Kersty und Sandra Grether erlauben sich Subjektivität: Die beiden sind im deutschsprachigen Popbetrieb regelrechte Legenden – als Teenager gründeten die Zwillinge ein eigenes Fanzine („Straight“), schrieben wenig später für Spex, Intro und andere Magazine. Kersty Grether verfasste überdies mehrere Romane, Sandra gründete mit Parole Trixi die erste und vermutlich einzige Riot Grrrl-Band Deutschlands, gemeinsam gaben die Grethers einen Band über Madonna heraus und gelten als Begründerinnen des Pop-Feminismus.
Dementsprechend ist „Rebel Queens“ Musikerinnen gewidmet, die sich unangepasst, revolutionär oder wegweisend verhalten haben. Kersty und Sandra versammeln rebellisch-königliche Künstlerinnen aus allen denkbaren Sparten von Rock, Punk, Mainstreampop und HipHop, die Kategorisierung verläuft chronologisch und beginnt bereits in den 1940er Jahren mit der Frage, wer eigentlich den Rock’n’Roll erfunden hat: Sister Rosetta Tharpe natürlich! Mit glühender Begeisterung und ihrem hieb- und stichfestem Popkulturwissen schreiben die Grethers im Wechsel – im Anhang ist aufgeschlüsselt, welcher Text von wem stammt – lebendige Essays und Porträts, in denen sie sich oftmals auf sich selbst bzw. von ihnen geführte Interviews beziehen, beispielsweise im Artikel über The Breeders. Ein nachvollziehbares und legitimes Vorgehen, vor allem wenn man schon mit so vielen Musikerinnen gesprochen hat wie Kersty und Sandra. Ihr Fantum merkt man vielen Texten an, z.B. in der Lobrede auf Courtney Love bei gleichzeitiger Kritik an P.J. Harvey, die in den mittleren Neunziger Jahren vielen als „die Gute“ galt, während Love geschmäht und beleidigt wurde wie dereinst Yoko Ono (die auch im Buch vorkommt).
Die Herangehensweise der Grethers wird nicht allen gefallen – und genau das ist das Tolle an „Rebel Queens“: Man kann sich förmlich ausmalen, wie die Subjektivität der Autorinnen, ihr Selbst-Verstricktsein in Popphänomene, die Bedeutung von Musik fürs eigene Leben, der Kampf um Deutungshoheit und der Mut, vermeintlich unantastbare Held*innen vom Thron zu stoßen leidenschaftliche Debatten anregen wird. Vielleicht auch manchen Streit, auf jeden Fall aber die intensive Beschäftigung mit den Künstler*innen, und gewiss auch manche Neu-Einordnung – weit mehr, als andere Bücher über Pop bewirken.
395 Seiten – 25 farbige Abbildungen, 24 schwarz-weiß Abbildungen, ISBN: 978-3-15-011506-0
Das Buch ist im Reclam-Verlag erschienen und kostet 28,-€ (E-Book 4,99€).


Diese und Hunderte weiterer musikalischer wie auch sozio-politischer Informationen finden wir in dem fast 300-seitigen Buch der promovierten Historikerin, Politikwissenschaftlerin und Bluesmusikerin Haide Manns. Zunächst spürt sie den Anfängen des Blues Mitte des 19. Jhdts. nach. „Field Hollers“ der Plantagenarbeiter*innen oder „Worksongs“ der aneinander geketteten Gefangenen wurden vermischt mit Kirchenliedern der europäischen Einwanderer: Vor Einführung der Rassentrennung besuchten Sklavenhalter und Sklaven noch die gleichen Gottesdienste (Foto rechts: Alan Lomax, South Carolina 1934) .
Nun folgen die Lebens- und Schaffensgeschichten unzähliger Bluesmusikerinnen. Bessie Smith (Foto links: Carl van Vechten), Ma Rainey oder Memphis Minnie dürften ein Begriff sein; die meisten jedoch sind hierzulande wohl nur ausgewiesenen Kenner(inne)n bekannt. Aber auch ihre Geschichten sind äußerst spannend zu lesen. Am besten, man googelt die Betreffende und genießt gleich mal eine Hörprobe. Die Lebensläufe sind immer eingebaut in die US-amerikanische Geschichte – bis heute -, hatten doch Prohibition (viele private kleine Auftrittsmöglichkeiten!) oder die Große Depression (viele Musiker*innen gehen zurück in den Süden) enormen Einfluss auf die afroamerikanische Musikszene. Wie der Blues erst in der schwarzen Mittelschicht, in den 1950er Jahren dann in der weißen US-Hörerschaft und ab ca. 1960 in Europa populär wurde, was vielen bejahrten Blues Ladys eine späte Karriere ermöglichte, all das erfahren wir ausführlich.
Doch der Reihe nach: Völlig entspannt, fröhlich und freundlich betritt sie die Bühne mit ihren „Jungs“, kurze Ansage und Verbeugung, und los gehts mit einer fetzigen Rocknummer, wo sie gleich mal die Slide Guitar-Künste offenbart, für die sie bekannt ist. Nach der nächsten Nummer, hard & heavy, gibt’s eine Ansage auf Deutsch, und spätestens da hat sie die Leute. Erst mal die älteren Songs – recht hat sie; vom Bekannten zum Unbekannten. Alles klingt rauer und härter als von den Studioaufnahmen gewohnt. Aber ihr sehr melodiöses Songwriting und die guten Backing Vocals-Qualitäten der Band lassen auch die zarter Besaiteten im Publikum das Konzert genießen. Und ein Hochgenuss ist es: Die hübsche Erja ist eine sehr gute Sängerin – sie croont, flüstert, jauchzt, schreit, aber alles so locker und flockig, dass es wirkt, als sei ihr das alles gerade mal so spontan eingefallen. Und die Gitarre: Auch da gibt es nur Daumen nach oben! Gerade, als ich so vor mich hin sinniere, ob es wohl sowas wie eine „typisch weibliche Gitarre“ gibt, kommt „Slowly Burning“ vom „Stolen Hearts“-Album. Eine langsame Blues-Ballade mit tollem, expressiven Gesang. Und dann das Solo: keine Note ist willkürlich gespielt, in jeden Ton scheint sie hineinzuschlüpfen, erzählt so die Geschichte in Gefühlen, ein ganzes Leben in einem Gitarrensolo. Gänsehaut – zum Heulen schön – ganz großes Kino!
„Selbstgestaltung“ nimmt in Bartels‘ Dissertationsschrift einen wichtigen Platz ein. Kann man musisch-künstlerischen Aktivitäten einen Wert zusprechen, der der Selbst- und Sozialkompetenz zugute kommt? Wie kann anhand Musikunterricht – egal, ob in der Schulklasse oder im Instrumentalunterricht – so gearbeitet werden, dass die Schüler*innen bestmöglich und ideal gefördert werden? Wie können musikalische Praxen zu einem „guten Leben“ beitragen? Sehr versöhnlich endet Bartels‘ Fazit, indem sie Hannah Arendt zitiert und den verantwortlichen Musiklehrer*innen eine Last von den Schultern nimmt. Vergessen und verzeihen gehörten zum Prozess des Musik Erlernens dazu. Sie ermutige alle Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen, im Leben selbst zu handeln und in die eigenen, aber auch prinzipiell in die Fähigkeiten der anderen zu vertrauen. In diesem Umfeld könnten sich Heranwachsende selbst im Handeln üben.