
Chorprojekt „Bubikopf-Dämmerung“ feiert am 12.9.2026 Premiere
Interview mit Viola Engelbrecht
„Ein Frauenchor singt reflektierte Zeitgeschichte: Zwischen Aufbruch und Krise, zwischen Rausch und Ruin, Hoffnung und Hölle erzählen Schlager, Chansons und Gassenhauer von Lebenslust und Lebenslast in der Weimarer Republik“, heißt es in der Ankündigung des neuen Chorprojekts, das über 100 Jahre zurück in die Vergangenheit führt. Konzipiert hat das Programm die Frankfurter Jazzposaunistin, Chorleiterin, Theatermusikerin und Komponistin Viola Engelbrecht, die in der lokalen Chorszene seit vielen Jahren ein Begriff ist. Sie leitet das a-cappella-Jazzquartett VokaLiesen, Die Dissonanten Tanten und – die SingJorinas, den Frauenchor des Sound of Praunheim e. V. In dieser Funktion arrangiert und komponiert sie immer wieder für neue Chorprogramme und taucht dabei auch mal in die deutsche Geschichte ab.
Wie kamst Du auf die Idee zum neuen Programm „Bubikopf-Dämmerung“?
Ich habe schon immer – neben meiner Liebe zum Jazz – eine Affinität zu den alten deutschen Schlagern der 1920er bis 40er Jahre gehabt, in Antiquariaten gestöbert und im Laufe der Zeit viele Noten gesammelt, unter anderem auch wegen der liebevoll gestalteten Notentitelblätter.
Im Jahr 2002 hatte ich schon einmal ein musikhistorisches Chortheater mit den Dissonanten Tanten inszeniert, das betraf den Zeitraum von 1925-1945 und hieß „Gute Laune – oder was?“. In den jetzigen 20er Jahren bot sich der Retro-Blick 100 Jahre zurück auf die Schlager der Weimarer Republik an, also auf die Zeit der 1920er Jahre, genauer – von 1919-1932.
Was hat es mit dem Titel auf sich?
Die Wortschöpfung selbst stammt aus einem Zitat in einem Friseurmagazin der 1920er Jahre, das habe ich in dem Buch „Der Bubikopf“ von Helga Lüdtke gefunden. Dies Buch und viele andere über die Weimarer Republik, die populäre Musik dieser Zeit und den Aufbruch der Frauen waren wichtige Wegbegleiter im Verlaufe des Projekts.
Der Bubikopf steht als Symbol für die weibliche Emanzipation in den 20ern, die Dämmerung für den Niedergang nicht nur dieser Frisur, sondern auch der Weimarer Republik, als nämlich „Schluss mit lustig“ war und aus dem zu oft verklärten „goldenen Aufbruch“ der 1920er Jahre ein „brauner Abbruch“ wurde. Auch viele weibliche Freiheiten verloren dann wieder an Bedeutung. Das Wort Bubikopf-Dämmerung passte natürlich auch gut als Programmtitel für einen Frauenchor.
Und – wie hat dein Frauenchor SingJorinas auf das Projektthema reagiert?
Der Chor sollte über zwei Themen abstimmen, dabei gewann die Bubikopf-Dämmerung eindeutig das Rennen, damals hieß der Arbeitstitel noch „Die Zwanziger“: Die Sängerinnen waren begeistert, motiviert und sind in der Folgezeit in Gesang und Engagement zur Hochform aufgelaufen.
Natürlich haben wir auch immer wieder diskutiert und reflektiert, meist über Texte und Themen der Schlager. Auch der Verein „Sound of Praunheim“ hat das Projekt tatkräftig unterstützt, angefangen bei Förderantrag und Werbung bis hin zu finanzieller und organisatorischer Unterstützung und der Durchführung des Konzerts. Für diese „Rückendeckung“ bin ich sehr dankbar, denn ohne die Hilfe des Vereins wäre das Projekt in dieser Größenordnung nicht möglich gewesen.
Was fasziniert Dich an dieser Epoche bzw. der Musik der 1920er Jahre?
Zunächst interessiert mich als Jazzmusikerin natürlich die Verbindung der deutschen Schlager zum Jazz. Dieser schwappte vom großen Teich herüber, war neu, aufregend, befeuerte die Tanztees und belebte Bars und Nachtlokale. Jazz und Tanz waren quasi gleichbedeutend und die Menschen waren verrückt danach. Shimmy und Charleston konnten gut in Dixieland münden, Foxtrot und One-Step eigneten sich gut als „Swing-Fox“, und ein Titel konnte schon mal „Jazzfieber“ heißen. Viele amerikanische Jazzstandards bekamen deutsche Texte – wie z. B. George Gershwins „Lady be Good“ mit „Was will denn bloß der Otto von dir?“ betitelt wurde. Später in den 1930er Jahren war dieses Kaschieren der Originalquellen wichtig, um die Jazzmusik an den Nazis vorbei zu manövrieren.
In der populären Musikkultur der Weimarer Republik spielten neben Komponisten und Textern auch Jazzpianisten eine große Rolle, zwei der wichtigsten waren Friedrich Hollaender – der auch Schlager, Revuen und Chansons schrieb – und Mischa Spoliansky. Deshalb auch die Entscheidung, den renommierten Jazzpianisten Dirk Raufeisen für das Projekt zu engagieren.
Eine weitere Faszination ist der leichte, auch naive Humor in den Schlagern, oft auch frivol oder frech – mit unerwarteten Wendungen in der Handlung. Sicherlich nicht 1:1 übertragbar auf heute, aber dennoch ein Dokument von Ausgelassenheit und einem Sinn für Witz und Komik.
