Sophie Trost ist eine Singer-Songwriterin aus Berlin. In ihren Liedern verarbeitet Sophie, was sie bewegt, seien es persönliche Erfahrungen oder gesellschaftspolitische Ereignisse. Die Musik der Sophie Trost Combo ist leicht und ernsthaft zugleich, tanzbar und lässt Raum für Improvisation. Die Mitglieder der Combo bereichern Sophies Lieder mit Einflüssen aus Jazz, Bossa Nova, Reggae, lateinamerikanischen Rhythmen, Pop, Chanson und vielem mehr. Mit aufrichtigem Gesang und warmen Klarinettenklängen kreiert Sophie gefühlvolle Ohrwurm-Melodien. Matijas virtuoses Gitarrenspiel sorgt für bereichernde Überraschungen. Darunter legt sich der weiche Groove von Phils Bass, den der Perkussionist Luis mit vielfältigen und subtilen Rhythmen abrundet. Im Mai 2025 hat Sophie Trost ihr Debütalbum „Into This World We Plunge“ herausgebracht. In dem titelgebenden Song geht es um die Geburt ihres dritten Kindes. Sophie Trosts Debütalbum wurde u.a. in den Sendungen „Hörbar – Musik grenzenlos“ von hr2-kultur sowie „Jazztime“ von NDR 1 Radio MV vorgestellt und ihre Musik läuft regelmäßig u.a. auf Deutschlandfunk Kultur, radio3 (rbb), SWR 2 und hr2-kultur.

 

Du bist Mutter dreier Kinder und weiter als Musikerin tätig. Warst Du mit Deinen Kindern bereits on tour? Wie ist es Euch ergangen?

Nein, ich war mit meinen Kindern bisher noch nicht auf Tour. Früher hatte ich meine Kinder öfters bei Konzerten dabei und als Babies sogar währenddessen in der Trage auf dem Rücken. Doch vor ein paar Jahren wollte meine Tochter während eines Konzerts unbedingt ab dem zweiten Lied auf meinem Schoß sitzen (nackt, da sie vorher im Planschbecken war). Schwanger mit meinem dritten Kind und Kugelbauch war das eine ganz schöne Herausforderung für mich. Seitdem spiele ich Konzerte lieber ohne meine Kinder, um mich voll und ganz auf die Musik konzentrieren zu können. Die Tatsache, dass ich Kinder habe, beeinflusst auf jeden Fall mein Booking-Verhalten und meist halte ich vor allem Ausschau nach Konzerten in unserer Umgebung, also in Berlin und Brandenburg. Denn während der Konzerte passt meistens der Opa oder unsere Nachbarin auf die Kinder auf. 

 

Haben sich Veranstaltende bereits darauf eingestellt, dass manche Musiker*innen mit Kindern anreisen?

Damit habe ich noch keine Erfahrungen.

 

Würdest Du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?

Musik ist nicht mein Haupt-/Brotjob. Ich genieße es, dass ich mich musikalisch entfalten kann und dabei nicht unter so großem finanziellen Druck stehe. Ich habe auch einen spannenden, inspirierenden „Brotjob“ im Marketing im Kulturbereich. Und ich bin sehr dankbar, dass sich das Musikmachen so gut mit der Kindererziehung vereinbaren lässt. Die Bandproben finden bei uns zu Hause statt und auch da sind unsere Kinder manchmal dabei.

 

In der Regel arbeiten Schwangere in den letzten Wochen vor der Geburt nicht mehr und gehen in den Mutterschutz. Viele Musikerinnen* können sich das gar nicht leisten oder fühlen sich so fit, dass sie weiter auf der Bühne stehen. Wie war das bei Dir?

Zum Glück bin ich nicht hauptberuflich Musikerin und bin Teilzeit im Marketing im Kulturbereich angestellt. Zwei Wochen vor der Geburt meiner Tochter habe ich noch ein Konzert gespielt, das ging sehr gut.

 

Ist der Beruf als selbstständige Musikerin manchmal auch ein Vorteil, wenn frau eine Familie gründen will?

Wenn der Partner/die Partner*in ein zuverlässiges, solides Einkommen und Verständnis fürs Musikerinnendasein hat…

 

Stichwort Kinderbetreuung: viele Kitas haben zu, wenn Musikerinnen* arbeiten, nämlich abends und am Wochenende. Wie hast Du das geregelt?

