Den Anfang machte Singer-Songwriterin ms miarr, die drei ihrer eigenen Songs aus dem Jazz- und Soulbereich präsentierte und sich dabei selbst auf der E-Gitarre begleitete. Mit ihrer warmen, sanften Stimme schuf sie eine träumerische Atmosphäre und bot damit den perfekten Einstieg in den Abend. 

 

Danach durften wir uns auf den Auftritt des Duos DILONA freuen, das nicht nur zum ersten Mal in dieser Konstellation auftrat, sondern auch ein ganz besonderes Klangerlebnis bot. Mona und Dilan spielen Eigeninterpretationen von iranischen und kurdischen Pop- und Folksongs. In ihrem Set performten sie zwei dieser Stücke. Dabei spielte Mona Santour, während Dilan mit ihrer kraftvollen Stimme für Gänsehautmomente sorgte. 

 

Als Nächstes folgte die Künstlerin Aileen, auch bekannt als Dis:comfortzone, die bereits letztes Jahr auf der Melodita Open Stage aufgetreten ist. Passenderweise eröffnete sie ihr Set mit einem Song über die Liebe zum Singen, begleitet auf der Ukulele. Anschließend wechselte sie ans E-Piano und bot mit ihren beiden weiteren Songs nicht nur gesellschaftskritische Denkanstöße, sondern auch gefühlvollen Gesang. Ihren Auftritt rundete sie mit einem ebenfalls eigenen, berührenden Spoken-Word-Beitrag ab. 

 

Ein Genrewandel ließ nicht lange auf sich warten, als C.C. RAW, die ihre Musik selbst als poetisch-melancholischen Deutschrap bezeichnet, mit den Worten “Willkommen im Hip-Hop!“ die Bühne betrat – oder sollte man besser sagen: die Bühne eroberte? Denn neben eingängigen Beats und starken Texten steckte sie die Zuschauenden mit ihrer selbstbewussten Art und beeindruckenden Bühnenpräsenz an. 

 

Nach einer kurzen Umbaupause folgte der zweite Teil des Abends, eröffnet von Lisa alias Iris Nebula. Zwar ist sie normalerweise im Duo unterwegs, doch auch solo schaffte sie es, das Publikum für sich zu gewinnen. Mit zwei Songs aus einer Mischung der Genres Indie, Post-Rock und Post-Punk brachte Lisa unterschiedliche Atmosphären auf die Bühne. Von fröhlich und tanzbar bis hin zu etwas ruhiger und nachdenklicher. Dabei vermittelte sie eine schöne Botschaft: Manchmal sind es gerade die Dinge, die wir an uns selbst nicht mögen, die andere besonders an uns schätzen.

 

Last but not least drehte die FLINTA-Punkband Wish you had a DOG die Regler lautstärke- und energiemäßig noch einmal voll auf. Die vierköpfige Formation, bestehend aus Lena (Drums, Vocals), Juli (Gitarre), Kadda (Gitarre, Vocals) und Susanna (Bass, Vocals), präsentierte eigene Songs, bei denen man kaum stillstehen konnte. Mit ihrem kraftvollen Zusammenspiel riss die Band das Publikum mit und transportierte dabei wunderbar den typischen Punk-Charme. 

 

Es war ein toller Abend, der von Belqis charmant moderiert wurde! Wir freuen uns schon auf die nächste Open Stage – am 21.11.2026 im habel elf!

Vielen Dank an das Frauenreferat Frankfurt und das Kulturamt Frankfurt für die freundliche Unterstützung!

Fotos: Ulrike Osei-Owusu

Die Musikschule Vierklang ist bei unserem Frauen* Musik Büro um die Ecke, deshalb waren wir Feuer und Flamme, als uns der Schulleiter Alex Boy anbot, dass wir seine Location für Konzerte von Newcomer*innen nutzen könnten. So kam die Idee auf, neben der MOSAIK Open Stage im Winter ein neues Format für Nachwuchs-Artists in der ersten Jahreshälfte anzubieten: die MELODIVA Open Stage! Das Konzept ist das gleiche: 4-6 Acts geben in Kurzkonzerten eine Kostprobe ihrer Musik und danach laden wir alle Künstlerinnen* zu einer Session ein, bei der auch das Publikum mitmachen kann. Durch den Abend führten wieder charmant Zweti & Jasmin von der Melodita-Nachwuchsredaktion.

 

Los ging es mit einem jungen Duo aus Frankfurt: Mara und Alba treten unter dem Bandnamen m.a.d. auf und spielten ihre Lieblingssongs wie „Afraid No More“ oder „Riptide“ in ganz eigenen Versionen. Mit Ukulele, Flügel und Gitarre und zwei gefühlvollen Stimmen, die mal solo, mal mehrstimmig, mal im Wechselgesang verzauberten. Sie absolvieren gerade die Oberstufe; wir hoffen, dass sie nicht das letzte Mal bei uns waren.

 

Nach diesem gelungenen Opener ging es weiter mit Aileen To (Foto links), die in einem Blasorchester und im Frankfurter Jazzchor O-Töne singt. Sie hat lange Zeit gecovert, bis sie 2022 anfing, ihre eigenen Lieder zu schreiben, die sie unter dem Künstlernamen _discomfortzone_ präsentiert. Ihre berührenden Songs auf Deutsch handelten vom Traum zu singen und wie sie sich als „Vorzeigemigrant“ fühlt. Dabei begleitete sie sich selbst am Flügel der Musikschule.

 

Als nächstes kamen zwei Musikerinnen, die auch schon bei der letzten Open Stage als Soloartists dabei waren. Allerdings machten sie diesmal bei einem Song gemeinsame Sache: Johanna aka Schwester Jever (Foto rechts) hat sich dem Rap verschrieben und redet Klartext in ihren Tracks. Als Gastmusikerin hatte sie sich Caro eingeladen, deren souliger Gesang einen tollen Kontrast zu den Spoken Words bildete.

 

Der letzte Act vor einer kleinen Pause war Sophia Halmen (Foto links: Aida Čolović), ein FLINTA* Sapphic Pop Artist aus Aschaffenburg. Sie ist bereits auf allen Streaming-Plattformen zu finden und produziert ihre Musik selbst. Normalerweise tritt sie mit Band auf, zu uns kam sie aber allein und präsentierte mit vielen guten Vibes ihre mitreißenden Songs über Toleranz, Liebe und eine respektvolle, offene und vielfältige Gesellschaft.

 

Nach einer Pause ging es weiter mit einer Formation, die in ähnlicher Form schon beim Konzertabend im Dezember auf der Bühne stand. Die Singer-/Songwriterin Joudi (Foto rechts: Aida Čolović) aus Mainz tritt seit letztem Jahr regelmäßig mit anderen Musikerinnen auf, die sie unterstützen, ihre Songs zum Leben zu erwecken. Diesmal scharte sie mit Christine (Klarinette, Saxofon und Vocals), Verena (Gitarre), Matilda (Klavier, Vocals) und Lynette (Schlagzeug) eine charmante Band um sich, die ihre beeindruckende Stimme super zur Geltung brachte.

 

Der letzte Act waren die Lavenders (Foto links), eine All-Girl-Rockband aus Frankfurt. Amina (Gitarre) und Aida (Schlagzeug) kennen wir schon länger als Teilnehmerinnen des Jazz Girls Days 2019, als sie mit der US-Band Sheroes auf der Bühne standen. Ihr Repertoire besteht überwiegend aus Rock-Coversongs, aber bei uns haben sie ihre eigenen, bisher unveröffentlichten Songs gespielt!

 

Bei der anschließenden Session kamen dann viele der Artists des Abends mit spontanen Bühnenstürmerinnen* zusammen, um spontan ausgewählte Coversongs zu spielen und zu singen. Das Publikum sang lautstark mit – Gänsehaut! (Foto rechts: Aida Čolović)

Doch schaut selbst…

Wir bedanken uns bei allen Künstlerinnen* für ihre schönen Auftritte, Verena Höfle für den tollen Sound und bei der Musikschule Vierklang, dass wir Gast bei euch sein durften!

Titelbild: Aida Čolović (@iam_aclvc), alle Fotos ohne Angabe: Ulrike Osei-Owusu

 

Nach einer herzlichen Begrüßung und einem kurzen Rückblick auf die Geschichte von MELODIVA und des Frauen* Musik Büro folgte unmittelbar das alle miteinander verbindende – die Musik. Im Mittelpunkt standen Musiker*innen und Bands, die den Abend durch ihre Auftritte bereicherten. Der BeVocal Choir  eröffnete die Feier mit einer kraftvollen emotionalen Darbietung. Der bewegende Song „Stand Up“ von Cynthia Erivo, Teil der Filmmusik des Biopics über die ikonische Freiheitskämpferin Harriet Tubman, beeindruckte das Publikum mit seiner Botschaft von Widerstand und Stärke. Für Gänsehautmomente und einen energiegeladenen Anfang des Abends war also gesorgt.

