Die Schwere der Vergangenheit

Interview mit Diana Ezerex

„My Past’s Gravity“ heißt das kommende Debütalbum von Diana Ezerex (VÖ: 25.06.2021), dem ein Buch sowie weitere kreative Projekte folgen sollen. Die Singer-/Songwriterin, Bildungswissenschaftlerin und angehende Kulturvermittlerin aus Süddeutschland verarbeitet darauf ihre Erlebnisse in Gefängnissen, in denen sie Konzerte gegeben hat. Ihre Mission: die so oft vergessenen Menschen aus der Tabuzone zu holen und ihnen zuzuhören.

Sie ist mit Céline Dion, Michael Bolton & Barry White aufgewachsen, hat viel R’n’B gehört und schon immer viel gesungen. Sieben Jahre hatte Ezerex Blockflöten- und drei Jahre Saxophonunterricht, aber am liebsten saß sie am Klavier und später dann an der Gitarre, ohne Unterricht. Seit dem Beginn der Pandemie im März 2020 schrieb sie an ihren neuen Songs, ließ die Themen reifen, die sie beschäftigten. Und auch wenn sie die Songs ihres Debüts lieber mit einer Band im Rücken präsentiert, weil sie am liebsten mit Begleitung spielt, bleibt sie manchmal bewusst bei der Solobesetzung, um nahbarer zu sein. Wie in den Haftanstalten, in denen sie aufgetreten ist und in denen sie so intensive Erfahrungen gemacht hat, dass sie jetzt im Fokus ihres Debüts stehen.

Du hast Bildungswissenschaften studiert, bist gerade im Masterstudium für Kulturvermittlung an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Was reizt dich daran?

Schon seit ich 14 bin, mache ich in unterschiedlichen Settings Kinder- und Jugendarbeit. Ich wollte das nie zum Beruf machen, weil ich dachte, dann ist die Motivation eine andere – ich müsste dann davon leben. Aber ich liebe es, mich in irgendeiner Form in Jugendliche zu investieren. Mein Bachelorstudium war noch mehr auf Corporate ausgerichtet, ich habe in der Personalentwicklung und dem Talentmanagement gearbeitet. Es ist mir schon immer ein großes Anliegen, mitzuhelfen, Talente zu entdecken und nach Möglichkeit zu fördern. Später habe ich dann festgestellt, dass mir das Kreative doch wichtiger ist als gedacht, weswegen ich mich dann für das Masterstudium entschieden habe.

Wann hast du entschieden, der Musik mehr Raum zu geben und selbst ein Album zu veröffentlichen?

In 2016 war ich das erste Mal auf Tour, nur mit meiner Gitarre. Dabei habe ich gemerkt, wieviel Spaß es mir macht, unterwegs zu sein, viele Menschen kennenzulernen und meine Kunst mit der Welt zu teilen. Seither habe ich immer wieder nach Möglichkeiten gesucht, aufzutreten. Im letzten Jahr war ich beim Popkurs in Hamburg, das war eine absolut inspirierende Zeit für mich. Ich hatte das Gefühl, dass Musik vielleicht wirklich genau das Richtige für mich ist und es sich lohnen kann, mehr Zeit und Energie dort hineinzustecken. Das habe ich dann getan und seit dem Lockdown an meinem Debütalbum gearbeitet, meine Band zusammengestellt, tue mein Bestes, damit so viele Menschen wie möglich von meiner Musik erfahren und es Möglichkeiten gibt, wo wir auftreten können. Ob das alles Früchte trägt, wird sich noch zeigen, ich merke aber, dass mich diese Arbeit echt erfüllt und ich so viel lernen darf dabei. Ich bin sehr gespannt, wohin diese Reise noch geht.

In deinem Debüt-Album „My Past‘s Gravity” verarbeitest du Erfahrungen, die du während ehrenamtlicher Arbeit in Jugendclubs und in Gefängnissen gemacht hast. Wie kam es dazu, dass du in Gefängnissen Konzerte gegeben hast?

Ich war lange fasziniert von der Parallelwelt Gefängnis. Eine Freundin hatte ein Praktikum in einer JVA als Therapeutin gemacht, ich fand das super beeindruckend und dachte, dass ich diese Menschen auch so gerne erreichen möchte. Dass ich Musik mache, war da eine super Möglichkeit, dachte ich mir, weil ich so auch direkt etwas Abwechslung in den Alltag der Insass*innen bringen konnte. Das erste Mal wurde ich von einem Gefängnisseelsorger eingeladen, dem ich, nachdem er mir von seinem Beruf erzählte, ganz begeistert sagte, dass ich gerne mal in einem Gefängnis singen wollte. Danach habe ich immer wieder Gefängnisse angeschrieben, um zu fragen, ob sie mich bei sich spielen lassen. Manchmal klappt es, manchmal auch nicht. Das ist aber oft auch sehr frustrierend, weil ich schon beim Schreiben weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine (positive) Rückmeldung kommt, relativ gering ist. Trotzdem versuche ich, optimistisch und engagiert und manchmal auch penetrant zu bleiben, so unangenehm mir das manchmal auch ist, weil ich weiß, wie sehr es sich lohnt. Bisher war ich in 14 Gefängnissen, Männer- und Frauenanstalten, Jugend- und Jugendarrest. Durch die Pandemie wurde das alles etwas erschwert, weitere Konzerte sind aber in Planung.

