Die Musikschule Vierklang ist bei unserem Frauen* Musik Büro um die Ecke, deshalb waren wir Feuer und Flamme, als uns der Schulleiter Alex Boy anbot, dass wir seine Location für Konzerte von Newcomer*innen nutzen könnten. So kam die Idee auf, neben der MOSAIK Open Stage im Winter ein neues Format für Nachwuchs-Artists in der ersten Jahreshälfte anzubieten: die MELODIVA Open Stage! Das Konzept ist das gleiche: 4-6 Acts geben in Kurzkonzerten eine Kostprobe ihrer Musik und danach laden wir alle Künstlerinnen* zu einer Session ein, bei der auch das Publikum mitmachen kann. Durch den Abend führten wieder charmant Zweti & Jasmin von der Melodita-Nachwuchsredaktion.

 

Los ging es mit einem jungen Duo aus Frankfurt: Mara und Alba treten unter dem Bandnamen m.a.d. auf und spielten ihre Lieblingssongs wie „Afraid No More“ oder „Riptide“ in ganz eigenen Versionen. Mit Ukulele, Flügel und Gitarre und zwei gefühlvollen Stimmen, die mal solo, mal mehrstimmig, mal im Wechselgesang verzauberten. Sie absolvieren gerade die Oberstufe; wir hoffen, dass sie nicht das letzte Mal bei uns waren.

 

Nach diesem gelungenen Opener ging es weiter mit Aileen To (Foto links), die in einem Blasorchester und im Frankfurter Jazzchor O-Töne singt. Sie hat lange Zeit gecovert, bis sie 2022 anfing, ihre eigenen Lieder zu schreiben, die sie unter dem Künstlernamen _discomfortzone_ präsentiert. Ihre berührenden Songs auf Deutsch handelten vom Traum zu singen und wie sie sich als „Vorzeigemigrant“ fühlt. Dabei begleitete sie sich selbst am Flügel der Musikschule.

 

Als nächstes kamen zwei Musikerinnen, die auch schon bei der letzten Open Stage als Soloartists dabei waren. Allerdings machten sie diesmal bei einem Song gemeinsame Sache: Johanna aka Schwester Jever (Foto rechts) hat sich dem Rap verschrieben und redet Klartext in ihren Tracks. Als Gastmusikerin hatte sie sich Caro eingeladen, deren souliger Gesang einen tollen Kontrast zu den Spoken Words bildete.

 

Der letzte Act vor einer kleinen Pause war Sophia Halmen (Foto links: Aida Čolović), ein FLINTA* Sapphic Pop Artist aus Aschaffenburg. Sie ist bereits auf allen Streaming-Plattformen zu finden und produziert ihre Musik selbst. Normalerweise tritt sie mit Band auf, zu uns kam sie aber allein und präsentierte mit vielen guten Vibes ihre mitreißenden Songs über Toleranz, Liebe und eine respektvolle, offene und vielfältige Gesellschaft.

 

Nach einer Pause ging es weiter mit einer Formation, die in ähnlicher Form schon beim Konzertabend im Dezember auf der Bühne stand. Die Singer-/Songwriterin Joudi (Foto rechts: Aida Čolović) aus Mainz tritt seit letztem Jahr regelmäßig mit anderen Musikerinnen auf, die sie unterstützen, ihre Songs zum Leben zu erwecken. Diesmal scharte sie mit Christine (Klarinette, Saxofon und Vocals), Verena (Gitarre), Matilda (Klavier, Vocals) und Lynette (Schlagzeug) eine charmante Band um sich, die ihre beeindruckende Stimme super zur Geltung brachte.

 

Der letzte Act waren die Lavenders (Foto links), eine All-Girl-Rockband aus Frankfurt. Amina (Gitarre) und Aida (Schlagzeug) kennen wir schon länger als Teilnehmerinnen des Jazz Girls Days 2019, als sie mit der US-Band Sheroes auf der Bühne standen. Ihr Repertoire besteht überwiegend aus Rock-Coversongs, aber bei uns haben sie ihre eigenen, bisher unveröffentlichten Songs gespielt!

 

Bei der anschließenden Session kamen dann viele der Artists des Abends mit spontanen Bühnenstürmerinnen* zusammen, um spontan ausgewählte Coversongs zu spielen und zu singen. Das Publikum sang lautstark mit – Gänsehaut! (Foto rechts: Aida Čolović)

Doch schaut selbst…

Wir bedanken uns bei allen Künstlerinnen* für ihre schönen Auftritte, Verena Höfle für den tollen Sound und bei der Musikschule Vierklang, dass wir Gast bei euch sein durften!

