Was bedeutet dir deine Chorarbeit? 

Die Chorarbeit ist ein wichtiger Teil meiner verschiedenen Tätigkeitsfelder als Musikerin. Ich liebe die Arbeit mit Gruppen – insbesondere mit Chören, denn hier kann ich auch gleichzeitig viele meiner Fähigkeiten und Interessen einsetzen, wie zum Beispiel Arrangieren, Komponieren, Theater, Choreografie, Programme konzipieren und Humor ausleben. Es macht mir Freude, auf die Endprodukte von themenorientierten Chorprojekten hinzuarbeiten und im optimalen Fall zu erreichen, dass alle Beteiligten mit Begeisterung und Spaß dabei sind. Da momentan einige Bereiche lahmgelegt sind – Live-Acts, Konzerte, Posaunenspiel etc., – ist mir besonders wichtig, dass innerhalb der regelmäßigen Probenarbeit meiner Chöre kein Stillstand erfolgt – und dazu möchte ich gerne beitragen. 

Welche Strategien hast du seit dem letzten Jahr gegen diesen Stillstand entwickelt?

Nach der ersten „Schockstarre“ wurde mir ziemlich schnell klar, dass die gesamte Probenarbeit anders werden würde. Ich habe mich dann langsam vorgetastet in dem, was machbar ist, immer aber – so gut es ging – orientiert am Feedback der Sänger*innen. Jeder Fall liegt anders: Es macht einen Unterschied, ob bei einem Chor gerade ein neues Programm in Entwicklung ist, oder ob ein Chor wegen Corona-Auflagen die Premiere des aktuellen Programms nicht aufführen kann. Was ich insgesamt in dieser Zeit sehr wichtig finde, ist Beziehungsarbeit zu leisten und mitzuhelfen, dass die Chorgemeinschaft bestehen bleibt. Außerdem habe ich für mich auch neue Arbeitsbereiche entdeckt wie zum Beispiel die Audio-Bearbeitung, was mir wiederum neue Möglichkeiten in Bezug auf Komponieren und Arrangieren eröffnet. Aber bei allem Bemühen habe ich natürlich auch regelmäßig Zweifel und Durchhänger, wenn ich darüber nachdenke, wie sich alles in Zukunft entwickeln und in welcher Form ein Live-Musizieren wieder möglich sein wird: Anknüpfen, Neubeginn, Aufhören oder Weitermachen?

Was kann man während der Pandemie mit Chören überhaupt machen? 

Für mich haben sich konkret einige Themen angeboten, die besonders gut geeignet sind, weil vermutlich die Sensibilität aller Beteiligten dafür nur in dieser Zeit vorhanden ist. Ich wollte Corona künstlerisch thematisieren, und so sind Audio- und Video-Collagen entstanden, die eine emotionale Beteiligung der Chorsänger*innen erforderten, wie z.B. das „Corona-Tagebuch(Die Dissonanten Tanten) oder die „O-Töne aus der Quarantäne(Sound of Praunheim – Frauenchor). Beim Hochschulchor der Frankfurt University of Applied Sciences konnte ich noch im Sommersemester 2020 an einer Auftragskomposition für Bigband und Chor arbeiten, der „ViruSuite“. Aber inzwischen ruht dort der gesamte musikalische Betrieb. Mit jedem meiner Chöre erarbeite ich andere Inhalte, immer aber mit vielen kompositorischen Elementen und eigenem Herzblut: Zum Beispiel hatte ich als Lehrbeauftragte der Fra-UAS im Wintersemester 2020/21 die Möglichkeit, ein Projekt mit Studierenden durchzuführen, was ich speziell auf junge Leute zugeschnitten hatte. Es hieß „Isoliert und angeschmiert – Soundschnipsel von drinnen für draußen“.

Weitere aktuelle und geplante Kompositionen für Chor sind zum einen die „Flexionen II/ Deklinationen“: Darin werden „böse“ Hauptworte, die mit Corona zusammenhängen, im Singular und im Plural buchstäblich kaputt dekliniert. Über diesem vermeintlichen Chaos entfaltet sich dann eine hoffnungsvolle Melodie. Das zweite Projekt heißt „Dum spiro, spero“, in dem unter anderem der Atem eine zentrale Rolle spielt – da ist also ein Bezug zu Corona, aber auch zu dem Konzept der bipolaren Atemtypen, der Terlusollogie, denn es geht um aktiven Einatem und aktiven Ausatem. Außerdem sind darin mit den Worten von Cicero Schlüsselbegriffe des Menschseins angesprochen: Atem, Hoffnung, Liebe, Leben. Die Vertonung dieser Worte erfolgt mit pentatonischen Motiven, die pandemische Ausmaße annehmen, wieder also ein Corona-Bezug, in diesem Fall zur Fülle des gewählten Tonmaterials. Für dieses digitale Projekt suche ich auch überregional noch singende Menschen, die an einer Teilnahme interessiert sind. Was allgemein die Struktur meiner Online-Proben betrifft, da biete ich kleinteilige Angebote aus unterschiedlichen Bereichen an: Neben der Repertoire-Arbeit und dem Erarbeiten neuer Songs findet in den virtuellen Chor-Sessions Platz, was sonst in den normalen Chorproben zu kurz käme, wie Gehörbildung, Musiktheorie und Rhythmik. Schwierige Stellen werden durch die Lupe betrachtet, und das Teilen des Bildschirms gewinnt eine gemeinschaftliche Dimension der besonderen Art. 

Und wie kommt diese andere Arbeit bei den Mitgliedern an?

Natürlich gibt es von Seiten der Chorsänger*innen unterschiedliche Reaktionen auf das neue Online-Format und zum Teil auch auf die Inhalte, die ich anbiete: Nicht alle wollen oder können sich mit dem ungewohnten Format anfreunden, aber der Großteil freut sich über die Angebote, die ich mache und dankt es mir mit Teilnahme und Engagement. Niemand wird ja gezwungen, bei den Corona-inspirierten Projekten mitzumachen, deswegen mache ich gleichrangig dazu alternative Singangebote, sodass die Leute eine Wahl haben und sich inhaltlich damit identifizieren können.

Und du selbst? Wie bindest du jetzt im Lockdown Musik in deinen Alltag ein?

Ich höre momentan kaum Musik, es ist, als ob alles eher in mir drin stattfindet. Was mir Spaß macht ist das Arrangieren und Komponieren sowie das Schreiben neuer Konzepte, egal, ob sie jemals umgesetzt werden. Unterm Strich habe ich viel weniger zu tun, aber das, was ich tue, mache ich gründlicher und fokussierter. Ich sondiere mein gesamtes Notenmaterial, bearbeite alte Musikskizzen neu und verwerfe auch vieles. Außerdem bin ich seit vielen Jahren schon im Musikausschuss des Sängerkreis Frankfurt e. V. ehrenamtlich tätig, seit Januar 2021 als Kreis-Chorleiterin: Da gibt es momentan viel zu tun, um den angeschlossenen Mitglieds-Chören Perspektiven für chorische Aktivitäten zu bieten und mitzuhelfen, dass das Chorleben trotz gesangsfeindlicher Corona-Auflagen nicht zum Erliegen kommt.

Welche Strategien hast du für dich gefunden, um gut mit der schwierigen Lage umzugehen?

Offenbleiben für Neues, dabei in meinen Angeboten die Menschen, mit denen ich arbeite, auch von Überraschendem, Ungewohnten überzeugen, auf jeden Fall mehrgleisige Angebote machen, damit sich alle wiederfinden können und vor allem – so gut es geht – positiv bleiben. Ich habe schon das Gefühl, dass es weitergeht – momentan passiert das nur in einem anderen Modus. Es wird anders gelernt, anders aufgenommen, das kann man sich zunutze machen. Natürlich wünsche ich mir – wie wahrscheinlich alle – den Zustand von „früher“ wieder zurück, aber ich glaube nicht, dass wir so einfach den Schalter wieder umlegen können…

Und was fehlt dir trotz allem?

Wirklich lebendige Kommunikation – wie ich mir sie vorstelle – sehe ich momentan bei den Online-Chorproben noch nicht, aber vielleicht ist das auch ein Lernprozess. So kurios es klingen mag: Manchmal wünsche ich mir, dass jemand dazwischenredet, mir widerspricht oder irgendetwas Spontanes sagt.

Und nicht zuletzt fehlt mir natürlich meine Posaune als Ausdrucksmittel, sie muss schleunigstwieder „zum Zuge“ kommen…

Mehr über Viola Engelbrecht und ihre Projekte ist hier nachzulesen:

www.violaengelbrecht.com

(Titelbild: Die „Dissonanten Tanten singen das Programm „Märchenhaft“, Foto: Dietrich vom Berge)

Maryam Akhondy wurde in Teheran geboren und lebt seit 1986 in Köln. Seit der Grundschule hat sie vor allem klassische Musik gesungen, war bei Schulfesten als Sängerin dabei. Nach dem Abitur studierte sie Theaterwissenschaften und Gesang in Teheran. Kurz bevor sie nach ihrem Abschluss ihre künstlerische Karriere starten wollte, begann die Islamische Revolution. Um öffentlich auftreten und ihren Beruf ausüben zu können, blieb ihr nichts anderes übrig, als 1986 nach Köln zu fliehen. Dort begann sie mit iranischen Musikerkollegen zusammen zu arbeiten; die wohl bekannteste war die Weltmusikband Shäl Sick Brass Band, mit der sie zwei mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnete Alben aufnahm.

Dass Akhondy ihre Heimat verließ, hat ihr zu großer künstlerischer Freiheit verholfen, die sie in Ensembles wie der Band Paaz nutzt oder dem Chor Banu, der wahrscheinlich einzigen iranischen Frauen-A Capella Gruppe weltweit. Bis zu 25 Sängerinnen zwischen 25-65 Jahren kommen donnerstags zur Probe, aber bei Konzerten stehen meist nur 7 von ihnen auf der Bühne. Eine Unmöglichkeit in ihrer Heimat, denn Frauen ist dort das öffentliche Musizieren und Singen nur ganz eingeschränkt möglich: vor weiblichem Publikum dürfen sie solistisch öffentlich auftreten, vor gemischtem Publikum aber nur, wenn ihr Gesang von männlichen Gesangsstimmen überdeckt wird. Wie sie die Islamische Revolution und den Umzug nach Deutschland erlebt hat und was ihren Chor so besonders macht, erzählt sie uns in folgendem Interview.

Du bist in Teheran geboren, hast Deine Kindheit und Jugend dort verbracht und Theaterwissenschaften und Gesang studiert. Dann kam die Islamische Revolution und mit ihr wurden die Frauenrechte massiv eingeschränkt. Wie hast Du diese Zeit erlebt?

Anfangs glaubten wir nicht, dass die damals neu verordneten Regeln und Verbote – die Musik und den Frauengesang betreffend – von Dauer sein würden. Erst als die ersten Musik- und Kunstschulen schließen mussten, wurde uns das ganze Maß der Veränderungen und die Schwierigkeiten, in denen wir nun steckten, bewusst. Natürlich haben wir Studentinnen und Studenten zusammen mit unseren Lehrern versucht, die Verbote zu umgehen, z.B. damit, dass der Unterricht nicht mehr in der Schule, sondern im Haus des Ostads stattfand (persisch für „Meister“). Auf einen gewissen öffentlichen Druck hin durften die Musikschulen dann nach einiger Zeit wieder öffnen. Allerdings wurden die bisherigen Klassen geteilt und Männer und Frauen getrennt unterrichtet – von einer Lehrkraft des gleichen Geschlechts. In der Öffentlichkeit zu singen, wurde Mädchen und Frauen gänzlich verboten. Das galt natürlich erst recht für die Bühnen- und Radioauftritte professioneller Sängerinnen.

Welche Auswirkungen hatte die islamische Revolution 1979 auf Dich und Deine Musik? Wie haben sich Dein Leben und Dein Alltag verändert?

Das Gesangsverbot für Frauen habe ich ja schon erwähnt. Es betraf auch mich, weil ich zu der Zeit meine ersten kleinen Auftritte im Radio hatte. Die Veränderungen im Land wirkten sich natürlich auch auf den privaten Bereich und das Berufsleben aus. Ein Beispiel: Neben meiner Gesangsausbildung arbeitete ich als Lehrerin in einer Grundschule. Anfangs trug ich, wie alle jungen Leute, während des Unterrichts Blue Jeans und eine Bluse. Nach der Revolution war daran natürlich nicht mehr zu denken. Eine lange, mantelähnliche Jacke und das Tragen eines Kopftuchs wurden zur Pflicht – in der Schule ebenso wie im Alltag außerhalb der eigenen vier Wände.