Danach spielten Lu Vains, eine ganz neue Darmstädter Band aus unserem Netzwerk, deren Musik mal zweistimmig, mal nachdenklich, aber immer auch hoffnungsvoll in Richtung Indie-Pop und Singer-Songwriter ging. Ihre Texte behandelten Themen wie die Herausforderungen des Lebens sowie die damit verbundenen täglichen Hürden. Mit ihren Songs nahmen sie die Zuhörenden mit auf eine emotionale Reise. Eine Coverversion von Yoko Onos feministischer Hymne „Sisters, oh Sisters“ als Zugabe rundete ihren Auftritt ab.

Das Jazz Sisters Quartet mit Sängerin Juliane Schaper, Katrin Zurborg an der Gitarre, Nina Hacker am Bass und Uta Wagner am Schlagzeug gab eine gelungene Vorstellung voller Lebens- und Spielfreude. Sie präsentierten ihre eigenen Interpretationen von bekannten Film- und Popsongs. Alles, was Spaß macht wurde verjazzt oder verswingt oder beides, von Amy Winehouse über Van Halen bis hin zu Tom Waits. Auch von ihrem neuen Album „Cookin’ with the Jazz Sisters Quartet“ konnte der ein oder andere kulinarisch inspirierte Song vernommen werden.

Der Abend wurde abgeschlossen von der preisgekrönten Musikerin Fee, einer Künstlerin, die mit ihrer besonderen Stimme und tiefgründigen Texten die Zuhörer berührte. Textlich ging es unter anderem um das prekäre Leben als Musikerin oder den Alltag in Langzeitbeziehungen bzw. dem Infrage stellen dessen. Mehrfach wurde von der Musiker*innen auf der Bühne die Bedeutung von MELODIVA als Plattform betont, die Künstler*innen nicht nur eine Stimme gibt, sondern ihnen auch hilft, sich zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen. Mit allen auftretenden Künstler*innnen hat MELODIVA  in der Vergangenheit in verschiedenen Formen schon zusammen gearbeitet, im Verein bei Workshops und Konzerten. Schön, so viele talentierte und starke Frauen* und auch ein paar Männer auf der Bühne sehen und hören zu können. Es könnte geradezu der Eindruck entstehen, wir haben die Gleichberechtigung auf den Musikbühnen schon erreicht.

In einer ihrer Moderationen an diesem Abend zitiert Mane Stelzer (Foto) von MELODIVA eine Studie der Malisa-Stiftung, derzufolge der Frauenanteil auf den Festivalbühnen im Jahr 2019 gerade einmal 16 Prozent betrug. Zum Beginn des Untersuchungszeitraums im Jahr 2010 lag dieser noch bei etwa 7 Prozent. Es tut sich also was, kleine Erfolge können durchaus gefeiert werden, aber nach oben ist immer noch ein „wenig“ Luft.

Das Jubiläum von MELODIVA war nicht nur eine Feier der vergangenen 40 Jahre, sondern auch ein kraftvoller Auftakt für die nächsten Jahrzehnte, in denen sich das Büro weiterhin für die Gleichberechtigung von Frauen* und nicht-binären Menschen in der Musik einsetzen wird. Der Abend wird sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben. Es war ein Fest der Musik und der gemeinsamen Vision einer gleichberechtigten Zukunft. Ein ganz besonderer Dank soll zum Abschluss noch an die vielen Personen gerichtet werden, die sich über die Jahre für diese Anliegen eingesetzt haben und das Frauen* Musik Büro/ MELODIVA unterstützt haben!

Du konntest nicht dabei sein? Hier geht es zur Bildergalerie:

Eine Kooperation des Frauen* Musik Büros und der Romanfabrik in Frankfurt

Die Idee zum Projekt hatten die beiden Spark-Gründer*innen Andrea Ritter und Daniel Koschitzki, die schon lange vorgehabt hatten, ein Programm mit Komponistinnen zusammenzustellen. Der zündende Moment kam dann tatsächlich bei der Begegnung mit Wallis Bird, die sich seit dem Beginn ihrer Karriere für Themen für Female Empowerment, Gender Equality und die LGBTQI*-Community einsetzt. Wallis war sofort begeistert. „Die weite Zeitspanne, die wir in dem Programm beschreiten, gab uns allen die Möglichkeit, Neues kennenzulernen, die eigene Komfortzone zu verlassen, Risiken einzugehen. Es war eine wunderbare, sehr inspirierende gemeinsame Reise“, beschreibt Daniel Koschitzki die Zusammenarbeit. „Wir haben zunächst sehr viele Frauen aus unterschiedlichen Epochen, Ländern und Genres gesammelt und die Auswahl dann im Lauf der Zeit immer mehr eingedampft und verdichtet. Wallis war Vielfalt und Diversität extrem wichtig. Es sind Frauen unterschiedlicher Ethnien aus neun verschiedenen Ländern und drei verschiedenen Kontinenten auf dem Album vertreten.  Wir wollten unbedingt ganz unterschiedliche Geschichten erzählen“, ergänzt seine Kollegin Andrea Ritter.

Im konzeptionellen Entwicklungsprozess des Programms von 2019 bis 2022 fanden zuerst regelmäßige Online-Meetings statt, wo sich die Musiker*innen über die Komponistinnen und den Spannungsbogen des Programm ausgetauscht haben. 2022 trafen sich die sechs Musiker*innen zum gemeinsamen Musizieren an der Ostsee. Da waren die ersten Arrangements bereits erstellt, aber es ging bei vielen Songs auch darum, Tonarten zu testen, Arrangementideen auszuprobieren etc. Die letzten Stücke wurden erst wenige Tage vor der Premiere im Sommer 2023 fertig, die beim stARTfestival in Leverkusen stattfand. Im Herbst 2023 ging es dann ins Studio. 

Bei den Arrangements gab es verschiedene Herangehensweisen. Zum einen wurden Komponist*innen und Arrangeur*innen aus ihrem Netzwerk beauftragt, die Songs für die spezielle Spark-Besetzung zu arrangieren, die ein großes Instrumentarium zur Verfügung hat. An diesen Arrangements wurde dann weiterexperimentiert und kleine Anpassungen vorgenommen. Einige der Songs sind auch von Mitgliedern von Spark arrangiert, wie z.B. „Visions of Venus“, das von Andrea Ritter für Spark final gestaltet wurde. „Es war ein sehr aufwendiger und zeitintensiver Weg, bis wir bei den finalen Stücken angelangt sind, in der Form wie sie auf der Bühne und auf dem Album erklingen“, beschreibt Koschitzki den Projektablauf.

Live 21.07.2024 @ Casals Forum Kronberg

Wer kann, sollte sich ein Konzert dieser fantastischen 5+1 Formation jedenfalls nicht entgehen lassen! Eine klassische Band (ja Band!), in der hochtalentierte, virtuose und beseelte Musiker*innen völlig in ihrer Musik aufgehen und ungemein dynamisch und gut aufeinander eingespielt sind. Atemberaubend schnelle Blockflötenmelodien & Grooves, Piano, Cello und Geige in perfektem Zusammenspiel, gefühlvolle und berührende leise Szenen und mittendrin die Person, die der Band in Sachen Talent, künstlerischer Version und Leidenschaft um nichts nachsteht: Wallis Bird. Die irische Singer-/Songwriterin mit der Liebe zum Groove ist für ihre energiegeladenen Shows bekannt und geht auch im Casals Forum in Kronberg, wo ich am 21.07. das neue Programm „Visions of Venus“ im Rahmen des Rheingau Musik Festivals erleben durfte, völlig in den sorgsam ausgewählten Songs auf.

Das Programm umspannt Tausend Jahre des Musikschaffens von weiblichen* Komponistinnen und wird live sehr abwechslungsreich präsentiert; mal spielen alle gemeinsam, mal nur die Band, mal nur Bird mit Piano oder einer Flöte. Auf der Bühne ist also schon mal jede Menge Bewegung, zumal die Musiker*innen allesamt vor Energie und Gefühl regelrecht überschäumen. Neben Flügel (Christian Fritz), Violine (Stefan Balazsovics) und Violincello (Victor Plumettaz) betten viele verschiedene Blockflöten Birds Stimme kammermusikalisch wunderbar ein. Andrea Ritter und Daniel Koschitzki fahren ein ganzes Arsenal von Blockflöten auf (im Studio waren es 30!), auf der Bühne sind es nicht ganz so viele. Dafür erklingt eine sog. Paetzold-Bassflöte, eine große, viereckige Bassflöte. Ritter und Koschitzki sind schon allein eine dynamisch hervorragende Einheit; ihr Spiel ist groovig und ausdrucksstark und beschert dem Gesamtsound eine Fülle von Klangfarben. Vor allem die warmen tiefen Klänge passen wunderbar zu Birds leicht rauchiger und souliger Stimme.

