen. Für diese Recherche habe ich fünf bekanntere deutsche Festivals ausgesucht und ihre diesjährigen Line-up-Poster ausgewertet. Ziel war es, zu schauen, wie viele FLINTA* Acts dort vertreten sind.
Datengrundlage und Herangehensweise
Die Festivalplakate stammen von den offiziellen Instagram-Accounts oder Webseiten der Festivals, Stand: 19.05.2026. Die Artists wurden in fünf Kategorien aufgeteilt: männlich gelesen, FLINTA*, gemischt, gemischt mit männlich gelesener Frontperson und gemischt mit FLINTA* Frontperson. Die Bezeichnung “männlich gelesen” ist bewusst gewählt, da nicht für jede Person explizit die Selbstidentifikation recherchiert werden kann und es somit um die äußere Wahrnehmung geht.
Bei Bands/Gruppen mit mehreren Mitgliedern habe ich auf die Lead-Vocalists geachtet, da diese in der öffentlichen Wahrnehmung und auf der Bühne meist am stärksten hervortreten. Die Kategorie “gemischt” bezieht sich auf Kollektive und Bands/Gruppen ohne klar erkennbare Frontperson. Die Besetzungen wurden anhand von Fotos auf den Festival-Webseiten, den Instagramseiten der Künstler*innen oder aktuellen YouTube-Videos von Auftritten bestimmt.
Für die Auswertung habe ich die fünf Einzelkategorien am Ende zu zwei Oberkategorien zusammengefasst: männlich gelesen und FLINTA*. Zur männlich gelesenen Gruppe zählen männlich gelesene Acts sowie Acts mit männlicher Frontperson. Zur FLINTA* Gruppe zählen FLINTA* Acts, Acts mit FLINTA* Frontperson sowie die Kategorie “gemischt”.
Des Weiteren gilt es anzumerken, dass auf dem Splash!-Festivalplakat zwei Acts mit “[Name] and friends” angegeben werden. Da ich nicht herausfinden konnte, wer genau zu den “friends” dazugehört, habe ich sie anhand der Person, deren Name zuerst genannt wird, kategorisiert. Zudem wurden keine Podcasts miteinbezogen.
Auswertung der Line-ups
Als Erstes habe ich mir angeschaut, wie sich die Line-Ups der einzelnen Festivals jeweils zusammensetzen. Am schlechtesten schneidet hierbei Rock am Ring mit einer Quote von 15,07% FLINTA* Acts ab, gefolgt vom Splash! Festival mit einer Quote von 18,52%. Etwas besser sieht es beim Deichbrand mit 30,69% und dem Hurricane Festival mit 30,95% aus – sie teilen sich sozusagen den zweiten Platz. Mit Abstand am besten schneidet das Lollapalooza Berlin mit einem ausgeglichenen 50/50 Line-Up ab. Hierbei ist allerdings auch anzumerken, dass das Festival mit 40 Spots das kleinste Line-Up der fünf hat. Ergänzend zum Artikel findet sich auf Instagram eine visuelle Analyse der Festivalplakate und ihrer Line-ups.

Würde man nun aus allen untersuchten Festivals ein großes Line-up erstellen, sähe das ungefähr so aus: 352 Acts, davon 98 FLINTA*, mit FLINTA* Frontperson oder gemischt ohne erkennbare Frontperson. Das entspräche einem Anteil von ungefähr 27,84%, also etwas weniger als einem Drittel. Die genauere Zusammensetzung in der folgenden Grafik:

Zusammensetzungen gemischter Bands
Wie zu Beginn des Reports gesagt, bin ich bei der Kategorisierung der gemischten Bands/Gruppen auf ein kleines Problem gestoßen. Mir erschien es nicht sinnvoll, nur solche zu berücksichtigen, die vollständig aus FLINTA* Personen bestehen. Deshalb habe ich mich für den Bühnenpräsenz- bzw. Sichtbarkeitsfaktor entschieden. An dieser Stelle gilt es anzumerken, dass es nicht das Ziel ist, Instrumentalist*innen unsichtbar zu machen oder als weniger wichtig darzustellen. Die Einordnung dient lediglich der Analyse.
Während der Recherche fiel auf, dass es fast keine gemischten Bands mit einem männlich gelesenen Leadsänger gibt. In den meisten Fällen übernimmt eine FLINTA* Person diese Position. Zudem scheinen trotzdem meist männlich gelesene Personen in der Überzahl zu sein. Aus diesem Grund habe ich mir die Zusammensetzung aller gemischten Acts genauer angeschaut: Insgesamt sind das 31 Acts, jedoch konnten nur 28 davon anhand einer festen Besetzung analysiert werden. Zählt man ihre Mitglieder, kommt man auf 76 männlich gelesene Personen und 37 FLINTA* Personen. Das entspricht etwa einem Verhältnis von 2:1. Prozentual machen die FLINTA* Personen somit ungefähr 32,74% der Besetzungen aus und sind davon in ca. 61,29% der Bands in der Lead-Vocalist-Position. Es lässt sich also erkennen, dass auch die gemischten Bands weniger ausgeglichen besetzt sind, als es vielleicht auf den ersten Blick wirkt. Zudem zeigt sich das verbreitete Muster, dass FLINTA* Personen vor allem als Sänger*innen sichtbar sind.
Headliner*innen
Zuletzt soll der Fokus auf die Positionen der jeweiligen Artists auf den Line-up Plakaten gelegt werden. Meist werden die Namen der Headliner*innen ganz oben und größer als die der anderen Künstler*innen abgebildet. Ich habe hier noch eine Unterscheidung zwischen Headliner*innen und Sub-Headliner*innen getroffen. Das betrifft jene Artists, die zwar unter den Headliner*innen, jedoch trotzdem größer als die restlichen Acts aufgeführt werden.