Siehst Du Parallelen zwischen den 1920er Jahren und unserer heutigen Zeit?
Auf jeden Fall gibt es Parallelen im gesellschaftlichen und politischen Bereich wie z. B. die zunehmende Zersplitterung der Parteien, der wachsende Kontrast zwischen Arm und Reich, Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit, soziale Not, gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und das Erstarken einer rechtsextremistischen Partei, die Liste ist lang. Die Kontraste zwischen den verschiedenen Welten („Blasen“), die nebeneinander existieren, sind heute genauso vorhanden, in Bezug auf die Weimarer Zeit werden sie mit zahlreichen Gegensatzpaaren charakterisiert wie „Rausch und Ruin“, „Glanz und Grauen“, „Hoffnung und Hölle“ usw.
Wie sah die Vorarbeit aus und wie hast Du die Lieder ausgewählt? Sind darunter auch Songs, die von Frauen geschrieben wurden?
Am Anfang musste ich ein tragfähiges Konzept erarbeiten, das bedeutete, Literatur und Noten zu sichten und sehr viel zu recherchieren. Die Auswahl der Schlager sollte nicht streng chronologisch sein, sondern nach Themen sortiert. Dadurch würde es automatisch eine Beschränkung geben. Das Thema war aber vorrangig die Geschichte der Schlager selbst, das heißt, die Lieder sollten zunächst ihre eigene Geschichte erzählen. Doch natürlich sind sie das Abbild von Stimmungen und Gefühlen in der Gesellschaft, in der sie entstehen. Somit verschränkt sich alles miteinander. Zum Konzept gehören auch sorgfältig gewählte Ansagen von Schriftsteller*innen, Journalisten, Lyriker*innen, Auszüge aus Zeitungen sowie die Projektion von passenden Bildern auf eine Leinwand als Kommentar oder Ergänzung zu den einzelnen Liedern. Das Ganze verschmilzt dann zusammen mit passenden Choreografien als „Multimedia-Show“ zu einem chorischen Gesamtkunstwerk.
Erwähnenswert ist noch, dass es für viele Schlager im Zuge der Retro-Bewegung zwar schon Arrangements gibt, oft aber leider nicht für Frauenstimmen, bzw. nicht für die Lieder, die ich gerade brauche. Also habe ich alles selbst geschrieben, was auch den Vorteil hat, dass ich Schwierigkeitsgrad, Charakter, Länge und genaue Stimmbesetzung für das Lied genau steuern konnte.
Zur Frage nach Komponistinnen kann ich sagen, dass es wenige Frauen gab, die sich explizit dem Schlager widmeten. Wenn, waren es meist Texterinnen, weniger Komponistinnen. Aber es gab sie und sie schrieben oft unter einem Pseudonym (wie z. B. Hilde Loewe als Henry Love). Dies zu dokumentieren, wäre ein eigenes Programm wert. Im aktuellen Chorprojekt kommen eher Interpretinnen und Diven zu Wort oder Ton wie Margo Lion, Marlene Dietrich oder Claire Waldoff, die auch als Texterin in Erscheinung trat. In den Ansagen werden übrigens auch noch Frauen zitiert wie die Lyrikerinnen Frieda Mehler und Mascha Kaleko.
Worauf darf sich das Publikum freuen? Vielleicht kannst Du uns schon ein bisschen was verraten…
So kurz vor der Premiere kann ich gerne einiges verraten: Inhaltlich sind die beiden Programmteile sehr unterschiedlich und symbolisieren den Blick auf eine zerrissene gespaltene Gesellschaft:
Während im ersten Teil das naiv-fröhliche Lebensgefühl während eines imaginären Vergnügungs-Wochenendes in Berlin und Frankfurt beschrieben wird, werden im zweiten Teil Themen zu Technik, Bauen, Mode und Frisur, Tempo und Gesellschaft besungen. Dieser Teil ist eher reflektierend und „ernster“ als der erste, hier ist die Vorahnung des erstarkenden Nationalsozialismus zu spüren.
Trotzdem darf in diesem Programm natürlich gelacht werden: Deutliche Jazz-Anleihen ertönen beim Lied vom Vater Zille mit „Walking Bass“, der Bubikopf erlaubt sich eine Prise Swing, ein Hollaender-Klassiker erscheint als Reggae, die „Loreley“ gönnt sich ein paar Jazzakkorde und die Oma fährt auf dem Motorrad einen atemberaubenden Boogie-Woogie. Kurze und lange Beine werden ausgiebig besungen und ein verlorengegangener unverzollter Käse erscheint plötzlich wieder auf der Tafel einer dinierenden Gesellschaft…
Liebe Viola, vielen Dank für diesen Einblick und viel Spaß mit dem tollen Projekt!
Termine:
12.9. SingJorinas, Chortheater „Bubikopf-Dämmerung“, PREMIERE
Frankfurt, Bürgerhaus Bornheim, Arnsburger Straße 24, Frankfurt, 20 Uhr
13.9. SingJorinas, Chortheater „Bubikopf-Dämmerung“
Frankfurt, Bürgerhaus Bornheim, Arnsburger Straße 24, Frankfurt, 19 Uhr
Tickets: Vorverkauf 15 € | Abendkasse 17 € | ermäßigt 10 € (Schüler*innen/Studierende/ Rentner*innen), Ticketbestellung per Mail
Infos Viola Engelbrecht | Infos
Fotos: Viola Engelbrecht, Schwarz-Weiß-Foto: TT News Agency/SVT/akg-images
24.08.2026