Titelbild: Aida Čolović (@iam_aclvc), alle Fotos ohne Angabe: Ulrike Osei-Owusu

 

Nach einer herzlichen Begrüßung und einem kurzen Rückblick auf die Geschichte von MELODIVA und des Frauen* Musik Büro folgte unmittelbar das alle miteinander verbindende – die Musik. Im Mittelpunkt standen Musiker*innen und Bands, die den Abend durch ihre Auftritte bereicherten. Der BeVocal Choir  eröffnete die Feier mit einer kraftvollen emotionalen Darbietung. Der bewegende Song „Stand Up“ von Cynthia Erivo, Teil der Filmmusik des Biopics über die ikonische Freiheitskämpferin Harriet Tubman, beeindruckte das Publikum mit seiner Botschaft von Widerstand und Stärke. Für Gänsehautmomente und einen energiegeladenen Anfang des Abends war also gesorgt.

Danach spielten Lu Vains, eine ganz neue Darmstädter Band aus unserem Netzwerk, deren Musik mal zweistimmig, mal nachdenklich, aber immer auch hoffnungsvoll in Richtung Indie-Pop und Singer-Songwriter ging. Ihre Texte behandelten Themen wie die Herausforderungen des Lebens sowie die damit verbundenen täglichen Hürden. Mit ihren Songs nahmen sie die Zuhörenden mit auf eine emotionale Reise. Eine Coverversion von Yoko Onos feministischer Hymne „Sisters, oh Sisters“ als Zugabe rundete ihren Auftritt ab.

Das Jazz Sisters Quartet mit Sängerin Juliane Schaper, Katrin Zurborg an der Gitarre, Nina Hacker am Bass und Uta Wagner am Schlagzeug gab eine gelungene Vorstellung voller Lebens- und Spielfreude. Sie präsentierten ihre eigenen Interpretationen von bekannten Film- und Popsongs. Alles, was Spaß macht wurde verjazzt oder verswingt oder beides, von Amy Winehouse über Van Halen bis hin zu Tom Waits. Auch von ihrem neuen Album „Cookin’ with the Jazz Sisters Quartet“ konnte der ein oder andere kulinarisch inspirierte Song vernommen werden.

Der Abend wurde abgeschlossen von der preisgekrönten Musikerin Fee, einer Künstlerin, die mit ihrer besonderen Stimme und tiefgründigen Texten die Zuhörer berührte. Textlich ging es unter anderem um das prekäre Leben als Musikerin oder den Alltag in Langzeitbeziehungen bzw. dem Infrage stellen dessen. Mehrfach wurde von der Musiker*innen auf der Bühne die Bedeutung von MELODIVA als Plattform betont, die Künstler*innen nicht nur eine Stimme gibt, sondern ihnen auch hilft, sich zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen. Mit allen auftretenden Künstler*innnen hat MELODIVA  in der Vergangenheit in verschiedenen Formen schon zusammen gearbeitet, im Verein bei Workshops und Konzerten. Schön, so viele talentierte und starke Frauen* und auch ein paar Männer auf der Bühne sehen und hören zu können. Es könnte geradezu der Eindruck entstehen, wir haben die Gleichberechtigung auf den Musikbühnen schon erreicht.

In einer ihrer Moderationen an diesem Abend zitiert Mane Stelzer (Foto) von MELODIVA eine Studie der Malisa-Stiftung, derzufolge der Frauenanteil auf den Festivalbühnen im Jahr 2019 gerade einmal 16 Prozent betrug. Zum Beginn des Untersuchungszeitraums im Jahr 2010 lag dieser noch bei etwa 7 Prozent. Es tut sich also was, kleine Erfolge können durchaus gefeiert werden, aber nach oben ist immer noch ein „wenig“ Luft.

Das Jubiläum von MELODIVA war nicht nur eine Feier der vergangenen 40 Jahre, sondern auch ein kraftvoller Auftakt für die nächsten Jahrzehnte, in denen sich das Büro weiterhin für die Gleichberechtigung von Frauen* und nicht-binären Menschen in der Musik einsetzen wird. Der Abend wird sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben. Es war ein Fest der Musik und der gemeinsamen Vision einer gleichberechtigten Zukunft. Ein ganz besonderer Dank soll zum Abschluss noch an die vielen Personen gerichtet werden, die sich über die Jahre für diese Anliegen eingesetzt haben und das Frauen* Musik Büro/ MELODIVA unterstützt haben!