In der Folge durften Sängerinnen nicht mehr öffentlich auftreten. War das für Dich der Hauptgrund, dass Du 1986 nach Köln gezogen bist?

Ja. Darüber hinaus hatte ich ja Theaterwissenschaften studiert. Auch in diesem Bereich galten nach der Revolution ähnliche neue Regeln und Verbote wie in der Musik. Da traf es sich gut, dass ich in dieser Zeit zu einem asiatischen Musikfestival nach Stuttgart eingeladen wurde – als Gastsängerin einer iranischen Band aus Köln. In Deutschland traf ich meinen damaligen Mann wieder, der schon vorher aus dem Iran fliehen musste, weil er politisch verfolgt wurde. Also blieb auch ich und versuchte einen künstlerischen Neustart – ohne zu wissen, ob mir der mit meiner Musik in diesem für mich fremden Land gelingen würde.

Wie ging es Dir in Köln zu Beginn? Musstest Du ganz neu anfangen? Ist es Dir leichtgefallen, Kontakt in der Musikszene zu knüpfen?

Nein, das ist es nicht. Es war ein in jeder Hinsicht schwieriger Neuanfang für mich: in einer mir unbekannten Kultur mit einer völlig anderen Sprache und einem damals erst sechs Monate alten Kind! Der Weg in die Kölner Musikszene führte erst einmal nur in den Kreis der in Köln lebenden exiliranischen Musiker. Mit einigen von ihnen tourte ich bald durch Deutschland und Skandinavien. Später gründete ich meine eigene klassisch-iranische Musikgruppe, das Ensemble Barbad, und schrieb das Musiktheaterstück „Andaruni“, das ich wohl ein Dutzend Mal vor Exiliranern in Deutschland, Dänemark, Holland und Österreich aufführte.

Kontakt zu nicht-iranischen Musikern fand ich erst Anfang der 1990er-Jahre, als ich die Schäl Sick Brass Band und deren gänzlich andere Musik kennenlernte. Seitdem habe ich mit zahlreichen Kölner Musikerinnen und Musikern aus unterschiedlichsten Genres zusammengearbeitet. Auch deshalb empfinde ich mich heute als Teil dieser Szene.

Wann kam Dir die Idee, den Frauen-Chor Banu zu gründen? Was hat Dich daran gereizt?

Das war kurz vor dem Jahr 2000. Da bekam ich Lust, mehr über die Volksmusik meiner iranischen Heimat zu erfahren. Weil ich ja aus der traditionellen persischen Kunstmusik komme, die man vom Anspruch her vielleicht mit der klassischen europäischen Musik vergleichen könnte, wusste ich gar nicht soviel über die Volksmusik Irans. Mit einigen meiner in Köln lebenden iranischen Gesangsschülerinnen gründete ich deshalb einen kleinen Chor, der vorerst nur aus sieben Frauen und mir bestand. Reizvoll war daran auch, dass wir keine zusätzlichen Musiker brauchten – Klanghölzer und Rahmentrommeln reichten völlig aus, um unseren Gesang selbst zu begleiten.

Wie waren die Reaktionen von iranischen Musikkollegen und dem Publikum? Wurdest Du sofort akzeptiert?

Die Reaktionen waren erst einmal, wie man hier in Deutschland sagt, „sehr durchwachsen.“ Das lag zum einen daran, dass mich viele iranische Kollegen bis dahin nur als Interpretin im Genre der bereits erwähnten ernsten persischen Kunstmusik kannten. Neben dieser akademischen Musik wirkt die iranische Volksmusik sehr viel ursprünglicher, lebensfroher und manchmal sogar recht derb.

Dass ich mich, als professionelle Sängerin, gemeinsam mit meinen Schülerinnen auf die Bühne wagte, obwohl deren Stimmen unfertig klangen, sorgte ebenfalls für Unverständnis. Dabei war genau das die Absicht: Die Exiliranerinnen sollten so klingen, wie es die einfachen Frauen im Iran taten, wenn sie bei der Feldarbeit, beim Teppichknüpfen oder bei privaten Feiern gemeinsam sangen. Interessanterweise war es ein deutscher Veranstalter, Peter Schneckmann in Frankfurt, der uns erstmals für einen Auftritt buchte. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Woher nimmst Du das Repertoire? Sind es auch Lieder, die Ihr selbst geschrieben habt oder eher Volkslieder?

Viele der Lieder sind mir als Iranerin bereits bekannt. Von anderen habe ich erfahren, als ich mich intensiver mit der Gesangskultur einzelner im Iran lebenden Bevölkerungsgruppen beschäftigte. Was man hier vielleicht nicht weiß: Iran ist ein Vielvölkerstaat, dessen Provinzen im Westen an Irak und die Türkei, im Norden an Aserbaidschan und Turkmenistan, im Osten an Afghanistan und Pakistan und im Süden an die arabischen Golfstaaten grenzen. Alle diese Länder haben eigene Musikkulturen, die natürlich auch auf die benachbarten Regionen im Iran ausstrahlen.

Teile dieser Musik bilden den Kern unseres Repertoires. Allerdings bearbeite ich manche Lieder so, dass ich sie mit meinen Frauen auch mehrstimmig singen kann – was in der ursprünglichen Version in der Regel nicht der Fall ist. Einmal haben wir auch ein Gedicht des bekannten iranischen Lyrikers Ahmad Shamlou vertont und dabei seinen modernen Text mit traditioneller Musik verknüpft. Und für ein von der Akademie der Künste der Welt in Köln gefördertes Projekt sangen wir von mir ausgewählte alte Frauengesänge aus dem Rheinland – zur Hälfte auf Kölsch und zur Hälfte auf Persisch!

Worum geht es in Euren Liedern?

Einiges habe ich ja schon erwähnt. Um es noch einmal zusammenzufassen: Es geht um die ursprüngliche Musik einfacher Menschen, wie sie – vor allem auf dem Land und in kleinen Dörfern – über Generationen weitergegeben wurde. Diese Musik ist ein selbstverständlicher Teil ihres Alltags und beinhaltet keinen Kunstanspruch. Deshalb klingt sie so authentisch und ehrlich. Weil Frauen offensichtlich mehr Anlässe finden, um zu singen, besteht ein großer Teil unseres Repertoires aus von Frauen gesungenen Liedern. Ein Beispiel ist das einer Nomadin, deren Gesang dem Rhythmus folgt, in dem sie den Ziegenledersack bewegt, in dem Milch zu Butter wird. Ein anderes Lied ist das von Wäscherinnen am Fluß, die ihre Metallschüsseln umdrehen und so zu Trommeln machen. Im von den Frauen weitgehend improvisierten Text kann fast alles vorkommen: Spötteleien über die jungen Männer des Dorfes, Scherze über Schwiegermütter oder gegenseitiges Sich-auf-den-Arm-nehmen.

Mit Deiner Band Paaz kombinierst Du iranische Chansons und Popsongs mit Jazz. Was reizt Dich daran?

Es ist das Eintauchen in ein weiteres mit dem Iran verbundenes Genre und noch einmal etwas wesentlich Anderes als der Schritt, den ich seinerzeit von der klassischen persischen Kunstmusik meines Ensembles Barbad hin zu den mit meinem Frauenchor Banu gesungenen Volksliedern machte. Natürlich geht es auch um schöne Erinnerungen an meine Jugend. Die meisten der Paaz-Stücke entstanden ja in den 1950er bis 1970er Jahren, in denen sich viele iranische Komponisten von populärer europäischer Musik inspirieren ließen.

Dank der wunderbaren Musiker, die ich in Köln für dieses Projekt fand, klingen die meisten der von mir ausgewählten Stücke aber nicht wie bloße Coverversionen, sondern eher wie Neuinterpretationen. Und weil die Instrumentalisten sowohl aus der Klassik als auch aus dem Jazz kommen, fließen auch diese Klangfarben in unsere Musik ein.

In Presseberichten und Radiosendungen über Paaz wurde oft hervorgehoben, dass die Musiker nicht nur aus Deutschland, Weißrussland oder Chile kämen, sondern auch aus Israel und dem Iran. Das ist aber Zufall und sagt mehr über die Vielfalt der Kölner Musikszene aus als über unsere Arbeit. Mich beschäftigt das jedenfalls weniger als die Tatsache, dass alle Paaz-Kollegen vom Alter her meine Söhne sein könnten. Mit solch jungen, aber bereits sehr erfahrenen Künstlern ein gemeinsames Gefühl für Musik entwickeln zu können, die ich sowohl mit schönen, als auch wehmütigen Erinnerungen an mein früheres Leben im Iran verbinde, ist wirklich ein Geschenk.    

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise für Dich beruflich? Dein Chor kann wahrscheinlich auch nicht proben?

Den letzten Auftritt mit Paaz hatte ich im September 2020 in Mainz bei einer interkulturellen Veranstaltung. Obwohl der unter Corona-Bedingungen stattfand, fühlte es sich an wie ein Neustart – was sich als Irrtum erwies. 2020 wird mir wohl als mein „Online-Jahr“ in Erinnerung bleiben. Egal, ob Einzelunterricht oder Workshops für Gruppen: Nichts ging mehr im direkten persönlichen Kontakt. Meinen Probe- und Unterrichtsraum im Pfarrsaal einer Kölner Kirchengemeinde habe ich zuletzt im vergangenen Februar mit meinem ganzen Chor nutzen dürfen, dann nur noch in kleinen Gruppen mit ausreichendem Abstand und ab dem Frühjahr gar nicht mehr. Mehr als das hat aber geschmerzt, dass unsere ursprünglich mit Banu im Sommer 2020 geplante USA-Reise nicht stattfinden konnte. Auf unseren Auftritt bei einem großen Chorfestival in Washington DC hatten wir uns schon sehr gefreut – vor allem, weil wir dort eigentlich das 20-jähriges Bestehen unseres Chors feiern wollten!

Welche Unterstützung in dieser besonderen Situation würdest Du Dir wünschen?

Ich sag erst einmal, was mich gestört hat: Dass man die Probleme der Künstlerinnen und Künstler anfangs scheinbar nicht gesehen und ernstgenommen hat! Manche Informationen zu den Corona-Hilfen fand ich auch sehr widersprüchlich. Mein größtes Problem hatte allerdings weniger mit finanzieller Not oder mit abgesagten Konzerten zu tun, sondern damit, dass mir im Sommer der Mietvertrag meines Proberaums gekündigt wurde. Ich habe vier Monate suchen müssen, um einen vergleichbar großen Saal zu finden. Nutzen können werde ich den natürlich erst dann, wenn es die Corona-Situation wieder zulässt.

Reist Du nach wie vor in den Iran? Hast Du Kontakt zu Musiker*innen dort? Wie geht es ihnen aktuell dort?

Wenn es möglich ist, reise ich einmal im Jahr in den Iran, treffe mich dort mit alten Kolleginnen und Kollegen oder bummele in Teheran durch den Stadtteil Baharestan, in dem es besonders viele Instrumentenbauer und Musikgeschäfte gibt. Eigentlich hätte ich in diesem Jahr erstmals eine Studienreise zu den Musikkulturen Irans begleiten sollen. Dabei wäre es möglich gewesen, weitere Kontakte zu Musikern in fast allen Landesteilen zu knüpfen. Das ging natürlich wegen Corona nicht. Meine letzte Begegnung mit im Iran lebenden Musikern hatte ich deshalb beim Rudolstadt Festival 2019, bei dem Iran der Länderschwerpunkt war und zu dem auch ich mit Banu eingeladen war. An den Kolleginnen und Kollegen im Iran bewundere ich sehr, mit welcher Ausdauer und Energie sie es schaffen, sich immer wieder neu auf sich häufig verändernde Regeln einzustellen und ihre künstlerische Arbeit fortzuführen.

Was sind Deine Wünsche für 2021?

Wie alle anderen wünsche ich mir natürlich, dass es irgendwann mit dieser Corona-Pandemie zu Ende geht und wir wieder ein halbwegs normales Leben führen können. Für die Menschen im Iran wünsche ich mir bessere und menschenwürdigere Lebensbedingungen – losgelöst von allen Problemen, die durch Corona zusätzlich zu den schon so lange bestehenden hinzugekommen sind. Iran ist nämlich ein großartiges Land mit einer viele Jahrtausende alten Kultur und besonders gastfreundlichen Menschen. Ich wünsche mir sehr, dass viele Reisende aus dem Ausland beides in Zukunft wieder häufiger erleben und genießen können.