Dann passt der Opa oder unsere Nachbarin auf unsere Kinder auf. Wenn wir eine*n Babysitter*in bezahlen müssten, würde es sich bei den meist geringen Gagen finanziell nicht lohnen, Konzerte zu spielen.

 

Wo sind die kritischen Knackpunkte, wo es schwierig wird? Was braucht es, um den Spagat gut hinzukriegen? Was müsste sich verändern?

Kultur und Musik müssten mehr wertgeschätzt und besser bezahlt werden. Musiker*innen müssten auch staatlich finanziell unterstützt werden. Es muss einen Mindestlohn für die Gagen geben. Kultur (wie auch Kindererziehung) wird oft als etwas abgetan, das man nur aus Liebe tut. Aber auch Kulturschaffende und ebenso Menschen, die Kinder großziehen, müssen von etwas leben.

 

Was musstest Du an Deiner Lebens- und Arbeitsweise ändern, um alles unter einen Hut zu bekommen?

Ich hatte schon immer den Traum von einer Work-Life-Balance: Teilzeit in einem spannenden Bereich arbeiten, Kinder haben und Musik machen. Diese Vision ist bei mir Wirklichkeit geworden, dafür bin ich sehr dankbar. Das alles funktioniert aber vor allem deshalb so gut, weil der Vater meiner Kinder als Papa und im Haushalt sehr engagiert ist und als Perkussionist in meiner Band am selben Strang zieht. Meinen ältesten, inzwischen 17jährigen Sohn habe ich alleinerziehend mit 20 Jahren bekommen. Da war neben Kindererziehung und Studium wenig Zeit für anderes. Ich habe also den Vergleich. Wenn wir wollen, dass Frauen mehr in „männlich“ konnotierten Bereichen tätig sind, müssen gleichzeitig Männer mehr „weiblich“ konnotierte Bereiche übernehmen. Das wurde Jahrzehnte lang nicht ausreichend umgesetzt, weil „weiblich“ konnotierte Aufgabengebiete traditionell weniger wertgeschätzt werden. So wurde lange Care-Arbeit und Hausarbeit ja gar nicht als Arbeit angesehen (wird ja auch nicht entlohnt) und unsichtbar gemacht.

 

Wie sind Deine Pläne für die nahe Zukunft?

Ich möchte gern noch ein zweites Album herausbringen, mehr Konzerte auch außerhalb Berlins und u.a. auf Festivals spielen.

 

Gibt es Tipps & Tricks, die Du weitergeben möchtest?

Bleib an deinen Träumen dran. Gib nicht auf und arbeite kontinuierlich daran. Bleib dir treu, auch wenn dein persönliches Lebensmodell vielleicht gerade nicht dem Zeitgeist entspricht. Es lohnt sich! Deine Vision wird irgendwann Wirklichkeit!

 

Vielen Dank, liebe Sophie, für das Gespräch!

 

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Titelfoto: Camila Berrio, alle anderen Fotos: Luis Vargas

Jarita Freydank ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die mit ihrer Musik Brücken zwischen Kulturen, Zeiten und Ausdrucksformen schlägt. Ihre Arbeit ist vom Afrofuturismus inspiriert, einer Bewegung, die afrikanische Geschichte und kulturelle Identität in den Kontext einer optimistischen Zukunft stellt. In ihrer Musik vereint sie erdige Drums und elektronische Klänge – oft inspiriert von traditionellen afrikanischen Rhythmen – mit kraftvollen, mehrstimmigen Chören. Nach der Single „Vielleicht“, einer Kollaboration mit dem angolanischen Produzenten Camufingo, soll in Kürze der neue Song „UMOJA“ („Einheit“) erschienen. Damit möchte sie das von Rebecca Lolosoli gegründete Dorf Umoja in Kenia würdigen, das Frauen einen sicheren Ort ohne Genitalverstümmelung und Zwangsheirat bietet. Aktuell arbeitet sie an ihrer neuen EP „Drums, Voice & Curls“.

