
Ein permanenter Drahtseilakt
Backstage Mom #12: CÄTHE
Sie wurde mit Nina Hagen, Janis Joplin oder Alanis Morissette verglichen und ihre mit Poesie, Wortwitz und Leidenschaft verfassten Lyrics wurden mit zwei Preisen belohnt: 2012 mit dem GEMA-Autorenpreis und 2013 war sie Preisträgerin des Fred-Jay-Preises. Nach ihrem Debüt spielte die Sängerin und Songschreiberin ausgiebige Tourneen und veröffentlichte mit „Verschollenes Tier“ (2013) und „Vagabund“ (2015) zwei weitere hoch gelobte Alben. Rockfans werden sich noch gut an ihren MTV-Unplugged-Gastauftritt mit den Scorpions erinnern, wo sie 2013 ein Millionenpublikum begeisterte. 2016 trat sie – bereits schwanger – als eines der vier Jury-Mitglieder in der Castingshow „Dein Song“ vom Fernsehsender KiKa auf. 2020 spielte sie ein Konzert im Clubsaal der Elbphilharmonie, das nach wenigen Wochen ausverkauft war. Der Release des vierten Studioalbums „Chill Out Punk“ (2022) erfolgte bereits auf ihrem eigenen Label „Träum Weiter! Records“. Und im Herbst 2022 folgte das Buch „Lügen ist scheiße“ in Zusammenarbeit mit der Autorin Alexandra Helena Becht. In diesem gewährt Cäthe erstmals tiefe Einblicke in ihren intensiven Entwicklungsprozess als selbstständige Musikerin, alleinerziehende Mutter und Mensch, der niemals fertig, sondern immerzu im Werden ist. Der mit einer Angststörung kämpfte, mit dem Musikbusiness brach und schließlich die Freude am Leben und an der Musik wiederfand.
Du bist Mutter eines Kindes und weiterhin als Musikerin tätig. Warst du mit deinem Kind bereits on Tour? Wie ist es euch ergangen?
Ja, ich bin Mutter eines Sohnes und war mit ihm auch schon auf einzelnen Konzerten unterwegs. Das ist natürlich deutlich anstrengender, weil man viel mehr organisieren und verwalten muss. Es ist definitiv nicht leicht, aber es macht auch Spaß. Ich habe gemerkt, dass mittlerweile viele Mütter ihre Kinder mit zu Konzerten nehmen – das war vor zehn Jahren noch ganz anders. Heute kommt das deutlich häufiger vor und hat sich ein Stück weit normalisiert.
Haben sich Veranstaltende bereits darauf eingestellt, dass manche Musiker*innen mit Kindern anreisen?
Ja, auf jeden Fall. Da hat sich einiges getan. Viele Veranstaltende sind sehr aufgeschlossen, freundlich und stehen dem Thema positiv gegenüber. Ich habe durchweg gute Erfahrungen gemacht.
Würdest du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?
Ich würde eine längere Auszeit auf jeden Fall auch in Kauf nehmen, weil es sehr anstrengend ist. Gleichzeitig war es eine wertvolle Erfahrung, mein Kind mitzunehmen. Allerdings war er nie auf einer kompletten Tour dabei, sondern immer nur bei vereinzelten Konzerten.
Viele Musikerinnen arbeiten bis kurz vor der Geburt weiter. Wie war das bei dir?
Ich stand tatsächlich noch im achten Monat auf der Bühne. Im siebten Monat habe ich noch eine kleine Akustik-Tour gespielt, und im achten Monat war ich im KiKA-Kanal im Fernsehen zu sehen. Das war eine Herausforderung, aber ich war eine sehr fitte Schwangere und konnte das gut bewältigen.
Konntest du deine Projekte so planen, dass du beruhigt eine Auszeit nehmen konntest?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin alleinerziehend und hatte mir das im Vorfeld etwas einfacher vorgestellt. In der Realität ist es extrem kompliziert: Man ist 24/7 mit dem Baby zusammen und es ist sehr schwierig, beruflich parallel am Ball zu bleiben.
Wie hast du das finanziell hinbekommen?
Ich habe alles versucht, um in der Selbstständigkeit zu bleiben, was psychisch und finanziell sehr belastend war. Als mein Sohn etwa anderthalb Jahre alt war, habe ich Hartz IV beantragt, da es nicht mehr anders ging. Ich habe diese Unterstützung nicht lange in Anspruch genommen, aber sie war notwendig.
Ist der Beruf als selbstständige Musikerin ein Vorteil für die Familiengründung?
Nein, ich empfinde es eher als sehr viel schwieriger. Es ist ein permanenter Drahtseilakt zwischen Selbstorganisation, Care-Arbeit und Existenzsicherung.
Thema Kinderbetreuung – wie hast du das geregelt?
Ich habe mein Kind im Grunde immer selbst betreut und mir tagsüber einzelne Arbeitszeiten freigeschaufelt, meist vormittags.
Wo liegen die Knackpunkte? Was müsste sich verändern?
Es braucht strukturelle Veränderungen, vor allem bessere Absicherung für Selbstständige und Alleinerziehende. Das Elterngeld sollte nicht vom Einkommen des Vorjahres abhängig sein, da gerade Selbstständige stark schwankende Einnahmen haben.
Was musstest du an deiner Lebens- und Arbeitsweise ändern?
Ich habe alles um 180 Grad gedreht, musste beruflich stark zurückfahren und mich voll auf mein Kind konzentrieren.
Wie sind deine Pläne für die nahe Zukunft?
Ich mache aktuell eine Umschulung zur Erzieherin und bin sehr glücklich damit. Musik bleibt Teil meines Lebens, aber nicht mehr hauptberuflich.
Gibt es Tipps oder Tricks, die du weitergeben möchtest?
Es hilft sehr, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Jede Person muss ihren eigenen Weg finden – und darf anerkennen, dass diese Situation herausfordernd ist.
Vielen lieben Dank, liebe Cäthe, für das Gespräch!
Titelbild: Manuela Clemens, Pressefoto oben rechts: Beatrice Bauer
28.01.2026