Infos: http://www.maryamakhondy.com, https://persischsingen.wordpress.com/singen-im-chor/

(Fotos: Bernd G. Schmitz)

Wie kam Dir die Idee für die Raketerei?
Alles fing mit einem Podcast an. Als meine erste Folge online ging, erreichte mich sehr viel Feedback und auch viele, viele Fragen. Ich habe mir dann überlegt, dass es doch wunderbar wäre, wenn wir uns alle untereinander austauschen könnten. Das war der Startschuss meiner ersten Facebook Gruppe RAKETEREI Backstage, die es auch immer noch gibt und die weiterhin wächst. Aktuell befinden sich 1.300 Künstlerinnen in dieser Gruppe. Aus dieser Community heraus entwuchs die aktive Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen im Rahmen von zum Beispiel der RAKETEREI on stage Mitgliedschaft, den RAKETEREI Masterclasses (Gruppenprogramm), aber auch im Rahmen von 1:1 Arbeit.

Warum richtest Du Dich mit Deinen Angeboten explizit an Musikerinnen?
Schaue dich um – was siehst du? In den Entscheiderpositionen sehe ich vor allem Männer. Ich will nicht sagen, dass Männer per se falsche Entscheidungen treffen. Dem ist nicht so. Aber die Art und Weise wie Posten besetzt werden, hat einen Einfluss darauf, ob z.B. divers gedacht wird. Allerdings ist diverses Denken aus einer Monokultur heraus nicht möglich. Das gilt es zu verändern. Ich möchte mit RAKETEREI die Künstlerinnen fit machen, damit sie die Mechanismen verstehen und für sich nutzen können, damit sie sich sichtbar machen können. Denn ich wünsche mir ein gleichberechtigtes diverses Miteinander in dieser Branche.

Wie kann man sich ein Coaching bei Dir vorstellen?
Ich sehe mich eher als Mentorin und Co-Pilotin und weniger als Coach. Ich begleite die Künstlerinnen über einen längeren Zeitraum und wir erarbeiten gemeinsam individuelle Strategien, die die Künstlerinnen zu einer profitablen Karriere führen. Die Denke dahinter lässt sich erlernen. Setzt aber voraus, dass man Lust hat sich mit Marketing zu beschäftigen und sich als Musikerin und Unternehmerin wahrzunehmen. Auch muss die Bereitschaft da sein die individuelle Komfortzone zu verlassen.

Was macht eine erfolgreiche Musikerin eigentlich aus?
Jeder kann erfolgreich sein – was auch immer Erfolg für jeden individuell bedeutet. Der Punkt, an dem sich erfolgreiche und nicht erfolgreiche Menschen voneinander unterscheiden, ist die Einstellung und damit verbunden die Frage: Bin ich bereit, mich auf diesen Marathon einzulassen (es ist kein Sprint)? Das setzt nämlich voraus, dranbleiben zu wollen, in sich zu investieren (immer und immer wieder), konstant zu arbeiten und eine unternehmerische Denke zu lernen. Erfolg ist nichts, das vom Himmel fällt. Auch wenn es in der Musikbranche suggeriert wird. Eine der vielen Lügen, an die geglaubt wird.

Eine Freundin meinte mal zu mir, dass ich in den Spiegel gucken soll. Dann sehe ich, wer mich von meinem individuellen Erfolg abhält. Und sie hatte so recht damit. Es sind nicht die anderen, die über unseren Erfolg entscheiden (vermutlich eine weitere Lüge der Musikbranche). Wir haben es selbst in der Hand. Ich beobachte in meinem Umfeld sehr häufig, dass am Anfang die Motivation sehr hoch ist, wenn es darum geht sich mit der eigenen Musik zu positionieren und Geld verdienen zu wollen. Aber viele verlieren auf dem Weg die Puste, weil es nicht schnell genug geht. Wie gesagt, es ist ein Marathon, kein Sprint.

Ist die Online-Masterclass ein neues Modell, mit dem Du auf die Corona-Situation reagierst, oder sind virtuelle Angebote für Dich sowieso schon ein wichtiges Arbeitsmittel?
Eigentlich nicht, ich arbeite bereits seit 2017 online und spreche immer mal wieder kostenlose Angebote aus. Am Anfang waren es vor allem Challenges, bei denen es um Themen wie Booking oder Social-Media-Strategien ging. Mit der Masterclass, in der es um die Frage geht „Wie schaffe ich es Geld mit meiner Musik zu verdienen?“ gebe ich lediglich eine Antwort auf die aktuelle Herausforderung.

Planst Du weitere ähnliche Angebote in nächster Zeit?
Im Januar starten die nächsten Jahres-Gruppen-Programme (hier geht es zur Warteliste). Ziel dieses Programms ist es, das Fundament für eine profitable Karriere zu legen. Neben dem Aufbau von individuellen Umsatzquellen beschäftigen wir uns mit Themen wie Booking, Social-Media-Strategien, Verhandlungsführung, Aufbau eines Newsletters etc. Dieses Programm lohnt sich für alle, die endlich durchstarten wollen! Bei Fragen kann man sich sehr gerne bei mir melden: moc.i1756659391erete1756659391kar@e1756659391kmi1756659391

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto: Anemone Taake

Für die Online-Masterclass am 27. 10. könnt ihr euch hier registrieren. Allgemeine Infos zur RAKETEREI findet ihr hier.

Das Release-Datum Eures neuen Albums „Creatures & States“ (enja yellowbird, VÖ: 15.10.2020) steht unmittelbar bevor. Auf was können sich die Hörer*innen besonders freuen?

Das vierte Album unserer Bandgeschichte ist wie immer ein mit viel Herzblut handgemachtes Stück Musik, in welchem wir unsere musikalische Zusammenarbeit gemeinsam weiterspinnen und -führen. Wir erzählen neue Geschichten in Musik und nehmen die Hörer*innen mit auf Reisen in unsere Träume, unsere letzten Tourneen, Fantasiewelten und Geschichten aus dem echten Leben. Außerdem können sich alle, die die CD so richtig oldschool physisch erwerben, auf ein richtig tolles und besonderes Artwork der Dresdner Zeichnerin KENDIKE freuen.

Bei Euren Stücken kommt es öfter vor, dass Ihr Euch eine Geschichte ausdenkt, die Ihr dann in Musik wiedergebt. Wie gehst du beim Komponieren vor und was inspiriert Dich?

Wir schreiben ja alle vier für unsere Band und gehen da alle glaube ich ganz unterschiedlich vor. Bei mir ist oft etwas Außermusikalisches der erste Anstoß, eine Geschichte, eine Begegnung, etwas, das ich gelesen habe, das mich beschäftigt. Manchmal steht der Titel eines Stückes als allererstes fest und ich versuche, die Musik dazu zu schreiben, manchmal ist es auch genau andersherum. Dann setze ich mich ans Klavier und probiere herum. Oft ist natürlich auch andere Musik eine große Inspiration: eine bestimmte Stimmung bei einem Konzert, die man einfangen möchte, eine Farbe, eine Art, an Improvisation heranzugehen, die man mit in die Band einbringen möchte.

Die Corona-Pandemie hat sehr viel eingeschränkt, vor allem die Kulturbranche. Wie hat die momentane Situation Dich als Musikerin und auch die Musik auf dem neuen Album beeinflusst?

Wir hatten das große Glück, das Album noch vor dem Lockdown aufnehmen zu können, es ist quasi aus heutiger Sicht heraus ein „Zeugnis aus einer anderen Zeit“. Die durch die Pandemie verursachten Einschränkungen waren für uns alle natürlich einschneidend. Ich persönlich saß mit gepackten Koffern für 10 Tage Tour (u.a. in der Türkei, der Schweiz und Deutschland) im Zug, als nach und nach innerhalb von Stunden alle anstehenden Konzerte abgesagt wurden und quasi das eigene Leben so ein bisschen vor einem zusammenbrach. Das und die darauffolgenden Wochen, die Ungewissheit und die Ohnmacht, den eigenen Beruf nicht mehr ausüben zu können, haben glaube ich bei uns allen einen bleibenden Eindruck hinterlassen und viele offene Fragen. Vor allem die Situation aller rein freiberuflichen arbeitenden Kolleg*innen ist dramatisch, da muss jetzt dringend eine politische Lösung gefunden werden.

Andererseits haben wir alle natürlich nach dem Verdauen des ersten Schocks versucht, die Zeit auch in irgendeiner Weise positiv für uns zu nutzen, um beispielsweise Musik zu schreiben, zu reflektieren und die – wenn auch von außen verordnete – Pause auch als ein vielleicht überfälliges Innehalten in unserem sonst doch sehr bewegten Leben zu begreifen.

Du hast eine Professur in Hannover, das ist ja was ganz Besonderes. Wie ist es für Dich, die erste deutsche Instrumentalprofessorin im Jazz zu sein?

Dass ich die erste Instrumentalprofessorin im Jazz in Deutschland bin, steht natürlich für etwas – aus meiner Sicht hoffentlich für einen Aufbruch in Richtung von mehr Diversität, auch in der Jazzausbildung. In meiner alltäglichen Arbeit an der Hochschule spielt dieser Fakt allerdings keine große Rolle, da ist es mir einfach eine riesige Freude, mit jungen motivierten Musiker*innen zu arbeiten, sie auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen, neue Musik kennenzulernen, sich gegenseitig zu inspirieren und etwas zurück- und weiterzugeben von dem, was ich von meinen Lehrer*innen und Mentor*innen gelernt und mit auf den Weg gegeben bekommen habe.

Was glaubst Du müsste sich ändern, damit sich mehr Musikerinnen als Hochschul-Professorinnen im Instrumentalbereich bewerben und von den Musikhochschulen eingestellt werden?

Das ist eine komplexe Problematik, die sicher nicht in 1-2 Sätzen zu beantworten ist. Natürlich ist es wichtig, das bei der Besetzung von Stellen im Hochschulkontext im Auge zu behalten, aber ich denke, dass man deutlich früher ansetzen muss: u.a. bei der Sensibilisierung für das Thema generell (in der Szene, aber auch gesamtgesellschaftlich), beim Aufbrechen von veralteten Rollenbildern und Gender-Klischees und bei genderbewusster Pädagogik auch im Musikbereich, bei der Schaffung von Vorbildern, der gezielten Förderung junger Mädchen* und Frauen*, bei einem offeneren und diverseren Blick auch auf das Thema Ästhetik generell und und und. Es gibt noch viel zu tun und wir können das nur schaffen, wenn wir uns alle zusammen tun, Männer, Frauen und everybody in between.

Wann und wie kamst Du zum Schlagzeug?

Mit 10 habe ich den Wunsch entwickelt, Schlagzeug zu spielen und zu lernen. Ich komme aus einem musikliebenden Elternhaus, wir waren oft gemeinsam auf Konzerten und da hat mich das Instrument einfach fasziniert. Zu meinem 11. Geburtstag bekam ich dann ein erstes kleines gebrauchtes Kinder-Schlagzeug geschenkt und dann gings los!

Ihr wollt bestimmt bald mit dem Album auf Tour gehen. Ist es möglich, dass diese auch als Hybrid- oder Onlinekonzerte stattfinden werden?

Wir sind da im Moment ganz offen – und müssen das auch sein, da sich die Umstände und die Regeln ja täglich ändern (können). Im Moment fühlt es sich ein wenig an wie ein déjà vu der Situation im März, wo man gar nicht absehen und beurteilen kann, was in 2 Wochen passieren wird. Unsere Fähigkeit, sich auf immer neue Gegebenheiten einzustellen und zu improvisieren, schulen wir als Jazzmusiker*innen ja sowieso ständig, diese werden im Moment aber noch mal ganz besonders auf die Probe gestellt. Wir hoffen sehr, dass wir in der 2. Jahreshälfte Konzerte spielen können, unter welchen Umständen auch immer (wenn möglich natürlich am allerliebsten mit dem Zauber der Zusammenkunft echter Menschen an einem echten Ort und ganz analog).

Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch und wünschen alles Gute für die nächste Zeit!

