“Ganz unten auf dem Festivalplakat / Erstma’ egal, Hauptsache da / Als wir dann zum ersten Mal / Im Backstage war’n, wurde es uns klar / Wir sind allein / Wo sind all die ander’n Frauen?”
So heißt es im gemeinsamen Song “Männer” von Blond und addeN. Die Frage ist naheliegend: Wie männlich dominiert sind deutsche Festival-Line-ups im Jahr 2026 noch? 

2023 berichtete die Tagesschau, dass bei Rock am Ring “deutlich mehr“ Musikerinnen auftreten würden als zuvor. Dies umfasse 21 von 72 Acts des Festivals und entspräche knapp 30% des Line-Ups1. Das ist zwar noch lange nicht die Hälfte, aber wenigstens ein Anfang. Trotz allem stellt sich die Frage, wie sich diese Zahl verändert hätte, wenn man nur die FLINTA* Artists und Bands mit FLINTA* Frontperson betrachtet. Außerdem wäre es interessant zu wissen, wie die gemischtgeschlechtlichen Bands zusammengesetzt waren und wie ausgeglichen das Verhältnis dort wirklich war.

Die Festival-Hochsaison begann ungefähr im Juni. Somit scheint es jetzt ein guter Zeitpunkt zu sein, sich diesen Fragen zu widmen. Für diese Recherche habe ich fünf bekanntere deutsche Festivals ausgesucht und ihre diesjährigen Line-up-Poster ausgewertet. Ziel war es, zu schauen, wie viele FLINTA* Acts dort vertreten sind.

Datengrundlage und Herangehensweise

Die Festivalplakate stammen von den offiziellen Instagram-Accounts oder Webseiten der Festivals, Stand: 19.05.2026. Die Artists wurden in fünf Kategorien aufgeteilt: männlich gelesen, FLINTA*, gemischt, gemischt mit männlich gelesener Frontperson und gemischt mit FLINTA* Frontperson.

Zusatz: Die Bezeichnung „männlich gelesen“ wurde gewählt, da nicht für jede Person die Selbstidentifikation recherchiert werden konnte. Sie beschreibt hier eine Einordnung nach Wahrnehmung bzw. Zuschreibung von außen. FLINTA* wird in diesem Text als Sammelbegriff für nicht-cis-männlich gelesene Personen verwendet. Die Kategorien sind damit bewusst vereinfacht und können sich überschneiden. Ziel der Einteilung ist es, strukturelle Ungleichheitsverhältnisse sichtbar zu machen und sie kann individuelle Identitäten nicht trennscharf abbilden.

Bei Bands/Gruppen mit mehreren Mitgliedern habe ich auf die Lead-Vocalists geachtet, da diese in der öffentlichen Wahrnehmung und auf der Bühne meist am stärksten hervortreten. Die Kategorie “gemischt” bezieht sich auf Kollektive und Bands/Gruppen ohne klar erkennbare Frontperson. Die Besetzungen wurden anhand von Fotos auf den Festival-Webseiten, den Instagramseiten der Künstler*innen oder aktuellen YouTube-Videos von Auftritten bestimmt.

Für die Auswertung habe ich die fünf Einzelkategorien am Ende zu zwei Oberkategorien zusammengefasst: männlich gelesen und FLINTA*. Zur männlich gelesenen Gruppe zählen männlich gelesene Acts sowie Acts mit männlicher Frontperson. Zur FLINTA* Gruppe zählen FLINTA* Acts, Acts mit FLINTA* Frontperson sowie die Kategorie “gemischt”.

Des Weiteren gilt es anzumerken, dass auf dem Splash!-Festivalplakat zwei Acts mit “[Name] and friends” angegeben werden. Da ich nicht herausfinden konnte, wer genau zu den “friends” dazugehört, habe ich sie anhand der Person, deren Name zuerst genannt wird, kategorisiert. Zudem wurden keine Podcasts miteinbezogen.

Auswertung der Line-ups

Als Erstes habe ich mir angeschaut, wie sich die Line-Ups der einzelnen Festivals jeweils zusammensetzen. Am schlechtesten schneidet hierbei Rock am Ring mit einer Quote von 15,07% FLINTA* Acts ab, gefolgt vom Splash! Festival mit einer Quote von 18,52%. Etwas besser sieht es beim Deichbrand mit 30,69% und dem Hurricane Festival mit 30,95% aus – sie teilen sich sozusagen den zweiten Platz. Mit Abstand am besten schneidet das Lollapalooza Berlin mit einem ausgeglichenen 50/50 Line-Up ab. Hierbei ist allerdings auch anzumerken, dass das Festival mit 40 Spots das kleinste Line-Up der fünf hat. Ergänzend zum Artikel findet sich auf Instagram eine visuelle Analyse der Festivalplakate und ihrer Line-ups.

 

Würde man nun aus allen untersuchten Festivals ein großes Line-up erstellen, sähe das ungefähr so aus: 352 Acts, davon 98 FLINTA*, mit FLINTA* Frontperson oder gemischt ohne erkennbare Frontperson. Das entspräche einem Anteil von ungefähr 27,84%, also etwas weniger als einem Drittel. Die genauere Zusammensetzung in der folgenden Grafik:

 

 

Zusammensetzungen gemischter Bands

Wie zu Beginn des Reports gesagt, bin ich bei der Kategorisierung der gemischten Bands/Gruppen auf ein kleines Problem gestoßen. Mir erschien es nicht sinnvoll, nur solche zu berücksichtigen, die vollständig aus FLINTA* Personen bestehen. Deshalb habe ich mich für den Bühnenpräsenz- bzw. Sichtbarkeitsfaktor entschieden. An dieser Stelle gilt es anzumerken, dass es nicht das Ziel ist, Instrumentalist*innen unsichtbar zu machen oder als weniger wichtig darzustellen. Die Einordnung dient lediglich der Analyse.

Während der Recherche fiel auf, dass es fast keine gemischten Bands mit einem männlich gelesenen Leadsänger gibt. In den meisten Fällen übernimmt eine FLINTA* Person diese Position. Zudem scheinen trotzdem meist männlich gelesene Personen in der Überzahl zu sein. Aus diesem Grund habe ich mir die Zusammensetzung aller gemischten Acts genauer angeschaut: Insgesamt sind das 31 Acts, jedoch konnten nur 28 davon anhand einer festen Besetzung analysiert werden. Zählt man ihre Mitglieder, kommt man auf 76 männlich gelesene Personen und 37 FLINTA* Personen. Das entspricht etwa einem Verhältnis von 2:1. Prozentual machen die FLINTA* Personen somit ungefähr 32,74% der Besetzungen aus und sind davon in ca. 61,29% der Bands in der Lead-Vocalist-Position. Es lässt sich also erkennen, dass auch die gemischten Bands weniger ausgeglichen besetzt sind, als es vielleicht auf den ersten Blick wirkt. Zudem zeigt sich das verbreitete Muster, dass FLINTA* Personen vor allem als Sänger*innen sichtbar sind.

Headliner*innen

Zuletzt soll der Fokus auf die Positionen der jeweiligen Artists auf den Line-up Plakaten gelegt werden. Meist werden die Namen der Headliner*innen ganz oben und größer als die der anderen Künstler*innen abgebildet. Ich habe hier noch eine Unterscheidung zwischen Headliner*innen und Sub-Headliner*innen getroffen. Das betrifft jene Artists, die zwar unter den Headliner*innen, jedoch trotzdem größer als die restlichen Acts aufgeführt werden.

 

Auch hier sind die Zahlen bezeichnend: Alle Festivals haben zusammen 38 Headline- sowie 64 Sub-Headline-Spots. Von ersteren werden 8 FLINTA* Personen besetzt und von zweiteren 10. Das entspricht etwa einem Anteil von 21,05% und 15,63% und zeigt dementsprechend, dass FLINTA* Personen in den “höherrangigen” Positionen im Line-Up noch weniger vertreten sind als sowieso schon.

Alles in allem kann man nun erkennen: FLINTA* Personen machen zwar fast ein Drittel der Line-ups aus, jedoch ist das einerseits immer noch ziemlich wenig und andererseits unterscheidet sich dieser Anteil allein innerhalb der untersuchten fünf Festivals stark. Natürlich berührt diese Recherche nur einen Bruchteil deutscher Festivals und es ist sicherlich lohnenswert, sich auch kleine Festivals und die Unterschiede innerhalb verschiedener Genres anzuschauen. Gerade größere oder bekanntere Festivals bieten Künstler*innen jedoch viel Sichtbarkeit und die Chance, Hörer*innen dazuzugewinnen. Auffällig ist, dass insbesondere dort der Anteil an FLINTA* Acts noch geringer scheint. Dabei könnte ein ausgeglicheneres Booking Festivals nicht nur ausgewogener machen, sondern ihnen zudem eine Chance bieten, sich zu positionieren und ein Zeichen zu setzen.

Was hat sich bereits verändert?

Weiterhin bleibt die Frage offen, inwiefern sich die Zusammensetzungen von Festival Line-Ups bereits verändert haben. Eine Studie der MaLisa Stiftung, in Kooperation mit der GEMA und Music S Women* aus dem Jahr 2022 analysiert Geschlechterverhältnisse auf 15 verschiedenen Festivalbühnen in den Jahren 2010, 2015, 2019 und 2022. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche Frauenanteil innerhalb des Zeitraums unter 10% liegt. Betrachtet man die Jahre einzeln, wird deutlich, dass trotz dieser niedrigen Zahl eine Steigerung von 7% auf ca. 16% im Jahr 2022 zu verzeichnen ist2.

Auch die Keychange-Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass im Vergleich zum Jahr 2021 zwar mehr Personen denken, dass der Frauenanteil auf Konzertbühnen gestiegen ist, dieser sich jedoch weiterhin im unteren Bereich bewegt. Auf 9 von 15 Festivalbühnen stehen immer noch über 70% Männer3.

Beide Studien verweisen zudem darauf, dass sich kleinere Festivals in Sachen Geschlechterverhältnisse besser schlagen als die größeren: Die MaLisa Stiftung stellt auf den kleineren Festivals einen Frauenanteil bis 29% fest und einen durchschnittlichen Anstieg von 8% auf 17% (2010-2022). Keychange errechnet einen Anstieg des Frauenanteils von 8% auf 28% (2010-2023), dahingegen liegen die Zahlen der großen Festivals bei einem Anstieg von 6% auf 15%.

Insgesamt bestätigt sich damit: Je größer das Festival, desto stärker hält sich der hohe Männeranteil. Die MaLisa-Stiftung weist zudem darauf hin, dass ein höherer Anteil elektronischer Musik mit einem höheren Frauenanteil zusammenhängt, während ein höherer Anteil an Instrumentalist*innen eher mit einem niedrigeren Frauenanteil korreliert. Das passt auch zu meiner Analyse gemischter Bands.

Um abschließend die Frage zu beantworten, ob deutsche Festivals weiterhin männlich dominiert sind, kann man sagen: Ja. Der Anteil an FLINTA Künstler*innen ist zwar seit 2010 angestiegen, ausgeglichen sind die Geschlechterverhältnisse jedoch noch lange nicht. Gerade große Festivals scheinen sich schwer damit zu tun. Daraus ergeben sich weitere Fragen: Warum ist das so und was kann getan werden? Auf diese möchte ich in den kommenden Wochen im zweiten Teil dieses Reports eingehen.

 

Quellen

1 SWR, Ute Spangenberger (2023): „Musikfestivals: Mehr Frauen auf der Bühne“. tagesschau.de.  https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/musik-festivals-frauen-100.html.

2 MaLisa Stiftung (2022): „Studie zur Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche: Charts, Werke und Festivalbühnen“. malisastiftung.org.  https://www.malisastiftung.org/studien/gender-in-music-charts-werke-und-festivalbhnen.

3 Keychange (2024): “Keychange 2024 – Study on gender diversity in the German music market”. keychange.eu. https://www.keychange.eu/s/Study-results_Keychange_2024_EN.pdf

Titelfoto: Colin Lloyd

 

 

„Mein Leben ist zu kurz und meine musikalische Inspirationswelt zu bunt, um mich allein der Klassik oder dem Pop zu widmen. Ich mache und liebe beides!“

Julie ist eine klassisch ausgebildete Mezzosopranistin und Singer-Songwriterin. Sie studierte Operngesang in Freiburg, Barcelona und Berlin, dabei spezialisierte sie sich auf den Lied-Gesang und die Barock Oper. In den letzten Jahren war sie festes Mitglied des RIAS Kammerchores Berlin, trat in diversen Konzerten als Solistin auf und gastierte an namentlichen Theatern und Opern. Zudem schrieb sie in den vergangenen Jahren zahlreiche Songs und trat meist mit der Gitarre und dem Klavier als Solokünstlerin auf. Das Genre lässt sich als deutscher Soul-Pop mit Einflüssen aus Hip-Hop, Rap und Jazz bezeichnen. Ihre Lieder handeln von der Weisheit der Kinder, vom tiefen Respekt füreinander, von den kleinen Momenten, in denen Großes ruht… Nach ihrer 2025 veröffentlichten Debüt-Single „Sprich mal Afrikanisch“ fokussiert sich die junge Künstlerin 2026 auf die Veröffentlichung ihres ersten Albums.

 

Du bist Mutter eines Kindes und weiter als Musikerin tätig. Warst Du mit Deinem Kind bereits on tour? Wie ist es Euch ergangen?

Genau, ich bin Mutter eines fast dreijährigen Jungen. Außerdem erwarte ich im Mai 2026 mein zweites Kind – wieder ein Junge. 🙂

Ja, ich habe meinen Sohn einmal mit auf Tour genommen und muss ehrlich sagen: Ich habe das als sehr anstrengend erlebt. Zu der Zeit habe ich noch viel gestillt, vor allem nachts, und dadurch sehr wenig Schlaf bekommen. Tagsüber trotzdem Leistung zu bringen, stundenlang zu proben und gleichzeitig zu stillen oder abzupumpen, war eine große Herausforderung. Ich war gedanklich oft zerrissen – ein Teil von mir immer beim Kind, mit der Frage, ob es ihm gut geht, während ich arbeite. Und abends dann noch bis spät auf der Bühne zu stehen, hat zusätzlich Kraft gekostet. Insgesamt war das eine sehr kräftezehrende Erfahrung.

Die nächste Tour habe ich dann allein gemacht, da war mein Kleiner aber auch schon älter. Dafür habe ich ihn dann sehr vermisst. Zum Glück spiele ich recht viele Konzerte in Berlin, meinem Wohnort, zu denen mich mein Partner und mein Sohn oft begleiten. Mir ist es nämlich total wichtig, dass mein Sohn meine Welt möglichst gut kennen und verstehen lernt.

 

Haben sich Veranstaltende bereits darauf eingestellt, dass manche Musiker*innen mit Kindern anreisen?

Bisher habe ich das nur vereinzelt erlebt. Eine besonders schöne Erfahrung war mein letztes Konzert im Rahmen der Mom’s Got Talent Academy – einem Coaching-Programm vom Music Family Hub Berlin für Musikerinnen mit Kindern, an dem ich die letzten sechs Monate teilnehmen durfte. Dieses Konzert war bewusst als Familienkonzert konzipiert, und die gesamte Infrastruktur war auf Familien mit (Klein-)Kindern ausgerichtet – wunderbar.

Die Vision von Nanja Oedi und Pamela Bürger, den Gründerinnen des Music Family Hub, finde ich unglaublich inspirierend: Sie setzen sich für mehr Familienfreundlichkeit und Chancengleichheit in der Kultur- und Arbeitswelt ein. Genau solche Ansätze braucht es meiner Meinung nach viel öfter – das ist absolut zeitgemäß und wichtig. 

 

Würdest Du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?

Das kommt ein bisschen darauf an, wie lange die Tour geht und wie alt das Kind ist. Grundsätzlich habe ich aber gemerkt, dass ich ohne Kind auf Tour einfach fokussierter bin und mich besser auf die Arbeit konzentrieren kann. So kann ich beiden Seiten gerechter werden – der Arbeit und der Familie – nur eben zu unterschiedlichen Zeiten.

 

In der Regel arbeiten Schwangere in den letzten Wochen vor der Geburt nicht mehr und gehen in den Mutterschutz. Viele Musikerinnen* können sich das gar nicht leisten oder fühlen sich so fit, dass sie weiter auf der Bühne stehen. Wie war das bei Dir?

Ha, tatsächlich war das bei meinen beiden Schwangerschaften komplett unterschiedlich 😀 In meiner ersten Schwangerschaft habe ich noch im ersten Trimenon eine komplette Carmen-Produktion gesungen – also die Titelpartie aus Bizets Oper. Danach hat die Corona-Welle meine restliche Konzerttätigkeit bis zur Geburt leider weitgehend stillgelegt. Somit konnte ich mich wunderbar mit viel Zeit auf die erste Geburt vorbereiten.

In dieser Schwangerschaft ist es tatsächlich ganz anders – ich arbeite gerade bis zum Anschlag. Noch im siebten Monat, im Februar, war ich mit Herbert Grönemeyer auf großer Konzerttournee unterwegs, und auch danach spielte und spiele ich weiterhin viele Konzerte. Ich genieße das im Moment sehr und möchte es bewusst auskosten, dass ich gerade so viele schöne Anfragen bekomme.

Nebenbei produziere ich noch „schnell“ mein Debütalbum, weil ich mir denke: Mit zwei kleinen Kindern wird das in den kommenden Jahren sicher nicht einfacher… Aktuell bin ich in der 36. Woche. Es steht zwar nur noch ein Konzert an, aber die Arbeit und Postproduktion am Album werden mich wahrscheinlich noch bis zur ersten Wehe begleiten. 😀 Aber das mache ich auch sehr gern – ich liebe meinen Job und habe das große Glück, dass auch meine zweite Schwangerschaft ohne Komplikationen verläuft und ich mich fit und wohl fühle.

 

Konntest Du Deine Projekte so planen, dass Du beruhigt eine Auszeit nehmen konntest? Und wie hast Du das finanziell hinbekommen, Du bekommst ja wahrscheinlich kein Gehalt?

Finanziell hatte ich nach meinem ersten Kind großes Glück: Nach sieben Monaten Elternzeit konnte ich in ein festes Angestelltenverhältnis zurückkehren – damals als Altistin beim RIAS Kammerchor Berlin. Das hat mir auf jeden Fall viel Sicherheit gegeben. Rückblickend würde ich aber sagen, dass ich zu früh und mit einem zu hohen Pensum wieder eingestiegen bin – das war teilweise ziemlich überfordernd.

Beim zweiten Kind möchte ich es deshalb etwas anders machen und mir bewusst mehr Zeit und Raum nehmen. Nun bin ich aber auch selbständig und kann flexibler planen. Über den Sommer habe ich mehrere Monate ganz bewusst keine Konzerte geplant oder zugesagt und freue mich sehr darauf, mich voll und ganz auf meine Familie konzentrieren zu können. Natürlich schwingt auch mit: Jedes abgesagtes Konzert bedeutet einen verlorenen Veranstalter oder Vertragspartner – kommt die nächste Anfrage dann noch? Mit jedem nicht gespielten Konzert entgehen einem Fans und Einnahmen. Aber so ist es eben, und das ist vollkommen in Ordnung. Das Familienleben hat nun mal in dieser Phase Priorität.

Ich freue mich riesig über unseren Familienzuwachs, und zum Glück gibt es das Elterngeld, das mir ein wenig Sicherheit gibt. Außerdem muss ich unsere Familie glücklicherweise nicht allein finanzieren – das nimmt eine Menge Druck raus und erlaubt mir, diese besondere Zeit hoffentlich genießen zu können.

 

Ist der Beruf als selbstständige Musikerin manchmal auch ein Vorteil, wenn frau eine Familie gründen will?

Ich denke schon. Als selbstständige Musikerin bin ich sehr flexibel und nicht von einem festen Arbeitgeber abhängig, was ich als großen Vorteil empfinde. Ich kann meine Arbeitszeiten, Proben und Konzerte oft frei planen. Mein Kind jeden Tag acht bis zehn Stunden nicht zu sehen und nur am Abend ins Bett zu bringen, weil ich arbeiten muss, wäre für mich undenkbar. Ich genieße es, im Alltag präsent sein zu können und ab und zu gebündelt unterwegs zu sein.

 

Stichwort Kinderbetreuung: viele Kitas haben zu, wenn Musikerinnen* arbeiten, nämlich abends und am Wochenende. Wie hast Du das geregelt?

Dazu muss ich sagen, dass ich in einem sehr privilegierten Setting lebe: Mein Partner übernimmt ebenfalls viel Kinderbetreuung, und auch meine Mutter, meine Schwiegereltern und Freunde springen öfter ein. Ein unterstützendes Netzwerk drumherum macht einfach einen riesigen Unterschied. Ohne das würde es nicht funktionieren.

 

Wo sind die kritischen Knackpunkte, wo es schwierig wird? Was braucht es, um den Spagat gut hinzukriegen? Was müsste sich verändern?

Die Herausforderungen des Spagats zwischen Beruf und Familie habe ich ja schon weiter oben angesprochen. Für mich persönlich ist vor allem das lange Wegbleiben von zu Hause eine große Challenge. Die Grönemeyer-Tour dauerte insgesamt drei Wochen – drei Wochen, in denen ich nicht miterleben konnte, wie sich mein Sohn entwickelt oder welche neuen Dinge er lernt. Ich liebe meine Mutterrolle und möchte jeden noch so kleinen Entwicklungsschritt miterleben.

Politisch gesehen sehe ich große Defizite für selbstständige Musikerinnen. Die Regelungen für Mutterschafts- und Elterngeld sind für uns schlicht nicht fair. Wir haben nicht ganz denselben Mutterschaftsgeld-Anspruch wie Angestellte. Auch beim Elterngeld haben es Selbstständige schwerer: die Höhe bemisst sich nämlich nach dem Gewinn des letzten Kalenderjahres. Wenn das Jahr eher schlecht war, bekommt man auch dementsprechend weniger Elterngeld. Abgesehen davon ist es schwierig, während des Elterngeldbezugs Konzerte zu spielen, ohne dass man Rückzahlungen leisten müsste oder praktisch umsonst arbeitet, weil man in dieser Zeit nur begrenzt Einkommen erzielen darf. Gleichzeitig ist es existenziell, dass wir Musikerinnen unser Netzwerk und unsere Kontakte auch in dieser Zeit aufrechterhalten. Es ist ein Teufelskreis. Hier bräuchte es dringend spezielle Sonderregelungen, die die Realität selbstständiger Künstlerinnen widerspiegeln.

 

Was musstest Du an Deiner Lebens- und Arbeitsweise ändern, um alles unter einen Hut zu bekommen?

Ich musste mir auf jeden Fall ein dickeres Fell zulegen. In Sachen Stressresistenz, Zeitmanagement und Produktivität wird man als Mama in kürzester Zeit gezwungenermaßen zur Meisterin. 😛 Ich versuche, Stress so gut es geht zu vermeiden, aber in der Praxis gelingt das natürlich nicht immer. Dann sage ich mir: Niemand ist perfekt, und ich probiere, gutmütig zu sein, mir selbst Druck zu nehmen und dankbar zu sein für die ganzen Dinge, die ich gewuppt bekomme.

Arbeitsblöcke am späten Abend oder Songwriting in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann, sind mit dem Mama-Sein dazugekommen. Und der Kaffekonsum ist ordentlich gestiegen. Aber insgesamt muss ich sagen, dass mich das Familienleben und das Mama-Sein extrem beflügelt, inspiriert und bereichert. Ich liebe Kinder: Ihre Lebens- und Weltanschauung, ihr Humor und ihre Leichtigkeit geben mir unglaublich viel zurück. Seit ich Mama bin, fällt mir auch vieles leichter – beispielsweise mit einem kindlichen Blick auf manche Dinge zu schauen, Momente bewusster zu genießen, daraus neue Energie zu schöpfen und manchmal die Ernsthaftigkeit einfach wegzulassen. 😀

Viele meiner Freunde und Bekannten sagen oft: „Julie, wie machst du das alles? Woher nimmst du diese Energie?“ Ich glaube, einen Großteil schöpfe ich wirklich aus dem Familienalltag mit meinem Mann und meinem Sohn und den kleinen Momenten und Lehren, die sie mir jeden Tag schenken. Gepaart mit der Musik, die ich über alles liebe, habe ich glücklicherweise noch jede Menge Energie und Lebensfreude übrig, um meinen Job mit Herz auszuführen.

 

Wie sind Deine Pläne für die nahe Zukunft?

In den nächsten Wochen hoffe ich, vor der Geburt noch die Vocal-Aufnahmen für mein Debütalbum abzuschließen. Die Bandaufnahmen sind zum Glück schon im Kasten und richtig toll geworden. Das Album heißt „Worauf es ankommt“ und wird ab Sommer zu hören sein.

Ansonsten werde ich mich bis zum Herbst eher zurückziehen und mich auf Nachtschichten, Stillen, Wickeln, Haushalt und Kochen konzentrieren. Ein größerer Urlaub ist zwar geplant, aber mit zwei kleinen Kindern bedeutet das ja nicht unbedingt Entspannung. 😀 Natürlich wünsche ich mir, dass ich nach der Pause und der Elternzeit wieder gut ins Konzertleben einsteigen kann. Wie genau sich das alles gestalten lässt und wie ich das balancieren werde, wird sich dann zeigen.

 

Gibt es Tipps & Tricks, die Du weitergeben möchtest?

Tipps weiterzugeben ist immer schwierig, weil jede Person in einer anderen Situation steckt. Ich versuche generell möglichst gelassen zu bleiben und die Leichtigkeit nicht zu verlieren. Viel Lachen, gutes Essen, Sonnenschein und gute Leute um mich herum sind für mich zusätzlich unerlässlich.

 

Vielen Dank, liebe Julie, für dieses Gespräch, und alles Gute für die zweite Geburt!

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Titel- und Pressefotos: Christian Schneider

Johanna Eicker ist eine vielseitige Musikerin aus Köln, die als Gitarristin, Bassistin, Pianistin und Songwriterin aktiv ist. Schon früh klassisch ausgebildet, machte sie mit der Band The Black Sheep erste große Schritte in der Musikszene, veröffentlichte zwei Alben und tourte international. Später gründete sie die kölsche Rockabilly-Band Rockemarieche und das Singer-Songwriter-Duo Roads & Shoes. Zudem ist sie Gitarristin in der TV-Showband von Carolin Kebekus und tourt aktuell mit verschiedenen Projekten, u.a. der Band ihrer Schwester Charly Klauser und der All-Girl-Kölsch-Pop-Band Mätropolis durch Deutschland.

 
Du bist Mutter und weiter als Musikerin tätig. Warst Du mit Deinen Kindern bereits on tour? Wie ist es Euch ergangen?

Ich habe meine Kids schon bei Shows dabei gehabt, allerdings nicht auf längeren Tourneen. Bei Kind 1 war ja ohnehin Corona und jetzt bei Kind 2 stand ich wie geplant nach 4 Wochen bei einer WDR Aufzeichnung auf der Bühne, während Baby und Papa (!) im Bus geschlafen haben. Die Konzerte danach habe ich teilweise mit Family dabei oder mit abgepumpter Milch im Kühlschrank durchgezogen. Das ging hier und da richtig an die Substanz, aber es war möglich. Da die ersten Lebensmonate im Winter waren, war ich auch viel im Karneval unterwegs. Das hieß zwar viele Konzerte, aber immer zu Hause schlafen. Aber ja, da musste der Kindersitz dann in den 9-Sitzer gebaut werden und alle haben brav am Straßenrand gewartet, weil ich stillen musste. Das war auch immer ein kleines Abenteuer und der größte Stress ist dabei eigentlich die Angst, dass es nicht hinhaut, aber es hat gut geklappt. Und ein bisschen stolz war ich auch, meine Familie dabei zu haben. Alles in allem ist uns der Spagat geglückt, nicht „aus allem raus zu sein“ und Sorge haben zu müssen, dass es beruflich den Bach runter geht. Daher bin ich erleichtert und dankbar. Und ja, auch sehr müde…
 

Haben sich Veranstaltende bereits darauf eingestellt, dass manche Musiker*innen mit Kindern anreisen?

Ich muss zugeben, dass ich vor allem von zwei großen bekannten Festivals schwer enttäuscht war, denn da durften Kinder unter 14 Jahren partout nicht mit. Nicht mal backstage und auch nicht mit zusätzlicher erziehungsberechtigten Person. Das fand ich bitter. Ansonsten sind viele nicht darauf eingestellt, aber switchen ganz schnell auf Entgegenkommen, wenn man fragt. Ich habe hier und da selbstverständlich ein Doppelzimmer bezahlt bekommen für die Family, einen zusätzlichen Raum backstage oder es wurde ein Auge zugedrückt bei der Uhrzeit.


„Aber es fühlt sich immer noch so an, als sei man die seltene Ausnahme“.


Würdest Du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?

Wie schon erwähnt, war die Situation nach der ersten Geburt speziell, da die Zeit mitten in Corona fiel. Jetzt beim zweiten Mal war ich direkt wieder mittendrin und manchmal habe ich mir gewünscht, ich hätte eine längere Auszeit gehabt. Allerdings glaube ich, dass wir es super hinbekommen haben, dass es nicht zum Schaden der Kinder war, dass ich streckenweise viel zu tun hatte oder unterwegs war. Die andauernde Doppelbelastung für mich (und meinen Mann) war zwischendurch allerdings grenzwertig. Schlafentzug, Rückenschmerzen, eine völlig chaotische Wohnung, mal wieder nicht rechtzeitig Wäsche gewaschen, nicht geschafft, sich um offenen Rechnungen zu kümmern… und dann noch versuchen, im Job am Start zu sein. Da müssen sich die Ansprüche den Umständen schon anpassen, sonst wird man auch noch unglücklich dabei. Kurzum, es war und ist teilweise sehr hart, aber es war unsere gemeinsame Entscheidung und wir haben gut durchgezogen.

 

In der Regel arbeiten Schwangere in den letzten Wochen vor der Geburt nicht mehr und gehen in den Mutterschutz. Viele Musikerinnen* können sich das gar nicht leisten oder fühlen sich so fit, dass sie weiter auf der Bühne stehen. Wie war das bei Dir?

Abgesehen von den Phasen, wo es mir nicht gut ging, stand ich weiterhin auf der Bühne und war sogar einige Tage auf Tour. Die letzte Show war Anfang des 8. Monats und ich war sehr dankbar, dass das körperlich noch möglich war. Bei der ersten Schwangerschaft ging das sogar bis knapp zum 9. Monat. Irgendwann wurde die Luft beim Singen zu knapp und die Gitarre sah sehr komisch aus mit dem dicken Bauch… Nebenher habe ich weiterhin Orga gemacht für einige meiner Projekte, was ohnehin einen großen Teil meiner Arbeit ausmacht. Recht entspannt und vom Sofa aus. Natürlich nicht mit 100% Kraft und Zeit wie sonst, aber da erfahre ich zum Glück von allen Seiten vollstes Verständnis von Bandkolleg*innen oder auch Menschen aus der Branche, mit denen ich zusammenarbeite.

 

Konntest Du Deine Projekte so planen, dass Du beruhigt eine Auszeit nehmen kannst? Und wie kriegst Du das finanziell hin, Du bekommst ja wahrscheinlich kein Gehalt?

Das Planen der „Auszeit“ war tatsächlich recht aufwändig. Man will nicht zu früh die Pferde scheu machen, andererseits möchte man nicht zu kurzfristig „abspringen“ und Bands oder Produktionen vor den Kopf stoßen. Meine Taktik war, recht früh Bescheid zu sagen und einfach mit offenen Karten zu spielen. Ich konnte während der Schwangerschaft zum Glück bis auf wenige Ausnahmen alle Jobs selber machen oder hatte da bereits eingearbeitete Subs zur Hand.

Für nach der Geburt hatte ich einige Jobs, die ich zwar gerne selber wieder gemacht hätte, die aber zu nah dran waren und die Gefahr einfach zu hoch, dass es zu früh ist und ich noch nicht fit genug bin. Da konnte ich tatsächlich Ersatz für mich finden, mit dem ich finanziell eine Lösung dafür hatte, sollte ich doch etwas früher wieder selber spielen wollen. Es gab dann eine Ausfallgage für die Person und für mich etwas weniger, denn ich konnte dann doch nicht guten Gewissen alles für die nächsten Monate absagen. Wäre ich nicht schnell genug fit gewesen, hätte einiges davon finanziell schon wehgetan, aber was soll man machen. Sowas lässt sich einfach nicht vorher absehen, vor allem nicht gesundheitlich. Daher hatte ich es finanziell nicht eingeplant. Mein Mann und ich haben letztes Jahr schon angefangen ein wenig etwas auf Seite zu legen, damit es nicht den Druck gibt, entweder hochschwanger oder 6 Wochen nach der Geburt voll funktionieren zu müssen. Das hat zum Glück geklappt und ist psychisch eine große Entlastung. Alles andere zeigt sich immer erst, wenn das Baby da ist.

 

Ist der Beruf als selbstständige Musikerin manchmal auch ein Vorteil, wenn frau eine Familie gründen will?

Wenn ich mich im Freundeskreis vergleiche, sehe ich es als absoluten Vorteil, selbstständig zu sein. Der Stress mit Kind und Vollzeit-Job und eventuell auch den Druck, als Frau schnell wieder zurückzumüssen, kann ich mir gar nicht vorstellen. Und dann findet man keinen Kita-Platz…

Mein Mann ist ebenfalls selbstständig als Grafiker tätig, arbeitet von zu Hause und so haben wir maximale Flexibilität, was unsere Arbeitszeiten angeht. Ich muss aber auch zugeben, dass wir ganz großes Glück haben: Wir können es uns beide leisten etwas weniger zu arbeiten, da es finanziell ausreicht. Und sowohl Hausarbeit als auch Kinderbetreuung und Erziehung liegen wirklich zu absolut gleichen Teilen bei meinem Mann und mir. Das ist leider auch heute nicht selbstverständlich und letztendlich DER Schlüssel, um den Alltag und den Beruf als Musikerin mit Kind verhältnismäßig entspannt stemmen zu können. Wir waren uns schon vor dem ersten Kind einig, dass es lieber hier und da mal etwas knapp wird und ein großer Urlaub ausfällt, anstatt im Dauerstress zu leben. Das muss man wollen und sich leisten können und ich bin sehr dankbar dafür, dass es für uns möglich ist. Wir haben zudem eine tolle Oma um die Ecke und auch sonst ein kleines, aber zuverlässiges Netzwerk an helfenden Händen. Ohne Hilfe geht es nicht und das ist keine Schande!

 

Stichwort Kinderbetreuung: viele Kitas haben zu, wenn Musikerinnen* arbeiten, nämlich abends und am Wochenende. Wie hast Du das geregelt?

Ja, da bringen die normalen Öffnungszeiten nicht allzu viel… Es geht sogar so weit, dass ich meine Tochter oft gar nicht erst in die Kita bringe, weil wir uns sonst komplett verpassen würden. In den nächsten zwei Jahren mit weiterem Baby, vor allem am Anfang solange ich noch stille, wird mein Mann oft zu Jobs mitkommen müssen und dann kann meine Ältere auch direkt mitkommen. Das ließ sich doch öfter vereinbaren als man vielleicht denkt und ist ja eigentlich auch das Leben, das wir gemeinsam führen wollen. Wenn sich das nicht anbietet, haben wir noch die Oma, die am Wochenende gerne mal übernimmt. Und zum Glück direkt auch noch meinen Schwager als Hundesitter, wenn es mal richtig eng wird.

 


„Insgesamt ist aber oft viel Planung nötig und hier und da musste ich richtig darauf bestehen, dass „ein Baby ausnahmsweise mit ins TV-Studio“ oder „eine Dreijährige mit auf ein Festival“ darf, aber das ist mir den Aufwand und das „einfordern müssen“ wert“.


 

Du hast selbst einige Postings zur Vereinbarkeit von Musikberuf & Familie gemacht. Warum ist Dir das Thema wichtig?

Ich finde es ist noch viel Luft nach oben in der Selbstverständlichkeit, dass Musikerinnen Kinder haben oder schwanger sind. Und dass sie „trotzdem“ weiterhin einen super Job machen können. Da fehlt echt die Sichtbarkeit (wie bei so vielen Dingen).

Glücklicherweise erleben wir generell immer mehr Frauen in der Musikbranche – damit meine ich die Entwicklung der letzten 20 Jahre, speziell im Pop-Bereich, in dem ich es besonders mitbekomme. Es gibt so viele tolle Musikerinnen, die mit großen Acts auf Tour sind oder ihre eigenen Projekte an den Start bringen. Dass davon auch mal welche schwanger werden oder Kinder haben, wird somit immer wahrscheinlicher. Und es ist soooo schön, dass man es immer öfter auch mitbekommt.

Apropos mitbekommen: Nachdem ich vor 5 Jahren das erste Mal mit dem Thema nach außen ging (oder halt mit Bauch auf der Bühne stand), sprachen mich so viele junge Frauen an, dass sie es total spannend finden und fielen direkt mit der Tür ins Haus, wie ich es denn vereinbart bekäme und sie würden ja selber darüber nachdenken, seien aber unsicher wie und ob überhaupt… Das hat mich sehr angetrieben „mich zu zeigen“ und zu dem Thema meine Erfahrungen zu teilen.

 

Wo sind die kritischen Knackpunkte, wo es schwierig wird? Was braucht es, um den Spagat gut hinzukriegen? Was müsste sich verändern?

Puh, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Es IST schwierig und es gibt eine ganze Verkettung an Dingen, die es braucht. Es geht nicht ohne Unterstützung vom Partner/der Partnerin und am besten von einem ganzen Netzwerk an Oma, Opa, Tante, Nachbar, Babysitter. Das hat nicht jede und lässt sich nicht herbeizaubern. Es muss ja dann auch klappen, dass sich Baby vom Papa mit der Flasche füttern lässt oder die Große gerne bei Oma übernachtet… Das ist ja nicht selbstverständlich.

Und je nachdem, wie die Nächte laufen oder wie herausfordernd der ganz normale Alltag eben ist, ist der Knackpunkt einfach die eigene Kraft. Immer wieder habe ich Sorge, dass ich vor einem wichtigen Job nicht genug Schlaf bekomme, von 7 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags als Mami funktionieren muss und DANACH noch gute 8 Stunden vor mir habe, in denen ich volle Konzentration brauche. Das ist ein enormer Druck, obwohl ich weiß, dass zu Hause meistens alles bestens klappt.

Und was sich verändern muss – darüber habe ich schon viel nachgedacht und auch mit anderen Eltern gesprochen. Aber ganz ehrlich, mehr KiTa Plätze, Betreuungsmöglichkeiten am Wochenende oder mehr Geld wären natürlich nett. Aber ich würde meine noch kleinen Kinder ja nicht guten Gewissens im Kindergarten übernachten lassen. Und dass man nach wenigen Monaten nach einer Geburt wieder auf der Bühne stehen will, hat ja nicht zwingend nur mit Geld zu tun. In meinem Fall ist es die Lust wieder weiterzumachen und natürlich auch die Sorge, dass bei laufenden Projekten zu lange nichts passieren könnte. Deswegen sehe ich wenig Möglichkeiten, dass es Angebote von der Stadt oder bundesweit gibt, die wirklich die zeitlichen und kräftetechnischen Probleme lösen.

Aber zwei Wünsche hätte ich: Der erste geht tief in die Elterngeld-Materie. Es ist super, dass es für Selbstständige recht unkompliziert Elterngeld gibt. Da wäre eine Lösung schön, wenn man teilweise wieder Geld verdienen möchte, dass es trotzdem weiterhin Zuschüsse gibt um auszugleichen, dass man halt nicht voll arbeiten kann. Bisher sind da die Angebote sehr eng und man müsste genau x Stunden im Monat arbeiten. Das klappt als Selbständige halt nicht.

Der zweite Wunsch ist sehr global und bezieht sich auf alle Berufsgruppen, nicht nur uns Musiker*innen. Denn es fehlt oft die Selbstverständlichkeit, dass Menschen halt Eltern werden, auch um unsere Spezies am Leben zu halten. Da haben alle etwas von.


„In den ersten Jahren übernehmen wir (Männer wie Frauen) locker 2-3 Jobs gleichzeitig“.


Ich selber habe wirklich wenig schlechte Erfahrungen gemacht und habe so ein tolles Umfeld. Trotzdem höre ich viele unschöne Geschichten, wo man es mit ein bisschen Verständnis und Entgegenkommen den jungen Eltern so viel leichter machen könnte, ohne dass sie darum bitten müssen. Da wünsche ich mir, dass wir als Gesellschaft mehr zusammenhalten und das Thema „wie schafft man diesen Spagat“ nicht nur in Mami-Whatsapp-Gruppen stattfindet. An der Stelle: Wie wundervoll, dass IHR dem Thema so viel Raum gebt und es in die Sichtbarkeit rückt!!!

 

Wie sind Deine Pläne für die nächsten 1-2 Jahre oder lässt Du es jetzt erstmal ruhiger angehen?

Um ehrlich zu sein bin ich bereits wieder voll mittendrin. Ich war dieses Jahr bereits im Ausland oder mit Übernachtung weg und der Terminkalender füllt sich. Mein Plan ist es absolut Gas zu geben bei meinen Projekten, Songs zu schreiben, Veröffentlichungen, Live Gigs… Da gibt es tolle Entwicklungen und das möchte ich nutzen. Aber die Balance muss stimmen und die Kraft für die Kinder MUSS reichen. Außerdem wird mein Mann weniger und teilweise gar nicht arbeiten und mit den Kids mitkommen oder zu Hause bleiben, wenn ich viel unterwegs bin. Das haben wir beim ersten Kind auch so gemacht und das hat toll geklappt. Zwei größere Tourneen habe ich allerdings abgesagt, weil ich aktuell natürlich nicht für 2 Wochen am Stück weg sein kann und auch nicht will. Zum Glück bin ich in der Situation, mir das aktuell einigermaßen aussuchen zu können.

 

Gibt es Tipps & Tricks, die Du weitergeben möchtest?

Ich breche meine Tipps mal runter auf ein paar kurze Sätze. Ich wollte um die Geburt herum noch möglichst lange Musik machen können und vor allem danach schnell wieder fit sein. Was ich sonst nie hinbekomme, war Sport, Gymnastik und gute Ernährung und ich habe richtig gemerkt, wie gut mir und meinem Körper das getan hat. Schadet also nie ;-). Außerdem habe ich schon früh beim ersten Kind gelernt, mich selber nicht automatisch hintenanzustellen und schon früh um Hilfe zu bitten. Nicht erst dann, wenn auch psychisch nichts mehr geht. Wenn ich auf mich selber achte und auf meine Bedürfnisse höre, kann ich auch mehr leisten und mehr für die Kinder da sein. Das klingt nach einer Momfluencerin von Instagram, kann ich aber zu 100% so unterschreiben.

Vielen Dank, liebe Johanna, für das Gespräch!

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Titelfoto: Marc Bremer, vor grüner Wand: Dörthe Boxberg

Sophie Trost ist eine Singer-Songwriterin aus Berlin. In ihren Liedern verarbeitet Sophie, was sie bewegt, seien es persönliche Erfahrungen oder gesellschaftspolitische Ereignisse. Die Musik der Sophie Trost Combo ist leicht und ernsthaft zugleich, tanzbar und lässt Raum für Improvisation. Die Mitglieder der Combo bereichern Sophies Lieder mit Einflüssen aus Jazz, Bossa Nova, Reggae, lateinamerikanischen Rhythmen, Pop, Chanson und vielem mehr. Mit aufrichtigem Gesang und warmen Klarinettenklängen kreiert Sophie gefühlvolle Ohrwurm-Melodien. Matijas virtuoses Gitarrenspiel sorgt für bereichernde Überraschungen. Darunter legt sich der weiche Groove von Phils Bass, den der Perkussionist Luis mit vielfältigen und subtilen Rhythmen abrundet. Im Mai 2025 hat Sophie Trost ihr Debütalbum „Into This World We Plunge“ herausgebracht. In dem titelgebenden Song geht es um die Geburt ihres dritten Kindes. Sophie Trosts Debütalbum wurde u.a. in den Sendungen „Hörbar – Musik grenzenlos“ von hr2-kultur sowie „Jazztime“ von NDR 1 Radio MV vorgestellt und ihre Musik läuft regelmäßig u.a. auf Deutschlandfunk Kultur, radio3 (rbb), SWR 2 und hr2-kultur.

 

Du bist Mutter dreier Kinder und weiter als Musikerin tätig. Warst Du mit Deinen Kindern bereits on tour? Wie ist es Euch ergangen?

Nein, ich war mit meinen Kindern bisher noch nicht auf Tour. Früher hatte ich meine Kinder öfters bei Konzerten dabei und als Babies sogar währenddessen in der Trage auf dem Rücken. Doch vor ein paar Jahren wollte meine Tochter während eines Konzerts unbedingt ab dem zweiten Lied auf meinem Schoß sitzen (nackt, da sie vorher im Planschbecken war). Schwanger mit meinem dritten Kind und Kugelbauch war das eine ganz schöne Herausforderung für mich. Seitdem spiele ich Konzerte lieber ohne meine Kinder, um mich voll und ganz auf die Musik konzentrieren zu können. Die Tatsache, dass ich Kinder habe, beeinflusst auf jeden Fall mein Booking-Verhalten und meist halte ich vor allem Ausschau nach Konzerten in unserer Umgebung, also in Berlin und Brandenburg. Denn während der Konzerte passt meistens der Opa oder unsere Nachbarin auf die Kinder auf. 

 

Haben sich Veranstaltende bereits darauf eingestellt, dass manche Musiker*innen mit Kindern anreisen?

Damit habe ich noch keine Erfahrungen.

 

Würdest Du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?

Musik ist nicht mein Haupt-/Brotjob. Ich genieße es, dass ich mich musikalisch entfalten kann und dabei nicht unter so großem finanziellen Druck stehe. Ich habe auch einen spannenden, inspirierenden „Brotjob“ im Marketing im Kulturbereich. Und ich bin sehr dankbar, dass sich das Musikmachen so gut mit der Kindererziehung vereinbaren lässt. Die Bandproben finden bei uns zu Hause statt und auch da sind unsere Kinder manchmal dabei.

 

In der Regel arbeiten Schwangere in den letzten Wochen vor der Geburt nicht mehr und gehen in den Mutterschutz. Viele Musikerinnen* können sich das gar nicht leisten oder fühlen sich so fit, dass sie weiter auf der Bühne stehen. Wie war das bei Dir?

Zum Glück bin ich nicht hauptberuflich Musikerin und bin Teilzeit im Marketing im Kulturbereich angestellt. Zwei Wochen vor der Geburt meiner Tochter habe ich noch ein Konzert gespielt, das ging sehr gut.

 

Ist der Beruf als selbstständige Musikerin manchmal auch ein Vorteil, wenn frau eine Familie gründen will?

Wenn der Partner/die Partner*in ein zuverlässiges, solides Einkommen und Verständnis fürs Musikerinnendasein hat…

 

Stichwort Kinderbetreuung: viele Kitas haben zu, wenn Musikerinnen* arbeiten, nämlich abends und am Wochenende. Wie hast Du das geregelt?

Dann passt der Opa oder unsere Nachbarin auf unsere Kinder auf. Wenn wir eine*n Babysitter*in bezahlen müssten, würde es sich bei den meist geringen Gagen finanziell nicht lohnen, Konzerte zu spielen.

 

Wo sind die kritischen Knackpunkte, wo es schwierig wird? Was braucht es, um den Spagat gut hinzukriegen? Was müsste sich verändern?

Kultur und Musik müssten mehr wertgeschätzt und besser bezahlt werden. Musiker*innen müssten auch staatlich finanziell unterstützt werden. Es muss einen Mindestlohn für die Gagen geben. Kultur (wie auch Kindererziehung) wird oft als etwas abgetan, das man nur aus Liebe tut. Aber auch Kulturschaffende und ebenso Menschen, die Kinder großziehen, müssen von etwas leben.

 

Was musstest Du an Deiner Lebens- und Arbeitsweise ändern, um alles unter einen Hut zu bekommen?

Ich hatte schon immer den Traum von einer Work-Life-Balance: Teilzeit in einem spannenden Bereich arbeiten, Kinder haben und Musik machen. Diese Vision ist bei mir Wirklichkeit geworden, dafür bin ich sehr dankbar. Das alles funktioniert aber vor allem deshalb so gut, weil der Vater meiner Kinder als Papa und im Haushalt sehr engagiert ist und als Perkussionist in meiner Band am selben Strang zieht. Meinen ältesten, inzwischen 17jährigen Sohn habe ich alleinerziehend mit 20 Jahren bekommen. Da war neben Kindererziehung und Studium wenig Zeit für anderes. Ich habe also den Vergleich. Wenn wir wollen, dass Frauen mehr in „männlich“ konnotierten Bereichen tätig sind, müssen gleichzeitig Männer mehr „weiblich“ konnotierte Bereiche übernehmen. Das wurde Jahrzehnte lang nicht ausreichend umgesetzt, weil „weiblich“ konnotierte Aufgabengebiete traditionell weniger wertgeschätzt werden. So wurde lange Care-Arbeit und Hausarbeit ja gar nicht als Arbeit angesehen (wird ja auch nicht entlohnt) und unsichtbar gemacht.

 

Wie sind Deine Pläne für die nahe Zukunft?

Ich möchte gern noch ein zweites Album herausbringen, mehr Konzerte auch außerhalb Berlins und u.a. auf Festivals spielen.

 

Gibt es Tipps & Tricks, die Du weitergeben möchtest?

Bleib an deinen Träumen dran. Gib nicht auf und arbeite kontinuierlich daran. Bleib dir treu, auch wenn dein persönliches Lebensmodell vielleicht gerade nicht dem Zeitgeist entspricht. Es lohnt sich! Deine Vision wird irgendwann Wirklichkeit!

 

Vielen Dank, liebe Sophie, für das Gespräch!

 

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Titelfoto: Camila Berrio, alle anderen Fotos: Luis Vargas

Jarita Freydank ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die mit ihrer Musik Brücken zwischen Kulturen, Zeiten und Ausdrucksformen schlägt. Ihre Arbeit ist vom Afrofuturismus inspiriert, einer Bewegung, die afrikanische Geschichte und kulturelle Identität in den Kontext einer optimistischen Zukunft stellt. In ihrer Musik vereint sie erdige Drums und elektronische Klänge – oft inspiriert von traditionellen afrikanischen Rhythmen – mit kraftvollen, mehrstimmigen Chören. Nach der Single „Vielleicht“, einer Kollaboration mit dem angolanischen Produzenten Camufingo, soll in Kürze der neue Song „UMOJA“ („Einheit“) erschienen. Damit möchte sie das von Rebecca Lolosoli gegründete Dorf Umoja in Kenia würdigen, das Frauen einen sicheren Ort ohne Genitalverstümmelung und Zwangsheirat bietet. Aktuell arbeitet sie an ihrer neuen EP „Drums, Voice & Curls“.

Nach ihrem Umzug nach Berlin arbeitete Jarita mit renommierten Künstler*innen wie Judith Holofernes, Peter Fox, Astrid North und Jaqee zusammen und etablierte sich als gefragte Musikerin, Arrangeurin und Komponistin im Theaterbereich. Ihre multidisziplinäre Herangehensweise zeigt sich in Projekten wie dem interaktiven Mitmachkonzert „Trommelversum“, das sie 2021 in Zusammenarbeit mit der Landesmusikakademie Berlin entwickelte. Neben der künstlerischen Tätigkeit gibt sie ihr Wissen in Workshops und Privatunterricht weiter und ist Jurymitglied des TJS (Treffen Junge Szene) der Berliner Festspiele. In ihrer YouTube-Serie JAMMIN’ WITH JARITA / BLURUUM SESSION bringt Jarita Musiker*innen unterschiedlichster Hintergründe zusammen, porträtiert sie in Kurzformaten und lädt sie ein, gemeinsam zu jammen. Dieses Projekt, unterstützt vom Musikfonds und dem Musicboard Berlin, steht exemplarisch für ihre Fähigkeit, musikalische Gemeinschaft zu fördern und kreative Synergien zu schaffen. 

 

Du bist Mutter eines Kindes und weiter als Musikerin tätig. Warst Du mit Deinem Kind bereits on tour? Wie ist es Euch ergangen?

Ja, ich habe eine Tochter, sie ist jetzt 1 Jahr und 8 Monate alt. Als sie 3 Monate alt war, habe ich wieder angefangen, im Theater an der Parkaue zu spielen. Mein Partner ist damals immer mitgekommen, hat in der Umkleide auf sie aufgepasst oder ist mit ihr spazieren gegangen – zu der Zeit hat sie ja auch noch viel geschlafen. Als sie etwa 6 Monate alt war, begann die Produktion eines neuen Stücks am GRIPS Theater, auch dort waren die beiden immer mit dabei. Es war für uns eine angenehme Situation, weil die Regisseurin Ellen Urhahn selbst Mutter ist und großes Verständnis für meine Situation hatte. Ich war in dieser Zeit also nicht richtig auf Tour, hatte aber das Glück, als Musikerin in einem Bereich arbeiten zu können, der mir diese Flexibilität ermöglicht.

Da ich in den Jahren zuvor viel unterwegs war, passt es für mich im Moment sehr gut, mehr im Studio und am Theater zu arbeiten. Mit der Volksbühne waren wir auch bei einem Gastspiel in Mülheim an der Ruhr. Um uns zu unterstützen, wurde mein Partner dort kurzerhand als Kinderbetreuung engagiert. Und wir haben ein Festival gespielt – auch das war sehr entspannt: Anreise mit dem Zug, schönes Hotel, und tagsüber auftreten. Ich bewerbe meine Musik außerdem immer als familienfreundlich, deshalb finden meine Auftritte grundsätzlich nicht am Abend statt.

 

Haben sich Veranstaltende bereits darauf eingestellt, dass manche Musiker*innen mit Kindern anreisen?

Ja, im Theater wurde darauf viel Rücksicht genommen. Auch beim Umsonst & Draußen Festival in Würzburg hat der Veranstalter gefragt, was wir brauchen, um uns wohlzufühlen. Ich habe von Anfang an immer klar gesagt, dass meine Familie dabei sein wird. Wenn das nicht willkommen gewesen wäre, hätte ich den Auftritt einfach nicht gemacht.

 

Würdest Du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?

Ich bin ganz langsam wieder eingestiegen und hatte zum Glück sehr gute Arbeitsumstände. Am Anfang war ich zum Beispiel nur für eine Stunde auf der Bühne und danach direkt wieder bei meiner Tochter. Klar, manchmal war das auch anstrengend, aber trotzdem sehe ich es als großes Privileg, als Musikerin arbeiten zu können.

 

In der Regel arbeiten Schwangere in den letzten Wochen vor der Geburt nicht mehr und gehen in den Mutterschutz. Viele Musikerinnen* können sich das gar nicht leisten oder fühlen sich so fit, dass sie weiter auf der Bühne stehen. Wie war das bei Dir?

Bis zum Mutterschutz hatte ich noch ein paar Theaterauftritte, und direkt danach ging es auch schon wieder weiter. Zum Glück habe ich mich die ganze Zeit ziemlich fit gefühlt und wäre auch gern weiter aufgetreten. Aber versicherungstechnisch ist es dem Theater gar nicht erlaubt, dass Schwangere während des Mutterschutzes auf der Bühne stehen. Im Nachhinein war es aber auch schön, einfach mal nichts machen zu „müssen“. Ich habe die Zeit genutzt, um viel im Studio zu sein, zu komponieren und mich in Sachen Musikproduktion weiterzubilden.

 

Konntest Du Deine Projekte so planen, dass Du beruhigt eine Auszeit nehmen konntest? Und wie hast Du das finanziell hinbekommen, Du bekommst ja wahrscheinlich kein Gehalt?

Ja! Wie gesagt, habe ich in dieser Zeit vor allem im Studio an meiner eigenen Musik sowie an Kompositionen für Theater- und Tanzproduktionen gearbeitet. Während der letzten Monate meiner Schwangerschaft habe ich meine Schüler komplett an eine Kollegin abgegeben, weil ich gespürt habe, dass ich eine Pause davon brauche. Meine Einnahmen kamen in dieser Zeit aus Shows, Produktionen und GEMA-Zahlungen. Außerdem haben wir in Deutschland das große Glück, finanzielle Unterstützung vom Staat zu erhalten – ich habe unter anderem Elterngeld und Mutterschaftsgeld bekommen. Dafür bin ich wirklich sehr dankbar!

 

Ist der Beruf als selbstständige Musikerin manchmal auch ein Vorteil, wenn frau eine Familie gründen will?

Eigentlich dachte ich immer, dass es kaum vereinbar ist, als Musikerin Mutter zu sein. Inzwischen denke ich ganz anders darüber. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, mit Musik seinen Lebensunterhalt zu verdienen – im Studio, durch Kompositionen, Workshops oder Online-Unterricht. Da ich neben dem Theater alle Projekte selbst anleite und meine Zeit frei gestalten kann, passt sich mein Berufsleben gut an die Bedürfnisse meiner Tochter an. Und ganz nebenbei bekommt sie ihre eigene musikalische Früherziehung – und trifft durch meinen Beruf viele spannende Menschen. 🙂

 


„Man muss nicht zwangsläufig auf der Bühne stehen, um Musikerin zu sein“.


 

Stichwort Kinderbetreuung: viele Kitas haben zu, wenn Musikerinnen* arbeiten, nämlich abends und am Wochenende. Wie hast Du das geregelt?

Meine Tochter ist noch nicht in der Kita. Wie schon gesagt, arbeite ich meistens tagsüber und kann sie oft einfach mitnehmen – sei es zu Workshops oder ins Studio. Sie war schon bei vielen Sessions dabei. Ich habe das große Glück, dass ihr Vater sich ebenfalls viel um sie kümmert. Wir arbeiten übrigens auch oft zusammen, da er sowohl fotografiert als auch musikalisch tätig ist. Außerdem hilft meine Schwester gerne mal aus, genauso wie die Patentante meiner Tochter oder eine gute Freundin.

 

Wo sind die kritischen Knackpunkte, wo es schwierig wird? Was braucht es, um den Spagat gut hinzukriegen? Was müsste sich verändern?

Ich finde es immer herausfordernd, wenn Dinge nicht flexibel gestaltet sind. Sobald ich mit meiner Tochter zu einem festen Termin pünktlich sein muss, bedeutet das für mich eine Menge Planung im Voraus. Für mich funktioniert es einfach besser, wenn Zeit – und auch die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite – flexibel bleiben.

 


„Außerdem bin ich der Meinung, dass Kinder viel öfter einfach mit dabei sein sollten. Das würde der Musikszene guttun, weil sich dann alle automatisch ein bisschen bewusster und respektvoller verhalten“.


 

Was musstest Du an Deiner Lebens- und Arbeitsweise ändern, um alles unter einen Hut zu bekommen?

Entspannter sein was die Karriere angeht und lernen, noch besser meine Bedürfnisse zu kommunizieren. Mir ist bewusst geworden, dass mein Wohlbefinden oberste Priorität hat, weil ich nur so die Power habe, mich gelassen und mit voller Aufmerksamkeit um meine Tochter zu kümmern.

 

Wie sind Deine Pläne für die nahe Zukunft?

In den letzten Jahren habe ich viele Songs geschrieben und produziert, die jetzt endlich fertiggestellt werden wollen. Aus meiner YouTube-Serie JAMMIN WITH JARITA entsteht gerade ein Album. Mein Mitmachkonzert für Kinder TROMMELVERSUM wächst und entwickelt sich immer weiter – nächstes Jahr möchte ich es noch öfter aufführen.

Zusammen mit meiner Freundin Doriane Mbenoun habe ich außerdem ein wunderbares Workshopkonzept zu Rhythmus, Stimme und Tanz entwickelt, mit dem wir bald viel unterwegs sein werden.

Und dann ist da noch mein Wunsch, eine Solo-EP aufzunehmen… Ideen habe ich jedenfalls mehr als genug!

 

Gibt es Tipps & Tricks, die Du weitergeben möchtest?

Natürlich sind Lebensrealitäten sehr unterschiedlich. Aber ich glaube, dass ehrliche Kommunikation – mit anderen und mit sich selbst – der Schlüssel ist. Für mich ist es wichtig, sich auch mal Ruhe zu erlauben, die Liebe des eigenen Kindes ganz bewusst zu genießen, offen für neue Wege zu bleiben und die kleinen Dinge im Leben wertzuschätzen. Und nicht zuletzt: sich immer wieder daran zu erinnern, welche Privilegien man hat.

Vielen Dank, liebe Jarita, für das Gespräch!

 

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Titelbild: Jim Kroft, Foto 1 + 2: Idris Kabotwa, Foto 3: Christian Mentzel, Foto 4: Akín Tarso Jr

Nicole Johänntgen hat Saxophon, Komposition und Arrangement in Mannheim an der staatlichen Hochschule für Musik und darstellenden Kunst studiert. Seit 2005 lebt sie mit ihrer Familie in der Schweiz. Nicole tourt weltweit und hat bereits mit Stars wie Daniel Powter (Bad day), Roger Cicero, Eric Harland, Aaron Parks, Nils Landgren, Cæcilie Norby und Piet Klocke gespielt. Derzeit ist sie vor allem mit ihren neuen Programmen „Labyrinth II“ und „Robin“ unterwegs. Für ihr künstlerisches Schaffen erhielt sie zahlreiche internationale und nationale Auszeichnungen. Sie hat 29 Alben veröffentlicht und ihr eigenes Label Selmabird Records gegründet, ist aber auch eine begeisterte Mentorin: alle zwei Jahre organisiert sie den Musikbusiness-Workshop SOFIA Support Of Female Improvising Artists in Zürich. Bei diesem Workshop geht es darum, Selbstmanagement und Networking unter Musikerinnen zu lernen. Ihr Ziel ist es, mehr Jazzmusikerinnen auf die Bühne zu bringen. Desweiteren leitet sie den „Kids Jazz Club“, der Kindern einen leichten Zugang zur Musik verschafft. Nicole ist Saxophon-Influencerin in den sozialen Medien und gibt tolle Tipps zu Saxophon-Spieltechniken, Improvisation und Equipment. 

Du bist inzwischen auch Mutter eines Kindes und weiter als Musikerin tätig. Warst Du mit Deinem Kind bereits on tour?
Ich bin Mama eines Kindergartenkindes und war noch nicht auf Tour mit meinem Nachwuchs. Meine Familie unterstützt mich sehr.

Wie ist es Euch ergangen?
Ich war mit zwei jungen Müttern und Kindern auf Tour im Alter zwischen 3 und 9 Monaten. Die Väter waren jeweils dabei. Sie sind selbst auch Musiker. Mit Kleinkindern auf Tournee zu sein ist absolut möglich. Wir konnten in dieser Zeit sehr viele Erfahrungen sammeln. Wir hatten große wie auch kleine Bühnen mit und ohne Backstage. Das war in mancher Hinsicht immer mal wieder herausfordernd bezüglich der Ruhe und Privatsphäre. Man braucht als stillende Mutter einen gemütlichen schallgedämmten Raum, der in der Nähe der Bühne ist. Es braucht Privatsphäre. Frisches und gutes Essen.

Haben sich Veranstaltende bereits darauf eingestellt, dass manche Musiker*innen mit Kindern anreisen?
Ja, es gibt Veranstaltende, die Babysitter anbieten.

Würdest Du es wieder machen oder lieber eine längere Auszeit in Kauf nehmen?
Ich würde es wieder machen. Meine Maximaltourzeit ist derzeit 3-4 Tage, mit Ausnahmen auch mehr.

In der Regel arbeiten Schwangere in den letzten Wochen vor der Geburt nicht mehr und gehen in den Mutterschutz. Viele Musikerinnen* können sich das gar nicht leisten oder fühlen sich so fit, dass sie weiter auf der Bühne stehen. Wie war das bei Dir?
Ich habe nach dem 6. Monat nur noch lokal Aufträge angenommen und ab der 15. Woche nach der Geburt wieder Konzerte gespielt.

Konntest Du Deine Projekte so planen, dass Du beruhigt eine Auszeit nehmen konntest?
In der Schweiz gibt es 14 Wochen „Mutterschaftsurlaub“ [einen Ländervergleich findet ihr am Ende des Artikels, Anm. der Red.]. Ich liebe Musik und mein Kind und drum wollte und will ich beides unter einen Hut bringen.

Und wie hast Du das finanziell hinbekommen, Du bekommst ja wahrscheinlich kein Gehalt?
Ich hatte dazumal 2 kleine Pensen an Musikschulen und habe dadurch Geld erhalten.

Ist der Beruf als selbstständige Musikerin manchmal auch ein Vorteil, wenn frau eine Familie gründen will?
Für mich hilft Musik, insbesondere die Improvisation, im Alltag flexibel zu bleiben. Ich verbringe viel Zeit mit meinem Kind, aber auch mit meiner Musik. Ich mag es sehr!

Stichwort Kinderbetreuung: viele Kitas haben zu, wenn Musikerinnen* arbeiten, nämlich abends und am Wochenende. Wie hast Du das geregelt?
Meine Familie und Freunde helfen mir sehr. Darüber bin ich sehr dankbar!

Wo sind die kritischen Knackpunkte, wo es schwierig wird?
Schwierig wird es, wenn plötzlich alle krank sind und man niemanden findet zum Hüten. Die Situation hatten wir noch nicht.

Was braucht es, um den Spagat gut hinzukriegen?
Man braucht auf jeden Fall Vertrauen, Geduld mit sich und den anderen und Gelassenheit, dass alles gut kommt.

Was müsste sich verändern?
Ich fände es schön, dass es noch mehr Vorbilder diesbezüglich geben wird. Mama Musikerin auf Tour.

Was musstest Du an Deiner Lebens- und Arbeitsweise ändern, um alles unter einen Hut zu bekommen?
Für mich ist der Schlaf sehr wichtig. Ich muss genug Schlaf bekommen, um ausgeglichen zu sein. Das heißt, ich kann nicht bis in alle Ewigkeit nach den Konzerten wach bleiben. Mir ist auch wichtig genug Ruhephasen zwischen den Konzertblöcken zu haben. Und on top gutes und frisches Essen.

Wie sind Deine Pläne für die nahe Zukunft?
Spielen, spielen, spielen! In jeder Hinsicht.

Gibt es Tipps & Tricks, die Du weitergeben möchtest?
Nicht stressen lassen von anderen. Wir wollen noch ganz lange Musik machen. Standhaft bleiben und immer wieder dran denken: wir machen Musik, weil wir Musik lieben.

Wir danken Dir, liebe Nicole, für das Gespräch!

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Titelbild: Daniel Bernet

Mutterschutz & Elternzeit im Länder-Vergleich

In der Schweiz ist der Mutterschutz durch das Bundesgesetz über den Mutterschaftsurlaub und die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG) geregelt. Die im Gesetz festgelegte Dauer des Mutterschaftsurlaub beträgt 14 Wochen, während der die Mutter 80% ihres Einkommens erhält. Der Mutterschaftsurlaub beginnt am Tag der Geburt, es gibt keine flexiblen Tage, die vor der Geburt genommen werden können. Zusätzlich können Arbeitnehmer*innen in der Schweiz unbezahlte Elternzeit in Anspruch nehmen, die Länge variiert jedoch je nach Arbeitgeber*in.

Im Vergleich dazu ist der Mutterschutz und Elternzeit in Deutschland durch das Mutterschutzgesetz (MuSchG) und das Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz (BEEG) festgelegt. In Deutschland fängt der Mutterschutz sechs Wochen vor der Geburt an. Mütter haben Anspruch auf 14 Wochen Mutterschutz, bei Mehrlings- und Frühgeburten verlängert sich die Dauer auf 18 Wochen. Während dieser Zeit erhalten sie eine Entschädigung in Höhe von 100% ihres Einkommens. Im Anschluss daran haben beide Elternteile das Recht auf Elternzeit, die bis zum dritten Lebensjahr des Kindes beantragt werden kann und während der sie Elterngeld in Höhe von 65-100% des Einkommens erhalten können. Quelle

Ein Anlass des Abends war es, das neue Hessen Ländernetzwerk von Music Women* Germany vorzustellen. Der Verband setzt sich seit 2019 für eine Musikkultur und -wirtschaft ein, die vielfältig, divers, digital und vernetzt gestaltet ist. Er bietet eine bundesweite Datenbank von 400 weiblich gelesenen Akteurinnen* der Musikbranche, vernetzt, unterstützt und berät kostenfrei bei der Karriereplanung und veranstaltet Tagungen, Workshops und Konzerte und betreibt viel Lobbyarbeit. Mittlerweile gibt es 16 Ländernetzwerke und seit 2023 auch eine Initiative, ein Hessen-Ländernetzwerk zu gründen. Sabrina Theisen-Steiz und Francesca Herget vom Wiesbadener Schlachthof brachten den Stein ins Rollen und bekamen die Zusage für eine Infrastukturförderung durch die Initiative Musik, um Strukturen für die Gruppe aufzubauen.

Talkrunde von li nach re: Lisa-Anna, AINIE, Jenne, Mane Stelzer (Moderation) (Foto: Tsvetelina Topalova)

Als Talkgäste von MusicHeWomen*Germany begrüßten wir die Musikerin, Produzentin und Songwriterin AINIE aus Frankfurt am Main. AINIE ist der Künstlerinnenname von Nadine Demetrio, seit 2023 ist sie Teil des Female* Producer Collectives und Mitgründerin von MusicHeWomen*Germany. Ebenfalls dabei war die Frankfurter DJ Jenne Schöning, die seit 2021 als Resident DJ und Bookerin im Frankfurter Künstler*innen-Kollektiv saasfee* aktiv ist und seit neuestem auch im Vorstand von MusicHeWomen*Germany ist. Eine weitere Perspektive kam von unserer dritten Talkgästin, der Multiinstrumentalistin, Musiklehrerin, Songwriterin und Chorleiterin Lisa-Anna von ELL. ELL ist ihr Krachpop-Duo mit dem Schlagzeuger Lennart, das beim Ladys&Ladies Label unter Vertrag ist und im Herbst das Debüt-Album veröffentlicht.

Wie kam es zu MusicHEwomen*?

Die Frankfurter DJ Jenne hatte das Fehlen eines Ländernetzwerks in Hessen schon länger verfolgt und wurde zufällig als DJ zur Gründungsveranstaltung des hessischen Ländernetzwerks in den Wiesbadener Schlachthof eingeladen. So lernte sie die Gründer-Crew kennen. „Hessen ist ziemlich hinterher deutschlandweit mit der Förderung von weiblich* gelesenen Personen. Es gibt in anderen Bundesländern schon viel, viel Weiteres, auch zum Thema Awareness. Auch wenn ich mir Frankfurts Clubszene angucke, es gibt da ein paar Pionier*innen, z.B. im FREUD Club gibt es schon von Anfang an ein Awareness-Team, aber in Berlin gibt es das sehr viel mehr. Da ist auf jeden Fall Nachholbedarf“, erzählt sie beim Talk.

Producerin AINIE ergänzt, dass sie beim Reeperbahnfestival auf die Wiesbadenerinnen getroffen ist und danach schon die ersten gemeinsamen Calls begannen. Nach den Zielen des Hessen-Netzwerks gefragt, sagte sie: „In Frankfurt gibt es für uns eine Menge zu tun. Wir haben ja noch nicht mal ein Popbüro oder irgendwas, was Künstlerinnen allgemein fördert. (…) Auf unserer Agenda steht natürlich, dass wir FLINTA* Personen, weiblich gelesene Personen oder auch Personen, die sich jenseits des binären Systems verorten, fördern, dass sie Veranstaltungen haben, wo die Leute networken können. Wir nehmen beratende Tätigkeiten ein, wir wollen auch selbst Veranstaltungen machen wie Songwriting-Workshops oder auch Artists auftreten lassen, dass man zusammenkommen kann, dass man eine Bühne hat, eine Plattform, wo man gesehen wird, aber auch sehen kann“. Zur Zeit ist das Netzwerk noch Frankfurt- und Wiesbaden-based, aber es ist geplant, in Hessen „überall unsere kleinen Zellen“ aufzubauen.

Role Models

Für sie sei das eine ganz neue Erfahrung gewesen, andere DJs auch als Role Models zu erleben, sagt Jenne. „Ich bin nie auf die Idee gekommen, selbst DJ zu werden, weil ich nie eine weiblich gelesene Person gesehen hab, die hinter dem DJ-Pult steht. Einer meiner größten Inspirationen war Helena Hauff, das ist eine ganz tolle DJ mittlerweile, superbekannt, aber die hat genau meinen Sound gespielt, und ich war so: ‚Oh mein Gott, das ist eine Göttin, das möchte ich auch!‘ Ich konnte mich so krass mit ihr identifizieren und danach dachte ich: ‚Ich kann das ja eigentlich!‘. Dann hab ich damit erst so richtig angefangen (…) und gemerkt, Repräsentation ist einfach sehr wichtig“.

Auch Lisa-Anna (ELL) hatte vor allem Sängerinnen als Vorbilder. „Ich fand es immer schwierig, ein Vorbild zu finden, die Instrumentalistin ist. Ich hatte am Anfang Struggles mit meiner Stimme, weil ich sie selber nicht so schön fand. Dann dachte ich immer ‚Scheiße, ich würd so gern in ’ner Band sein und gern auf der Bühne stehen, aber ich kann nicht Sängerin sein, und ich kann aber dann auch nichts Anderes sein, denn das Andere sind Männer!‘ (…) Erst mit 17 dachte ich ‚ich lern jetzt einfach Bass‘ (…) und hab dann die richtige Freundin getroffen, mit der ich das dann durchgezogen habe. Aber klar, als Sängerin war Avril Lavigne ein großes Vorbild für mich und Wallis Bird auch“.

Strukturen: Räume, Awareness & Gatekeeper*innen

Ainie ist Teil des Female* Producer Collectives, auf das sich in der letzten Runde 131 Musikerinnen* beworben hatten. „Weiblich gelesene Produzentinnen sind noch sehr unterrepräsentiert. Ziel ist es, dass man diese Leute aufbaut, wenn sie noch nicht so weit sind. Dass man sie coacht. Die Leute bekommen Workshops, sie bekommen die Möglichkeit, andere Leute zu produzieren, zu networken. Man kriegt wichtige Kontakte in die Industrie, zu Sony usw. Mir persönlich hat das sehr viel gebracht, ich war supergrün hinter den Ohren, und nach dem F*PC wusste ich einfach, wie das ‚Game‘ funktioniert“. Wer einmal drin ist, kommt über das Netzwerk an Jobangebote.

Wir sprechen über Übungsspaces für DJ, die es laut Jenne früher an der Uni gab und z.B. in der Raumstation in Rödelheim immer noch gibt. Spaces für FLINTA*, in denen frau* das Auflegen gut üben kann, ohne direkt vors Publikum zu gehen. Jennes Künstler*innenkollektiv saasfee* veranstaltet im Satellit direkt am Bürgergarten und open air die Tiny Bar, zu der DJs auflegen. Leider gibt es aber viele Lärmbeschwerden gerade, weswegen das Format ausgesetzt wurde.

Jenne merkt auf jeden Fall einen Wandel seit sie 2017 angefangen hat. Seit der Pandemie gäbe es viele weiblich gelesene Personen, die angefangen hätten aufzulegen, viele neue Partykollektive und es würde mehr bemängelt, wenn irgendwo ein all male LineUp ist. „Ich hab [als DJ in der Clubszene] schon viele dumme Sprüche eingesteckt. (…) Da müssen wir einfach gucken, dass wir uns besser vernetzen.“ Wenn mal eine Frau im LineUp sei, mache sie meist das Opening, auch die Artist Care oder das Personal an der Bar im Club seien oft FLINTA* Personen. Im Booking und bei den Clubbesitzer*innen seien es dagegen fast immer männlich gelesene Personen. „Deshalb müssen wir versuchen, dass diese wichtigeren Positionen von FLINTAS besetzt werden, weil dann gibt es einen ganz anderen Umgang damit“.

Jenne sagt zum Thema Awareness & safe spaces: „Es gibt ja jetzt den Begriff von ’nem safer space, weil einen safe space kann man nie generieren. Aber man kann versuchen, dass sich Menschen wohlfühlen. Das ist eine sehr wichtige Angelegenheit, aber sehr schwer umzusetzen, weil man ja gleichzeitig auch niemanden diskriminieren will. Zum Beispiel bei einer Selektion an der Tür fängts ja irgendwie schon an. Wenn man eine queere Party machen will, dann versucht man ein gewisses Publikum zu generieren, gleichzeitig möchte man aber auch niemanden diskriminieren. Man möchte nicht assumen, was die Person für eine Einstellung oder sexuelle Orientierung hat. (…) Aber Awareness fängt vor allem von innen an, es ist wichtig, patriarchale Strukturen zu durchbrechen bei den Clubbesitzern, dass man bei sich anfängt, bevor man fünf Leute beschäftigt, die kriegen fünf Euro die Stunde und sagen ‚wir machen jetzt Awareness‘ und haben eine Schärpe um, damit ist es halt nicht getan, sondern es fängt vor allen Dingen erstmal bei Team an“.

AINIE ergänzt: „Es ist zur Zeit ein Modebegriff und alle wollen sich die Plakette auf die Stirn kleben und sagen ‚wir machen Awareness und wir haben hier ein Team‘, aber da hängt halt superviel damit zusammen und es muss funktionieren mit der Türpolitik und dass die Leute eine Art Schulung durchlaufen haben. (…) Bei Music Women* Germany sind wir bei dem Thema so verhalten, weil wir uns darüber bewusst sind, dass man sich das erst wirklich auf die Fahnen schreiben kann, wenn man sich damit eine ganze Weile auseinander gesetzt und da auch Erfahrungen gesammelt hat. Wir wollen das sehr behutsam und mit Respekt angehen“.

Stichwort Gatekeeper*innen: Nach den Meilensteinen in ihrem Werdegang gefragt, erzählt Lisa-Anna von ELL, dass entscheidend gewesen sei, dass sie während der Pandemie bei Kurt Ebelhäuser aufnehmen konnten und dass sie Johanna Bauhus vom Ladies&Ladys Label kennengelernt hätten, die sie unter Vertrag nahm und seitdem sehr unterstützt hat. Durch sie hätten sie ihren jetzigen Produzenten kennengelernt, der sie an Das Lumpenpack vermittelt hätte, mit denen sie auf einer ausgedehnten Konzerttour waren. Dadurch haben sie ihren jetzigen Booker kennengelernt, der ihre Herbst-Tour bereits gebucht hat.

Lisa-Anna und Lennart kommen eigentlich aus Lindenfels in Hessen, haben sich aber Anfang diesen Jahres für Chemnitz als Wohnort entschieden, weil sie dort „Platz für uns als Band“ hatten und es dort bezahlbaren Wohnraum gibt. Dort gibt es außerdem ein Bandbüro, das über ein Gebäude verfügt, wo viele Proberäume sind, wo es ein Studio gibt und wo eine Videofirma sitzt; auch der Verein Music X, für den sie die Kinderband betreut, ist dort.

Wie ist die Situation in Frankfurt? Hier gibt es das Problem, dass die Proberäume in den Musikbunkern nicht optimal genutzt werden, weil viele ältere Mieter*innen – meist Männer – diese Räume schon sehr lang und oftmals allein nutzen. Auch wissen viele jüngere Musiker*innen gar nicht, dass wir in Frankfurt eigentlich jede Menge Proberäume haben (fragt gern hier mal nach freien Räumen).

Welche Nachwuchsförderungen braucht es?

Lisa-Anna hat selbst auch Musik in der Schule unterrichtet und betreut jetzt eine gemischte Kinderband in Chemnitz. Sie ist überzeugt, dass die Schule geeignet ist, Kinder für Musik zu begeistern, wenn man selber davon begeistert ist. „Wenn man dafür brennt, ist es sehr einfach, die Kinder dafür zu begeistern. Gerade in der Grundschule sind die noch sehr begeisterungsfähig. Wenn es dann einen Übergang gäbe, wo die Lehrkraft die Kinder, die Bock haben und auch dafür brennen, weitervermittelt an Lehrende, die das Instrument den Kindern beibringen könnte oder wo die Kinder noch tiefer einsteigen können oder wenn es dann wirklich Angebote gäbe, die an der Schule angegliedert sind, vielleicht im Nachmittagsprogramm, wo man die Kinder direkt weiterleiten kann, das wäre ein guter Anknüpfungspunkt“. Auch unsere Erfahrungen bei den Nachwuchsworkshops decken sich mit ihrer Einschätzung: es braucht niedrigschwellige Angebote in den Schulen, wo die Kinder schon sind, damit die Hürden, sich für einen Bandworkshop anzumelden, nicht so hoch sind und um auch die Kinder mitzunehmen, die sich keinen Musikunterricht leisten können.

Fem Night Foto: Tsvetelina Topalova

Fem Night Foto: Tsvetelina Topalova

Publikumsrunde: Was ist euch wichtig?

Bei der Publikumsrunde meldete sich die Musikerin und Schauspielerin Katharina Wittenbrink aus Offenbach zum Thema Nachwuchsförderung zu Wort. Sie erzählte vom Förderprojekt „Me2You“ des Frankfurter Kulturamts, bei denen Künstler*innen verschiedener Genres (gut bezahlt) mehrere Monate lang mit Jugendlichen im Alter von 13-16 Jahren arbeiten. Katharina macht mit ihnen Musik, schreibt mit ihnen Songs und bringt ihnen die Instrumente bei, die sie lernen wollen. „Da merke ich auch, dass es noch ein riesengroßer Unterschied ist zwischen Jungen und Mädchen, was sie sich selbst zutrauen, was für ein Instrument sie lernen wollen. Und zum anderen hab ich das Gefühl, da bräuchte es eine stärkere Förderung für junge Mädchen (…) Je gemischter Bandprojekte sind, desto mehr wird es geschlechtlich stereotypisch besetzt. Je mehr Mädchen unter sich sind… ich hab durch Zufall eine komplette Mädchengruppe (…) die haben auf alles Bock“. So ein Programm müsse man speziell für junge Mädchen auflegen.

 

Weitere gute Ideen fanden sich auf unserer Leinwand wie z.B. die Forderung nach mehr Druck auf paritätische Besetzung bei Veranstalter*innen oder Radiosender mit Zeitfenstern, in denen ausschließlich FLINTA* Musik läuft, dazu mehr Workshops, Events & Stammtisch für den Austausch unter Musikerinnen*.

 

Nach dem Talk betrat die Songwriterin und Musikproduzentin Annelie Schwarz aka AUFMISCHEN die Bühne, die seit letztem Jahr ebenfalls Teil des Female* Producer Collectives ist. Sie präsentierte ihren deutschsprachigen Elektro-Art-Pop mit Rap- und Techno- Einflüssen mit viel AUFMISCHEN-Energie und nahm das Publikum charmant-ehrlich mit zu den Hintergründen ihrer Songs.

 

Foto: V. Höfele

Foto: V. Höfle

Danach kam das Krach-Pop-Duo ELL, das laut Rockband-Duden zwar personell unterbesetzt ist, sich auf der Bühne aber multipliziert und nach ganzer Band klingt. In ihren deutschsprachigen Songs geht es viel um Empowerment, safer spaces und das Spielen mit Stereotypen, vor allem aber macht ihre Musik Spaß (und eine neue Fönfrisur)!

 

Auf der Elfer-Terrasse gab es danach bei sommerlichen Temperaturen noch Zeit zum netzwerken und neue Kontakte knüpfen. Wer nicht dabei sein konnte:

Infos & Kontakt MusicHEwomen* 

Fotos: Donna Diederichs

Wir bedanken uns bei: Frauenreferat Frankfurt, Kulturamt Frankfurt, MusicHeWomen*Germany, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien der Bundesrepublik Deutschland, Initiative Musik.

Nach einer gemeinsamen Begrüßung von Antje (Brotfabrik), Linda (Frauenreferat Frankfurt) und Mane (MELODIVA) ging es gleich mit dem ersten Talk in der gut gefüllten Brotfabrik los (Foto: Barbara Walzer). Auf dem Podium saßen die auftretenden Musikerinnen des Abends – Lena & Johanna von LUAH, Jamila von GG VYBE und BELQIS – sowie Mane von MELODIVA. Mit der Moderatorin Christina Mohr sprachen sie über ihre musikalischen Biografien, strukturelle Hürden und was es braucht, um Frauen* und Mädchen* beim Musikmachen und im Musikbusiness besser zu unterstützen (vor allem Räume und safe spaces!). Sascha Wild, der neue Referent für Popularmusik in Frankfurt und Vater einer kleinen Tochter, war ebenfalls Teil des Panels und vor allem da, um zuzuhören, wie er selbst sagte.

Danach präsentierte die Frankfurter Singer-/Songwriterin BELQIS mit Schlagzeuger Alex charmant-verträumten Indiepop auf Englisch und Deutsch. Die junge Musikerin arbeitet derzeit an einem Konzeptalbum, das sie mit Unterstützung der Initiative Musik verwirklicht (Foto: Barbara Walzer).

 

 

Der zweite Talk mit der Moderation Aisha Camara, Dr. Dorothee Linnemann (Historisches Museum), Be Shoo (Künstlerin, Choreografin, Kuratorin), Linda Kagerbauer (Referentin für Mädchen*politik und Kultur) und der Fotografin Katharina Dubno hob das Gespräch auf eine breitere Ebene, die alle Kultursparten miteinschloss. Auch hier wurde klar, dass es oftmals lange braucht, sich als Frau* durchzusetzen und einen Namen machen zu können. Berufliche Netzwerke von Frauen* seien dabei unverzichtbar, sind sich die Anwesenden einig.

 

Beim anschließenden Konzert standen LUAH aus Köln aufgrund der Corona-Erkrankung ihrer Gitarristin erstmalig nur zu zweit auf der Bühne. In ihrem Mix aus Jazz, Singer-/Songwriter, Pop, brasilianischer Musik und perfekt aufeinander abgestimmten zweistimmigen Gesängen ließ es sich wunderbar schwelgen.

 

 

Am späteren Abend übernahmen das female DJ-Kollektiv GG VYBE die Bühne und tanzwütige Gäste den Dancefloor. Ein grandioser Abschluss dieses bereichernden Abends!

Das Angebot der neuen Feministischen Bibliothek Ffm, von der in der Bar Bücher ausgeliehen werden konnten, wurde rege angenommen. In unserem Ideen-„Netz“ konnten wir im Laufe des Abends viele gute Ideen und Wünsche für ein lebenswerteres und gendergerechteres Frankfurt „einfangen“, von denen wir einige in die kommenden Workshops der Kulturentwicklungsplanung mitnehmen werden: Mehr Festivals für ALLE, mehr Cafés & Bars mit Livemusik, Livemusik in Innenhöfen, offene Bühnen & Auftrittsmöglichkeiten für alle (nicht nur für Profis), Vielfalt bei Line-Ups geförderter Konzertreihen & Festivals usw. Dazwischen wurden jede Menge neue Allianzen und gute Koop-Ideen geschmiedet. Fazit: die erste Fem*Night hat Mega-Spaß gemacht und wir hoffen, sie ist der Auftakt für ein jährliches Fest zum 8. März! Einen kleinen Videoclip findet ihr hier auf unserem Youtube-Kanal.

Die Corona-Pandemie hat dem letzten Jahr ihren Stempel aufgedrückt und viele strukturelle Probleme und Ungleichheiten offenbart. Umso wichtiger ist es jetzt, eine Vision und konkrete Politik für eine geschlechtergerechtere Gesellschaft zu fordern, in der Systemrelevanz die Anerkennung, Zeit und Entlohnung bekommt, die ihr gebührt. Pandemiebedingt musste der Internationale Frauen*tag am 8. März 2021 allerdings vor allem im Netz stattfinden. Hier ein paar Highlights:

Das FRAUENREFERAT FRANKFURT macht eine Story auf Instagram mit euren Beiträgen. Schickt bis zum 8. März euer Foto mit eurem Statement zum diesjährigen Frauen*tags-Motto „Am Internationalen Frauen*tag kämpfen wir für (…)“ direkt an den Instagram Kanal des Frauenreferates: @frauenreferat_frankfurt. Es lädt alle Frankfurter*innen, Feminist*innen und Einrichtungen der Frauen*-/ Mädchen*- arbeit ein, sich über den Hashtag #wirkämpfenfür solidarisch und aktiv zu beteiligen. Bei Nachfragen bitte per Mail oder unter Tel. 069-212-35319 melden.

Das Frauenbüro der Stadt Offenbach lädt vom 05.-15.03.2021 zu FRAUEN KUNST RAUM, einem feministischen Spaziergang an 5 Orte in Offenbach ein, die Arbeiten von Künstlerinnen* präsentieren.

Die KEYCHANGE Initiative – die unterrepräsentierte Musikerinnen* in der Musikindustrie empowern möchte – organisiert eine digitale Konferenz am 08.03. ab 15:15-18:30 Uhr. Interessierte können sich – falls sie noch keinen Zugang zur Digitalplattform haben – hier für 6,59€ ein Ticket holen.

Am 07.03.  präsentiert das Duo STEINWAY & DAUGHTER mit Marion Schwan (sax) & Amelie Protscher (p) in 7. Folge eigene Arrangements unbekannter Werke von Jazzmusikerinnen aus der Begine in Berlin ab 17 Uhr. Der Titel „Steinway & Daughter“ nach einer Komposition von Gabriele Hasler ist Programm.  Die Veranstaltung wird als Livestream via Youtube übertragen.

Vom 05.-11.03.2021 veranstalten KICK LA LUNA ein Video-Special zum Women’s Day: zum einen zeigen sie den Mitschnitt ihres Konzerts, das sie im Oktober 2020 in der Brotfabrik gegeben haben, zum anderen Video-Clips mit Rosemarie Heilig, Gaby Wenner und den 3 „Ur-Kicks“. Der Livestream kann vom 05.-11.03. hier abgerufen werden. 

Am 04.03. bietet der Pavillon Hannover den kostenfreien Livestream-Talk FEMINISTISCH AUS DER KRISE – SOLIDARISCH* RADIKAL* INTERSEKTIONAL in seiner Reihe PavillON Air. Ab 20:15 Uhr können Interessierte verfolgen, welche Proteste des Feministischen Rats Hannover am 8. März geplant sind, die mit ihnen verfolgten Ziele sowie Beteiligungsmöglichkeiten. Die Proteste am internationalen Frauentag bzw. feministischen Kampftag behandeln auch Fragen von Klimagerechtigkeit, Rassismus, sozialem Ausschluss oder Pandemie & Lockdown. Wie hängen diese Themen mit dem feministischen Kampftag zusammen? 

Ein Konzert-Screening zum Weltfrauen*tag sendet das Kammerensemble Konsonanz am 08.03. ab 19:30 Uhr mit den Kompositionen starker Frauen aus zwei Jahrhunderten: MEHR ALS KINDER, KÜCHE, KIRCHE!

Für den Equal Pay Day am 10.03. gibt es die bundesweite Kampagne GAME CHANGER – MACH DICH STARK FÜR EQUAL PAY, die dazu auffordert, endlich die Spielregeln zu ändern – für Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Interessierte können ihren eigenen Beitrag für Social Media erstellen. Die Vorlage zum Aufruf an „Ich bin Game Changer, weil …“ gibt es hier. Vorschläge können per Mail eingesendet werden.

Scala TV befasst sich am 15.03. ab 19 Uhr mit dem Thema FAIRTRADE STÄRKT FRAUENRECHTE: Ein Kauf der Produkte aus dem Fairen Handel stärkt die Frauenrechte im Globalen Süden. Auf Fairtrade-zertifizierten Blumenfarmen werden die Blumen nach klar definierten sozialen und ökologischen Standards gezüchtet. Interessierte können sich per Mail anmelden und bekommen den Teilnahme-Link zugeschickt.

Passend zum internationalen Frauentag haben Laura und Steffi in der Folge #40 den Podcast KULTURGUT des Kulturkaufhauses Dussmann übernommen. Die beiden sprachen mit Lana Wittig, der Geschäftsführerin von Edition F, über das Magazin, Feminismus im Allgemeinen und Vorbilder. Danach ging es mit Magdalena Ganter um Chansons und Nackt-sein unter der Dusche. Abgerundet wurde die Folge mit guter Musik und ein paar Empfehlungen, die es in sich haben.

Zu guter Letzt freut sich das Frauen*zentrum EWA e.V. in Berlin, das seit nunmehr 31 Jahren Frauen* einen Ort bietet, der empowert, Kultur und soziale Gemeinschaft fördert als auch beratend zur Seite steht, über Support. Das letzte Jahr ohne Veranstaltungen und nennenswerte Einnahmen war nicht einfach für den Verein. Spenden können an das Spendenkonto: Erster Weiblicher Aufbruch e.V. (Berliner Sparkasse), IBAN: DE31 1005 0000 0190 9226 56, BIC: BELADEBEXXX mit dem Betreff: Frauen*März eingezahlt werden.

Das Europe Jazz Network (EJN) setzt sich beim International Women’s Day ebenfalls für gleiche Bezahlung und für mehr Vielfalt in der Musikindustrie auf. Außerdem ist es sein Ziel, „to highlight the women who fuel the contemporary jazz scene with their creativity, artistic vision and leadership“. Dazu hat das Netzwerk Zeitschriften, Plattformen und Radiosender in ganz Europa dazu aufgerufen, gezielt Biträge von und über Frauen* zu veröffentlichen; das EJN wird diese Special Reports auf seinen Kanälen promoten. Unter #womentothefore können Beiträge gepostet werden, die vom 8. März an zwei Wochen lang in Artikeln, Interviews und digitalem Content Künstlerinnen* vorstellen.

Mit der Aktion „WOMEN IN MUSIC DAY“ setzte die ARD auch in diesem Jahr ein Zeichen für die Gleichbehandlung in der Musikbranche. Deshalb war am 8. März in vielen Radiosendern der Spot auf Musikerinnen gesetzt. In der ARD Audiothek sind noch einige Beiträge nachzuhören.

Auch die Zeitungen haben nachgefragt, unter anderem, wie Musikerinnen* die politische Lage beschreiben: In der Detroit Fee Press spricht Schlagzeugerin TERRI LYNE CARRINGTON darüber, dass sie sich als Frau immer ein wenig wie die Ausnahme im Musikgeschäft gefühlt habe, das es aber „eine Regel geben muss, wenn man die Ausnahme ist“. Deutschlandfunk Kultur interviewte die Schlagzeugerin EVA KLESSE über den Wandel in Bezug auf Frauen und insbesondere Instrumentalistinnen in der Jazzwelt. Die Komponistin MARIA SCHNEIDER spricht mit The Boston Globe über ihren Kampf für Künstler:innenrechte, für die sie sogar vor dem amerikanischen Kongress in einer Anhörung über das Recht am geistigen Eigentum und digitale Rechte aussagte. Andrian Kreye von der Süddeutschen Zeitung besuchte eine VIRTUELLE DISKUSSIONSRUNDE, bei der Angela Davis, Terri Lyne Carrington, Rhiannon Giddens und Nate Chinen über das Thema „jazz and race“ sprechen sowie über die Marginalisierung von Frauen und queeren Menschen in der Musik. Das Panel selbst ist auf der Website von SFJazz zu sehen. — Julia Brinkmann spricht mit der Saxophonistin GABRIELE MAURER über ihre Liebe zum Jazz, über den Alltagsrassismus, den sie als schwarze Deutsche erfährt, sowie über die Notwendigkeit, dass sich noch mehr Menschen in Deutschland mit dem Thema Rassismus im eigenen Land befassen.

Titelbild: Justina Honsel

Ampaire:e sind Teil des diesjährigen Peng-Festivals (Foto: Ernst Luk)

Den sieben Jazzmusikerinnen (Barbara Barth, Marie Daniels, Rosa Kremp, Maika Küster, