Zum Hintergrund

Gendergerechtigkeit und Diversität in der Kulturszene sind in aller Munde, doch Veränderungen scheinen vor allem dort nicht in Sicht, wo es ans „Eingemachte“, an die Strukturen und die Verteilung öffentlicher Fördergelder geht. Der Frauen*anteil bei den Bigbands der ARD ist erschreckend gering, bei der NDR-Bigband (s. Foto) spielt als einzige Frau Sandra Hempel (Gitarre), beim WDR Karolina Strassmayer (Saxophon). Die SWR- sowie die hr-Bigband (s. Titelbild: Dirk Ostermeier) sind bis heute reine Männerensembles. Auch das Bundesjazzorchester führt in seiner aktuellen Besetzung neben sechs Sängerinnen lediglich eine Frau am Instrument, die Baritonsaxophonistin Charlotte Lang auf.

Ergebnisse der Umfrage

Es war zu erwarten: in der Jazzszene gibt es im Verhältnis zu den Männern wenig Frauen an den Instrumenten und nur die wenigsten scheinen sich überhaupt schon einmal bei einer Rundfunk-Bigband beworben zu haben. Dementsprechend spärlich war der Rücklauf auf unsere Umfrage; die Erfahrungen und Meinungen, die wir hier anonym wiedergeben, stammen von fünf Musikerinnen und drei Musikern. Die Aussagen sind gleichwohl wertvoll für die Diskussion des Problems, möglicherweise finden sich viele Musikerinnen* in diesen Aussagen wieder.

Gründe, warum sich die Musikerin NICHT auf die Stelle in einer Rundfunk-Bigband beworben hat:

  • zu viel Verpflichtung,
  • zu wenig Zeit für eigene Projekte,
  • Job als Big Band Musiker*in trifft nicht das, was sie tun will,
  • Anforderungen passen nicht zum eigenen Profil/Fähigkeiten,
  • Job setzt viel Erfahrung in professionellen Big Bands voraus: „Man kann sich auf so eine Stelle nicht bewerben, ohne dass man in professionellen Big Bands vorab ausgeholfen hat. Auf dem Niveau kann man nur spielen, wenn man vorher schon die Chance hatte das zu tun. Das bedeutet, dass die Bigbands das auch selbst in der Hand haben, über die Subs, dies sie einladen, wenn einer der festen Spieler fehlt. Als Gäste müssen auch mehr Frauen eingeladen werden.“
  • Unangenehme Atmosphäre in den Bands (Landesjazzorchester, Hochschul-Big Band, Bundesjazzorchester): „… ständig dumme Witze, Sexismus überall. Ich habe das damals nicht gemerkt, aber im Nachhinein empfinde ich das als unglaublich, was sich da Professoren und Dozenten geleistet haben, ohne dass irgendjemand mal etwas dazu gesagt hat.“
  • Starkes Konkurrenzdenken/Wettbewerb: „der Druck ist sehr groß, alle sind mit ausgefahrenen Ellenbogen unterwegs. Das war mir einfach zuviel irgendwann. Ich mochte diese Art des Musikmachens nicht.“
  • Man steht zu sehr unter Beobachtung: „Als einzige Frau steht man immer im Fokus und ist einem besonderen Druck ausgesetzt.“
  • zu langweilig für mein Instrument (Schlagzeug).

Gründe, warum die Musikerin die Stelle nicht bekommen hat:

  • die anderen Bewerber waren besser, die Konkurrenz war zu stark,
  • Job ist höchst anspruchsvoll und sehr speziell, den nur sehr wenige Jazzmusiker*innen gut ausfüllen können: „Viele dieser Musiker kommen aus den Landesjugend-Bigbands und haben quasi ihre gesamte Jugend darauf verwendet, verteufelt gut Bigband zu spielen. Ich glaube: Wenn es mehr junge Frauen gäbe, die das genauso besessen betreiben würden, wie es einige junge Männer tun, gäbe es mehr Frauen in den Big Bands“.

Was müsste sich ändern?

  • Big Bands sollten mehr Frauen* die Chance geben, als Sub oder Gastmusikerin zu spielen

 

Was ist zu tun?