Du konntest nicht dabei sein? Hier geht es zur Bildergalerie:

Eine Kooperation des Frauen* Musik Büros und der Romanfabrik in Frankfurt

Ihre musikalische Lebensgeschichte strotzt nur so vor Tatkraft! Dabei wurde ihr als Tochter eines Schmieds die Musik sicher nicht in die Wiege gelegt, zuerst lernte sie wie viele Kinder der 60er Jahre Flöte. Danach kamen Klavier, Rhythmus- und Jazzgitarre dazu. Erst in ihren Zwanzigern kam sie zu ihrer Lieblingsinstrumenten-Familie, der Percussion, als sie 1984 als Reiseleiterin in Marokko war. Die „Begegnung“ mit ihrer ersten Trommel muss einschneidend gewesen sein, denn noch im gleichen Jahr begann sie mit ihrer Ausbildung in afrikanischer, afro-kubanischer und brasilianischer Percussion, die sie nach Kuba und Brasilien führte. Parallel dazu begann ihre Bühnenkarriere 1984 mit der Frauen-Percussion-Band Black Magic Women. Anfang der 1990er-Jahre legte sie sich den Künstlernamen Aye Bee Groove zu und trommelte live zu House-Music von Frankfurter Szene-DJanes.

1990 gründete sie mit der Bassistin Uli Pfeifer und der Soulsängerin und Songwriterin Elke Voltz die Weltmusik-Formation Kick la Luna (Foto oben rechts: Wolfgang Schmidt Ammerbuch), die 1992 ihren ersten Auftritt hatte. Mit ihrer female Worldmusik begeisterten sie Menschen nicht nur in Europa, sondern auch den USA und Kanada und veröffentlichten neun CDs. Die Vision der Band ist eine kulturverbindende Worldmusic, die für Vielfalt und ein friedvolles Miteinander steht, Mut machen, berühren, mitreißen und aufrütteln will.

Im Jahr 1998 komponierte, arrangierte und inszenierte Anne Breick anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Frankfurter Müllabfuhr die Müllpercussion-Formation Ten on Tons. Die Mitglieder von Ten of Tons spielten zuerst nur auf Mülltonnen, später kamen dann auch Samba-Instrumente, Cajones, Congas und Djembés dazu und Ukulelen, Helikon und Sopransaxophon liefern die Melodien, kombiniert mit mehrstimmigen Ethno-Songs.

Unseren 1984 in Hamburg gegründeten Verein Frauen machen Musik e. V. holte Anne Breick als Vorstandsfrau 1989 nach Frankfurt und gründete hier das Frauen Musik Büro, das sich seitdem für die Vernetzung und Unterstützung von Musikerinnen* in der Popularmusik in Deutschland und darüberhinaus einsetzt. In diesem Kontext trat sie auch als Herausgeberin und Musikjournalistin des Frauen-Musik-Magazins Rundbrief in Aktion, eines zuerst als Informationsblatt für die Vereinsmitglieder gedachtes Magazin, das ab 1996 unter dem Titel Melodiva veröffentlicht wurde und in insgesamt 50 Printausgaben deutschlandweit in Buchläden und im Abonnement erhältlich war (alle Ausgaben sind übrigens im Archiv in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt gelistet und erhältlich). 2001 wurde die Printproduktion eingestellt und in das Online-Musikjournal MELODIVA überführt.

Damit nicht genug, gibt Anne Breick schon seit vielen Jahren ihr Wissen nicht nur in Workshops weiter. Von 2005 bis 2015 entwickelte und leitete Anne Breick die vom Hessischen Kultusministerium anerkannte zweijährige Percussion-Aus- und Weiterbildung „All around grooves“ in 4 Modulen (Afro, Latin, Brasil, Pop-Music). Seit 2006 ist sie zudem Lehrbeauftragte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) in Frankfurt am Main und ist dort zuständig für die Ausbildung von Musiklehrer*innen mit den Schwerpunkten Rhythmische Grundlagen, Latin-Percussion (Cajon/Conga), Brasil-Percussion (Samba) und Pop-Musik-Rhythmen. Von 2012 bis 2020 gab sie künstlerisch-kulturelle Percussion-Workshops für benachteiligte Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren im Rahmen des Mentoring-Programms Joblinge gAG Frankfurt-Rhein-Main, wo sie nach wie vor ehrenamtlich tätig ist.