Nach ihrem Umzug nach Berlin arbeitete Jarita mit renommierten Künstler*innen wie Judith Holofernes, Peter Fox, Astrid North und Jaqee zusammen und etablierte sich als gefragte Musikerin, Arrangeurin und Komponistin im Theaterbereich. Ihre multidisziplinäre Herangehensweise zeigt sich in Projekten wie dem interaktiven Mitmachkonzert „Trommelversum“, das sie 2021 in Zusammenarbeit mit der Landesmusikakademie Berlin entwickelte. Neben der künstlerischen Tätigkeit gibt sie ihr Wissen in Workshops und Privatunterricht weiter und ist Jurymitglied des TJS (Treffen Junge Szene) der Berliner Festspiele. In ihrer YouTube-Serie JAMMIN’ WITH JARITA / BLURUUM SESSION bringt Jarita Musiker*innen unterschiedlichster Hintergründe zusammen, porträtiert sie in Kurzformaten und lädt sie ein, gemeinsam zu jammen. Dieses Projekt, unterstützt vom Musikfonds und dem Musicboard Berlin, steht exemplarisch für ihre Fähigkeit, musikalische Gemeinschaft zu fördern und kreative Synergien zu schaffen. 

 

Du bist Mutter eines Kindes und weiter als Musikerin tätig. Warst Du mit Deinem Kind bereits on tour? Wie ist es Euch ergangen?

Ja, ich habe eine Tochter, sie ist jetzt 1 Jahr und 8 Monate alt. Als sie 3 Monate alt war, habe ich wieder angefangen, im Theater an der Parkaue zu spielen. Mein Partner ist damals immer mitgekommen, hat in der Umkleide auf sie aufgepasst oder ist mit ihr spazieren gegangen – zu der Zeit hat sie ja auch noch viel geschlafen. Als sie etwa 6 Monate alt war, begann die Produktion eines neuen Stücks am GRIPS Theater, auch dort waren die beiden immer mit dabei. Es war für uns eine angenehme Situation, weil die Regisseurin Ellen Urhahn selbst Mutter ist und großes Verständnis für meine Situation hatte. Ich war in dieser Zeit also nicht richtig auf Tour, hatte aber das Glück, als Musikerin in einem Bereich arbeiten zu können, der mir diese Flexibilität ermöglicht.

Da ich in den Jahren zuvor viel unterwegs war, passt es für mich im Moment sehr gut, mehr im Studio und am Theater zu arbeiten. Mit der Volksbühne waren wir auch bei einem Gastspiel in Mülheim an der Ruhr. Um uns zu unterstützen, wurde mein Partner dort kurzerhand als Kinderbetreuung engagiert. Und wir haben ein Festival gespielt – auch das war sehr entspannt: Anreise mit dem Zug, schönes Hotel, und tagsüber auftreten. Ich bewerbe meine Musik außerdem immer als familienfreundlich, deshalb finden meine Auftritte grundsätzlich nicht am Abend statt.

 

Haben sich Veranstaltende bereits darauf eingestellt, dass manche Musiker*innen mit Kindern anreisen?

Ja, im Theater wurde darauf viel Rücksicht genommen. Auch beim Umsonst & Draußen Festival in Würzburg hat der Veranstalter gefragt, was wir brauchen, um uns wohlzufühlen. Ich habe von Anfang an immer klar gesagt, dass meine Familie dabei sein wird. Wenn das nicht willkommen gewesen wäre, hätte ich den Auftritt einfach nicht gemacht.

 

Würdest Du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?

Ich bin ganz langsam wieder eingestiegen und hatte zum Glück sehr gute Arbeitsumstände. Am Anfang war ich zum Beispiel nur für eine Stunde auf der Bühne und danach direkt wieder bei meiner Tochter. Klar, manchmal war das auch anstrengend, aber trotzdem sehe ich es als großes Privileg, als Musikerin arbeiten zu können.

 

In der Regel arbeiten Schwangere in den letzten Wochen vor der Geburt nicht mehr und gehen in den Mutterschutz. Viele Musikerinnen* können sich das gar nicht leisten oder fühlen sich so fit, dass sie weiter auf der Bühne stehen. Wie war das bei Dir?