Auch hier sind die Zahlen bezeichnend: Alle Festivals haben zusammen 38 Headline- sowie 64 Sub-Headline-Spots. Von ersteren werden 8 FLINTA* Personen besetzt und von zweiteren 10. Das entspricht etwa einem Anteil von 21,05% und 15,63% und zeigt dementsprechend, dass FLINTA* Personen in den “höherrangigen” Positionen im Line-Up noch weniger vertreten sind als sowieso schon.
Alles in allem kann man nun erkennen: FLINTA* Personen machen zwar fast ein Drittel der Line-ups aus, jedoch ist das einerseits immer noch ziemlich wenig und andererseits unterscheidet sich dieser Anteil allein innerhalb der untersuchten fünf Festivals stark. Natürlich berührt diese Recherche nur einen Bruchteil deutscher Festivals und es ist sicherlich lohnenswert, sich auch kleine Festivals und die Unterschiede innerhalb verschiedener Genres anzuschauen. Gerade größere oder bekanntere Festivals bieten Künstler*innen jedoch viel Sichtbarkeit und die Chance, Hörer*innen dazuzugewinnen. Auffällig ist, dass insbesondere dort der Anteil an FLINTA* Acts noch geringer scheint. Dabei könnte ein ausgeglicheneres Booking Festivals nicht nur ausgewogener machen, sondern ihnen zudem eine Chance bieten, sich zu positionieren und ein Zeichen zu setzen.
Was hat sich bereits verändert?
Weiterhin bleibt die Frage offen, inwiefern sich die Zusammensetzungen von Festival Line-Ups bereits verändert haben. Eine Studie der MaLisa Stiftung, in Kooperation mit der GEMA und Music S Women* aus dem Jahr 2022 analysiert Geschlechterverhältnisse auf 15 verschiedenen Festivalbühnen in den Jahren 2010, 2015, 2019 und 2022. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche Frauenanteil innerhalb des Zeitraums unter 10% liegt. Betrachtet man die Jahre einzeln, wird deutlich, dass trotz dieser niedrigen Zahl eine Steigerung von 7% auf ca. 16% im Jahr 2022 zu verzeichnen ist2.
Auch die Keychange-Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass im Vergleich zum Jahr 2021 zwar mehr Personen denken, dass der Frauenanteil auf Konzertbühnen gestiegen ist, dieser sich jedoch weiterhin im unteren Bereich bewegt. Auf 9 von 15 Festivalbühnen stehen immer noch über 70% Männer3.
Beide Studien verweisen zudem darauf, dass sich kleinere Festivals in Sachen Geschlechterverhältnisse besser schlagen als die größeren: Die MaLisa Stiftung stellt auf den kleineren Festivals einen Frauenanteil bis 29% fest und einen durchschnittlichen Anstieg von 8% auf 17% (2010-2022). Keychange errechnet einen Anstieg des Frauenanteils von 8% auf 28% (2010-2023), dahingegen liegen die Zahlen der großen Festivals bei einem Anstieg von 6% auf 15%.
Insgesamt bestätigt sich damit: Je größer das Festival, desto stärker hält sich der hohe Männeranteil. Die MaLisa-Stiftung weist zudem darauf hin, dass ein höherer Anteil elektronischer Musik mit einem höheren Frauenanteil zusammenhängt, während ein höherer Anteil an Instrumentalist*innen eher mit einem niedrigeren Frauenanteil korreliert. Das passt auch zu meiner Analyse gemischter Bands.
Um abschließend die Frage zu beantworten, ob deutsche Festivals weiterhin männlich dominiert sind, kann man sagen: Ja. Der Anteil an FLINTA Künstler*innen ist zwar seit 2010 angestiegen, ausgeglichen sind die Geschlechterverhältnisse jedoch noch lange nicht. Gerade große Festivals scheinen sich schwer damit zu tun. Daraus ergeben sich weitere Fragen: Warum ist das so und was kann getan werden? Auf diese möchte ich in den kommenden Wochen im zweiten Teil dieses Reports eingehen.
Quellen
1 SWR, Ute Spangenberger (2023): „Musikfestivals: Mehr Frauen auf der Bühne“. tagesschau.de. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/musik-festivals-frauen-100.html.
2 MaLisa Stiftung (2022): „Studie zur Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche: Charts, Werke und Festivalbühnen“. malisastiftung.org. https://www.malisastiftung.org/studien/gender-in-music-charts-werke-und-festivalbhnen.
3 Keychange (2024): “Keychange 2024 – Study on gender diversity in the German music market”. keychange.eu. https://www.keychange.eu/s/Study-results_Keychange_2024_EN.pdf
Titelfoto: Colin Lloyd
23.06.2026