Im Oktober 2020 wurde Anne Breick in der Frankfurter Paulskirche mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet, die damit ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Frauen Musik Büro und als ehrenamtliche Mentorin bei der Joblinge gAG würdigten.

Liebe Anne, wir gratulieren dir zu deinem tollen Bühnenjubiläum. Ohne dich gäbe es uns nicht. Dafür wollen wir dir einfach mal Danke sagen!

„Worldmusic Revue“ live mit Aye Bee Groove:

10.10. Frankfurt, Club Voltaire, 19:30 Uhr (Tickets)
02.11. Offenbach, Rebell(i)sche Studiobühne, 19:30 Uhr (Tickets)

Live mit Kick La Luna:

12.10. Darmstadt, Bessunger Knabenschule, 20 Uhr (Tickets)
01.11. Darmstadt, Frauenzentrum anlässlich des 30. Jubiläums 16 Uhr
23.11. Frankfurt, Brotfabrik, 20 Uhr (Tickets)
06.12. Offenbach, Rebell(i)sche Studiobühne, 19 Uhr

Titelbild: Marion Cieplik

Infos

Vol. 1: MELODIVA Lesung & Talk 04.05.2022 frankfurtersalon

Jazzmusikerinnen* und all female Bands waren schon immer da, aber ihre Bedeutung wurde in der Jazzgeschichtsschreibung zu wenig gewürdigt – das ist eines der Statements, mit dem die Jazzmusikerin und Musikwissenschaftlerin Dr. Monika Herzig (Hg.) aus ihrem Beitrag zum kommenden Sammelband „Jazz & Gender“ (Routledge, VÖ: Juni 22) ins Thema einführte. Sie spannte einen Bogen von den frühen all female Bands wie The International Sweethearts of Rhythm, die während des Zweiten Weltkriegs eine Blütezeit erlebten, zur Figur des Alpha Girl im Postfeminismus der 80er und 90er Jahre: Die Frau, die sich gegen Ungerechtigkeit im patriarchalischen System aussprach, wurde als altmodische Männerhasserin dargestellt, was die Macht der Zusammenarbeit von Frauen als Gruppe negierte und so systemerhaltend wirkte. Vorherrschend war die Vorstellung, die Frauen müssten einfach beweisen, dass sie besser sind und es den Männern zeigen; jede Frau würde dann ihren Platz am „Tisch“ bekommen. Erfolgreiche Jazzmusikerinnen wie Tia Fuller, Ingrid Jensen und Terri Lyne Carrington sprachen sich in Interviews von damals noch dagegen aus, das Thema Frau-Sein in der Musik zum Thema zu machen. Heute sind sie längst selbst in Sachen Gendergerechtigkeit aktiv; Carrington gründete 2018 das The Berklee Institute of Jazz and Gender Justice und Ingrid Jensen hat eine eigene all female Supergroup Artemis gegründet.

Hürden bis heute

Tokenism

Zu den Problemen, die bis heute bestehen, gehöre der sogenannte „Tokenism“: eine alibi- und symbolhafte Inklusion von unterrepräsentierten Gruppen, die echte Gleichberechtigung nicht ersetzen kann. Musikerinnen* machen immer noch die Erfahrung, dass es bei Festivals in der Vorstellung der Programmplaner*innen einen weiblichen Slot gibt, um den alle Frauen konkurrieren müssen. So wird der Wettbewerb unter den Musikerinnen* noch verstärkt und Zusammenarbeit und Solidarität werden erschwert. Häufig gibt es eine Supergroup, die auf alle Festivals eingeladen wird, anstatt eine Vielfalt von Bands mit weiblicher* Beteiligung ins Programm einzubinden.