Bis zum Mutterschutz hatte ich noch ein paar Theaterauftritte, und direkt danach ging es auch schon wieder weiter. Zum Glück habe ich mich die ganze Zeit ziemlich fit gefühlt und wäre auch gern weiter aufgetreten. Aber versicherungstechnisch ist es dem Theater gar nicht erlaubt, dass Schwangere während des Mutterschutzes auf der Bühne stehen. Im Nachhinein war es aber auch schön, einfach mal nichts machen zu „müssen“. Ich habe die Zeit genutzt, um viel im Studio zu sein, zu komponieren und mich in Sachen Musikproduktion weiterzubilden.

 

Konntest Du Deine Projekte so planen, dass Du beruhigt eine Auszeit nehmen konntest? Und wie hast Du das finanziell hinbekommen, Du bekommst ja wahrscheinlich kein Gehalt?

Ja! Wie gesagt, habe ich in dieser Zeit vor allem im Studio an meiner eigenen Musik sowie an Kompositionen für Theater- und Tanzproduktionen gearbeitet. Während der letzten Monate meiner Schwangerschaft habe ich meine Schüler komplett an eine Kollegin abgegeben, weil ich gespürt habe, dass ich eine Pause davon brauche. Meine Einnahmen kamen in dieser Zeit aus Shows, Produktionen und GEMA-Zahlungen. Außerdem haben wir in Deutschland das große Glück, finanzielle Unterstützung vom Staat zu erhalten – ich habe unter anderem Elterngeld und Mutterschaftsgeld bekommen. Dafür bin ich wirklich sehr dankbar!

 

Ist der Beruf als selbstständige Musikerin manchmal auch ein Vorteil, wenn frau eine Familie gründen will?

Eigentlich dachte ich immer, dass es kaum vereinbar ist, als Musikerin Mutter zu sein. Inzwischen denke ich ganz anders darüber. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, mit Musik seinen Lebensunterhalt zu verdienen – im Studio, durch Kompositionen, Workshops oder Online-Unterricht. Da ich neben dem Theater alle Projekte selbst anleite und meine Zeit frei gestalten kann, passt sich mein Berufsleben gut an die Bedürfnisse meiner Tochter an. Und ganz nebenbei bekommt sie ihre eigene musikalische Früherziehung – und trifft durch meinen Beruf viele spannende Menschen. 🙂

 


„Man muss nicht zwangsläufig auf der Bühne stehen, um Musikerin zu sein“.


 

Stichwort Kinderbetreuung: viele Kitas haben zu, wenn Musikerinnen* arbeiten, nämlich abends und am Wochenende. Wie hast Du das geregelt?

Meine Tochter ist noch nicht in der Kita. Wie schon gesagt, arbeite ich meistens tagsüber und kann sie oft einfach mitnehmen – sei es zu Workshops oder ins Studio. Sie war schon bei vielen Sessions dabei. Ich habe das große Glück, dass ihr Vater sich ebenfalls viel um sie kümmert. Wir arbeiten übrigens auch oft zusammen, da er sowohl fotografiert als auch musikalisch tätig ist. Außerdem hilft meine Schwester gerne mal aus, genauso wie die Patentante meiner Tochter oder eine gute Freundin.

 

Wo sind die kritischen Knackpunkte, wo es schwierig wird? Was braucht es, um den Spagat gut hinzukriegen? Was müsste sich verändern?

Ich finde es immer herausfordernd, wenn Dinge nicht flexibel gestaltet sind. Sobald ich mit meiner Tochter zu einem festen Termin pünktlich sein muss, bedeutet das für mich eine Menge Planung im Voraus. Für mich funktioniert es einfach besser, wenn Zeit – und auch die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite – flexibel bleiben.

 


„Außerdem bin ich der Meinung, dass Kinder viel öfter einfach mit dabei sein sollten. Das würde der Musikszene guttun, weil sich dann alle automatisch ein bisschen bewusster und respektvoller verhalten“.


 

Was musstest Du an Deiner Lebens- und Arbeitsweise ändern, um alles unter einen Hut zu bekommen?

Entspannter sein was die Karriere angeht und lernen, noch besser meine Bedürfnisse zu kommunizieren. Mir ist bewusst geworden, dass mein Wohlbefinden oberste Priorität hat, weil ich nur so die Power habe, mich gelassen und mit voller Aufmerksamkeit um meine Tochter zu kümmern.

 

Wie sind Deine Pläne für die nahe Zukunft?