Auf die erwartungsvolle Spannung im Saal erklingt als erstes Hildegard von Bingens Stück „O Virtus Sapientiae“, das Bird und die Flötistin Andrea Ritter gemeinsam mit leisen, geloopten Chören und wunderschönen Blockflötenmelodien bestreiten. Weiter geht es mit dem einzigartigen „Oceania“, das Björk als Eröffnungssong für die Olympischen Spiele 2004 geschrieben hat und das aus der Sicht des Meeres auf die menschliche Evolution schaut. Hier bekommen wir Birds Stimmkraft eindrucksvoll zu hören. Beim folgenden „Dreier“ aus Amy Beach, Clara Schumann und Fanny Hensel beweist sie, dass sie sich auch der Klassik mit wandlungsfähiger Stimme nähern kann. Hensels Stück „There be none of beauty’s Daughters“ schmettert sie voller Freude in die Konzerthalle hinaus. Jazzig wird es bei „Now Or Never“ von Billie Holiday, von der viele nicht wissen, dass sie selbst auch Songs geschrieben hat. Ein Duett mit Christian Fritz am Flügel bringt uns Tori Amos‘ „Cloud On My Tongue“ wieder in wunderschöner Weise in Erinnerung (es ist aber wie einige andere live gespielte Songs nicht auf dem neuen Album zu finden). Bei Joni Mitchells „Big Yellow Taxi“ greift Bird dann selbst zur Gitarre. Auch das Publikum wird auf charmante Weise von ihr zum Singen eingeladen, bei Kate Bushs „Babooshka“ (best version ever!) zum Beispiel, bei Janis Joplins „Mercedes Benz“ und auch grandios: bei „You Make Me Feel Like A Natural Women“ von Carol King.

Auch die Instrumentalstücke sorgen für Highlights wie z.B. „Fast Blue Village“, eine rhythmisch herausfordernde Komposition der australischen Komponistin Elena Kats-Chernin, eigens für Spark komponiert und von den fünf perfekt in Szene gesetzt. Germaine Tailleferre, der einzige weibliche Teil der legendären „Groupe de Six“, eines einflussreichen Komponistenkollektivs der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war mit dem zauberhaften „Larghetto“ ebenfalls Teil des Programms, neben einer Komposition von Isabella Leonarda, die eine Pionierin der frühbarocken Instrumentalmusik war.

Wallis Birds‘ Songs dürfen natürlich nicht fehlen. „Home“ erklingt aber nicht in der A Cappella-Originalversion, sondern von Andrea Ritter für die Band arrangiert. Das mitreißende Titelstück des Albums „Visions of Venus“ wird mir noch lang im Ohr nachklingen. Im Song „James Barry“ erzählt Bird die Geschichte eines 1798 geborenen Chirurgen, der eigentlich eine Frau war und sich als Mann ausgab, um praktizieren zu können. Bird setzt sich seit vielen Jahren für Female Empowerment und die LGBTQIA*-Community ein; so hat sie bewusst auch ein Lied einer Transperson ausgewählt: „Daylight And The Sun“ der transidenten Musikerin Anohni, die* für ihre tiefgründigen Lyrics bekannt ist. Enyas „Only Time“ ist ein würdiger und epischer Abschluss des sagenhaften Programms, das mit Standing Ovations belohnt wird. Hier zeigt sich mal wieder, dass Spark mit ihrem Konzept recht haben: das Publikum ist nicht so „geschmacksunbeweglich“, wie oft angenommen wird!

„Visions Of Venus“ will mutigen Menschen ein Denkmal setzen: denen, die sich gesellschaftlichen Erwartungen widersetzt haben, die sich hinter einer anderen Identität verstecken mussten oder im Verlauf ihrer Karriere diskriminiert und nie angemessen entlohnt wurden. Es ist ein Programm, das diese Pionierinnen, Ikonen und Role Models feiert – spannend und vielfältig. Genres werden freudig gesprengt und vergangene Epochen ins Heute überstellt. „Letztlich soll Visions of Venus Spaß und Befreiung sein, Unterhaltung, Erzählung, Einführung – fernab der Fragen nach Color und Sexual Identity“, heißt es im Promotext. „Love, Respect, Peace, Sex, Death, Healing“ ist denn auch auf Birds Effekte-Rack zu lesen. Ein herausragendes Programm, das ihr noch vier Mal in diesem Jahr erleben könnt.

Fotos: Leonard Kötters

CD „Visions of Venus
(VÖ: 19.04.2024 Neue Meister)

 

 

 

Termine:
20.08. Kiel, Casino der Stadtwerke  (Schleswig-Holstein Musik Festival)
21.08. Hamburg, Elbphilharmonie (Schleswig-Holstein Musik Festival)
04.09. Meran, Südtirol Festival (IT)
07.11. Fürth, Kulturforum

Infos: Wallis Bird & Spark

Melua erzählt ihrem Publikum von ihrer Kindheit in Georgien, von der Zeit, in der es ihr psychisch nicht gut ging und sie in psychologischer Behandlung war, sie erzählt von Beziehungen, die nicht so rosig verlaufen sind, wie in Love Songs, von ihrer Scheidung, von Corona und von der Geburt ihres Sohns. Und all diesen Ereignissen und Gefühlen widmet sie Songs. So etwa eine Ballade in Gedenken an ihren verstorbenen Psychotherapeuten, ein Dankeslied für ihre Mutterschaft und ein Song, zu dem sie ihre neue Liebe inspiriert hat – alle Songs von ihrer neuen LP „Love and Money.“

Natürlich singt sie auch das Lied, das ihr Leben verändert hat, das Lied, das alle kennen, von den 9 Millionen Fahrrädern in Beijing. Als sie dazu ansetzt, werden überall im Saal die Handys gezückt. Zehn Songs gibt es vor der Pause. Und nochmal zehn danach. Darunter auch ihre Coverversion von Blacks „Wonderful Life“. Dabei klingt sie immer gleich. Was jetzt ganz und gar nicht als Kritik gemeint ist. Es klingt immer warm, wohlig, sanft und samtig, wenn Katie Melua singt. Das Timbre ihrer Stimme ist etwas tiefer als früher, aber sie bleibt stets bei ihrer typischen Modulation. Und genau das wollen die Fans auch hören.

Ihre Band, darunter ihr Bruder Zurab Melua an der Gitarre, begleitet sie zurückhaltend, nie drängt sich ein Instrument in den Vordergrund. Immer bekommt Meluas Stimme den Raum, den sie braucht. Bei zwei Stücken klinkt sich die Band sogar komplett aus. Nur von ihrer Gitarre begleitet singt sie „Love and Money“ und meinen Melua-Lieblingssong „Closest Thing To Crazy“. Zum Schluss drehen Band und Sängerin dann doch ein wenig auf, Synthesizer, Bass, Drumbeats ertönen rhythmisch und fast laut – „Quiet Move“ ist ein tanzbares Lied über Identität und das Aufwachsen in England. Die Britin mit georgischen Wurzeln, die sich bisher voll und ganz auf ihren Gesang konzentriert hat und den ganzen Abend nur ab und zu mit den Armen Bewegungen gemacht hat, legt jetzt sogar ein paar kleine tänzerische Schritte aufs Bühnenparkett.

Zwanzig Songs, dann ist vorbei. Erneut bedankt sich die Sängerin sehr herzlich bei den Konzertbesucher*innen. Die revanchieren sich mit Standing Ovations. Melua kehrt für zwei Zugaben zurück auf die Bühne. Den letzten Song des Abends singt sie wieder ohne Bandbegleitung. Sanft, warm, wohlig. Dann gehen die Lichter an. Brav und geordnet leert sich der Saal. Und draußen hat auch der Regen aufgehört.

Drei Mal noch ist sie in diesem Monat zu hören – in Leipzig, München und Wendelstein. Im Juli kommt sie erneut nach Deutschland. Wenn Sie ein Fan sind, besorgen Sie sich ein Ticket! Sie werden es nicht bereuen. Denn wo Katie Melua draufsteht, ist immer Katie Melua drin.

Infos

Nach einer gemeinsamen Begrüßung von Antje (Brotfabrik), Linda (Frauenreferat Frankfurt) und Mane (MELODIVA) ging es gleich mit dem ersten Talk in der gut gefüllten Brotfabrik los (Foto: Barbara Walzer). Auf dem Podium saßen die auftretenden Musikerinnen des Abends – Lena & Johanna von LUAH, Jamila von GG VYBE und BELQIS – sowie Mane von MELODIVA. Mit der Moderatorin Christina Mohr sprachen sie über ihre musikalischen Biografien, strukturelle Hürden und was es braucht, um Frauen* und Mädchen* beim Musikmachen und im Musikbusiness besser zu unterstützen (vor allem Räume und safe spaces!). Sascha Wild, der neue Referent für Popularmusik in Frankfurt und Vater einer kleinen Tochter, war ebenfalls Teil des Panels und vor allem da, um zuzuhören, wie er selbst sagte.