So viel zu den O-Tönen unserer wirklich kleinen Umfrage. Dass sich so wenige Frauen* bei den Bigbands bewerben, liegt sicherlich zum einen daran, dass es im Vergleich zu den Männern wenige Instrumentalistinnen gibt. Noch dazu scheint der Job in einer Rundfunk-Big Band nicht zu dem zu passen, was sich Jazzmusikerinnen* für ihre musikalische Karriere vorstellen. An welchen Stellschrauben können wir drehen, wenn wir wirklich etwas verändern wollen?

Bewerbungsverfahren

Die Art des Bewerbungsverfahrens kann einer der Gründe sein, warum sich nur wenige Frauen* bewerben und letztendlich genommen werden. Wichtig ist es sicherlich, sich bewusst zu machen, dass bei der Personauswahl automatisch Stereotype wirken, auch wenn man(n) guten Willens ist. Wissenschaftlerinnen der TU München konstatieren in ihrer Handreichung zu gendergerechter Personalauswahl: „… Stereotype beeinflussen unsere Erwartungen wie Menschen sind, sein sollten und nicht sein dürfen, allein auf Basis der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen. (…) Stereotype wirken auf allen Stufen der Karriereleiter: Bei der Erstellung und Wahrnehmung von Stellenausschreibungen, bei der Bewertung von schriftlichen Bewerbungsunterlagen, bei Bewerbungsgesprächen sowie bei Leistungsbeurteilungen und Beförderungsentscheidungen“. Bewerberinnen würden z.B. weniger kompetent eingeschätzt, wenn sich insgesamt nur wenige Frauen für die Stelle bewerben.

Die Ausstellung „Check Your Stereotypes“ der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich im Rahmen einer Chancengleichheits-Kampagne verweist auf das Phänomen „Stereotype Threat“: Es beschreibt die Angst, ein bekanntes Stereotyp zu erfüllen, das der Gruppe zugeschrieben wird, der frau selbst angehört. Sie kann Ressourcen binden und zu Leistungseinbußen führen. Frauen erzielen, wenn sie im Vorfeld eines Mathetests darauf hingewiesen werden, dass es keinen Geschlechter-Unterschied bei Mathetests gäbe, nahezu die gleichen Testergebnisse wie die Männer. Wenn sie als Vorinformation auf einen Unterschied der Geschlechter hingewiesen werden, fallen ihre Leistungen deutlich schlechter aus.

Auf der anderen Seite kann ein sog. Geschlechtsbezogener Verzerrungseffekt („Gender Bias“) bewirken, das z.B. ein Lebenslauf unterschiedlich bewertet wird, je nachdem, ob er von einer Frau oder einem Mann stammt. Das kann Einfluss darauf nehmen, ob eine Person in einem Bewerbungsverfahren weiterkommt oder nicht. Das heißt, Stereotype können zweierlei bewirken: dass die Bigband/Auswahljury eine Bewerberin schärfer beäugt, und dass die Bewerberin ihre Leistung nicht abrufen kann.

In der Klassik hat deshalb das Vorspiel hinter dem Vorhang Einzug gehalten. Die Studie der Deutschen Jazzunion Gender.Macht.Musik hat 2016 Jazzmusiker*innen dazu befragt, welche Maßnahmen sie für sinnvoll erachten, um mehr Gleichberechtigung zu erreichen. 73% der Frauen und 59% der Männer sprachen sich darin für Blind Auditions bei der Besetzung von professionellen Ensembles wie Radioorchestern aus. Möglicherweise würden sich ja mehr Frauen* bewerben, wenn sie wüssten, dass das Vorspiel hinter dem Vorhang geschieht?

Karolina Strassmayer, die einzige Frau im WDR Bigband, macht sich in einem kurzen Interview für eine andere Vorgehensweise stark: in ihrer Bigband würden Kandidat*innen zu einer ein- oder zweiwöchigen Arbeitsphase eingeladen, damit man sich menschlich und musikalisch kennenlernen könne. Der von einer Teilnehmerin gemachte Vorschlag, Big Bands sollten mehr Frauen* die Chance geben, als Sub oder Gastmusikerin zu spielen, könnte auch dazu führen, dass sich mehr Frauen* bei einem Radioorchester bewerben. Und vielleicht kann es auch mehr als eine gleichzeitig sein? Das kürzlich gegründete Jazz Women Network kann bei der Suche nach Jazzmusikerinnen* sicher nützlich sein.