In den letzten Jahren habe ich viele Songs geschrieben und produziert, die jetzt endlich fertiggestellt werden wollen. Aus meiner YouTube-Serie JAMMIN WITH JARITA entsteht gerade ein Album. Mein Mitmachkonzert für Kinder TROMMELVERSUM wächst und entwickelt sich immer weiter – nächstes Jahr möchte ich es noch öfter aufführen.

Zusammen mit meiner Freundin Doriane Mbenoun habe ich außerdem ein wunderbares Workshopkonzept zu Rhythmus, Stimme und Tanz entwickelt, mit dem wir bald viel unterwegs sein werden.

Und dann ist da noch mein Wunsch, eine Solo-EP aufzunehmen… Ideen habe ich jedenfalls mehr als genug!

 

Gibt es Tipps & Tricks, die Du weitergeben möchtest?

Natürlich sind Lebensrealitäten sehr unterschiedlich. Aber ich glaube, dass ehrliche Kommunikation – mit anderen und mit sich selbst – der Schlüssel ist. Für mich ist es wichtig, sich auch mal Ruhe zu erlauben, die Liebe des eigenen Kindes ganz bewusst zu genießen, offen für neue Wege zu bleiben und die kleinen Dinge im Leben wertzuschätzen. Und nicht zuletzt: sich immer wieder daran zu erinnern, welche Privilegien man hat.

Vielen Dank, liebe Jarita, für das Gespräch!

 

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Titelbild: Jim Kroft, Foto 1 + 2: Idris Kabotwa, Foto 3: Christian Mentzel, Foto 4: Akín Tarso Jr

Mariella ist seit über 10 Jahren freiberufliche Musikerin, Songwriterin und Mutter von zwei Kindern. Vor der Pandemie und der Geburt ihres ersten Kindes war sie als Live-Musikerin, Violinpädagogin, Studiomusikerin und Arrangeurin tätig, seit 2020 hat sie ihr Berufsfeld stark eingegrenzt und den größten Teil der Care-Arbeit übernommen. In ihrer wenigen freien Zeit legt sie den Fokus auf ihr Soloprojekt ELLA FALL. Abends wenn die Kinder schlafen, wird sie aktiv, schreibt und produziert ihre Songs oder übt schlichtweg Violine. Außerdem ist sie weiterhin im Hintergrund der Klangkantine Studios in Darmstadt tätig, die sie mit ihrem Mann zusammen führt.

Aktuell ist Mariella noch in Elternzeit, plant aber bereits ihren Wiedereinstieg auf die Live-Bühne – eine Herausforderung, nicht zuletzt wegen fehlender Betreuung im nahen Umfeld. Ihr Antrieb: die Sichtbarkeit von Musikerinnen und Müttern, der Austausch mit anderen Music Moms und der Wunsch, nicht länger allein zwischen Kunst und Care-Arbeit zu stehen.

 

Du bist Mutter zweier Kinder und weiter als Musikerin tätig. Warst Du mit Deinen Kindern bereits on tour? Wie ist es Euch ergangen?

Ich bin mittlerweile Mama von zwei Kindern. Bei meinem ersten Kind kamen mehrere Faktoren zusammen, warum mein Wiedereinstieg holpriger war als geplant war. Zum einen die Pandemie, zum anderen eine Geburt, an der ich sehr lange zu knabbern hatte und die Betreuungssituation. Aber mir war es auf jeden Fall wichtig, das erste Jahr für mein Kind da zu sein. Sobald es dann Abend war und das Kind geschlafen hat, habe ich mich in mein Musikzimmer zurückgezogen und Songs geschrieben, gesungen und Geige geübt. Immerhin konnte ich regional den einen oder anderen Gig nach eineinhalb Jahren spielen, wenn es die Betreuungssituation zuließ. Gigs, an denen ich mehrere Tage am Stück unterwegs gewesen wäre, hatte ich vorerst für mich ausgeschlossen.

 

Haben sich Veranstaltende bereits darauf eingestellt, dass manche Musiker*innen mit Kindern anreisen?