Stereotypen

Eine weitere wichtige Ursache für die Unterrepräsentanz von Frauen im Musikbusiness sieht Herzig in den Stereotypen, die in der Gesellschaft wirken. Dazu führt sie Claude Steeles Whistling Vivaldi: How stereotypes affect us and what we can do (2011) an. Er zeigt, dass sich Leistungen je nach den Erwartungshaltungen ändern. Weibliche Probandinnen, die im Vorfeld eines Mathetests mit der Aussage konfrontiert wurden, dass Frauen nicht gut in Mathe seien, erbrachten schlechtere Leistungen aufgrund dieses negativen Stereotyps. Dieses Phänomen, auch stereotype threat genannt, führt zu Unter- oder Überperformance, nicht zu einer natürlichen Performance.

Instrumentenwahl & „Pubertätsknick“

Ähnlich wie in Deutschland gibt es in den USA laut Herzig eine hohe „Drop Out“-Rate von Mädchen an den Instrumenten: in der Middle School gibt es noch 50% Mädchen in den Bigbands, in der High School nur noch ein Drittel und im College nur sehr wenige. Zwei wichtige Ursachen dafür seien die oft gegenderte Instrumentenwahl (wie z.B. Flöte oder Geige) und die Regelung, dass das Improvisieren in der 7./8. Klasse eingeführt wird, wenn Mädchen sich in der Pubertät stark zurückziehen und eben nicht im Rampenlicht stehen und Risiken eingehen wollen. Bei diesen Chancen, das Solospiel zu üben, versteckten sich die Mädchen eher und hätten dann im Laufe der Jahre das Nachsehen. In dieser Zeit müsste man den Unterricht entsprechend danach ausrichten und z.B. safe spaces wie den „Jazz Girls Day“ anbieten sowie Methoden einbauen, die den Drop Out verhindern. Ein weitere Maßnahme könnte sein, Kinder früher ans Solospiel und die Improvisation heranzuführen, wie es eine Musikerin aus dem Publikum, die Saxofonistin Corinna Danzer empfiehlt. Sie unterrichtet Kinder bereits im Grundschulalter in Improvisation.

Jazz Girls Day in Indiana 2022

In den Staaten sei laut Herzig auch ein Problem, dass alle Jazzbigbands ihre Besten dabei haben wollten, um möglichst viele Trophäen heimzubringen. Das bringe häufig Musiker*innen nach vorn, die sich in den Vordergrund drängten. Eine „Gender In Jazz“-Studie (2019), die über 360 Musiklehrkräfte an Middle und High School Schulen in North Carolina befragte, zeigte zudem, dass Jazzmusikerinnen weniger bemerkenswertes Lob von Pädagog*innen und Kolleg*innen bekamen als ihre männlichen Mitschüler. Eventuell werden sie also weniger gefördert.

Fehlende Role Models

Ein weiteres Thema des Abends war das Fehlen von Role Models, wie es sich überall zeigt. Bis heute gibt es zum Beispiel nur eine Instrumentalprofessorin im Bereich Jazz in Deutschland, in den USA sind die Zahlen nicht viel besser. „Du musst jemanden sehen, der so aussieht wie du, damit du erkennst: ja, ich hab da einen Platz, ich kann das auch machen“, so Herzig. In diesem Kontext übernähmen die all women groups weiterhin vielfältige Funktionen: sie bieten Support und eine Gemeinschaft ohne Druck und wirken gegen gängige Stereotypen (perceptions). Mehr noch: der Anspruch des Jazz als demokratische Kunstform kann eigentlich erst verwirklicht werden, wenn alle am Schaffensprozess beteiligt werden. Herzig zitierte dazu Janiece Jaffes Ausspruch “Equality does not mean sameness” (Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass man gleich sein muss): „Ziel des Integrationsprozesses ist ein Kulturwandel, der weg von der Stereotypisierung von Instrumenten und Fähigkeiten geht und den gemeinschaftlichen Aspekt des Musizierens im Jazz statt Männlichkeits- und Konkurrenzdenken kultiviert“.

Was noch zu tun ist…

Von links: Monika Herzig, Johanna Schneider, Nina Hacker, Maria Bätzing (Moderation)