Danach präsentierte die Frankfurter Singer-/Songwriterin BELQIS mit Schlagzeuger Alex charmant-verträumten Indiepop auf Englisch und Deutsch. Die junge Musikerin arbeitet derzeit an einem Konzeptalbum, das sie mit Unterstützung der Initiative Musik verwirklicht (Foto: Barbara Walzer).

 

 

Der zweite Talk mit der Moderation Aisha Camara, Dr. Dorothee Linnemann (Historisches Museum), Be Shoo (Künstlerin, Choreografin, Kuratorin), Linda Kagerbauer (Referentin für Mädchen*politik und Kultur) und der Fotografin Katharina Dubno hob das Gespräch auf eine breitere Ebene, die alle Kultursparten miteinschloss. Auch hier wurde klar, dass es oftmals lange braucht, sich als Frau* durchzusetzen und einen Namen machen zu können. Berufliche Netzwerke von Frauen* seien dabei unverzichtbar, sind sich die Anwesenden einig.

 

Beim anschließenden Konzert standen LUAH aus Köln aufgrund der Corona-Erkrankung ihrer Gitarristin erstmalig nur zu zweit auf der Bühne. In ihrem Mix aus Jazz, Singer-/Songwriter, Pop, brasilianischer Musik und perfekt aufeinander abgestimmten zweistimmigen Gesängen ließ es sich wunderbar schwelgen.

 

 

Am späteren Abend übernahmen das female DJ-Kollektiv GG VYBE die Bühne und tanzwütige Gäste den Dancefloor. Ein grandioser Abschluss dieses bereichernden Abends!

Das Angebot der neuen Feministischen Bibliothek Ffm, von der in der Bar Bücher ausgeliehen werden konnten, wurde rege angenommen. In unserem Ideen-„Netz“ konnten wir im Laufe des Abends viele gute Ideen und Wünsche für ein lebenswerteres und gendergerechteres Frankfurt „einfangen“, von denen wir einige in die kommenden Workshops der Kulturentwicklungsplanung mitnehmen werden: Mehr Festivals für ALLE, mehr Cafés & Bars mit Livemusik, Livemusik in Innenhöfen, offene Bühnen & Auftrittsmöglichkeiten für alle (nicht nur für Profis), Vielfalt bei Line-Ups geförderter Konzertreihen & Festivals usw. Dazwischen wurden jede Menge neue Allianzen und gute Koop-Ideen geschmiedet. Fazit: die erste Fem*Night hat Mega-Spaß gemacht und wir hoffen, sie ist der Auftakt für ein jährliches Fest zum 8. März! Einen kleinen Videoclip findet ihr hier auf unserem Youtube-Kanal.

07.09.2022 LELÉKA, Privatclub Berlin. Das Ukrainische Folk Jazz Quartett der Sängerin Viktoria Leléka will die ukrainische Kultur so vielen Menschen wie möglich nahebringen. Deshalb hat sie ihr Team um weitere Musiker*innen erweitert, um möglichst viele Konzerte spielen und so viele Spenden für ihre Heimat sammeln zu können wie möglich (17.09. Kammgarn Kulturgarten Kaiserslautern, 24.09. Folkherbst Plauen und weitere Termine hier). Ein Teil der Ticketeinnahmen wird an Ukraine-Hilfe Berlin e.V. gespendet (Foto: Dovile Sermokas). Infos

08.09.2022 Sundays at Salka’s. Musik, Literatur und Film im amerikanischen Exil, Schlosstheater Wien (A). Eine Kooperation des Instituts für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung mit dem Max Reinhardt Seminar — Institut für Schauspiel und Schauspielregie. Musik- und Theaterabend zugunsten Ukraine-Kriegsgeschädigter. Eintritt frei. Infos

09.09.2022 Ukraine: Leben, lieben, Krieg und Freiheit, Hamburg, Elbphilharmonie. Wie klingt die Ukraine? Wie klingt die Musik dieses Landes, seine Sprache, wie lebt, liebt und kämpft das ukrainische Volk für Demokratie und Freiheit? Eine musikalisch-literarische Reise, gemeinsam erzählt von ukrainischen und deutschen Künstler*innen. Mit Iris Berben, Barbara Auer, Burghart Klaußner, Joja Wendt, Olena Kushpler, Zoryana Kushpler, Lyuba Yakimchuk, dem Karol Szymanowski Quartet, Oleksiy Palchykov u.a. Von den Erlösen der Veranstaltung und den zusätzlichen Spenden werden vom Generalkonsulat der Ukraine in Hamburg Krankenwagen für die Ukraine erworben, die direkt in die Kriegsgebiete transportiert werden. Das Ziel ist es, € 100.000 zu sammeln. Infos

24.09.2022 United for Ukraine, Bonn, Telekom Forum. Dass die moderne Ukraine seit dem Zerfall der Sowjetunion vor rund 30 Jahren ein souveräner Staat mit einer eigenen Kultur ist, davon sind nicht nur die Kulturschaffenden dort überzeugt – und tragen mit ihren Mitteln und Möglichkeiten zur Verteidigung gegen den Aggressor aus Russland bei. Das Benefizkonzert bringt Akteur*innen aus Jazz und Klassik zusammen, um ein weit hörbares Zeichen für Frieden und Demokratie zu senden. Auf Initiative der Deutschen Telekom AG und der „Grizzly Jazz Foundation“ treten der schwedische Bassist Lars Danielsson mit Liberetto und das Beethoven Orchester Bonn mit seinem Dirigenten Dirk Kaftan auf. Passend zum Thema dieses Abends wird eine junge Stimme des Jazz in Bonn zu erleben sein: Die in der Ukraine geborene und in Berlin lebende Sängerin Kateryna Kravchenko wird als zweite Stipendiatin der „Grizzly Jazz Foundation“ vorgestellt. Zudem sind auch selten gespielte Werke von ukrainischen Komponisten zu hören. Die Konzerteinnahmen und weitere Spenden gehen an die UNO-Flüchtlingshilfe, dem nationalen Partner des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen, für deren Aktivitäten in der Ukraine. Infos

Ihr plant selbst ein Konzert oder habt eines entdeckt? Schickt uns gern eure Infos per Mail!

Nachdem das EJN (European Jazz Network) ein Statement zum Krieg gegen die Ukraine abgegeben und sich auf der jazzahead mit einer ukrainischen Delegation getroffen hat, haben die Macher*innen gemeinsam mit dem Ukrainian Institute eine Liste mit ukrainischen, im Ausland ansässigen bzw. ins Ausland geflüchteten Jazzmusiker*innen erstellt. Die Liste sollte die Musik-Community ermutigen, Solidarität zu zeigen und Events für die Ukraine zu organisieren, die diese Künstler*innen beteiligt. Sie ist nach Ländern sortiert und enthält die Biografien und Kontaktdaten der Musiker*innen.

Livestreams zum Nachschauen:

1. März 2022: Benefizkonzert Köln mit Tamara Lukasheva: Wer das Konzert verpasst hat kann sich das Video ansehen. Das Spendenkonto bleibt aktiv, da möglichst viele Spenden gesammelt und an die Betroffenen weitergeleitet werden sollen. 
 
7. April 2022: Peace On Earth! Berlin mit Silke Eberhard, Julia Hülsmann, Kathrin Pechlof, Clara Haberkamp, Jelena Kuljic, Eva Klesse, Aki Takase, Mayumi Nakamura, Ganna Gryniva, Viktoria Leléka und anderen. Zudem wird das Konzert auf der Website des rbb live gestreamt, ab dem folgenden Tag ist es dann auf jazzed zu sehen. Alle Einnahmen kommen der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ zu Gute, die in der Ukraine aktiv ist: Ärzte ohne Grenzen, Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE72 3702 0500 0009 7097 00, BIC: BFSWDE33XXX, Verwendungszweck: peace on earth.  Infos
 
Übrigens: es gibt einen Nothilfefonds für Kulturschaffende aus der Ukraine, der schnelle Überbrückungshilfen vor Ort und in der Diaspora anbietet. Antragstellende können beim Nothilfefonds des Goethe-Instituts und der Kulturstiftung des Bundes Vorhaben geltend machen, die auf einen Umgang mit Krisensituationen, eine systematische Unterstützung von geflüchteten Kulturakteuren oder den Erhalt der kulturellen Szenen zielen. Die Vorhaben sollen auch einen strukturierten Ansatz für mittel- und langfristige Projektlinien enthalten. Antragsberechtigt sind freie Künstler*innen oder Kulturakteur*innen aus ukrainischen Kulturinstitutionen, die aktuell und in der Vergangenheit mit dem Goethe-Institut Ukraine, den Kulturgesellschaften der Ukraine oder der Kulturstiftung des Bundes in einem Projekt kooperiert haben.
 