Bei den „Brotjobgigs“ bin ich des Öfteren auf sehr traditionelle Strukturen gestoßen. Zum Beispiel habe ich, bevor ich Mutter wurde, mehrmals für die TU Darmstadt bei Preisverleihungen das Programm mit Musik untermalt. Bei meinem letzten Auftrag wollte ich mein Baby mit Begleitperson mitbringen, denn wir waren noch nie getrennt und ich wollte es nicht plötzlich fünf Stunden bei jemanden „parken“. Ich hatte mir schon einen guten Plan ausgedacht, wie es hätte klappen können, als mir gesagt wurde, dass ich mich entscheiden müsse: Ich könnte den Gig spielen, wenn ich alleine komme, ansonsten müssten sie mir absagen. Ich habe mich für mein Kind entschieden und den Gig abgesagt. Bei den kleineren Clubgigs oder Festivals mit meinem Künstlerprojekt ELLA FALL war es kein Problem, dass das Kind Backstage mitkonnte. Und dadurch, dass ich ohnehin erstmal nur regional auftrat und nach dem Gig wieder heimfahren konnte, erübrigten sich Mehrkosten wie Übernachtungen für mehrere Personen durch den Veranstalter.

 

Würdest Du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?

Dass ich mir bewusst die Zeit gegeben habe, als Mutter anzukommen, meinen Platz zu finden und mein Kind in Ruhe kennenzulernen, war sehr wichtig für meine mentale Gesundheit. Da ich die erste Geburt schlecht weggesteckt habe, brauchte ich schlichtweg die Zeit zur Regeneration – die physischen als auch die mentalen Narben mussten erstmal heilen. Ich betrachte es als Luxus, dass ich mir das rausgenommen habe. Bei meinem zweiten Kind habe ich mir auch ein Jahr Elternzeit genommen, nur dass mein erstes Konzert schon früher sein wird, worauf ich mich sehr freue.

 

In der Regel arbeiten Schwangere in den letzten Wochen vor der Geburt nicht mehr und gehen in den Mutterschutz. Viele Musikerinnen* können sich das gar nicht leisten oder fühlen sich so fit, dass sie weiter auf der Bühne stehen. Wie war das bei Dir?

Bei meinem ersten Kind waren noch Gigs bis weit in den Mutterschutz geplant, aber durch Corona war ich Monate vorher schon alle meine Jobs und Gigs los. Ich habe dann von meinen Rücklagen gelebt, bis ich offiziell in den Mutterschutz ging. Beim zweiten Kind waren aus gesundheitlichen Gründen keine Konzerte kurz vorher mehr geplant. Da mein Mann und ich ein Tonstudio führen, war dort noch genug bis vor der Geburt zu erledigen, sodass ich bei beiden Kindern bis zwei Wochen vor ET gearbeitet habe.

 

Konntest Du Deine Projekte so planen, dass Du beruhigt eine Auszeit nehmen konntest? Und wie hast Du das finanziell hinbekommen, Du bekommst ja wahrscheinlich kein Gehalt?

Bei meinem ersten Kind ist mir das nicht gut gelungen und so wollte ich es beim zweiten besser machen. Zum Beispiel habe ich bei meinem Soloprojekt „Ella Fall“ viel vorgearbeitet und meine Parts für die Aufnahmen abgeschlossen, sodass ich während der Elternzeit Musik zum Veröffentlichen habe. Aber wie schon beschrieben, ist es ein laufender Prozess und abends ist meine Zeit zum Produzieren und Musizieren.

Während der Elternzeit haben wir Elterngeld erhalten. Danach haben mein Mann und ich uns hingesetzt und abgewogen, wie es für uns finanziell leichter ist. Wegen Corona war ich sowieso erstmal arbeitslos; als die Regelungen sich lockerten, kamen auch wieder Anfragen rein, aber erstmal bei weitem nicht mehr so viele wie vor Corona. Ich hätte uns damit nicht ernähren können. Da wir mit dem Unternehmen neben Musik noch weitere Dienstleistungen abdecken (während der Pandemie waren Hörbücher, Hörspiele und Podcasts sehr gefragt), konnten wir als kleine Familie gut davon leben. Ich hatte on top noch die Gigs, die mit unserem Betreuungsmodell zu vereinbaren waren und auf die ich Lust hatte.

 

Ist der Beruf als selbstständige Musikerin manchmal auch ein Vorteil, wenn frau eine Familie gründen will?