Eva Klesse Quartett live: 16.10.2020 Kulturforum, Kiel | 17.10.2020 Jazzclub, Rostock | 30.10.2020 Jazzfreunde, Kleve | 13. & 14.11.2020 Bird’s Eye, Basel (CH) | 15.11.2020 Stadthalle, Werl | 19.11.2020 Pianosalon, Berlin | 20.11.2020 Jazzclub, Singen | 21.11.2020 Jazzclub, Villingen | 22.11.2020 Jazzhaus, Freiburg

(Titelfoto: Gerhard Richter, Bandfoto: Sally Lazic, CD-Cover: Kendike)

Interview: Rebekka Marx

„Turnus“ (2015) hieß das erste Album der 1984 geborenen Kölner Jazzbassistin und Komponistin und ihres gleichnamigen Quartetts, 2017 folgte „Pivot“. Die Presse war begeistert, die Zeitschrift Jazzthing lobte Entzians Kompositionen, weil sie „die Balance zwischen improvisierender Offenheit und rahmender Struktur wahren“, das österreichische Musikmagazin Concerto entdeckte „nuancierte Eleganz“ und „pointierte, songhaft prägnant verdichtete musikalische Intelligenz“. Parallel zu ihrer Arbeit mit dem Quartett begann Entzian, Kontakte zu bekannten Großformationen zu vertiefen und für Bigbands zu komponieren (WDR-Bigband, Metropole Orkest). 2018 wurde sie mit dem WDR Jazzpreis in der Sparte Komposition ausgezeichnet und stellte, mit Blick auf die nächste geplante CD-Produktion, ihr eigenes Traum-Ensemble Hendrika Entzian+ zusammen.

 

Den Kern der 17köpfigen Bigband bilden ihre Quartett-Partner Matthew Halpin (sax), Simon Seidl (p) und Fabian Arends (dr). Hinzu kommen Sandra Hempel, mit der sie bereits die erste CD aufnahm, Shannon Barnett, Heidi Bayer, Theresia Philipp und weitere Musiker. Im Dezember 2018 versammelte sich die Bigband schließlich im Kölner Loft-Studio, um die Musik für das Album „Marble“ (Marmor) aufzunehmen. Was sie an der Großformation reizt, erzählt sie uns im folgenden Interview.

Frühere CD-Produktionen hast Du mit Deinem Quartett aufgenommen, „Marble“ ist jetzt das erste Album von Hendrika Entzian+ – einer Großformation von 17 Musiker*innen. Gleich mal vorneweg: wie ist die Idee dazu entstanden?

Ich schreibe schon seit langem für große Besetzungen und auch Bigband und so hat sich über die Jahre Material angesammelt, was ich unbedingt mit einer eigens dafür zusammengestellten Band aufnehmen wollte. Einfach um diese Musik festzuhalten und auch musikalisch Platz für Neues zu schaffen.

Wie hast Du 2018 die Musiker*innen für das Projekt gewonnen, waren das alles Bandkolleg*innen aus anderen Projekten?

Mit allen Bandmitgliedern verbindet mich eine musikalische Vergangenheit, sei es, dass man sich in anderen Projekten begegnet ist oder auch einfach mal zusammen gejammt hat. Es fühlt sich sehr gut an, mit diesen Musiker*innen auf der Bühne zu stehen und ich freue mich sehr darauf, endlich wieder mit der Band spielen zu können.

Foto: Josef Leitner

Das Quartett ist ja quasi wie ein 4er, eine kleines und wendiges Ruderboot, die Bigband eher behäbig wie ein großes Schiff. Was reizt Dich an der Bigband im Gegensatz zum kleinen Ensemble?

Mich fasziniert das Schreiben, was natürlich in einem großen Ensemble einen viel größeren Anteil hat als in einem Quartett. Mit einer Bigband kann man eine riesige Bandbreite an Klangfarben erzeugen und muss immer die Gesamtdramaturgie im Blick behalten. Das Schreiben ist ein sehr langwieriger Prozess, gleichzeitig aber auch sehr befriedigend, wenn die Musik live gespielt wird.

Einige Stücke auf dem Album sind Werke aus Deinem Quartett-Repertoire. Wie bist Du da rangegangen: hast Du die Stücke ganz neu auskomponiert oder viel der Phantasie Deiner Bandkolleg*innen überlassen? Ich stelle mir das schwierig vor, Improvisation in so einer großen Band Raum zu geben?

Man kann es sich vielleicht so vorstellen, dass die Stücke im Kern sie selbst geblieben sind, aber für die große Besetzung noch einmal komplett auseinandergenommen und wieder neu zusammengesetzt worden sind. Manche Aspekte aus der Kernkomposition habe ich ausgeweitet, anderes ist verschwunden und es gibt auch ganz neue Wendungen. Für die Improvisatoren habe ich Räume geschaffen und versucht, Komposition und Improvisation organisch ineinander übergehen zu lassen.

Du stehst ja bei Hendrika Entzian+ nicht mehr am Kontrabass, sondern als Dirigentin/Bandleaderin vor dem Ensemble. Wie fühlt sich das an?

Für mich war das der richtige Schritt, da ich vor der Band anders zuhöre, als wenn ich selber Bass spiele. Auch die Probenleitung und wie man vor der Band agiert, beeinflusst ja in großem Maße den Gesamtsound, weswegen ich das gerne selber machen wollte. Mit Matthias Akeo Nowak habe ich ja einen fantastischen Bassisten in der Band, und ich könnte mir die Musik gar nicht anders vorstellen.

Der VÖ-Termin des Albums war ja für Ende April angesetzt und ihr wolltet das Album auf einer Tour im Mai vorstellen – dann kam die Corona-Pandemie. Was hat das für Euch bedeutet?

Von unseren geplanten 5 Release-Konzerten hat tatsächlich kein einziges stattfinden können, was sehr traurig war, da natürlich eine Menge Herzblut und Arbeit in diesem Projekt steckt. Ich habe mich zusätzlich auch verantwortlich für die Gagenausfälle meiner Mitmusiker gefühlt, was mir natürlich sehr leid tut. Ich hoffe sehr, dass wir die Konzerte nächstes Jahr nachholen können (so ist es jedenfalls geplant), es hängt aber neben der Pandemie-Lage auch von öffentlichen Förderungen ab, die wir für dieses Jahr zugesagt bekommen hatten, und es ist noch nicht sicher, ob man sie ins nächste Jahr rüber retten kann.

Unsere CD „Marble“ ist aber trotzdem wie geplant am 25.4 erschienen und es fühlt sich trotzdem gut und richtig an, den Release trotz allem nicht verschoben zu haben!

 

Wie bist Du/seid Ihr mit den Widrigkeiten umgegangen? Und was bedeuten die Corona-Abstandsregelungen für Eure Band? Könnt Ihr überhaupt als Großformation proben?

Proben mit großen Bands war bisher nicht möglich, wir haben während der gesamten Zeit nicht zusammengespielt. Leider kann man auch noch nicht so wirklich absehen, wann es weiter gehen kann.

Birgt diese Krise auch Chancen?

Ich denke ja. Die Kunst ist es wahrscheinlich, die Chancen zu sehen, die Zeit zu nutzen und es zu schaffen, bei allem positiv zu bleiben.

Wie geht es bei Dir weiter?

Ich schreibe schon an neuer Musik, die man hoffentlich dann spätestens nächstes Jahr hören kann. Zusätzlich arbeite ich an einer Interview-Serie für das Magazin Jazzfacts (Deutschlandfunk), wo man ab jetzt jeden Monat einen kleinen Beitrag von mir hören kann.

CD „Marble“ (VÖ: 24.04.2020), erhältlich beim Label Traumton oder auf Bandcamp

Lineup: Julian Bossert: alto saxophone, flute (lead) | Theresia Philipp: alto saxophone, clarinet | Matthew Halpin: tenor & soprano saxophone | Sebastian Gille: tenor saxophone, clarinet | Heiko Bidmon: baritone saxophone, bass clarinet | Andy Haderer: trumpet, flugelhorn (lead, except for Marble pt. 2 & Stapel) | Felix Meyer: trumpet, flugelhorn (lead on Marble pt. 2) | Bastian Stein: trumpet, flugelhorn | Heidi Bayer: trumpet, flugelhorn | Klaus Heidenreich: trombone (lead) | Shannon Barnett: trombone | Janning Trumann: trombone | Jan Schreiner: bass trombone | Simon Seidl: piano, fender rhodes | Sandra Hempel: guitar | Matthias Akeo Nowak: bass | Fabian Arends: drums as guest | Lorenzo Ludemann: lead trumpet on Stapel

Titelbild: Stefanie Marcus

Als einer von acht Geschwistern und Tochter einer Putzfrau und eines Lastwagenfahrers war ihr die musikalische Karriere eigentlich nicht in die Wiege gelegt. Aber ihre Kindheit und Jugend im ländlichen Hallingdal und ihre Ausbildung in Musikproduktion in Bergen erwiesen sich als fruchtbarer Boden, um die eigenen musikalischen Fantasien auszuleben. Dabei „nur“ als Sängerin bzw. Songwriterin zu fungieren, kam für sie nicht in Frage; nur wenn sie auch die Produktion übernähme, „gehöre“ das Lied ihr. „I wasn’t interested in playing solos and being technical on the guitar. The synth world was something new – and being good at that gives you a lot of power for yourself, in terms of the kind of expression you want. I never started out picturing what other people might say“, sagt die Norwegerin selbstbewusst über ihre Ausbildungszeit.

In den fünf Songs ihrer neuen EP dreht sich alles um den Verlust ihrer langjährigen Jugendliebe, den Moyka letztes Jahr durchlebt hat. Um die Trauer und den Schmerz und die vielen Leerstellen, die plötzlich entstehen, aber auch um die kreative Energie des Neuanfangs. Dabei ließ sie sich vom Co-Writer Eirik Hella unterstützen, mit dem sie sich mittels eines kleinen, aber feinen Synthie-Equipments austobt. Was ihr geholfen hat, in einer Männerdomäne ihren Weg zu gehen und was ihr als Künstlerin wichtig ist, erzählt sie uns im folgenden Interview.

Foto: Robin Larsen

You grew up in a rural environment, in the Hallingdal Valley in Norway. What music did you grow up with?
I grew up with a lot of pop and rock actually. Things my mom played for me and my siblings. I remember dancing on top of chairs to ABBA, Queen and Madonna in our living room growing up. I also discovered a lot of music myself when I got older and the internet slowly came into my life. 

Later on you moved to Bergen to study music production. What was your experience like at the university and the big city?
It was actually a big change for me. Even though I had a connection to Bergen through my family growing up, it’s something different to move by yourself to a big city compared to where I am from. I got to know new people, and grow as a creative person and I feel like that takes a lot of courage to do. The university was really nice. I became good friends with incredible and talented people and got to do what I loved without consequences the years I went there! 

Have you had any experience in songwriting and music production before?
In high school I wanted to record my own music because I had a spree where I started to make loads of, loads of songs. So I bought myself a starter pack with an audio interface, headset, microphone and a limited music-making-program. When I started to dive more into it and saw what you could actually do, that’s when I decided I wanted to study it and learn more about it. 

What excites you about working as your own producer? What are the pros and cons?
The best thing about it is to get really into it and just try stuff out and learn from it. But sometimes I get really impatient with the process. That’s what makes it really good to produce with the help of other people, too. Then you learn from each other and talk about the direction and ideas which is nice! – get out of your head a little bit! 

How are your songs created, what inspires you?
I find that really hard to answer because it’s very different each time really. But it usually starts with an idea – maybe a word or a sentence with a melody or a sound that inspires a kind of direction. What inspires me most is people and relations. But it’s also very interesting and inspiring for me to write in different places. 

The central theme of your new songs is the loss of a first love and the energy of a new beginning, a really personal matter. Was ist helpful to write about it to become aware of what’s going on?
Yes, definitely. First I didn’t want to write about what I went through because I felt it was so personal. But after a while I realised I couldn’t deny myself to be honest and open about what I was feeling. That’s the most important thing I’ve learned from this process actually. It really came from a painful, but honest place. I was really nervous when I released the first singles because of just that, but it also showed me that there are a lot of people that feels the exact same as me. Which shows it’s important to write about it.

Why do you think is the profession as producer still so male-dominated? 
I think it has a lot to do with that’s how it’s been so many years. There is an imbalance there, so maybe it can be a bit scary to start for girls. I also think it has a lot to do with how we grow up as kids. There are so many things that is “gender defined” from when we are really, really young, which I think is so silly. Just because you’re a certain gender doesn’t mean you’re unqualified to do something. It’s important for women and girls to come forward in those environments to show younger girls that it’s not scary to let out your creativity by producing. The term “producer” has also changed a lot, which means you can make it what you want to yourself. You don’t have to own a ton of equipment to thousands of dollars and have like a big studio and all that. You can do your own thing! 