Mit dem Förderprogramm „EHRENAMT HILFT GEMEINSAM“ startet die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) am 20.07.2022 ein Ukraine-Förderprogramm. Sie will dazu beitragen, bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt in Krisenzeiten und neue oder erneuerte Strukturen zu stärken. Das Gesamtvolumen des Programms beträgt 15 Millionen Euro, in jedem Handlungsfeld können Vorhaben mit bis zu 50.000 Euro gefördert werden. Eine Förderung von maximal 250.000 Euro kann beantragt werden, um Fördermittel an andere gemeinnützige Organisationen weiterzureichen. Das Förderprogramm ist in drei Handlungsfelder unterteilt, um eine möglichst große Bandbreite von Engagementvorhaben mit unterschiedlichem Aufbau und unterschiedlichen Herangehensweisen unterstützen zu können: A: Engagement- und Ehrenamtsstrukturen im Bereich der Unterstützung von Geflüchteten; B: Schaffung oder Verbreitung von sozialen Innovationen und C: Unterstützung und Stärkung von Hilfsnetzwerken und Initiativen. Bewerbungsschluss: 01.09.2022.
 
Der Sächsische Musikrat hat im April einen Ukrainefonds aufgelegt, der das Ziel hat musikpädagogische Angebote in Sachsen an Kinder und Jugendliche aus der Ukraine zu vermitteln. Mittlerweile konnten dazu 20 Partnerorganisation in das sachsenweite Projekt involviert werden, mehrheitlich Musikschulen.In das Programm konnten über 250 Kinder und Jugendliche aufgenommen werden, die in ganz Sachsen von 79 Lehrkräften unterrichtet werden. Dazu gehören auch Chöre, Tanzklassen und eine Märchenaufführung. Es ist mit diesem Programm auch gelungen einigen ukrainischen Musikpädagog*innen darüber Arbeit zu verschaffen. Weiterhin hat der Sächsische Musikrat Instrumente aus seinem Instrumentenfonds für das Programm bereitgestellt.
 
Auch das Land Brandenburg unterstützt vom Ukraine-Krieg betroffene Künstler*innen mit einem Sonderhilfsfonds in Höhe von rund 120.000 Euro. Damit werden acht Projekte von Kultureinrichtungen gefördert. Der Verband der Musik- und Kunstschulen Brandenburg erhält z.B. eine Fördersumme für die Integration von Geflüchteten aus der Ukraine in die Musik- und Kunstschulen. Finanziert werden damit u.a. acht Unterstützungsstipendien à 300 Euro für Notenmaterial, Probenfahrten etc. für besonders begabte Jugendliche, die für die Mitwirkung in einem Landesjugend­ensemble oder eine spezielle Talentförderung an den Musikschulen in Betracht kommen.
 
Helfen:
Sachspenden (Berlin)
 
Spenden:
 
Petitionen unterschreiben:
 
(Titelbild: Stadt Landau)

Vol. 1: MELODIVA Lesung & Talk 04.05.2022 frankfurtersalon

Jazzmusikerinnen* und all female Bands waren schon immer da, aber ihre Bedeutung wurde in der Jazzgeschichtsschreibung zu wenig gewürdigt – das ist eines der Statements, mit dem die Jazzmusikerin und Musikwissenschaftlerin Dr. Monika Herzig (Hg.) aus ihrem Beitrag zum kommenden Sammelband „Jazz & Gender“ (Routledge, VÖ: Juni 22) ins Thema einführte. Sie spannte einen Bogen von den frühen all female Bands wie The International Sweethearts of Rhythm, die während des Zweiten Weltkriegs eine Blütezeit erlebten, zur Figur des Alpha Girl im Postfeminismus der 80er und 90er Jahre: Die Frau, die sich gegen Ungerechtigkeit im patriarchalischen System aussprach, wurde als altmodische Männerhasserin dargestellt, was die Macht der Zusammenarbeit von Frauen als Gruppe negierte und so systemerhaltend wirkte. Vorherrschend war die Vorstellung, die Frauen müssten einfach beweisen, dass sie besser sind und es den Männern zeigen; jede Frau würde dann ihren Platz am „Tisch“ bekommen. Erfolgreiche Jazzmusikerinnen wie Tia Fuller, Ingrid Jensen und Terri Lyne Carrington sprachen sich in Interviews von damals noch dagegen aus, das Thema Frau-Sein in der Musik zum Thema zu machen. Heute sind sie längst selbst in Sachen Gendergerechtigkeit aktiv; Carrington gründete 2018 das The Berklee Institute of Jazz and Gender Justice und Ingrid Jensen hat eine eigene all female Supergroup Artemis gegründet.

Hürden bis heute

Tokenism

Zu den Problemen, die bis heute bestehen, gehöre der sogenannte „Tokenism“: eine alibi- und symbolhafte Inklusion von unterrepräsentierten Gruppen, die echte Gleichberechtigung nicht ersetzen kann. Musikerinnen* machen immer noch die Erfahrung, dass es bei Festivals in der Vorstellung der Programmplaner*innen einen weiblichen Slot gibt, um den alle Frauen konkurrieren müssen. So wird der Wettbewerb unter den Musikerinnen* noch verstärkt und Zusammenarbeit und Solidarität werden erschwert. Häufig gibt es eine Supergroup, die auf alle Festivals eingeladen wird, anstatt eine Vielfalt von Bands mit weiblicher* Beteiligung ins Programm einzubinden.

Stereotypen

Eine weitere wichtige Ursache für die Unterrepräsentanz von Frauen im Musikbusiness sieht Herzig in den Stereotypen, die in der Gesellschaft wirken. Dazu führt sie Claude Steeles Whistling Vivaldi: How stereotypes affect us and what we can do (2011) an. Er zeigt, dass sich Leistungen je nach den Erwartungshaltungen ändern. Weibliche Probandinnen, die im Vorfeld eines Mathetests mit der Aussage konfrontiert wurden, dass Frauen nicht gut in Mathe seien, erbrachten schlechtere Leistungen aufgrund dieses negativen Stereotyps. Dieses Phänomen, auch stereotype threat genannt, führt zu Unter- oder Überperformance, nicht zu einer natürlichen Performance.

Instrumentenwahl & „Pubertätsknick“

Ähnlich wie in Deutschland gibt es in den USA laut Herzig eine hohe „Drop Out“-Rate von Mädchen an den Instrumenten: in der Middle School gibt es noch 50% Mädchen in den Bigbands, in der High School nur noch ein Drittel und im College nur sehr wenige. Zwei wichtige Ursachen dafür seien die oft gegenderte Instrumentenwahl (wie z.B. Flöte oder Geige) und die Regelung, dass das Improvisieren in der 7./8. Klasse eingeführt wird, wenn Mädchen sich in der Pubertät stark zurückziehen und eben nicht im Rampenlicht stehen und Risiken eingehen wollen. Bei diesen Chancen, das Solospiel zu üben, versteckten sich die Mädchen eher und hätten dann im Laufe der Jahre das Nachsehen. In dieser Zeit müsste man den Unterricht entsprechend danach ausrichten und z.B. safe spaces wie den „Jazz Girls Day“ anbieten sowie Methoden einbauen, die den Drop Out verhindern. Ein weitere Maßnahme könnte sein, Kinder früher ans Solospiel und die Improvisation heranzuführen, wie es eine Musikerin aus dem Publikum, die Saxofonistin Corinna Danzer empfiehlt. Sie unterrichtet Kinder bereits im Grundschulalter in Improvisation.

Jazz Girls Day in Indiana 2022

In den Staaten sei laut Herzig auch ein Problem, dass alle Jazzbigbands ihre Besten dabei haben wollten, um möglichst viele Trophäen heimzubringen. Das bringe häufig Musiker*innen nach vorn, die sich in den Vordergrund drängten. Eine „Gender In Jazz“-Studie (2019), die über 360 Musiklehrkräfte an Middle und High School Schulen in North Carolina befragte, zeigte zudem, dass Jazzmusikerinnen weniger bemerkenswertes Lob von Pädagog*innen und Kolleg*innen bekamen als ihre männlichen Mitschüler. Eventuell werden sie also weniger gefördert.

Fehlende Role Models

Ein weiteres Thema des Abends war das Fehlen von Role Models, wie es sich überall zeigt. Bis heute gibt es zum Beispiel nur eine Instrumentalprofessorin im Bereich Jazz in Deutschland, in den USA sind die Zahlen nicht viel besser. „Du musst jemanden sehen, der so aussieht wie du, damit du erkennst: ja, ich hab da einen Platz, ich kann das auch machen“, so Herzig. In diesem Kontext übernähmen die all women groups weiterhin vielfältige Funktionen: sie bieten Support und eine Gemeinschaft ohne Druck und wirken gegen gängige Stereotypen (perceptions). Mehr noch: der Anspruch des Jazz als demokratische Kunstform kann eigentlich erst verwirklicht werden, wenn alle am Schaffensprozess beteiligt werden. Herzig zitierte dazu Janiece Jaffes Ausspruch “Equality does not mean sameness” (Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass man gleich sein muss): „Ziel des Integrationsprozesses ist ein Kulturwandel, der weg von der Stereotypisierung von Instrumenten und Fähigkeiten geht und den gemeinschaftlichen Aspekt des Musizierens im Jazz statt Männlichkeits- und Konkurrenzdenken kultiviert“.