Im Grunde vielleicht schon, weil man viel Gestaltungsfreiheit hat. Setzt voraus, dass die Schwangerschaften und Geburten auch reibungslos ablaufen. Bei mir war nichts planbar, ich habe die Kinder genommen, die ich wortwörtlich „kriegen“ konnte. Ich hatte viele Schwangerschaften, die frühzeitig zu Ende gingen. Das war sowohl eine psychische als auch eine körperliche Belastung. Das ist aber eher die Ausnahme, von daher denke ich, dass man generell als Selbstständige durchaus Vorteile in der Planung hat.

 

Stichwort Kinderbetreuung: viele Kitas haben zu, wenn Musikerinnen* arbeiten, nämlich abends und am Wochenende. Wie hast Du das geregelt?

Aktuell bin ich noch in Elternzeit, was bedeutet, dass ich nur arbeiten kann, wenn die Kinder schlafen. Wenn ich Violine übe, Songs oder Arrangements schreibe usw., dann mache ich das abends/nachts im Musikzimmer – das Babyphone neben mir. Bei Gigs am Wochenende oder Abend war entweder mein Mann mit Kind dabei oder sie blieben zu Hause. Da mein Mann aber selbst viel arbeitet und spät abends heimkommt, sprang die Oma auch mal ein, was eine große Hilfe ist. Und wenn es nicht anders ging und ich niemanden zur Betreuung gefunden habe, habe ich Gigs auch abgesagt. Auch gebe ich nachmittags keinen Violinunterricht mehr, da ich dann mit den Kindern bin. Aufnahmen als Studiomusikerin versuche ich vormittags unterzukriegen, wenn das große Kind im Kindergarten ist. Das Kleine kommt mit einer zweiten Person mit ins Studio. Das muss dann auch gut geplant werden.

 

Wo sind die kritischen Knackpunkte, wo es schwierig wird? Was braucht es, um den Spagat gut hinzukriegen? Was müsste sich verändern?

Kritisch wird es, wenn jemand krank wird. Egal ob‘s die Kinder, mein Mann oder die Oma ist. Da gibt’s dann keinen Plan B. Neuerdings habe ich noch eine weitere Person gefunden, die gelegentlich zum Babysitten kommt. Das entspannt mich zu wissen, dass ggf. noch jemanden fragen kann, der einspringt, wenn‘s eng wird. Das muss ich dann aber finanziell gut abwägen. Die Versorgung für unser großes Kind an einer öffentlichen Betreuungseinrichtung ist zwar gegeben, aber wegen Personalmangels in der Kita nicht so lange und flexibel wie eigentlich angedacht und vereinbart. Zudem fühlt sich unser Kind dort nicht immer wohl aufgrund der Überlastung– was mich dazu veranlasst, ihn ab und zu früher abzuholen oder zuhause zu lassen. Generell sollte der Beruf der Erzieher*innen mehr gewürdigt werden, sodass auch der Anreiz besteht, den Beruf auszuüben. Ich sehe, was die Erzieher*innen leisten müssen. Das steht in keinem Verhältnis zu der Bezahlung.

 


„Es ist schön zu sehen, dass der Trend zu Konzerten am Nachmittag oder familienfreundliche Festivals zunimmt. Das dürfte für die Backstage Moms gerne mehr werden“.


 

Was musstest Du an Deiner Lebens- und Arbeitsweise ändern, um alles unter einen Hut zu bekommen?

Ich musste mich erstmal sehr daran gewöhnen, dass sich mein Leben komplett ändert. Früher habe ich am Tag 10-12 Stunden gearbeitet. Jetzt ist nur noch der Abend zum Arbeiten da. Zum einen musste ich Prioritäten setzen. Alles konnte ich nicht mehr machen und habe z.B. aufgehört zu unterrichten. Auch habe ich Jobs nicht mehr angenommen, die weniger gut vergütet waren. Das hat auch was damit zu tun, dass man sich bewusst wird, dass man nur begrenzt Energie hat. Und die Energie, die man besitzt, sollte man auch nur effizient verwenden. Als Selbstständige muss man sich ohnehin strukturieren und mit Kindern nochmal mehr. Vieles plane ich nun weiter im Voraus, oder plane auch mehr Zeit ein. Ich habe mich mehr oder weniger daran gewöhnt, dass ich vorübergehend nicht mehr so spontan sein kann.