What could be done to encourage more female songwriters to be their own producers? 
I think the most important thing is to support and front female artists and producers and sound technicians to show younger girls that it’s possible! It’s important to have people to look up to. That has been really meaningful to me growing up. I feel like they do a great job here in Bergen with a thing called AKKS. It helps young girls to get into music. And that is absolutely something the music industry needs!!!!! MORE GIRLS PLEASE.

What are you next steps and wishes for the future?
My next step is to release this new EP of mine! I’m very excited about that. My wishes for the future is that I wish the situation betters for the world and that people have had time to think about what the world can look like post-corona. We have an opportunity to make things better when it comes to the environment, human worth and existence, the fight against racism and the fight towards more diversity. That’s my biggest wish!

 

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Nun kündigt sie mit „Wisdom Teeth“ für den 01. Februar 2019 eine neue EP an, von der zunächst nur die Single „Marrow“ bekannt wurde. Hamilton sagt dazu: „To me, ‚Marrow‘ captures that sense of striving for authenticity in all its colours and forms.“

Als neueste Auskopplung hat Hamilton jetzt „Blue Eyes“ inklusive Video veröffentlicht. Sie selbst beschreibt den Song als eine Feier weiblicher Sinnlichkeit aus der Perspektive einer queeren Frau und erklärt: „There’s something powerful to me about femininity being self-reflexive as opposed to being expressed through the male gaze. I tried to translate that grit and sass by going for heavier instrumentation, funky bass lines and pop vocal melodies. Honestly, I just want to make the listener dance and feel good. Out of all the songs on the Wisdom Teeth EP, this was perhaps the most musically direct and enjoyable to record.“

Warum sie manchmal neidisch auf Vögel ist und was uns auf ihrer neuen CD erwartet, erfahrt ihr in unserem MELODITA-Interview.

Gibt es noch mehr Gründe, neidisch auf Vögel zu sein, außer der Fähigkeit zu fliegen?

Die Freiheit zu fliegen war definitiv der ausschlaggebende Grund dafür, diesen Namen zu wählen, aber mir ist gerade eingefallen, dass Vögel und auch andere Tiere sich ihrer Sterblichkeit nicht so bewusst sind, wie wir Menschen es sind – oder zumindest haben sie nicht die Möglichkeit dazu, das auszudrücken. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum Tiere uns so viel präsenter erscheinen als Menschen es sind. Ich glaube darauf kann man ruhig neidisch sein.

Wie war dein Einstieg in das Musikbusiness?

Ehrlich gesagt war er ziemlich erfüllend. Ich glaube, teilweise war das meinem Manager zu verdanken und dem Rest des JOTB-Teams. Sie haben mir dabei geholfen, auf meinem Weg zu bleiben und mich nicht im Unsinn zu verlieren, aber auch die „ropes“ in so einer kleinen Stadt wie Belfast zu lernen. Die Musik-Community hier ist sehr unterstützend und sie haben mir einen Raum zur Entwicklung gegeben, um die Dinge für mich als Künstlerin herauszufinden, in welchem ich auch Fehler machen durfte. Es gab definitiv Zeiten, in denen ich mich falsch am Platz oder einfach nicht wohl gefühlt habe. Ich musste viel Zeit und harte Arbeit investieren, damit ich ein Gefühl von Fortschritt entwickeln konnte, aber wie auch bei jeder anderen Sache findet man Wege heraus, seine eigene Vorgehensweise zu bestimmen und zu tun, was dir am authentischsten erscheint.

Wo schreibst du am liebsten deine Lieder?

In meinem kleinen Studio zuhause. Es ist nicht besonders fancy, ist aber mein vertrauter Arbeitsplatz geworden, seitdem ich nach Belfast gezogen bin. Ich glaube, es ist wichtig sich bewusst zu machen, in welcher Atmosphäre man Songs kreiert.

Wie beeinflusst Literatur und Poesie dein Songwriting?

Die Leute geben dem Einfluss der Literatur auf meine Musik oft eine große Bedeutung. Das hat sie auch, aber nicht unbedingt mehr als alle anderen Formen der Kunst, die mich interessieren. Ich interessiere mich sehr für das Malen, Fotographie, Film, die Musik anderer Leute und eigentlich fast alles, was Kunst erschafft. Poesie habe ich schon gelesen und geschrieben, als ich zwölf Jahre alt war. Was ich besonders von ihr mitnehmen konnte, ist aufmerksam zu sein. Wenn ich das richtig mache, hoffe ich, dass diese Haltung sich nicht nur in meinen Songs widerspiegelt, sondern auch in der Art und Weise, wie ich mein Leben lebe.

Spielst du lieber vor einem kleineren oder einem größeren Publikum und warum?

Ich habe ehrlich gesagt keine Präferenz. Als Band haben wir schon vor großem und kleinem Publikum Erfahrungen gesammelt und beides kann in unterschiedlicher Weise schön sein. Die Intimität eines kleinen Publikums ist etwas, was ich sehr genieße, aber das Gefühl vor mehreren tausend Leuten zu spielen, hat auch etwas.

Ist da etwas Neues/Anderes auf deiner kommenden EP „Wisdom Teeth“, im Vergleich zu deinen Liedern, die du davor veröffentlicht hast? Warum sollten wir gespannt sein, sie zu hören?

Im Unterschied zu „Parma Violets“ zum Beispiel, ist das Songwriting auf jeden Fall reifer geworden. Ich vermute, dass es an der Zeit liegt, die ich in den letzten Jahren hatte, in der ich meine Kunst verbessern konnte. Die Aufnahme insgesamt ist sehr natürlich, mit einem kleinen Twist. Ich war auch sehr begeistert neue experimentelle Elemente und interessantes Schlagwerk in ein paar der Lieder einzusetzen. Ihr werdet beispielsweise tabla drums, krakebs (Gefäßklapper aus Eisen), taishōgoto (einen japanischen Kastenzither), gesprochene Worte sowie weitere reizvolle Dinge hören.

Find the english version here.

Autorinnen: Jacqueline Larius, Luna Wabrauschek, Tsvetelina Topalova, Mane Stelzer

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Ampaire:e sind Teil des diesjährigen Peng-Festivals (Foto: Ernst Luk)

Den sieben Jazzmusikerinnen (Barbara Barth, Marie Daniels, Rosa Kremp, Maika Küster, Mara Minjoli, Johanna Schneider und Christina Schamei) des PENG Kollektivs liegt es besonders am Herzen, Frauen im Jazz zu fördern und zu zeigen, wie vielfältig und lebensnah der Jazz im Ruhrgebiet ist. So unterschiedlich wie die Mitglieder des PENG e.V., so bunt ist auch dieses Festival und seine Musik. Dieses Jahr wird das Anna-Lena Schnabel Quartett aus Hamburg live zu sehen sein. Das Quartett hat es sich zur Aufgabe gemacht, ungewöhnliche und vertraute Klänge verschmelzen zu lassen. Thea Soti Electrified Island aus Serbien hingegen überraschen die Zuhörer mit einer Mischung aus Performance und Improvisation, bei der ungewöhnliche Klangexperimente mit der Stimme gezeigt werden.  Ampair:E spielen improvisierte, elektronische Musik und Kusimanten aus der Ukraine begeistern mit einer extremen Präzision der Stimmführung von Sängerin Tamara Lukasheva. Caris Hermes ist ein Trio, welches bereits seit 11 Jahren zusammen musiziert, dies hat zur Folge, dass die Mitglieder perfekt aufeinander abgestimmt sind. Das Eva Klesse Quartett ist international renommiert und wurde bereits mit einem Echo ausgezeichnet. Über das Festival 2017 schrieb nrwjazz.net: „Den Damen gebührt mein Respekt. Dieses „Frauen“ -Jazzfestival bietet eine bunte Mischung unterschiedlicher Stilrichtungen des modernen Jazz mit lokalen Bandleaderinnen und überregionalen Größen.“ Wir haben mit einer der sieben Gründerinnen, Mara Minjoli, ein Interview geführt, in welchem sie unter anderem über die Chancenungleichheit zwischen Musikerinnen und Musikern spricht, aber auch ihre Wünschen über die Zukunft des Festivals äußert.

Wie kam Euch die Idee für ein reines Frauenmusikfestival?

Thea Soti Electrified Island werden live auf dem Peng-Festival zu sehen sein

Eigentlich war es Maikas Idee, ein Kollektiv zu gründen. Zunächst ging es erstmal darum, sich gegenseitig als Musikerinnen zu unterstützen, sich auszutauschen und Erfahrungen miteinander zu teilen. Im Gespräch wurde schnell klar, dass wir alle ähnliche Erfahrungen gesammelt hatten, gerade auch im Hinblick auf die Situation, sich als Frau in einer Männerdomäne durchzuschlagen. Dann kam die Idee, sich nicht nur gegenseitig zu unterstützen, sondern auch anderen Musikerinnen eine Plattform zu bieten. So entstand die Idee des Festivals.

War es von Anfang an klar, dass Ihr ein Jazzfestival gründen wollt, oder standen noch andere Genres zur Debatte?

Da wir alle Jazz studiert haben und uns auch hauptsächlich in diesem Genre bewegen, war klar, dass es ein Jazzfestival werden würde. Allerdings ist der Begriff so weit und läßt viel Raum für Vielfalt. Wir suchen Bands und Musikerinnen aus, die uns schlicht und ergreifend inspirieren.

Die Resonanz ist sehr positiv und die letzten Festivals waren ausverkauft; gab es auch Kritik oder hattet Ihr mit Vorurteilen zu kämpfen?

Kusimaten treten 2018 beim Peng-Festival auf

Hin und wieder tauchte durchaus die Frage auf „wofür braucht man ein FRAUEN Jazzfestival, sollte es nicht ausschließlich um die Musik gehen und nicht um das Geschlecht?“ Wir haben uns die Frage selbst gestellt. Und ja, es soll um die Musik gehen. Allerdings sind Frauen in dieser Szene noch immer einer starken Männerdomäne unterworfen. Es gelten eben nicht die gleichen Rechte und als Frau hat man mit Vorurteilen zu kämpfen. In vielen Situationen wird leider allzu deutlich, dass man als Musikerin nicht die selben Chancen hat wie als Musiker. Viele sind skeptisch, dass Frauen ebenso gute MusikerInnen sein können wie Männer. Das Aussehen spielt auch immer noch eine große Rolle. Viele Frauen werden nur über ihre Außenwirkung und ihre potentielle Attraktivität bewertet. Gerade im Zuge der Festival-Planung und Verwirklichung ist unsere Motivation gewachsen, dran zu bleiben und hartnäckig weiter zu machen. Es gab immer wieder Momente, in denen wir selbst feststellen mußten, dass unserer Entscheidung ein Frauen-Festival zu gründen eine gewisse politische Notwendigkeit birgt. Wir als Musikerinnen und Organisatorinnen, aber auch die Künstlerinnen die wir eingeladen haben, mussten mehrmals feststellen, dass Gender-Equality keine Selbstverständlichkeit ist.

Wie wichtig ist es Euch, die regionale Jazzszene zu unterstützen?

Das Eva Klesse Quartett tritt auf dem Peng-Festival auf (Foto: Arne Reimer)

Das ist uns ein großes Anliegen. Wir haben alle in Essen studiert und einige von uns leben auch immer noch im Ruhrgebiet. Es gibt ein sehr großes Potential von jungen MusikerInnen, die aber leider kaum lukrative Auftrittsmöglichkeiten im Pott haben. Wir möchten unseren KünstlerInnen eine schöne Auftrittsatmosphäre schaffen und sie durch eine angemessene Gage wertschätzen.

Hat sich die Kulturszene im Ruhrgebiet in den letzten Jahren verändert? Finden Jazzmusiker*innen hier gute Bedingungen vor?

Es hat sich in den letzten Jahren auf jeden Fall was getan. Es gibt einige, die sich in der Jazzszene engagieren. Das hat dafür gesorgt, dass die Szene etwas gewachsen ist und Studenten nach Abschluss ihres Studiums im Ruhrgebiet bleiben. Aber es kann noch viel mehr passieren. Es gibt viel Hochkultur und große Konzertsäle im Pott. Aber wirklich attraktiv wird eine Region erst durch ein Kulturangebot, das für jeden zugänglich ist. Die Auftrittsbedingungen sind leider meistens eher bescheiden. Deswegen versuchen wir durch die Unterstützung von Sponsoren, unseren KünstlerInnen eine angemessene Gage zu gewährleisten.

Würdet ihr Euch erhoffen, dass das Festival in den nächsten Jahren weiter wächst, oder ist es Euch wichtig, die eher familiäre Atmosphäre zu bewahren?

Auch im Line-Up: das Anna-Lena Schnabel Quartett

Wir freuen uns natürlich über steigende Besucherzahlen. Wir sind uns aber auch im Klaren darüber, dass der Charme unseres Festivals auch durch die familiäre Atmosphäre entstanden ist. Einen Ort zu finden, der mit dem Charme des Maschinenhauses mitzuhalten vermag, würde sich als sehr schwer erwiesen. Wahrscheinlich sogar unmöglich. Die Atmosphäre dort ist eine ganz besondere. Und auch das Team vor Ort ist respektvoll und „menschenorientiert“. Wir können mithilfe der Maschinenhaus-Mitarbeiter die KünstlerInnen aufgeschlossen willkommen heißen und sie in eine angenehme Atmosphäre aufnehmen. Wir wollen dem Maschinenhaus auf jeden Fall treu bleiben und zusammen mit den jeweiligen Organisatoren weitere Festival und Projekte planen.

Was wünscht Ihr Euch für die Geschlechterverhältnisse innerhalb der Musikszene, bzw. insbesondere der Jazzszene?

Caris Hermes ist Teil des diesjährigen Peng-Festivals

Noch ist es so, dass beispielsweise Instrumentalistinnen in der Minderheit im Jazz sind. Es wäre toll, wenn noch mehr junge Frauen ermutigt würden, den Weg als Musikerin zu beschreiten. Außerdem wünschen wir uns die gleichen Chancen, wenn es darum geht in bestimmten Clubs zu spielen, die gleichen Gehälter und den gleichen Respekt. Allerdings geht es vielen Frauen leider immer noch so, dass sie auf Grund ihres Geschlechts mit Vorurteilen zu kämpfen haben und noch immer nicht die gleichen Chancen wie Männer bekommen, ihre Musik zu präsentieren. Frauen sind in dieser Szene noch immer einer starken Männerdomäne unterworfen.

Die Festivaltickets kosten 25.-€/15.-€ erm. und Tagestickets 15.-€/10.-€ erm., hier sind sie erhältlich.

Veranstaltungsort: Maschinenhaus Essen, Wilhelm-Nieswandt-Allee 100, 45326 Essen

Infos

Was sie macht, hat schon immer „Hand und Fuß“, schon im Kindesalter zeichnet sich eine spätere musikalische Karriere ab. Die Kölnerin,  die 1990 in eine Musikerfamilie hineingeboren wird, lernt zuerst Geige und erreicht bereits mit 9 Jahren den 1. Platz bei Jugend Musiziert. Doch damit nicht genug, sie komponiert auch und gewinnt als 10-Jährige mehrfach bei Kompositionswettbewerben mit eigenen Kompositionen für Streichquartett und Klavier. Mit 12 gründet sie mit ihrer älteren Schwester Jo und zwei weiteren Musikerinnen die Rockband The Black Sheep, mit der sie 2006 den silbernen Bravo-Otto als Deutschlands beste Schülerband gewinnt, zwei Platten veröffentlicht und als Supportact für Sunrise Avenue, Social Distortion, Silbermond und In Extremo auftritt. Mit ihrem Jazzduo Cold Fusion heimst sie nicht nur Jugend Jazzt, sondern auch den WDR Jazzpreis 2005 ein und spielt als Support für John Scofield. Wohl gemerkt, da war sie 15.

Live MTV Unplugged mit Peter Maffay in Köln 2018 (Foto: Laura Besch)

Daneben wird sie auch als Sidewoman aktiv. 2012 wird sie Teil des Peter Maffay-Teams und steht als Sängerin, Tänzerin, Schauspielerin (seit 2016 als Musicalcharakter Schnecke bei Tabaluga) und Moderatorin bis heute auf unzähligen Livebühnen. 2013 beginnt sie als Schlagzeugerin in der Show-Band von Carolin Kebekus („Pussy Terror TV“). Im September diesen Jahres geht sie als Backgroundsängerin und Percussionistin mit Sasha auf Tour.

Auch in Sachen Songwriting und Produktion macht sie keine halben Sachen. Nach und nach vergrößert sie ihr Tonstudio und widmet sich der Produktion von Soundtracks für Kinofilme und TV-Serien. Um auch das noch zu perfektionieren, gründet sie 2014 ihre Sounddesign-Firma Ohrenkunst, mit der sie bereits für H.B.O. (Game Of Thrones), u.v.a. Sounds produziert hat (für Google bespielte sie gar den Times Square in New York mit eigener Musik und Sounds für ein Interactive-Live-Game).

Aktuell ist sie mit der Band Rockemarieche als Schlagzeugerin unterwegs, mit der sie seit 2014 mit Rockabilly auf Kölsch diverse Kölner Karnevalssitzungen aufmischt. Beim aktuellen Duoprojekt Roads&Shoes ihrer Schwester Jo Eicker, die in Kürze ihr Debüt veröffentlichen, fungiert sie als Schlagzeugerin und Produzentin. Doch jetzt stellt sie sich einer neuen Herausforderung: ihrem Solo-Debüt. In ihren ersten beiden Veröffentlichungen „Complicated Life“ und „The Time“ hat sie Texte & Musik geschrieben, gesungen, alle Instrumente eingespielt und schließlich noch selbst aufgenommen und produziert. Warum sie sich diesen Traum erfüllt hat, erzählt sie uns im ausführlichen MELODIVA-Interview.

Wenn ich mir Deine Biografie so anschaue, kann ich mir unmöglich vorstellen, dass Du eine Normalsterbliche mit 24 Stunden-Tag bist… bist Du ein Workaholic oder wird Dir einfach schnell langweilig?

Letztendlich beides. Die „Workaholic“-Tendenz hat sich dadurch ergeben, dass ich meinen Job liebe und darum nie aufhören kann, aber auch merke, dass viel Arbeit sich auch lohnt. Und so lange mein Körper da mitmacht, nutze ich es gerne aus, viele Sachen auf einmal zu machen.

Du hast das „Handwerk“ mit all seinen Facetten kennengelernt und im Musikbusiness bereits die verschiedensten Perspektiven eingenommen: als Frontfrau im Rampenlicht, als Musikerin im Hintergrund, als Produzentin am Mischpult, als Songwriterin im stillen Kämmerlein, als Endorserin auf Messen. War das Zufall oder absichtlicher Plan?

Es war nicht unbedingt ein fixer Plan. Gewisse Dinge im Leben kann man ja auch nicht steuern. Ich habe aber schon immer die Abwechslung und Kontraste im Leben geliebt. Als Kind hatte ich z.B. Ballett, Kampfsport, Geigenunterricht und `ne Metalband zur gleichen Zeit. Glücklicherweise haben mich meine Eltern in dem Glauben, alles zu schaffen und alles machen zu können, nie gebremst, darum hat sich bis heute einfach nichts geändert ;-).

Foto: Felix Mayr

Was machst Du am allerallerliebsten?

Haha, das ist eine sehr gute Frage. Wenn ich das wüsste, hätte ich mich wahrscheinlich schon längst für eine Sache entschieden und würde meine volle Konzentration darauf lenken. Aber irgendwie reizt mich diese Mischung aus allem, so lange ich jede Sache für sich vernünftig mit voller Hingabe ausführen kann. Aktuell brenn ich aber natürlich am meisten dafür, mich wieder meiner Musik zu widmen und die Songs aus dem „Kämmerlein“ mit Band auf große Bühnen zu bringen!

Was waren bisher für Dich die wertvollsten Erfahrungen, die Dich als Musikerin weitergebracht haben?

Ich glaube, das ist wirklich die Zeit mit meiner eigenen Band „The Black Sheep“ gewesen. Da hat man wirklich alles gelernt: was es heißt, ein Projekt aufzubauen, Tag und Nacht dafür zu kämpfen, hinzufallen, aufzustehen, alles selber zu organisieren, im Schlafsack backstage zu übernachten, mit Plattenfirmen zu arbeiten, die ersten Kompromisse einzugehen oder eben auch nicht.

Ich bin für diese Zeit sehr sehr dankbar, vor allem, weil ich nun z.B. mit Peter Maffay eine ganz andere Art zu arbeiten und reisen kennengelernt habe. Wenn ich nun in einem 5 Sterne-Hotel einchecke, wenn für alles gesorgt ist und mir Techniker meine Instrumente einpacken, weiß ich, dass das nicht der „Normalfall“ ist. Am nächsten Tag spiele ich ja vielleicht wieder `nen Gig im kleinsten Club Kölns. Ich glaube, deshalb weiß ich beide Seiten einfach sehr zu schätzen.

Live mit Peter Maffay 2015 (Foto: Candy/RedRooster)

Als Bandmusikerin/Sidewoman hast Du in den letzten Jahren viele Erfahrungen gemacht. Wie fühlt sich das jetzt an, Deine eigene Solokarriere zu verfolgen?

Man hat auf der Bühne tatsächlich eine ganz andere Funktion und Verantwortung und somit ein ganz anderes Gefühl, wenn man vorne steht und sein „eigenes Ding“ macht. Bei Peter Maffay z.B. kommt man auf die Bühne gestürmt, sieht 20.000 jubelnde Menschen, und klar, dieses wahnsinnige Gefühl schwindet wahrscheinlich nie. Aber aufgeregt oder nervös bin ich da tatsächlich leider nicht mehr. Wenn ich aber mit meinen eigenen Songs auf der Bühne stehe, vor vielleicht nur 50 Leuten, kann die Aufregung und dieses Gänsehaut-Gefühl noch 10 mal stärker sein. Das ist immer wieder faszinierend.

Gab es eine Initialzündung, bei der Du gedacht hast „Jetzt oder nie?“ Du hast Dir ja eine Auszeit genommen, um Deinen Ideen nachzugehen…

Es war leider nie wirklich eine bewusste Auszeit. Die Ideen und die Motivation eigene Musik zu machen musste ich aus zeittechnischen Gründen, eben aufgrund der anderen Projekte, die letzten Jahre sehr unterdrücken. Ich merkte aber einfach, dass mir das, was ich mache, nicht ausreicht und mir der kreative Output ungemein fehlt.

Zusätzlich habe ich mich mit vielen anderen Musikern unterhalten, die mich alle vor dem „Gebuchten-Musiker-Dasein“ bzw. auch dem „Backgroundsänger-Syndrom“ gewarnt haben. Die Zeit vergeht manchmal so schnell und irgendwann sei „der Zug abgefahren“ und somit sei es auch zu spät, eine eigene Karriere aufzubauen. Ich bin zwar der Ansicht, dass man alles schaffen kann, egal zu welchen Zeitpunkt, wenn man hart genug arbeitet. Aber trotzdem hatte ich Angst vor diesem Zustand, darum musste ich 2017 einfach loslegen!

Foto: Felix Mayr

Du hast kürzlich den Song „Complicated life“ aufgenommen, in dem Du sinnierst, ob Dein Weg der richtige ist und ob es wirklich das ist, was Du willst. Auch „The Time“, der zweite Song, den Du auf Deiner Homepage veröffentlicht hast, beschreibt ein Innehalten, eine Rückschau. Was ist das für eine Art Lebensgefühl, das Du da ansprichst?

Es ist definitiv schon eine Art Zurückschauen auf das, was passiert ist. Mit 15 Jahren hätte ich beide Texte definitiv nicht schreiben können. Auch wenn ich mich nun genauso anhöre, wie andere Menschen, die mir früher Tipps geben wollten als ich 15 war ;-). Beide Songs thematisieren letztendlich genau das, um was ich mir aktuell Gedanken mache. Bei „Complicated Life“ geht es um den Schritt sich selbst zu verwirklichen. Es  erfordert so viel Kraft und da fragt man sich natürlich, ob es nicht auch einen leichteren Weg geben würde. Natürlich gibt es ihn, aber leichter heißt ja auch nicht unbedingt „besser“. Im Song singe ich dann darüber, dass dieser „leichte“ Weg ja eigentlich viel zu langweilig wär.

Und bei „The Time“ singe ich über die Dinge im Leben, die die Zeit so wertvoll machen. Es ist viel passiert, ich habe einiges gelernt, einiges – weiß ich – werde ich nie lernen. Ich habe aber auch z.B. einen sehr wichtigen Menschen in meinem Leben verloren. Das hat mich so aus meinem Leben rausgerissen, dass ich richtig wach gerüttelt worden bin, das eben nichts für immer ist. Es kann gut sein, dass das auch ein wichtiger Auslöser war, nun keinen Tag länger zu warten, das zu machen, was ich eigentlich immer machen wollte.

Du hast darauf alles selbst eingespielt, von Gitarre und Bass bis Geige und Schlagzeug; Deine „one-woman-band“ ist eindrücklich im Video zu sehen. Wird das Deine Arbeitsweise bei Deinem Debüt werden oder hast Du vor, Deine Songideen mit weiteren MusikerInnen einzuspielen und auf die Bühne zu bringen?

Wir haben bereits schon einige Konzerte in voller Bandbesetzung gespielt. Live ist das für mich alleine kaum umsetzbar. Aber es war auch nie ein Ziel von mir, da es einfach viel zu schön ist mit Anderen zu musizieren. Aber für mein Debüt Album spiele ich schon mit dem Gedanken, alles oder eben das meiste einzuspielen. Das würde mich ja schon sehr reizen!

Ist schon ein Album-Release in Vorbereitung? Wenn ja, wann?

Mein Wunsch ist es, dass ich Anfang 2019 mit den Songs raus möchte. Bis dahin gönne ich mir noch diverse musikalische Experimente und habe ja glücklicherweise auch keinen Druck von außen.

Charly Klauser (links) mit The Black Sheep 2010

Jetzt bin ich aber nochmal neugierig, was Deinen Lebenslauf betrifft: mit Deiner Jazzband Cold Fusion und der Rockband The Black Sheep hattest Du bereits als Teenie große Erfolge. Wie kam es, dass Ihr als Band nicht zusammen geblieben seid? Ein normales „Auseinderanderdriften“ im Jugendalter?

Oh, das ist eine lange Geschichte. Da führte irgendwann eins zum anderen. Es war aber definitiv kein jugendliches „Auseinanderdriften“. Dafür waren beide Projekte für mich schon viel zu wichtig und vielversprechend. Bei „The Black Sheep“ war es vielmehr die Ausdauer und die Kompromisse, die man immer wieder eingegangen ist und gemerkt hat, dass es zum Ende hin nicht mehr das war, warum man die Band gegründet hat. Wir hatten schon mit so vielen Leuten zusammengearbeitet, hatten Tausende von Meinungen im Kopf, wie was klingen sollte, dass meine Schwester und ich einen Cut setzen mussten, um wieder Kraft zu schöpfen und zu dem zurückzukehren, was wir eigentlich machen wollten.

Wie war das damals für Euch, so früh bekannt zu sein und vor Tausenden von Menschen zu spielen? Ist es schwierig, da auf dem Boden zu bleiben?

Ich glaube, dass es für Bands oder Künstler schwierig ist, wenn man über Nacht plötzlich berühmt wird. Da verliert man wahrscheinlich schnell den Hang zur Realität und sieht nicht, wie der Werdegang sich „normalerweise“ entwickelt. Bei uns hat es sich ja stetig ergeben und letztendlich blieb ja der „große Durchbruch“ bisher noch aus ;-).

Hast Du eigentlich Musik studiert oder bist Du Autodidaktin?

Ich wurde in eine Musikerfamilie reingeboren. Meine Mutter ist Pianistin und mein Vater spielt auch einige Instrumente. Somit konnten meine Schwester und ich sehr früh anfangen zu musizieren und haben auf diversen Instrumenten auch Jahre lang Unterricht genossen. Ich wollte eigentlich immer Jazz-Klavier und Schlagzeug studieren, dann kam aber der Plattenvertrag mit The Black Sheep „dazwischen“ und ich habe es mir bis heute noch offen gelassen, das Studium irgendwann nachzuholen. Aber vielleicht wird das auch nie passieren ;-).

Was sind für Dich die wichtigsten Dinge, die frau als Musikerin beachten sollte? Irgendeine Art von Geheimrezept, das Du an junge Musikerinnen weitergeben willst?

Wenn du mich speziell fragst, was „frau“ beachten sollte, habe ich immer versucht keine Unterschiede zwischen Musiker und Musikerin zu sehen und es wäre so schön, wenn das überall angekommen wäre… Es kommt letztendlich auf das Gefühl bei der Musik an und ob mich etwas berührt oder nicht. Da spielt so etwas Unwichtiges keine Rolle.

Man braucht aber doch eventuell ein bisschen mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, wenn man in dieser Männer-Domäne ernst genommen werden möchte. Ursprünglich dachte ich, es läge am jungen Alter, dass man gewisse Vorurteile zu spüren bekommt, aber es hat sich teils bis heute nicht geändert. Somit muss man damit lernen umzugehen und ich finde es ist unsere Aufgabe, die Menschen von den fürchterlichen Vorurteilen, dass Frauen nicht auch gute, professionelle Musiker mit Schmackes sein können, zu befreien.

Termine:
10.05.18 Rockemarieche – Köln @ Porzer Inselfest
12.05.18 Pussy Terror TV (WDR), BEST OF 2017
17.05.18 Pussy Terror TV (Das Erste), Folge 18
19.05.18 Sasha – Kelheim @ Bayern 1 Festival
20.05.18 Charly Klauser – Siegen @ KulturPur Festival, Kleines Zelttheater
24.05.18 Pussy Terror TV (Das Erste), Folge 19
27.05.-01.06.18 Peter Maffays Rock’n’Sail Tour, Queen Mary

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(Titelbild: Felix Mayr)

Barbara Schirmer (1981)

Ihre 40jährige musikalische Karriere begann Barbara Schirmer als Geigerin in der Gruppe „Schürmüli-Musig“, die mit ihrem Stück „Las Perlitas“ einen Radiohit landete und bis heute besteht. 1981 entdeckte sie schließlich ihre Liebe zu einem neuen Instrument, dem Hackbrett. Mit diesem reiste sie als Musikerin um die halbe Welt und realisierte im Laufe der Jahre unzählige interkulturelle Musikprojekte mit MusikerInnen aus vielen verschiedenen Ländern. Sie ist ein regelmäßiger Gast auf Folk- und Hackbrettfestivals, gibt Hackbrettunterricht und bietet Trommel-Workshops an. Aktuell ist sie mit Schürmüli Musig und ihrem Soloprogramm sowie mit Christian Zehnder im Duo Lausch unterwegs. Außerdem veranstaltet sie Heimatabende unter dem Titel „Nüüt und anders Züüg“ mit dem Schweizer Schriftsteller Andreas Neeser.

Liebe Barbara, kannst Du Dich an den Moment erinnern, als Du zum ersten Mal auf einem Hackbrett gespielt hast? Wie alt warst Du da?
Mein Vater spielte Hackbrett. Als Kind gefiel mir zwar der Klang sehr, doch spielte ich nicht damit, denn mein Instrument war die Violine. Wir machten Musik in der Familie und ich hatte immer großen Spaß dabei

Warst Du gleich Feuer und Flamme?
Als ich nach meinem Geografiestudium und einem Jahr Südamerika beschloss, mein Leben der Musik zu widmen, spürte ich sehr bald, dass das Hackbrett dabei eine wichtige Rolle einnehmen wird. Ich begann zu üben und ja: ich war vom ersten Moment an magisch angezogen!

Ich habe keine Vorstellung: ist es eigentlich schwer, das Hackbrett spielen zu erlernen? Du unterrichtest ja auch Kinder…
Jedes Instrument hat seine Schwierigkeiten. Beim Hackbrett ist der schöne Klang sehr einladend und jeder kann bald Melodien spielen. Die Schwierigkeiten zeigen sich erst mit fortschreitendem Spiel.

Begonnen hat Deine Musikkarriere mit der Gruppe „Schürmüli Musig“, in der Du mit Deinen Eltern und weiteren Musikern gespielt hast. Wie muss man sich das vorstellen, eine Art kleine „Kelly Family“?
Als ich nach meiner Südamerika-Reise nach Hause kam, hatte ich kein Geld mehr. Es war Winter und ich wäre trotzdem gerne Skilaufen gegangen. Ein Freund schlug vor: „Lass uns mit den Instrumenten auf die Skipiste gehen und für die Skifahrenden spielen“. Wir fuhren alle sehr gut Ski und es war einfach toll, mit den Instrumenten die Hänge runterzusausen, einen Stopp zu machen und live „Pistenmusik“ zu machen.

Schirmer (3. v. r.) mit Schürmüli Musig (1990)

Man stelle sich das Mitte 70er Jahre mal vor, da gab es noch keine Pistenunterhaltung! Das schlug ein wie eine Bombe und wir wurden gleich fürs größte Folkfestival der Schweiz eingeladen. Da wir noch keinen Namen hatten, fragten uns die Veranstalter, wo wir wohnen. Wir sagten: „in der Schürmühle“. Also war die „Schürmüli Musig“ geboren. Wir spielten zuerst in verschiedenen Formationen: wenn meine Eltern noch dabei waren, hießen wir „Schürmüli Musig mit de Alte“. Doch das Zwei-Generationen-Spiel machte auch meinen Freunden Spaß, so dass wir bald als „Schürmüli Musig“ nur noch zusammen mit meinen Eltern spielten.

Hattest Du auch weibliche Vorbilder?

Schirmer (li) auf der 1. Schweizer Frauenmusikwoche (1983)

Als Hackbrettspielerin nicht, da in der Schweiz das Hackbrettspiel zu jener Zeit eine reine Männerdomäne war. Doch neben der Schürmüli Musig wollte ich unbedingt mit anderen Frauen Musik machen. Ich lernte bald tolle Musikerinnen kennen: die Feminist Improvising Group mit Irène Schweizer, Maggie Nicols, Joëlle Léandre, etc. liebte ich heiß. Ich wurde sogar auf einer Tour ihre Tontechnikerin und lernte enorm viel über Improvisation. Ich gründete meine eigenen Frauenbands, begann selber Stücke zu schreiben und entwickelte meinen eigenen Stil. Von Anfang an war ich im Vorstand bei „Frauen machen Musik“, ein wilder Verein, der bereits Anfangs der 80er Jahre z.B. die legendären Schweizer Frauenmusik Wochen organisierte.

Das Hackbrett sieht man hierzulande recht selten, es ist vor allem in der alpenländischen Volksmusik bekannt. Welchen Stellenwert hatte das Instrument, als Du es erlernt hast? Es war ja anscheinend nicht „normal“ für eine junge Frau, es zu spielen?
Nein, absolut „nicht normal“! Wobei interessant ist, dass in der Schweiz im 16/17 Jhdt. das Hackbrett sehr wohl auch von Frauen gespielt wurde, es gibt schriftliche Zeugnisse. Aber als es durch die Erfindung des Klaviers in die Bergregionen zurückgedrängt wurde, hatten wohl die Bergbäuerinnen schlicht und einfach keine Zeit und die Männer – wie so oft – machten sich das Instrument zu eigen.

Wie ist es heute: hast Du viele junge SchülerInnen, die das Instrument erlernen wollen?
In den letzten zwanzig Jahren hat sich enorm viel geändert – die Pionierarbeit von mir und meinen Musikerkolleginnen und Kollegen hat sich gelohnt – zur Zeit boomt das Hackbrett bei den Kindern und sowohl Mädchen wie Knaben wollen das Instrument spielen lernen.

Du spielst zwar ein traditionsreiches Instrument, hast aber schon früh andere Musikkulturen in Dein Spiel einfließen lassen. Zum Beispiel hast Du schon in den 80ern in der Gruppe Schürmüli Musik mit dem Hackbrett südamerikanische Rhythmen gespielt. War das dem einjährigen Aufenthalt in Südamerika geschuldet? Warst Du dort als Musikerin unterwegs?
Ja, wie gesagt, die Südamerika-Reise hat meine Liebe zur Musik endgültig geweckt. Ich hatte die ganze Zeit die Violine bei mir und machte viel Musik. Zwar war ich als Geografin unterwegs, doch „mutierte“ ich, ohne dass ich es bewusst merkte, zur Musikerin.

Du bist auch viel in der Welt unterwegs, spielst auf Festivals z.B. in Südamerika, Iran oder Südkorea. Wie nimmst Du die „fremden“ Eindrücke auf, sammelst Du systematisch die Klänge und Rhythmen und versuchst sie dann auf Deinem eigenen Instrument umzusetzen?
Ich lasse mich auf ganz verschiedene Art und Weise inspirieren – vor allem durchs Zuhören. Musik machen ist in erster Linie ZUHÖREN.