Im anschließenden Talk mit der Frankfurter Jazzbassistin und Instrumentalpädagogin Nina Hacker wurde das Thema Nachwuchsarbeit vertieft. Hacker unterrichtet an der Musikschule Frankfurt und betreut niedrigschwellige Schuljazz- und Bandprojekte wie „Jazz und Improvisierte Musik in die Schule“, die jedes Jahr über 4000 Schüler*innen aktiv mit Jazz in Kontakt bringen. Das Dozent*innen-Team sei gemischt, um Stereotypen vorzubeugen. Der zweite Panelgast, die Sängerin, Komponistin und Gesangspädagogin Johanna Schneider aus Essen, erzählte in diesem Zusammenhang von einer befreundeten Posaunistin, die an einer Musikschule unterrichtet. Jedes Jahr würden beim Tag der Offenen Tür die verschiedenen Instrumente vorgestellt; nur wenn sie als Multiplikatorin die Vorstellung der Posaune übernahm und nicht ein Mann, meldeten sich viele Mädchen für den Posaunenunterricht an. Eine Frau aus dem Publikum erzählte von ihren Beobachtungen in einer Junior’s Bigband in Bayern, die aus 6 Jungen und 4 Mädchen im Alter von 12-15 Jahren bestand: Die Jungs wollten z.B. die Person beim Konzert Solo spielen lassen, deren Solo das beste gewesen sei oder mit einem Neuling gleich das schwerste Stück spielen, um ihn zu testen. Durch die Intervention der Mädchen wurde das unterbunden, die sich anbahnenden Konkurrenzsituationen entschärft. Das zeigt, dass eine gemischte Gruppe als Sozialgefüge ganz anders tickt.

Nina Hacker bietet auch Projekte nur für Mädchen* als safe spaces an. Sie erzählte, dass nur sehr wenige Instrumentalistinnen bei den Schülerjazz-Ensembles mitmachen würden, weil die Musiklehrer*innen eher die Jungs dafür vorschlugen. So hätte sie im letzten Herbst mit ihren Kolleg*innen entschieden, Jazzworkshops für Mädchen* anzubieten, die sehr guten Zulauf hatten.

Johanna Schneider, die kürzlich für den Vorstand der Deutschen Jazzunion wiedergewählt wurde und dort u.a. in der AG Gender & Diversity aktiv ist, machte am Abend die anwesenden Musiker*innen auf die Jazzstudie 2022 aufmerksam, die als Anschlussstudie zur Umfrage von 2016 deutlich erweitert ist. Die zweite Auflage will erstmals die Vielfalt der Jazzszene und mögliche Diskriminierungen in den Blick nehmen, und auch Aufschluss über das Wohlbefinden und die Auswirkungen der Coronapandemie auf die Situation der Musiker*innen bekommen. Noch kann frau daran teilnehmen.

Außerdem ist sie Co-Initiatorin des Jazzkollektivs PENG und des gleichnamigen Festivals, das auch in diesem Jahr im Herbst stattfinden wird. Sie beschrieb, dass das PENG Festival zuerst gegründet wurde, um Frauen* zu fördern und herausragende, regionale und internationale Künstler*innen auf die Bühne zu bringen. Das Organisations-Kollektiv habe bewusst einen neutralen Namen gewählt und nicht auf das Frau*-Sein hingewiesen. So schaffte es das Festival, Erwartungshaltungen und Stereotype zu verändern – eben durch eine starke und vielfältige weibliche Präsenz auf der Bühne, ohne im Vorhinein zu polarisieren. Inzwischen verfolgt das Festival einen intersektionalen Ansatz, es will „einen Rahmen schaffen, der frei ist von jeglichen Strukturen der Unterdrückung, Macht und Dominanz“ (Homepage). Auch die bewusste Wahl des Ortes soll mehr Teilhabe ermöglichen: das Festival findet im eher unterprivilegierten Norden von Essen statt.

In der Diskussion mit dem Publikum ging es schließlich auch darum, wie wichtig die Musikpädagogik in Schule und Hochschule (und die Ausstattung mit Personal) ist und was geändert werden müsste, damit eine musikalische Karriere in der Klassik & im Jazz nicht wenigen Wohlhabenden vorbehalten bleibt. Der Zugang zur Musik sei auf der einen Seite nicht einfacher geworden, auf der anderen Seite habe es aber auch nicht mehr so einen großen Stellenwert, z.B. in die Oper oder ins Jazzkonzert zu gehen wie früher – das Publikum sei durchweg relativ alt. Auch bräuchte es viele gute und engagierte Menschen in den Schulen, die in den Kindern und Jugendlichen die Liebe zur Musik wecken und pflegen. Dazu müssten aber auch die Rahmenbedingungen, vor allem die Bezahlung und Wertschätzung in der Gesellschaft, verbessert werden.