 

Wie sind Deine Pläne für die nahe Zukunft?

Auf lange Sicht möchte ich gerne wieder live spielen und arbeite darauf hin. Allerdings nicht mehr in dem Ausmaß, wie ich es in der Zeit vor meinen Kindern gemacht habe, sondern so, dass es mir und meinen Kindern gut damit geht. Bis dahin lege ich mein Augenmerk auf die offenen Produktionen und Kollaborationen, die ich dieses Jahr noch abschließen und zeitnah veröffentlichen möchte. Zudem habe ich begonnen, mir mit einem Kollegen ein kleines Akustikset meiner Songs zusammenzustellen und zu proben. Das ist ziemlich viel, wie ich finde, nach einem 12-Stunden Tag voller Care-Arbeit. Am 25.7. erfolgt der Release von „Bloom“, eine Kollaboration mit meinem Kollegen fÄst, worauf ich mich sehr freue.

 

Gibt es Tipps & Tricks, die Du weitergeben möchtest?

Ich hatte am Anfang meiner Mutterschaft sehr Bedenken, dass ich nun als Künstlerin nicht mehr „da“ bin (eine Art Identitätskrise) und nicht mehr so wahrgenommen werde, dass ich „draußen“ bin. Und ja, das bin ich auch, und ich habe lange gebraucht um mir einzugestehen, dass dies auch etwas Schönes ist: Schließlich habe ich zwei gesunde absolute Wunschkinder nach vielen Höhen und Tiefen und bin sehr glücklich darüber – und in dem ganzen Diskurs über Vereinbarkeit von Frauen mit Mutterschaft und Berufstätigkeit geht oft unter, dass eine Mutter zu sein (neben der krassen Arbeitslast) auch eine zauberhafte Zeit sein kann.

 


„Elternschaft und Care-Arbeit sind absolut wichtig, ich finde ihr gehört mehr gesellschaftlich Wertschätzung entgegengebracht und auch unsere volle Aufmerksamkeit, da wir im wahrsten Sinne die Zukunft gestalten“.


 

Wir als Familie und insbesondere ich habe mich bewusst dazu entschlossen, dieser Aufgabe mit Zeit und voller Aufmerksamkeit nachgehen zu wollen. Da unser Unternehmen uns gut ernähren konnte und man als freiberufliche Künstlerin finanziell deutlich unsicherer aufgestellt ist (und oft schlecht verdient) ist hauptsächlich der Grund, warum ich mich entschlossen habe, den Großteil der Care-Arbeit zu leisten. Alles andere hätte dazu geführt, dass wir beide weniger Zeit als Familie verbringen können.

Was ich damit sagen möchte: Ich habe mir anfangs selbst viel Stress gemacht, dass ich alles gleichzeitig machen muss: Die Mutter zu sein, die ich sein möchte und gleichzeitig meinen Weg als eigenständige Künstlerin zu gehen. Natürlich war da auch ein Teil (und ist manchmal immer noch) in mir traurig und voller Sehnsucht. Mittlerweile kann ich aber sagen: Es ist ein Luxus, zeitweise „Backstage-Musikerin“ zu sein und nicht selbst im Rampenlicht stehen zu müssen, sondern die Zeit mit meinen Kindern verbringen zu dürfen. Ich bin dankbar, dass es im Hintergrund mit ELLA FALL weiter geht, ich den Luxus habe, ein professionelles Tonstudio zu haben, um meine Lieder aufnehmen zu können. Ich bin nämlich sehr gerne Studiomusikerin und treffe mich dort regelmäßig mit meinen Musikerkollegen. Das gibt mir das nötige Durchhaltevermögen. Es klingt abgedroschen, aber es ist wahr: Diese Zeit, wenn die Kinder so klein sind, kommt nicht wieder, sie ist schnell vorbei. Doch wieder mehr Zeit auf Bühnen verbringen zu dürfen, kommt sicherlich wieder – und man ist nicht „gescheitert“, wenn man ein paar Jahre andere Prioritäten gesetzt hat! Und irgendwann werde ich all die gesammelten Werken aus dieser Zeit live spielen.

 

Vielen Dank, liebe Mariella, für das Gespräch!

 

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Fotos: Hey Frau Anika