Du hast ja eine ganz neue Spieltechnik für das Hackbrett entwickelt, ausgehend von der Vibraphontechnik. Das hat Dir den Titel „die Hackbrett-Revolutionärin“ (FAZ) eingebracht. Wie kam es dazu?
Ein Hackbrettbauer entwickelte in den 80er Jahren einen ganz neuen Hackbrett-Typus. Neu sowohl in der Bauweise wie auch in der Tonanordnung mit genialen neuen Ideen. Da es damals in der Schweiz noch keine Hackbrettlehrer gab, genoss ich eine ausgezeichnete Weiterbildung bei einer Vibraphonistin. Sie war es, die mich ermunterte, das große neue Hackbrett mal mit vier anstatt mit zwei Klöppeln zu spielen. Ich war total fasziniert von dieser Idee und begann mit einer Forschungsarbeit, die mich wohl bis an mein Lebensende ausfüllen wird. Die erste Aufgabe war, geeignete Sticks für das 4-Stick-Spiel entwickeln zu lassen. Diese Arbeit musste sehr systematisch angegangen werden. Bezüglich Länge, Material des Schaftes, Material des Stick-Kopfes, Elastizität etc. konnten wir jeweils nur eine Komponente aufs Mal ändern, um ein eindeutiges Resultat zu erhalten. Die Sticks, die ich zurzeit verwende, sehen völlig lapidar aus, sind jedoch das Resultat einer langjährigen Entwicklung. Die Suche nach geeigneten Sticks hatte einen sehr innovativen Nebeneffekt: ich experimentierte mit ganz verschiedene Sticks auf dem Instrument und entdeckte so völlig neue Klänge. Diese Klangerweiterungen wiederum brachten mich auf die Idee, das Hackbrett auch mit andern Gerätschaften zu spielen, es z.B. mit einem Bogen zu streichen, mit Gläsern wie auf einer Gitarre zu sliden etc. Die zweite Aufgabe bestand darin, Kompositionen für die 4-Stick-Technik zu finden. Ich suchte zuerst im Mallet Bereich, auch bei Gitarren- und Klavierstücken etc., merkte jedoch bald, dass die sehr spezielle Anordnung des Hackbrettes und sein ganz eigener Klang mit seinen Obertonstrukturen andere Voicings und Klangverbindungen erfordert. So begann ich selbst für dieses Instrument zu komponieren und merkte bald, wie viel Spaß mir das Komponieren macht. Obschon es ja wohl die brotloseste Kunst ist (außer frau produziert einen Hit), fasziniert mich diese Arbeit bis heute außerordentlich und es freut mich, dass meine Kompositionen immer mehr Leute und auch Fachleute begeistern.

Lausch

Du hast die verschiedensten Musik-Projekte gemacht, das bekannteste Projekt ist aber wahrscheinlich Dein Duo Lausch mit Christian Zehnder, wo Ihr eine ganz eigene, neue alpine Musik entwickelt habt. Was reizt Dich daran?
Wie gesagt bin ich Appenzellerin, also eine Berglerin, ich wohne jedoch im Aargauischen Hügelland und meine Wurzeln, die Berge, sind eine Sehnsucht. Aus diesem Spannungsfeld einer Migrantin schöpfe ich für meine Musik Melancholie, Freude, Abgründe, Reibungen, wilde Lust. Ein ähnliches Schicksal hat auch Christian Zehnder und so ist es u.a. wohl diese Entwurzelung, die uns antreibt und uns musikalisch verbindet.

Wenn man ein Konzert von Euch sieht und hört, kann man meditativ-kontemplativ abtauchen, es ist eine regelrechte Magie, der man sich nicht entziehen mag. Wie sieht Eure Zusammenarbeit aus? Entsteht viel durch Improvisation?
Ja, es ist meist so, dass einer von uns eine Idee, ein Themenfragment, einen Rhythmus, eine Akkordfolge bringt und dann spielen wir improvisierend mit diesen Bruchstücken bis sich eine Architektur, eine Geschichte entwickelt, die wir dann mit Noten notieren, uns aber Freiräume offen lassen.

Jetzt aber zu Deiner neuen CD „Falter“, Deinem ersten Soloalbum, das im letzten Herbst erschienen ist. Was hat Dich zu dem Titel inspiriert?
Ich mag das Zerbrechliche, das Geheimnisvolle dieses Wesens sehr. Oft erzähle ich dem Publikum die Geschichte, wenn ich nachts nach einem Konzert nach Hause komme: Es ist dunkel. Ich höre was… was ist es? Ich mache Licht… oh, es ist ein Falter… ich höre ihn… ich höre ihn nicht… wo ist er nun? … Ach nein, jetzt ist er in der Lampe! Und im Wort FALTER steckt auch das Wort ALTER und FALTE und ENTFALTUNG. Ich mag solche reichen Wörter sehr.

Du hast das Album komplett in Eigenregie in drei Wochen bei Dir zuhause aufgenommen. Jetzt wurde es für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert und bekommt vielleicht ein Gütesiegel, das es zu eine der „besten und interessantesten Neuveröffentlichungen der vorangegangenen drei Monate“ auszeichnet (die Bestenliste wird am 15.02. bekannt gegeben). Was bedeutet Dir die mögliche Auszeichnung?
Also zuerst bin ich einfach stolz, dass ich diese CD in vierfacher Person (Komponistin, Musikerin, Tontechnikerin, Produzentin) mit einfachsten Mitteln in dieser Qualität hingekriegt habe. Ich hatte zuvor immer Horror vor Studioarbeit, da es für mich mit einem Instrument, das die Hälfte der teuren Studiozeit immer mit Stimmen verschlingt, stets Stress pur ist. Nun war ich ja bei mir zuhause in meinem wundervollen Atelier in der Schürmühle; ich arbeitete zwar gratis, hatte aber auch keine hohen Studiokosten im Nacken. Das machte mich sehr kreativ und war zwar auch eine riesige Herausforderung, aber gleichzeitig großes Vergnügen. Die Nomination kam sehr überraschend für mich, ich hatte mich überhaupt nicht beworben, sendete ein paar CDs an FreundInnen von mir in Deutschland, und vermutlich hat ein deutscher Journalist diese CD der Jury weitergeleitet. Wenn ich auf der Website des Preises der Deutschen Schallplattenkritik all die berühmten Namen von Musikerinnen und Musikern und die großen Labels lese, ist für mich die Nomination an sich schon ein Gütesiegel, das mich sehr freut.

In Deiner Komposition „A1 Aarau West – Aarau Ost“ zeigst Du die verschiedenen Facetten, die eine Autobahnfahrt haben kann, die Stimmungen wechseln rasant. Ist das eine typische Arbeitsweise von Dir, dass Du Stimmungen aufgreifst und versuchst, sie musikalisch umzusetzen oder wie entstehen Deine Stücke?
Wie gesagt entsteht meine Musik durch tiefes Hineinhören in meine Migrantenpersönlichkeit (zu meinen Vorfahren väterlicherseits gehören auch Romas). Das innere und äußere Unterwegssein ist Teil meines Lebensexiliers. Ich liebe es, Grenzen zu überqueren, anderen Musikkulturen zu begegnen, aufzusaugen, was mir möglich ist. Ich liebe es aber auch, genau hinzuhören, um Raum für Überraschendes zu öffnen und mit meiner Musik das Sensorium jenseits der Gewohnheiten zu berühren.

Wie hat sich das angefühlt, alles – neben Hackbrett kommen Kuhhorn, Kalebasse, Quinto, Tumba, Surdo, Shaker, sowie Stimme zum Einsatz – ohne Band einzuspielen? War das Soloalbum ein lang gehegter Traum von Dir?
Das Soloalbum entstand völlig spontan. Ich wollte zunächst nur zwei, drei Stücke aufnehmen, damit ich nicht nur die Noten als Gedächtnisstütze habe, sondern auch die Umsetzung in Livemusik. Doch dann kam immer noch ein Stück dazu, bis ich merkte: das wird eine CD! Ich schöpfte das köstliche „Sommerloch“ voll aus, mich drei Wochen lang ganz in diese Arbeit zu vertiefen und entwickelte neue Arrangements, die mir das Mehrspurverfahren einer CD Produktion ermöglichte. So kamen auch Perkussioninstrumente dazu. Das Trommeln ist für mich schon lange die rhythmische Grundlage für das Hackbrett, das ja auch ein wunderbares Perkussioninstrument ist, das darüber hinaus alle Töne zur Verfügung hat.

Lässt es sich als Profimusikerin in diesem Genre in der Schweiz gut davon leben?

Vom materiellen Standpunkt her gehört frau-Musikerin (außer sie landet einen Hit) zur unteren Einkommensstufe ohne Pensionskasse und andere Annehmlichkeiten etc. Ein ewiger Kampf… Ich werde darüber noch mal ein Buch schreiben… sehr interessant auch vom soziologischen Standpunkt aus! Vom immateriellen Standpunkt her finde ich, habe ich sehr viel Luxus: ich kann das machen, was ich am meisten liebe. Ich bin meine eigene Chefin und ich verbessere mich auch als Chefin noch stetig, erlaube mir Freiräume, Erholungsinseln, damit ich wieder Höchstleistungen erbringen kann. Das empfinde ich als ungeheures Privileg. Und es ist für mich auch faszinierend, mich immer wieder, Monat für Monat, in dieser überversicherten Schweiz, der Unsicherheit auszusetzen. Ich weiß, dass ich auf diese Art und Weise nur in einem sehr reichen Land leben kann. Aber meine vielen Auslandreisen haben mir gezeigt, dass es Kulturschaffende auch in ärmeren Ländern immer wieder mit einer ungeheuren Innovationskraft schaffen, sich eine Existenz aufzubauen.

Wie reagiert das heimische Publikum auf Deine/Eure neue alpine Volksmusik?
Unterschiedlich – göttinseidank! Die vorwiegend männliche Hackbrettszene ignoriert mich größtenteils, stempelt mich als seltsamen Vogel ab, der in keine Schublade passt. Dann das Phänomen der Prophetin im eigenen Land kenne ich auch, oder unterschwelligen Neid, z.B. eine 66jährige Frau auf der Bühne: „So was von unsexy, da himmle ich lieber einen alten männlichen Knacker an…!“ Was mich hingegen fasziniert, ist, wenn ich mit meiner Musik Leute erreiche, die zuvor nie gedacht hätten, dass ihnen nun ausgerechnet diese Stücke gefallen. Und klar gibt es viel, viel Zuspruch und tolle differenzierte Feedbacks. Vielen Dank!

Ab März mit Carlo Niederhauser auf FALTER-Tour

Wie sind Deine Pläne für 2018?
Ich freue mich enorm, nun ab März mein FALTER Programm in einer lustvollen Live Version zum Publikum zu bringen. Ich habe für die Live-Konzerte den sehr vielseitigen Cellisten, Carlo Niederhauser, als Duo-Partner gewinnen können. Zusammen entwickeln wir aus meinen Kompositionen einen spannenden Dialog, überspringen mit Leichtigkeit stilistische Grenzen und hören in Freiräume hinein, so dass jedes Konzert eine einmalige Geschichte erzählt. Dann habe ich eine Anzahl anderer Projekte, die weiterentwickelt werden wollen (mehr dazu auf ihrer Homepage). Und – last but noch least – freue ich mich auf alles Unterwartete, das an mich herangetragen wird!

Vielen Dank für das Gespräch!

Termine:

CD-Release Tour „Falter“ mit Carlo Niederhauser, Cello
09.03. Bern, Alpines Museum
21.03. Zürich, Kapelle im Klus Park
Und diverse Hauskonzerte mit Anmeldung, s. https://www.hackbrett.com/agenda

Schürmüli Musig
21.01. Henggart Zwirbelistubete, Saal 18:30 Uhr
18.02. Zürich, Volkshaus Tanz um 17:00 Uhr

Nüüt und anders Züüg
25.02. Reitnau, 17:00 Uhr
20.03. Riehen BL,  Kellertheater im Haus der Vereine 20:00 Uhr
03.06. Leuggern, Schloss Hettenschwil 11:00 Uhr

Lausch
01.02. Luzern, Kleintheater
04.02. Küsnacht, Seehof

Die CD „Falter“ ist hier erhältlich.

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