Ein weiteres Thema war die Vereinbarkeit von Karriere & Familie. Schneider erzählte, dass viele Kolleginnen ihren eigentlichen Anspruch, weiterzuarbeiten und ihre Musikkarriere mit Familie weiterzuverfolgen, gar nicht hätten durchhalten können. Konzertgagen sind häufig so niedrig, dass sie für das Babysitting draufgehen. Der Mann verdient immer noch meist mehr, sodass die Frauen dann doch wieder zuhause mit der Kinderbetreuung allein gelassen würden. Herzig führte ihre Beobachtung an, dass die meisten ihrer Kolleginnen mit Jazzmusikern verheiratet seien.

 

Vol. 2: Jazz Montez Talks & Konzert 06.05.2022 Kunstverein Familie Montez

Zwei Tage später drehte sich bei der Veranstaltung unseres Koop-Partners Jazz Montez alles um die Wechselwirkung zwischen Jazz und Demokratie. Was kann unsere Demokratie vom Jazz lernen, was macht eine gute Jazzsession aus und was ist das Faszinierende am Jazz, fragte das erste Panel mit der Sängerin Fiona Grond, dem Schlagzeuger und Dozent an der HfMdK Oli Rubow und dem DJ und Journalisten Michael Rütten. Ein häufig genannter Satz fing mit „im Idealfall…“ an: im Idealfall hörten alle Musiker*innen aufeinander, ließen sich gegenseitig Raum, erzeugten glücklich machende Musik. In der Realität gäbe es aber auch die Alpha-Menschen, die sich mit ihren Soli produzierten und für die Begegnung mit den Anderen gar nicht offen seien, was die Session schrecklich langweilig mache.

Das zweite Panel mit Johanna Schneider, dem Orchestermanager der hr-Bigband Olaf Stötzler und mir (Mane Stelzer (MELODIVA, Singer-/Songwriterin)) trug den Titel „Jazz in Deutschland – Eine elitäre Veranstaltung?“ und befasste sich vor allem mit den Zugangshürden und Ausschlüssen in der Jazzszene. Stötzler versicherte, dass ihnen bewusst sei, dass sie als rein männliche Bigband ein bisschen aus der Zeit gefallen seien. Es scheitere nicht am guten Willen, sondern daran, dass sich zu wenige Frauen bewürben und gegen die Konkurrenz durchsetzen könnten. Auf die letzte Ausschreibung hin hätten sich von insgesamt 58 Bewerber*innen nur zwei Musikerinnen beworben, deren Audiofiles dann in einer Art „Blind Audition“ angehört wurden. 12 Bewerber kamen in die Vorauswahl und wurden für eine Audition eingeladen; und obwohl darunter nicht die zwei Bewerberinnen waren, wurden diese dann trotzdem „live“ angehört. Eingestellt wurde dann aber ein Mann.

An gutem Willen fehlt es also nicht – wohl eher ein genaueres Hinschauen. Es könnte auch an der Art der Ausschreibung, der Außenwirkung und Ausrichtung der Bigband oder praktischen Gründen wie Tour- und Probezeiten usw. liegen, dass sich so wenige Musikerinnen* bewerben. Wir nehmen uns vor, dem auf den Grund zu gehen und bei den Jazzmusikerinnen* in unserem Netzwerk genauer nachzufragen. Schreibt uns gern eine Mail mit eurer Meinung und euren Erfahrungen!

Um zu zeigen, wie Kommunikation im Jazz zwischen Musiker*innen funktionieren kann, waren für die anschließende Session sechs großartige Instrumentalist*innen eingeladen, die noch nie in dieser Formation zusammengespielt hatten und den Auftrag bekamen, gemeinsam zu den Themen des Abends zu improvisieren. Neben Johanna Klein (Saxofon, Effekte), Franziska Aller (Bass) und Johanna Schneider (Vocals) waren das Darius Blair (Saxofon), Lukas Wilmsmeyer (Gitarre), Biboul Dariouche (Percussion) und Oli Rubow (Schlagzeug). Sie ließen sich von Begriffen inspirieren, die die sechs Panelgäste im Vorfeld nennen durften und die jeweils einer anderen Farbe zugeordnet wurden. Das wechselnde Scheinwerferlicht läutete so immer einen neuen Part ein und setzte Begriffe wie Ehrlichkeit, Neugier, Respekt, Aktivität, Vertrauen und Erdung musikalisch in Szene. Grandios!