Übrigens: Immerhin 41% der in der Jazzstudie befragten Jazzmusikerinnen (und 18% der Männer) sprachen sich für Quotenregelungen bei der Besetzung von professionellen Ensembles wie Rundfunkorchestern aus. Wer Angst hat, dass eine Quote die Qualität schmälern könnte, könne beruhigt sein, heißt es in der Studie der Deutschen Jazzunion: „Dem Argument, dass Quotenregelungen im Jazz einen Einfluss auf die musikalisch-künstlerische Qualität haben, könnte man entgegenhalten, dass unter Berücksichtigung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) eine gleichwertige Qualifikation unbedingt vorausgesetzt wird, bevor Quotenregelungen in Kraft treten können“. Die oben erwähnte „Check Your Stereotypes“-Kampagne stellt fest, dass Frauenquoten dafür sorgten, dass Frauen selbstbewusster am Wettbewerb teilnehmen würden. Dort würden sich dann die besonders fähigen Frauen durchsetzen.

Gendergerechte und -sensible Nachwuchsförderung

Die Quote nützt nicht viel, wenn der Nachwuchs ausbleibt. Schaut man sich die Landesjugendjazzorchester an, das klassische Sprungbrett für kommende Bigband-Musiker*innen, so sieht es dort auch nicht viel besser aus. Nur wenige Instrumentalistinnen* – meist zwischen 2-4 – sind dort in den Bandbesetzungen zu finden. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist sicherlich die Instrumentenwahl: die Erhebung „Amateurmusizieren in Deutschland“ des Musikinformationszentrums stellt fest, dass unter den 6-15jährigen musizierenden Kindern und Jugendlichen, die ein Instrument spielen, zwar gleich viele Jungs & Mädchen sind. Bei der Instrumentenwahl zeigen sich jedoch geschlechtsspezifische Unterschiede: Gitarren wie auch elektrische Gitarren, Schlaginstrumente und digitale Musik sind bei Jungen deutlich beliebter. Umgekehrt bevorzugen Mädchen bei den Instrumenten Klavier, Blockflöte, Violine oder Querflöte. Eventuell kommt das – neben dem Fehlen von weiblichen Role Models an den typischen Bandinstrumenten – auch daher, dass viele Mädchen* in der Regel früher mit dem Instrumentenspiel beginnen als die Jungs, und somit noch mehr unter dem Einfluss der Eltern stehen. Auch hier können wieder Stereotype die Auswahl beeinflussen („Schlagzeug ist zu laut, lern doch lieber Flöte“).

Mädchen* sollten also in der Wahl ihres Instruments gestärkt und nicht bevormundet werden. Musikschulen können mit offenen Angeboten („Instrumentenkarusselle“) den Mädchen* mehr Wahlmöglichkeiten bieten, damit sie nicht zwangsläufig in der Klassikecke „landen“ und steckenbleiben. „Vieles spricht dafür, dass eine frühe Festlegung auf das Spielen nach Noten Kindern das Lernen in diesem musikalischen Bereich [dem Lernen nach Gehör] erschwert. Besonders Mädchen werden häufig einseitig durch diese Form des Lernens geprägt, und zwar bereits früher als die Jungen, da sie durchschnittlich früher mit dem Instrumentalspiel beginnen“, stellt Ilka Siedenburg in ihrer Studie „Geschlechtstypisches Musiklernen“ fest, die auf einer Umfrage unter Studierenden beruht. Die von ihr befragten Studentinnen gaben an, dass vor allem ihre Instrumentallehrerinnen ihre Vorbilder waren. Wenn die aber fehlen? Wenn weibliches* Lehrpersonal an der Musikschule die Instrumente vorstellt – falls nicht vorhanden, eine fortgeschrittene Schülerin* – bringt auch das erfahrungsgemäß mehr Mädchen* dazu, sich zum Musikunterricht anzumelden. Auch wenn Rundfunk-Bigbands auf Schultour gehen, sollten sie bedenken, dass ihr Auftritt Stereotypen festigen kann; die Besetzung sollte unbedingt angepasst werden, damit Schülerinnen* auch weibliche* Role Models am Instrument erleben können (Foto: hr-Bigband auf Schultour 2020).

Auch an den Musikhochschulen muss mit mehr Mut agiert werden. Prof. Dr. Barbara Hornberger, Professorin für Didaktik der populären Musik an der Hochschule Osnabrück, erklärt in einem MELODIVA-Interview: „Aber wenn wir einen Lehrauftrag neu ausschreiben, versuchen wir erstens, Ausschreibungen sprachlich und inhaltlich so zu gestalten, dass Frauen sich eher angesprochen fühlen können – z.B. indem neben künstlerischer Exzellenz auch Teamfähigkeit gefragt ist. Und dann suchen wir Frauen, die wir gezielt zur Bewerbung auffordern. Dabei bitten wir auch unsere männlichen Kollegen um entsprechende Namen und Kontakte. Die kennen sich in ihren Fächern ja gut aus und viele von ihnen fördern Frauen sehr gern. Wenn sich dann Frauen bewerben, müssen sie sich natürlich im Verfahren durchsetzen, genau wie Männer auch, und natürlich kann es sein, dass dann dennoch ein Mann den Lehrauftrag bekommt. Aber oft bekommt ihn eben auch eine Frau, die man sonst gar nicht im Verfahren gehabt hätte. Wenn man diese Art von Diversität im Lehrpersonal haben möchte – und nicht nur Lippenbekenntnisse abgibt – muss man dafür ein bisschen mehr Aufwand betreiben. Auf diese Weise konnten wir im letzten Jahr zwei Frauen gewinnen: eine für Schlagzeug und eine für Producing“.

Aus den obigen Aussagen ist auch zu vermuten, dass sich Musikerinnen* in diesem System der öffentlich geförderten Landesjugendjazzorchester und Rundfunk-Bigbands nicht wiederfinden, gerade weil es stark wettbewerbs- und leistungsorientiert ist. Die Art des Musikmachens ist „a man’s world“, was die Regeln, Verhaltensweisen und Qualitäts-Standards angeht. Die bereits oben erwähnten Präsentation „Check Your Stereotypes“ kommt zu dem Ergebnis: „Frauen sind eher an Menschen, Lösungen für Probleme von Menschen und künstlerischen Aspekten interessiert – Männer interessieren sich hingegen für technische Lösungen, Maschinen und abstrakte Themen. Frauen arbeiten lieber interdisziplinär und haben eine größere Interessensbreite. Wird dieses breite Interesse nicht angesprochen, meiden Frauen die entsprechenden Fächer“. Interessant ist auch die unterschiedliche Bewertung von Erfolg und Misserfolg: während Männer einen Erfolg mit den eigenen Fähigkeiten in Verbindung bringen, erklären Frauen ihren Erfolg mit Anstrengung, Glück oder Einfachheit. Misserfolg wird von den Männern mit mangelnder Anstrengung oder Pech begründet, Frauen erklären ihn mit mangelnder Fähigkeit. Das erklärt vielleicht, warum sich Frauen schneller entmutigen lassen und eher unterschätzen, Männer sich eher überschätzen.

Erweitert man den Diversitätsbegriff, stellt man sicherlich fest, dass in diesen Reihen auch wenige Arbeiterkinder und Menschen mit Migrationserfahrung sitzen. Vor dem Hintergrund, dass wahrscheinlich viele Musiker in den Radioorchestern bleiben, bis sie in Rente gehen, ist das wohl auch nicht gerecht zu nennen. „Diversität hebt die künstlerische Qualität“, heißt es in der Studie des Deutschen Kulturrats „Frauen in Kultur und Medien“ (2016) – wir sollten keine Angst davor haben.

Wie seht ihr das? Wir freuen uns über Feedback, eure Meinung und weitere Antworten auf unsere Umfrage. Hier kannst Du Dir die Fragen (5-10 Min.) herunterladen, Deine Antworten schickst Du am besten per Mail.

Hinweis zur gendergerechten Sprache: * das Sternchen hinter Frauen* und Mädchen* schließt Menschen ein, die sich als Frau*/Mädchen* fühlen oder genderfluid sind; bei Musiker*innen sind alle gemeint

Autorin: Mane Stelzer

Ein Anlass des Abends war es, das neue Hessen Ländernetzwerk von Music Women* Germany vorzustellen. Der Verband setzt sich seit 2019 für eine Musikkultur und -wirtschaft ein, die vielfältig, divers, digital und vernetzt gestaltet ist. Er bietet eine bundesweite Datenbank von 400 weiblich gelesenen Akteurinnen* der Musikbranche, vernetzt, unterstützt und berät kostenfrei bei der Karriereplanung und veranstaltet Tagungen, Workshops und Konzerte und betreibt viel Lobbyarbeit. Mittlerweile gibt es 16 Ländernetzwerke und seit 2023 auch eine Initiative, ein Hessen-Ländernetzwerk zu gründen. Sabrina Theisen-Steiz und Francesca Herget vom Wiesbadener Schlachthof brachten den Stein ins Rollen und bekamen die Zusage für eine Infrastukturförderung durch die Initiative Musik, um Strukturen für die Gruppe aufzubauen.

Talkrunde von li nach re: Lisa-Anna, AINIE, Jenne, Mane Stelzer (Moderation) (Foto: Tsvetelina Topalova)

Als Talkgäste von MusicHeWomen*Germany begrüßten wir die Musikerin, Produzentin und Songwriterin AINIE aus Frankfurt am Main. AINIE ist der Künstlerinnenname von Nadine Demetrio, seit 2023 ist sie Teil des Female* Producer Collectives und Mitgründerin von MusicHeWomen*Germany. Ebenfalls dabei war die Frankfurter DJ Jenne Schöning, die seit 2021 als Resident DJ und Bookerin im Frankfurter Künstler*innen-Kollektiv saasfee* aktiv ist und seit neuestem auch im Vorstand von MusicHeWomen*Germany ist. Eine weitere Perspektive kam von unserer dritten Talkgästin, der Multiinstrumentalistin, Musiklehrerin, Songwriterin und Chorleiterin Lisa-Anna von ELL. ELL ist ihr Krachpop-Duo mit dem Schlagzeuger Lennart, das beim Ladys&Ladies Label unter Vertrag ist und im Herbst das Debüt-Album veröffentlicht.

Wie kam es zu MusicHEwomen*?

Die Frankfurter DJ Jenne hatte das Fehlen eines Ländernetzwerks in Hessen schon länger verfolgt und wurde zufällig als DJ zur Gründungsveranstaltung des hessischen Ländernetzwerks in den Wiesbadener Schlachthof eingeladen. So lernte sie die Gründer-Crew kennen. „Hessen ist ziemlich hinterher deutschlandweit mit der Förderung von weiblich* gelesenen Personen. Es gibt in anderen Bundesländern schon viel, viel Weiteres, auch zum Thema Awareness. Auch wenn ich mir Frankfurts Clubszene angucke, es gibt da ein paar Pionier*innen, z.B. im FREUD Club gibt es schon von Anfang an ein Awareness-Team, aber in Berlin gibt es das sehr viel mehr. Da ist auf jeden Fall Nachholbedarf“, erzählt sie beim Talk.

Producerin AINIE ergänzt, dass sie beim Reeperbahnfestival auf die Wiesbadenerinnen getroffen ist und danach schon die ersten gemeinsamen Calls begannen. Nach den Zielen des Hessen-Netzwerks gefragt, sagte sie: „In Frankfurt gibt es für uns eine Menge zu tun. Wir haben ja noch nicht mal ein Popbüro oder irgendwas, was Künstlerinnen allgemein fördert. (…) Auf unserer Agenda steht natürlich, dass wir FLINTA* Personen, weiblich gelesene Personen oder auch Personen, die sich jenseits des binären Systems verorten, fördern, dass sie Veranstaltungen haben, wo die Leute networken können. Wir nehmen beratende Tätigkeiten ein, wir wollen auch selbst Veranstaltungen machen wie Songwriting-Workshops oder auch Artists auftreten lassen, dass man zusammenkommen kann, dass man eine Bühne hat, eine Plattform, wo man gesehen wird, aber auch sehen kann“. Zur Zeit ist das Netzwerk noch Frankfurt- und Wiesbaden-based, aber es ist geplant, in Hessen „überall unsere kleinen Zellen“ aufzubauen.

Role Models

Für sie sei das eine ganz neue Erfahrung gewesen, andere DJs auch als Role Models zu erleben, sagt Jenne. „Ich bin nie auf die Idee gekommen, selbst DJ zu werden, weil ich nie eine weiblich gelesene Person gesehen hab, die hinter dem DJ-Pult steht. Einer meiner größten Inspirationen war Helena Hauff, das ist eine ganz tolle DJ mittlerweile, superbekannt, aber die hat genau meinen Sound gespielt, und ich war so: ‚Oh mein Gott, das ist eine Göttin, das möchte ich auch!‘ Ich konnte mich so krass mit ihr identifizieren und danach dachte ich: ‚Ich kann das ja eigentlich!‘. Dann hab ich damit erst so richtig angefangen (…) und gemerkt, Repräsentation ist einfach sehr wichtig“.

Auch Lisa-Anna (ELL) hatte vor allem Sängerinnen als Vorbilder. „Ich fand es immer schwierig, ein Vorbild zu finden, die Instrumentalistin ist. Ich hatte am Anfang Struggles mit meiner Stimme, weil ich sie selber nicht so schön fand. Dann dachte ich immer ‚Scheiße, ich würd so gern in ’ner Band sein und gern auf der Bühne stehen, aber ich kann nicht Sängerin sein, und ich kann aber dann auch nichts Anderes sein, denn das Andere sind Männer!‘ (…) Erst mit 17 dachte ich ‚ich lern jetzt einfach Bass‘ (…) und hab dann die richtige Freundin getroffen, mit der ich das dann durchgezogen habe. Aber klar, als Sängerin war Avril Lavigne ein großes Vorbild für mich und Wallis Bird auch“.

Strukturen: Räume, Awareness & Gatekeeper*innen

Ainie ist Teil des Female* Producer Collectives, auf das sich in der letzten Runde 131 Musikerinnen* beworben hatten. „Weiblich gelesene Produzentinnen sind noch sehr unterrepräsentiert. Ziel ist es, dass man diese Leute aufbaut, wenn sie noch nicht so weit sind. Dass man sie coacht. Die Leute bekommen Workshops, sie bekommen die Möglichkeit, andere Leute zu produzieren, zu networken. Man kriegt wichtige Kontakte in die Industrie, zu Sony usw. Mir persönlich hat das sehr viel gebracht, ich war supergrün hinter den Ohren, und nach dem F*PC wusste ich einfach, wie das ‚Game‘ funktioniert“. Wer einmal drin ist, kommt über das Netzwerk an Jobangebote.

Wir sprechen über Übungsspaces für DJ, die es laut Jenne früher an der Uni gab und z.B. in der Raumstation in Rödelheim immer noch gibt. Spaces für FLINTA*, in denen frau* das Auflegen gut üben kann, ohne direkt vors Publikum zu gehen. Jennes Künstler*innenkollektiv saasfee* veranstaltet im Satellit direkt am Bürgergarten und open air die Tiny Bar, zu der DJs auflegen. Leider gibt es aber viele Lärmbeschwerden gerade, weswegen das Format ausgesetzt wurde.

Jenne merkt auf jeden Fall einen Wandel seit sie 2017 angefangen hat. Seit der Pandemie gäbe es viele weiblich gelesene Personen, die angefangen hätten aufzulegen, viele neue Partykollektive und es würde mehr bemängelt, wenn irgendwo ein all male LineUp ist. „Ich hab [als DJ in der Clubszene] schon viele dumme Sprüche eingesteckt. (…) Da müssen wir einfach gucken, dass wir uns besser vernetzen.“ Wenn mal eine Frau im LineUp sei, mache sie meist das Opening, auch die Artist Care oder das Personal an der Bar im Club seien oft FLINTA* Personen. Im Booking und bei den Clubbesitzer*innen seien es dagegen fast immer männlich gelesene Personen. „Deshalb müssen wir versuchen, dass diese wichtigeren Positionen von FLINTAS besetzt werden, weil dann gibt es einen ganz anderen Umgang damit“.

Jenne sagt zum Thema Awareness & safe spaces: „Es gibt ja jetzt den Begriff von ’nem safer space, weil einen safe space kann man nie generieren. Aber man kann versuchen, dass sich Menschen wohlfühlen. Das ist eine sehr wichtige Angelegenheit, aber sehr schwer umzusetzen, weil man ja gleichzeitig auch niemanden diskriminieren will. Zum Beispiel bei einer Selektion an der Tür fängts ja irgendwie schon an. Wenn man eine queere Party machen will, dann versucht man ein gewisses Publikum zu generieren, gleichzeitig möchte man aber auch niemanden diskriminieren. Man möchte nicht assumen, was die Person für eine Einstellung oder sexuelle Orientierung hat. (…) Aber Awareness fängt vor allem von innen an, es ist wichtig, patriarchale Strukturen zu durchbrechen bei den Clubbesitzern, dass man bei sich anfängt, bevor man fünf Leute beschäftigt, die kriegen fünf Euro die Stunde und sagen ‚wir machen jetzt Awareness‘ und haben eine Schärpe um, damit ist es halt nicht getan, sondern es fängt vor allen Dingen erstmal bei Team an“.

AINIE ergänzt: „Es ist zur Zeit ein Modebegriff und alle wollen sich die Plakette auf die Stirn kleben und sagen ‚wir machen Awareness und wir haben hier ein Team‘, aber da hängt halt superviel damit zusammen und es muss funktionieren mit der Türpolitik und dass die Leute eine Art Schulung durchlaufen haben. (…) Bei Music Women* Germany sind wir bei dem Thema so verhalten, weil wir uns darüber bewusst sind, dass man sich das erst wirklich auf die Fahnen schreiben kann, wenn man sich damit eine ganze Weile auseinander gesetzt und da auch Erfahrungen gesammelt hat. Wir wollen das sehr behutsam und mit Respekt angehen“.

Stichwort Gatekeeper*innen: Nach den Meilensteinen in ihrem Werdegang gefragt, erzählt Lisa-Anna von ELL, dass entscheidend gewesen sei, dass sie während der Pandemie bei Kurt Ebelhäuser aufnehmen konnten und dass sie Johanna Bauhus vom Ladies&Ladys Label kennengelernt hätten, die sie unter Vertrag nahm und seitdem sehr unterstützt hat. Durch sie hätten sie ihren jetzigen Produzenten kennengelernt, der sie an Das Lumpenpack vermittelt hätte, mit denen sie auf einer ausgedehnten Konzerttour waren. Dadurch haben sie ihren jetzigen Booker kennengelernt, der ihre Herbst-Tour bereits gebucht hat.

Lisa-Anna und Lennart kommen eigentlich aus Lindenfels in Hessen, haben sich aber Anfang diesen Jahres für Chemnitz als Wohnort entschieden, weil sie dort „Platz für uns als Band“ hatten und es dort bezahlbaren Wohnraum gibt. Dort gibt es außerdem ein Bandbüro, das über ein Gebäude verfügt, wo viele Proberäume sind, wo es ein Studio gibt und wo eine Videofirma sitzt; auch der Verein Music X, für den sie die Kinderband betreut, ist dort.

Wie ist die Situation in Frankfurt? Hier gibt es das Problem, dass die Proberäume in den Musikbunkern nicht optimal genutzt werden, weil viele ältere Mieter*innen – meist Männer – diese Räume schon sehr lang und oftmals allein nutzen. Auch wissen viele jüngere Musiker*innen gar nicht, dass wir in Frankfurt eigentlich jede Menge Proberäume haben (fragt gern hier mal nach freien Räumen).

Welche Nachwuchsförderungen braucht es?

Lisa-Anna hat selbst auch Musik in der Schule unterrichtet und betreut jetzt eine gemischte Kinderband in Chemnitz. Sie ist überzeugt, dass die Schule geeignet ist, Kinder für Musik zu begeistern, wenn man selber davon begeistert ist. „Wenn man dafür brennt, ist es sehr einfach, die Kinder dafür zu begeistern. Gerade in der Grundschule sind die noch sehr begeisterungsfähig. Wenn es dann einen Übergang gäbe, wo die Lehrkraft die Kinder, die Bock haben und auch dafür brennen, weitervermittelt an Lehrende, die das Instrument den Kindern beibringen könnte oder wo die Kinder noch tiefer einsteigen können oder wenn es dann wirklich Angebote gäbe, die an der Schule angegliedert sind, vielleicht im Nachmittagsprogramm, wo man die Kinder direkt weiterleiten kann, das wäre ein guter Anknüpfungspunkt“. Auch unsere Erfahrungen bei den Nachwuchsworkshops decken sich mit ihrer Einschätzung: es braucht niedrigschwellige Angebote in den Schulen, wo die Kinder schon sind, damit die Hürden, sich für einen Bandworkshop anzumelden, nicht so hoch sind und um auch die Kinder mitzunehmen, die sich keinen Musikunterricht leisten können.

Fem Night Foto: Tsvetelina Topalova

Fem Night Foto: Tsvetelina Topalova

Publikumsrunde: Was ist euch wichtig?

Bei der Publikumsrunde meldete sich die Musikerin und Schauspielerin Katharina Wittenbrink aus Offenbach zum Thema Nachwuchsförderung zu Wort. Sie erzählte vom Förderprojekt „Me2You“ des Frankfurter Kulturamts, bei denen Künstler*innen verschiedener Genres (gut bezahlt) mehrere Monate lang mit Jugendlichen im Alter von 13-16 Jahren arbeiten. Katharina macht mit ihnen Musik, schreibt mit ihnen Songs und bringt ihnen die Instrumente bei, die sie lernen wollen. „Da merke ich auch, dass es noch ein riesengroßer Unterschied ist zwischen Jungen und Mädchen, was sie sich selbst zutrauen, was für ein Instrument sie lernen wollen. Und zum anderen hab ich das Gefühl, da bräuchte es eine stärkere Förderung für junge Mädchen (…) Je gemischter Bandprojekte sind, desto mehr wird es geschlechtlich stereotypisch besetzt. Je mehr Mädchen unter sich sind… ich hab durch Zufall eine komplette Mädchengruppe (…) die haben auf alles Bock“. So ein Programm müsse man speziell für junge Mädchen auflegen.

 

Weitere gute Ideen fanden sich auf unserer Leinwand wie z.B. die Forderung nach mehr Druck auf paritätische Besetzung bei Veranstalter*innen oder Radiosender mit Zeitfenstern, in denen ausschließlich FLINTA* Musik läuft, dazu mehr Workshops, Events & Stammtisch für den Austausch unter Musikerinnen*.

 

Nach dem Talk betrat die Songwriterin und Musikproduzentin Annelie Schwarz aka AUFMISCHEN die Bühne, die seit letztem Jahr ebenfalls Teil des Female* Producer Collectives ist. Sie präsentierte ihren deutschsprachigen Elektro-Art-Pop mit Rap- und Techno- Einflüssen mit viel AUFMISCHEN-Energie und nahm das Publikum charmant-ehrlich mit zu den Hintergründen ihrer Songs.

 

Foto: V. Höfele

Foto: V. Höfle

Danach kam das Krach-Pop-Duo ELL, das laut Rockband-Duden zwar personell unterbesetzt ist, sich auf der Bühne aber multipliziert und nach ganzer Band klingt. In ihren deutschsprachigen Songs geht es viel um Empowerment, safer spaces und das Spielen mit Stereotypen, vor allem aber macht ihre Musik Spaß (und eine neue Fönfrisur)!

 

Auf der Elfer-Terrasse gab es danach bei sommerlichen Temperaturen noch Zeit zum netzwerken und neue Kontakte knüpfen. Wer nicht dabei sein konnte:

Infos & Kontakt MusicHEwomen* 

Fotos: Donna Diederichs

Wir bedanken uns bei: Frauenreferat Frankfurt, Kulturamt Frankfurt, MusicHeWomen*Germany, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien der Bundesrepublik Deutschland, Initiative Musik.