Was waren für dich die prägendsten Erfahrungen und Erkenntnisse?

Prägend sind für mich alle besonders emotionalen Momente. Wenn Insass*innen danach auf mich zukommen und mir sagen, dass das Konzert sie berührt hat und sie es nie vergessen werden. Dass es sie inspiriert hat. Dass sie das erste Mal seit langem wieder Freude gespürt haben. Das ist das, was mich bewegt und inspiriert und motiviert, mit meiner Kunst weiter Menschen aufzusuchen, die so oft scheinbar vergessen werden.

„Das Gefängnis ist ein sehr ehrlicher Spiegel der Gesellschaft“, zitiert dein Promotext Leo Tolstoi. Was können wir von den Menschen lernen, die bei uns inhaftiert sind… auch, dass wir als Gesellschaft versagt haben?

Versagen finde ich ein krasses Wort. Verallgemeinern würde ich das nicht. Aber bezogen auf diese Menschen vielleicht. Ich glaube schon, dass wir als Gesellschaft füreinander verantwortlich sind. Aber in allzu vielen Fällen entziehen wir uns dieser Verantwortung, plädieren auf „böse“ oder „wahnsinnig“ oder sonst irgendwas. Anstatt uns bewusst zu machen, dass soziale Ungerechtigkeit, Bildung, Resozialisierung Themen sind, die uns alle angehen. Und die wir alle positiv beeinflussen können.

Wenn man ins Gefängnis schaut, sieht man also das, was in der Gesellschaft nicht funktioniert. Wovor man, teilweise absolut zurecht, Angst hat. Was eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt. Was schiefgelaufen ist. Diese Menschen werden dann weggesperrt, weil man nicht anders damit umzugehen weiß. Aber damit werden nur Symptome bekämpft, nicht die Ursache. Und da liegt, meiner Ansicht nach, das Problem.

Im Titel „My Past‘s Gravity” klingt an, dass die Vergangenheit einem Menschen das Leben schwer machen kann… empfindest du das auch selbst manchmal so und bist du in diesem Moment Sprachrohr für die, die keine Stimme haben?

Obwohl es so logisch ist, dass das, wo wir herkommen, wie wir aufgewachsen sind, was unser Hintergrund ist, uns prägt, scheinen wir das oft zu vergessen. Dass alles eine Konsequenz hat, dass Traumata gravierende Folgen haben. Dass die Vergangenheit oft die verheerende Eigenschaft hat, uns zurückzuhalten, in alte Muster zurückzuwerfen und uns dazu bringt, auf Basis der Vergangenheit zu agieren – egal, wie sehr wir uns dagegen wehren möchten. Und je nachdem, wie unser Aufwachsen war, ist das auch nicht schlimm. Aber in vielen Fällen eben schon. Und darauf möchte ich aufmerksam machen. Daher fand ich den Titel so passend für dieses Album.

Klar, wie ich aufgewachsen bin, wo ich herkomme, was ich in der Vergangenheit getan oder nicht getan habe, was mir möglich und was mir verschlossen war, prägt mich. Hält mich vielleicht zurück, weil ich schon schlechte Erfahrungen gemacht habe, enttäuscht wurde. Oder treibt mich aus den gleichen Gründen an.

Ich liebe Biografien. Ich liebe es, mich mit Menschen zu unterhalten und mehr darüber zu erfahren, wo sie herkommen, was sie schon alles erlebt haben. Vor allem, weil das so viel über die Person sagt. Und gleichzeitig aber auch nicht. Denn nur, weil eine Person in der Vergangenheit etwas getan oder unterlassen hat, heißt das nicht, dass sie in der nächsten Situation wieder so handeln würde. Find ich megaspannend, ich habe da auch noch unglaublich viel zu lernen und freu mich deswegen auch so sehr über jede neue Person, die ich kennenlerne. Weil sie mir die Chance gibt, sie kennenzulernen. So, wie sie sich mir zeigen möchte. Mit oder ohne Vergangenheit.

Deine ersten Singles aus dem Album „What Goes Around“ und „Memory Lane“ klingen alles andere als melancholisch und schwermütig, vielmehr hoffnungsvoll und empowernd. Mir scheint, du willst nicht nur Tabuthemen ansprechen, sondern auch Lösungen aufzeigen?

Ich glaube, eine pauschale Lösung kann ich nicht liefern. Klar würde ich voll gern einfach sagen „macht dieses, lasst jenes und dann wird alles super“, aber so realistisch bin ich dann doch 😀

Trotzdem bin ich überzeugt, dass jede*r einen Unterschied machen kann, und dass wir alle anpacken müssen, damit sich nachhaltig etwas verändert. Und das fängt im Umgang miteinander, in der Kommunikation, in unserem Verhalten an. Da Musik die Kraft hat, Menschen positiv, optimistisch, zuversichtlich zu stimmen, versuche ich das auch mit meiner. Natürlich mit den Texten, aber auch mit den Melodien und der Produktion.

 

Sind deine Texte alle auf Englisch? Warum?

Ich schreibe ab und zu auf Deutsch, aber nicht für mein Projekt. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, mit Deutsch & Englisch. Und das hat meine Kunst geprägt. Wir haben zuhause ausschließlich englischsprachige Musik gehört, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die ersten Songs, die ich mitgesungen habe, auf Englisch waren. Das ist bestimmt ein Grund dafür, warum Englisch die Sprache ist, die für mich musikalisch am natürlichsten kam und immer noch kommt. Außerdem merke ich, wie mir das Texten im Englischen viel leichter fällt. Ich liebe Sprache, ich liebe es, Gedichte zu schreiben, an schönen Formulierungen zu feilen, helfe meinen Freund*innen bei Bewerbungsschreiben u.ä.; dafür die bestmöglichen Formulierungen zu finden ist für mich was, in das ich mich richtig gern reinfuchse. Bei Songlyrics kommt mir das aber auf Englisch viel einfacher, viel natürlicher. Und da wehre ich mich natürlich nicht dagegen :).

Wie ist die Musik zu deinen Lyrics entstanden? Hast du eine Band, mit der du deine Songideen entwickelt hast?

Ich schreibe die meisten Songs allein. Auch für das Album hatte ich den Großteil fertig, bevor ich angefangen habe, mit meinem Produzenten zu arbeiten. Vier Songs haben wir noch gemeinsam geschrieben. Er ist der Mastermind hinter der Produktion aller Songs.

Wie hast du es geschafft, trotz Corona und Lockdown eine Albumproduktion zu organisieren?

Das remote Arbeiten haben, glaube ich, in der Pandemie richtig viele Menschen für sich entwickelt, es gab ja auch keine andere Möglichkeit. So war das auch bei diesem Album. Die meisten Dinge, also Instrumente einspielen, Mix & Master fanden in den jeweiligen (Home-) Studios statt. Die Vocals haben wir in zwei verschiedenen Studios aufgenommen, aber auch da waren nicht mehr Menschen als irgend notwendig dabei. Wir haben uns arrangiert wie alle anderen auch, und das Beste aus der Situation gemacht. Und ich bin mit dem Ergebnis ganz schön zufrieden.

Wie geht es jetzt weiter, wirst du damit auch auf Tour gehen, wenn die Pandemielage es zulässt?

Das wäre natürlich ein Traum. Viele Festivals spielen, um neue Fans zu generieren, auch Support Shows wären gigantisch. Eine Tour fände ich toll, da bin ich derzeit aber nicht ganz so engagiert hinterher, weil ich das einfach zeitlich nicht schaffe. Dafür wünsche ich mir eine Bookingagentur, die die Konzerte bucht, aber dann auch promoten kann, damit die Bude auch voll wird 😀

Dein Projekt ist mit der CD noch nicht zu Ende, was hast du noch damit vor?

Ergänzend beziehungsweise aufbauend auf dem Album arbeite ich an einem Buch, in dem die Liedtexte abgedruckt sind, dazu deren jeweilige Hintergrundgeschichte, Inspirationsquelle, Intention bei der Wortwahl etc. Vor allem aber, als herausragenden Teil des Buchs: autobiografische Kurzgeschichten & lyrische Beiträge sowie Illustrationen von Gefängnisinsass*innen. Damit möchte ich Insass*innen eine Möglichkeit geben, ihre Geschichte zu erzählen oder vielleicht einfach ihre Schreibkunst mit der Welt zu teilen.

Jugendarbeit liegt mir besonders am Herzen. Daher möchte ich kreative Musik-Workshops für Jugendliche konzipieren, die sich mit Gewalt- und Suchtprävention auseinandersetzen. Außerdem sollen Musikvideos zu jedem Song, ein Theaterstück und Kurzfilme die Themen greifbarer und auf verschiedene Arten und Weisen zugänglich machen. Zusätzlich werden in Zusammenarbeit mit Jugendorchestern und anderen klassischen Formationen aus ganz Deutschland verschiedene Versionen der Songs entstehen, wodurch zum einen die aufgegriffenen gesellschaftlichen Themen direkt an eine junge Zielgruppe getragen sowie eine Verbindung von Hoch- und Subkultur geschaffen wird. Dabei helfen soll auch eine Remix-Version des ganzen Albums. Im Rahmen einer Benefizausstellung zum Thema Isolation soll Wort- und bildenden Künstler*innen hinter und außerhalb von Gefängnismauern eine Plattform gegeben werden, ihre Gedanken und Kunst zu teilen. Der Erlös kommt künstlerischen Resozialisierungsmaßnahmen zugute.

 

CD „My Past’s Gravity“
VÖ: 25.06.2021 | Recordjet (Edel)
Preorder | Merch

 

(Fotos: Titelbild: Zweil Photography | Außenaufnahmen: Judith Ezerex | Gefängnis: Sarah Kienapfel | Live: Julia Lauber)

Infos

07.06.2021