Was noch zu tun ist…

Von links: Monika Herzig, Johanna Schneider, Nina Hacker, Maria Bätzing (Moderation)

Im anschließenden Talk mit der Frankfurter Jazzbassistin und Instrumentalpädagogin Nina Hacker wurde das Thema Nachwuchsarbeit vertieft. Hacker unterrichtet an der Musikschule Frankfurt und betreut niedrigschwellige Schuljazz- und Bandprojekte wie „Jazz und Improvisierte Musik in die Schule“, die jedes Jahr über 4000 Schüler*innen aktiv mit Jazz in Kontakt bringen. Das Dozent*innen-Team sei gemischt, um Stereotypen vorzubeugen. Der zweite Panelgast, die Sängerin, Komponistin und Gesangspädagogin Johanna Schneider aus Essen, erzählte in diesem Zusammenhang von einer befreundeten Posaunistin, die an einer Musikschule unterrichtet. Jedes Jahr würden beim Tag der Offenen Tür die verschiedenen Instrumente vorgestellt; nur wenn sie als Multiplikatorin die Vorstellung der Posaune übernahm und nicht ein Mann, meldeten sich viele Mädchen für den Posaunenunterricht an. Eine Frau aus dem Publikum erzählte von ihren Beobachtungen in einer Junior’s Bigband in Bayern, die aus 6 Jungen und 4 Mädchen im Alter von 12-15 Jahren bestand: Die Jungs wollten z.B. die Person beim Konzert Solo spielen lassen, deren Solo das beste gewesen sei oder mit einem Neuling gleich das schwerste Stück spielen, um ihn zu testen. Durch die Intervention der Mädchen wurde das unterbunden, die sich anbahnenden Konkurrenzsituationen entschärft. Das zeigt, dass eine gemischte Gruppe als Sozialgefüge ganz anders tickt.

Nina Hacker bietet auch Projekte nur für Mädchen* als safe spaces an. Sie erzählte, dass nur sehr wenige Instrumentalistinnen bei den Schülerjazz-Ensembles mitmachen würden, weil die Musiklehrer*innen eher die Jungs dafür vorschlugen. So hätte sie im letzten Herbst mit ihren Kolleg*innen entschieden, Jazzworkshops für Mädchen* anzubieten, die sehr guten Zulauf hatten.

Johanna Schneider, die kürzlich für den Vorstand der Deutschen Jazzunion wiedergewählt wurde und dort u.a. in der AG Gender & Diversity aktiv ist, machte am Abend die anwesenden Musiker*innen auf die Jazzstudie 2022 aufmerksam, die als Anschlussstudie zur Umfrage von 2016 deutlich erweitert ist. Die zweite Auflage will erstmals die Vielfalt der Jazzszene und mögliche Diskriminierungen in den Blick nehmen, und auch Aufschluss über das Wohlbefinden und die Auswirkungen der Coronapandemie auf die Situation der Musiker*innen bekommen. Noch kann frau daran teilnehmen.

Außerdem ist sie Co-Initiatorin des Jazzkollektivs PENG und des gleichnamigen Festivals, das auch in diesem Jahr im Herbst stattfinden wird. Sie beschrieb, dass das PENG Festival zuerst gegründet wurde, um Frauen* zu fördern und herausragende, regionale und internationale Künstler*innen auf die Bühne zu bringen. Das Organisations-Kollektiv habe bewusst einen neutralen Namen gewählt und nicht auf das Frau*-Sein hingewiesen. So schaffte es das Festival, Erwartungshaltungen und Stereotype zu verändern – eben durch eine starke und vielfältige weibliche Präsenz auf der Bühne, ohne im Vorhinein zu polarisieren. Inzwischen verfolgt das Festival einen intersektionalen Ansatz, es will „einen Rahmen schaffen, der frei ist von jeglichen Strukturen der Unterdrückung, Macht und Dominanz“ (Homepage). Auch die bewusste Wahl des Ortes soll mehr Teilhabe ermöglichen: das Festival findet im eher unterprivilegierten Norden von Essen statt.

In der Diskussion mit dem Publikum ging es schließlich auch darum, wie wichtig die Musikpädagogik in Schule und Hochschule (und die Ausstattung mit Personal) ist und was geändert werden müsste, damit eine musikalische Karriere in der Klassik & im Jazz nicht wenigen Wohlhabenden vorbehalten bleibt. Der Zugang zur Musik sei auf der einen Seite nicht einfacher geworden, auf der anderen Seite habe es aber auch nicht mehr so einen großen Stellenwert, z.B. in die Oper oder ins Jazzkonzert zu gehen wie früher – das Publikum sei durchweg relativ alt. Auch bräuchte es viele gute und engagierte Menschen in den Schulen, die in den Kindern und Jugendlichen die Liebe zur Musik wecken und pflegen. Dazu müssten aber auch die Rahmenbedingungen, vor allem die Bezahlung und Wertschätzung in der Gesellschaft, verbessert werden.

Ein weiteres Thema war die Vereinbarkeit von Karriere & Familie. Schneider erzählte, dass viele Kolleginnen ihren eigentlichen Anspruch, weiterzuarbeiten und ihre Musikkarriere mit Familie weiterzuverfolgen, gar nicht hätten durchhalten können. Konzertgagen sind häufig so niedrig, dass sie für das Babysitting draufgehen. Der Mann verdient immer noch meist mehr, sodass die Frauen dann doch wieder zuhause mit der Kinderbetreuung allein gelassen würden. Herzig führte ihre Beobachtung an, dass die meisten ihrer Kolleginnen mit Jazzmusikern verheiratet seien.

 

Vol. 2: Jazz Montez Talks & Konzert 06.05.2022 Kunstverein Familie Montez

Zwei Tage später drehte sich bei der Veranstaltung unseres Koop-Partners Jazz Montez alles um die Wechselwirkung zwischen Jazz und Demokratie. Was kann unsere Demokratie vom Jazz lernen, was macht eine gute Jazzsession aus und was ist das Faszinierende am Jazz, fragte das erste Panel mit der Sängerin Fiona Grond, dem Schlagzeuger und Dozent an der HfMdK Oli Rubow und dem DJ und Journalisten Michael Rütten. Ein häufig genannter Satz fing mit „im Idealfall…“ an: im Idealfall hörten alle Musiker*innen aufeinander, ließen sich gegenseitig Raum, erzeugten glücklich machende Musik. In der Realität gäbe es aber auch die Alpha-Menschen, die sich mit ihren Soli produzierten und für die Begegnung mit den Anderen gar nicht offen seien, was die Session schrecklich langweilig mache.

Das zweite Panel mit Johanna Schneider, dem Orchestermanager der hr-Bigband Olaf Stötzler und mir (Mane Stelzer (MELODIVA, Singer-/Songwriterin)) trug den Titel „Jazz in Deutschland – Eine elitäre Veranstaltung?“ und befasste sich vor allem mit den Zugangshürden und Ausschlüssen in der Jazzszene. Stötzler versicherte, dass ihnen bewusst sei, dass sie als rein männliche Bigband ein bisschen aus der Zeit gefallen seien. Es scheitere nicht am guten Willen, sondern daran, dass sich zu wenige Frauen bewürben und gegen die Konkurrenz durchsetzen könnten. Auf die letzte Ausschreibung hin hätten sich von insgesamt 58 Bewerber*innen nur zwei Musikerinnen beworben, deren Audiofiles dann in einer Art „Blind Audition“ angehört wurden. 12 Bewerber kamen in die Vorauswahl und wurden für eine Audition eingeladen; und obwohl darunter nicht die zwei Bewerberinnen waren, wurden diese dann trotzdem „live“ angehört. Eingestellt wurde dann aber ein Mann.

An gutem Willen fehlt es also nicht – wohl eher ein genaueres Hinschauen. Es könnte auch an der Art der Ausschreibung, der Außenwirkung und Ausrichtung der Bigband oder praktischen Gründen wie Tour- und Probezeiten usw. liegen, dass sich so wenige Musikerinnen* bewerben. Wir nehmen uns vor, dem auf den Grund zu gehen und bei den Jazzmusikerinnen* in unserem Netzwerk genauer nachzufragen. Schreibt uns gern eine Mail mit eurer Meinung und euren Erfahrungen!

Um zu zeigen, wie Kommunikation im Jazz zwischen Musiker*innen funktionieren kann, waren für die anschließende Session sechs großartige Instrumentalist*innen eingeladen, die noch nie in dieser Formation zusammengespielt hatten und den Auftrag bekamen, gemeinsam zu den Themen des Abends zu improvisieren. Neben Johanna Klein (Saxofon, Effekte), Franziska Aller (Bass) und Johanna Schneider (Vocals) waren das Darius Blair (Saxofon), Lukas Wilmsmeyer (Gitarre), Biboul Dariouche (Percussion) und Oli Rubow (Schlagzeug). Sie ließen sich von Begriffen inspirieren, die die sechs Panelgäste im Vorfeld nennen durften und die jeweils einer anderen Farbe zugeordnet wurden. Das wechselnde Scheinwerferlicht läutete so immer einen neuen Part ein und setzte Begriffe wie Ehrlichkeit, Neugier, Respekt, Aktivität, Vertrauen und Erdung musikalisch in Szene. Grandios!
 

Überall wird gelockert was das Zeug hält, doch die Livemusik-Branche muss sich weiter in Geduld üben. Bis 31.08.2020 sind alle sog. Großveranstaltungen untersagt, nach welchen Besucherzahlen sich eine Großveranstaltung definiert, ist aber nach wie vor nicht festgelegt, sondern variiert abhängig vom Bundesland und den jeweiligen Verordnungen (der Europäische Verband der Veranstaltungs-Centren e.V. und seiner Tochtergesellschaften (EVVC) hat eine Liste der aktuell geltenden Regelungen der einzelnen Bundesländer erstellt). Viele Bundesländer erlauben ab Ende Mai oder Mitte Juni wieder kleinere Konzerte mit maximal 50 Besucher*innen im Inneren und 100 im Freien – allerdings unter strengen Auflagen zu Hygiene und Abstand (Maskenpflicht), festen Sitzplätzen und namentlich bekannten Besucher*innen. Dass die Vorschriften nicht ganz durchdacht erscheinen, lässt eine Grafik vermuten, die die oberösterreichische Initiative Kulturretten veröffentlicht hat (s. rechts). Sie zeigt, wie nah sich Menschen in verschiedenen Räumen unter Einhaltung der geltenden Abstandsregelungen kommen. Und selbst wenn frau miteinbezieht, dass die Belüftung der Räume eine große Rolle spielt und Passagieren in einem Flugzeug eventuell eine gereinigtere Luft zur Verfügung steht, erscheinen die Vorgaben für Restaurants und Konzertsäle kaum logisch.

Fakt ist jedenfalls, dass unter den derzeitig geltenden Abstands-Auflagen fast kein Liveclub Konzerte veranstalten kann! Die Corona-gerechte Bestuhlungsvariante der Werretalhalle Löhne (Foto links) zeigt, wie ein Konzert-/Theatersaal nach den neuen Lockerungen mit Abstandgebot bestuhlt werden darf. Das Theater hat eigentlich 313 Plätze, im Falle einer „Wiedereröffnung“ werden daraus 66. Die geltenden Hygieneschutzbestimmungen bedeuten eine Reduzierung der verkaufbaren Plätze (also Tickets!) um 70 bis 80 Prozent.

Die Frankfurter Brotfabrik hat ausgerechnet, dass sie ca. 20-30 Gäste in den Saal lassen könnte, was sich natürlich nicht rechnen würde. Wie der Schlachthof Wiesbaden ist es den Veranstalter*innen wirtschaftlich nicht möglich, solche „Kleinstveranstaltungen“ durchzuführen, ohne sie mit größeren Veranstaltungen wie Clubnächten subventionieren zu können. Während also in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dass die Kultur bald wieder fröhlich losgehen kann, erweisen sich die neuen Abstandsregelungen in der Realität und betriebswirtschaftlich als nicht umsetzbar. 

Neue Konzert-Formate: von Versammlung bis Autokino

Doch natürlich gibt es zarte neue Event-Pflänzchen von findigen Veranstalter*innen, die Szene ist ja schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Die Kulturhalle Stockheim hat sich z.B. die Geisterstunde+12 ausgedacht: Es gibt zwei Live-Sets (19/20:20 Uhr) und zu jedem Set sind je 12 Livegäste erlaubt. Der Rest darf per Livestream via Facebook & Youtube zuschauen und virtuellen Eintritt zahlen. Am 03.06. sind dort gleich vier Singer-/Songwriterinnen zu sehen: Tess Wiley, Maren Sequens, Uta Desch & Vanessa Novak. 

Der Stadtgarten in Köln hat bereits mit „richtigen“ Live-Konzerten begonnen: ausschließlich Open-Air und mit nicht mehr als 80 Besucher*innen. In seiner Reihe „NICA live“ findet z.B. am 18.06. das CD Release-Konzert des Filippa Gojo Quartetts & Elisabeth Coudoux‘s Emißatetts im neuen Open-Air-Konzertraum GREEN ROOM im hinteren Teil der Außengastronomie des Stadtgartens (dem ehemaligen „Al Bosco“) statt. Tickets können für den 2er-Tisch für 10.-€ und für den 4er-Tisch für 20.-€ gekauft werden. Auch das BIX in Stuttgart bietet wieder Live-Konzerte, allerdings vorerst ohne Bläser*innen und Sänger*innen, um etwaige Risiken zu minimieren. Das Ella & Louis in Mannheim veranstaltet ebenfalls wieder Konzerte mit zwei voneinander getrennten Sets pro Abend an den kommenden Freitagen.

Das AZ Rödermark trotzt Corona mit der Reihe „Kultur am Sonntag“ jeweils 16 Uhr im Hof Oberfranz, Egerländerstr. 8, Rödermark-Urberach vom 21. Juni bis 16. August. Am 21.06. kann sich das konzerthungrige Publikum auf  Sue Ferrers & Steffen Huther – Mittsommer mit Nyckelharpa und Gitarre freuen. Anmeldung über ed.kramredeor-za@znarfrebo.d erforderlich, Eintritt frei, um Spenden wird gebeten. Bei Regen muss das Konzert leider ausfallen.

Die Band Django 3000 spielte Anfang Mai das erste Live-Konzert in Bayern mit 35 Zuschauer*innen in einem von Absperrband begrenzen Bereich (Foto: Andreas Richter/Rocket Studios). Sie hatte ihr Konzert auf dem Alpensegelflugplatz Unterwössen kurzerhand als Versammlung angemeldet, musste dann aber auch diverse Vorgaben beachten (Quelle).

Ob frau den neusten Schrei – Autokino-Konzerte (!) – gut findet, sei dahingestellt. Kulturinteressierte finden jedenfalls auch in diesem Monat wieder tolle Konzerte. Livestreams & Onlinekonzerte aller Arten gibt es auf dringeblieben.de, tv noir aus meinem Wohnzimmer, Sofar Listening Room, Quaratunes, Stageit, Artists Against Corona, Mylocalmusic, Kulturama.digital oder ihr schaut mal bei Facebook bei der Gruppe „Online Konzerte“ vorbei. In der Schweiz treten Künstler*innen bei Sofakultur, Art on Air, MusicStage oder Artist Remote auf; weitere Online-Kulturangebote findet ihr hier.

Festivals

Einige Festivals haben für diesen Monat ein Ersatzprogramm geschnürt: In der ersten Online-Ausgabe des Morgenland-Festivals vom 18.-27.06.2020 werden die Festivalmusiker*innen in ihrer Heimat spielen, das Morgenland-Team zeichnet die Konzerte auf und sendet über seinen eigenen Youtube-Kanal. Bei „Balkans Beyond Brass“ werden Divna Ljubojević & Melódi, Amira Medunjanin & Nedyalko Nedyalkov und Merima Ključo (Akkordeon) und Jelena Milušić (Gesang) mit ihrem Projekt Lume (Foto links: Marko Ercegović) zu sehen sein. Außerdem treten Savina Yannatou & Primavera En Salonico, Bojana Nikolić & Serbian Voices, Nataša Mirković  & Osnabrücker Jugendchor u.a. auf. Die zweite Ausgabe soll vom 02.-06.12.2020 als reguläres Livefestival mit neun Veranstaltungen in Osnabrück stattfinden.

48h-Wilhelmsburg vom 12. – 14. Juni 2020 bringt Musik, Orte und die Nachbarschaft zusammen und zwar in diesem Jahr kontaktlos via Internet, Radio und Fernsehen. Im Fokus steht dieses Jahr das Online-Programm: The show must go online! Am Festival-Wochenende wird es viele verschiedene Livestreams aus der Minibar, der Deichdiele und dem Café Nova geben. Viele Musiker*innen werden außerdem aus ihren Wohnzimmern von zu Hause aus streamen. Mit dabei sind Folky June (Foto), River & Rain, Naïs u.a. Teil des Programmes sind außerdem Videos und Podcastfolgen, die das Bürgerhaus Wilhelmsburg aufgenommen hat. Wie immer bei 48h wurden Orte und Musiker*innen zusammengebracht: Die Konzerte und Podcasts sind deshalb nicht nur Konzertaufzeichnungen, sondern stellen immer auch den Ort vor, an dem das Konzert eigentlich hätte stattfinden sollen.

Das Jazzfestival Basel wollte sein 30-jähriges Jubiläum eigentlich mit einem großen Eröffnungskonzert am 19. April feiern. Jetzt werden die Highlights in zwei Blöcke aufgesplittet: Festival-Konzerte rund um „New Horizons“, die neue Kooperation mit dem Kunstmuseum Basel, sollen Ende Juni 2020 und Festival-Konzerte rund um die Eröffnung des neuen Stadtcasinos Ende August 2020 stattfinden. Bestätigt sind bereits das Basler Jazz-Openair am 21. Juni von 12-18 Uhr im Garten der Kunsthalle, Lisette Spinnler 3, Kappeler/Zumthor in der Dorfkirche Riehen um 20 Uhr.

Das geplante 15. Kulturfestival St.Gallen findet leider nicht statt, dafür gibt es in diesem Jahr ein Kulturfestival St.Gallen „light“ vom 26. Juni – 18. Juli 2020 mit ausschließlich lokalen Künstler*innen. Das bereits gebuchte Line Up war komplett weggebrochen, zudem dürfen nur 300 Personen in den Innenhof reingelassen werden. So haben sich die Macher*innen entschieden, ihr 15. Jubiläum auf nächstes Jahr zu verschieben und in diesem Jahr ein abgespecktes Kulturfestival St.Gallen durchzuführen. Die Bühne wird etwas kleiner und einfacher, die Bands werden fast ausschließlich aus der Ostschweiz kommen und das Essensangebot wird reduziert und im Foodtruck der Geschmacksträger vor dem Museum zubereitet. Dafür wird das Festival von den geplanten 15 Konzertabenden auf 17 Veranstaltungen ausgedehnt.

„Liebling, ich habe SummerKLAENG geschrumpft“, heißt es auf der Homepage des „buntesten Musikmarathons der Stadt Köln“ auf dem Ateliergelände Odonien. Viel Jazz und improvisierte Musik, wild, rotzig, aufmüpfig und subversiv, dafür sind die Festivalmacher, das Kölner Jazzkollektiv KLAENG bekannt. 2020 macht die Corona-Pandemie ihnen einen Strich durch die Rechnung. So können die „Lite“-Version am Samstag, 27. Juni nicht mehr als 100 Gäste besuchen, um ab 16 Uhr dem Johanna Klein Quartett (Foto links), dem Fay Claassen Köln Projekt u.a. zu lauschen.

Das Kulturprojekt Mainzer KulturGärten veranstaltet im Juni Open-Air Konzerte im Biergarten des Schlosses und im KUZ. Neben der Gastronomie kann sich das Publikum auf ein Rahmenprogramm mit lokalen Künstler*innen unter Berücksichtigung aller Abstands- und Hygieneregeln freuen. Maximal 100 Besucher*innen gleichzeitig sind erlaubt. Eintritt: frei, Reservierungen während der Öffnungszeiten telefonisch unter: 06131-242-514, max. 6 Personen & max. 2 verschiedene Haushalte. Timeslots: 16 bis 18 Uhr, 18 bis 20 Uhr, 20 bis 22 Uhr.

JazzBaltica wollte Ende Juni sein 30-jähriges Jubiläum feiern. Zwar wurde das auf 2021 verschoben, aber der künstlerische Leiter Nils Landgren hat ein attraktives Alternativprogramm auf die Beine gestellt. Am JazzBaltica-Wochenende vom 20.- 21. Juni werden sich Jazzmusiker*innen im Maritim Seehotel in Timmendorfer Strand einfinden, um dort, allerdings ohne Publikum, in einem stilvollen Setting aufzutreten. Im Hammerprogramm stehen die Sängerin Viktoria Tolstoy, die Kontrabassistinnen Lisa Wulff und Eva Kruse, die Schlagzeuger*innen Eva Klesse und Christin Neddens, die Sängerin und Saxofonistin Fabia Mantwill, Saxofonistin Tini Thomsen, die Sängerinnen Ida Sand und Cæcilie Norby u.v.m. Die Konzerte werden von ZDFkultur live übertragen und aufgezeichnet.

Hammer! Am 24. Juni startet die Pasinger Fabrik ihr großes Sommerfestival SOMMERFRISCHE mit vielen Open-Air-Veranstaltungen im Ebenböckhaus und Schloss Blutenburg. Das bunte Programm – romantische Opernabende, unterhaltsames Kabarett, fesselnde Lesungen und zahlreiche Konzerte von Jazz bis Rock mit Simone Saitenfeder, Lewi & Waldenfels, Anja Morell & Hello Gypsy, Liab (Lost in a bar) sowie Kiko Pedrozo, Finni Melchior & Hansi Zeller u.v.a. – läuft bis 29.08.2020. Aufgrund der geltenden Abstands- und Hygienereglungen sind Tickets in den Kategorien Einzelplatz, bzw. Doppelplatz erhältlich. Plätze der Kategorie Doppelplatz können ausschließlich im Zweierpack von Gästen erworben werden, die im Verhältnis zueinander von den Kontaktbeschränkungen befreit sind. Bei schlechtem Wetter finden die Veranstaltungen (mit wenigen Ausnahmen) in der Wagenhalle der Pasinger Fabrik statt. Bei einer Verlegung in die Pasinger Fabrik erhalten ausschließlich Kunden mit einem Allwetterticket einen Platz in der Wagenhalle. Kunden mit einem Schönwetterticket erhalten an der Vorverkaufsstelle, an der die Karte gekauft wurde, den Eintrittspreis zurück.

 

Veranstalter*innen unterstützen

Zahlreiche Kulturveranstalter*innen brauchen jetzt dringend unseren Support! Das Open Air Programm des Stalburg Theaters in Frankfurt (Stoffel) musste abgesagt werden, schaut mal hier. Die Sommerwerft Frankfurt tüftelt an einem Konzept, wie sie im Juli starten können, das Afro Pfingsten sammelt Spenden für Künstler*innen, denen sie absagen mussten. Die Konzertreihe Musik zwischen den Welten in Dresden braucht ebenfalls dringend Spenden, wenn sie fortbestehen will; für jede Spende über 25.-€ gibt es eine CD aus dem Musiker*innenkatalog dieser Konzertreihe, spezielle Wünsche dürfen auch noch angemeldet werden. Erkundigt euch einfach bei eurer Lieblings-Festival- und Konzertlocation – damit sie nach der Krise auch noch da ist!

(Titelbild Mainzer Open Ohr 2017: Sascha Kopp)

Zum Auftakt das Motto „Let’s Work Together“ – eine Arbeit, die den Beteiligten und dem Publikum sichtlich Spaß bereitet. Perry aus Mississippi macht den Anfang mit markant-tiefer Stimme, die auch ohne Mikrofon gut zu hören ist, und mit interessanter Gitarrenarbeit. „High Risk, Low Reward“ heißt einer seiner Songs – das kann manche*r Musikschaffende bestätigen… Nach sieben Songs, unterstützt von dem bewährten Bassisten Roger Innis und der schwedischen Drummerin Amanda Dal, betritt Mrs. Shay die Bühne – und es wirkt, als sei das Licht auf einmal viel heller geworden: Wahnsinns-Röhre, dazu eine schier unglaubliche Energie, sympathische Ausstrahlung, und, das muss man sagen: extrem sexy Outfit. Und was man auch sagen muss: Das Publikum an diesem Abend, zu 2/3 männlich und 50 plus, kommt nie auf die Idee, diesen Umstand in irgendeiner ungebührlichen Weise zu kommentieren – Applaus gibt’s reichlich, aber für die Leistung! Und die zahlreichen jungen Frauen genießen die Show genauso.

Das ist auch nicht schwer: Die Songs glänzen durch Power, Eingängigkeit und immer wieder völlig überraschende Gimmicks im Arrangement, die mit traumwandlerischer Sicherheit funktionieren. Wie lang hatten die Musiker eigentlich Zeit zum Proben? Oder verfügen sie über telepathische Kräfte? So eine Perfektion  hab ich schon lang nicht mehr gehört! Zwischen Bass und Drums passt kein Blatt Papier, und Whitney Shay singt mit Inbrunst und Akkuratesse, obwohl sie über die Bühne fegt wie ein Springteufelchen. „A Woman Rules The World“ heißt einer ihrer Songs; man glaubt es, wenn man sie erlebt. Wow! Nach der Pause geht es erstmal gemächlicher weiter; Jeremiah Johnson mit ruhigen, gefühlvollen Südstaaten-Balladen, garniert mit fingerflinken Gitarrensoli. Und zum Schluss noch mal alle zusammen nach dem bewährten Caravan-Rezept. Der Riesen-Applaus bringt natürlich Zugaben, als letzte das funky „Standing On Shaky Ground“. Nein, auf wackligem Boden steht der Blues wahrlich nicht – mit solchen jungen, enthusiastischen, spielfreudigen und perfekten Künstler*innen!

Weitere Livetermine: 23.02. Kassel, Theaterstübchen, 29.02. Offenburg, Reithalle im Kulturforum

(Titelbild: Fee Kuhn, Bandfoto: Fräulein Fotograf)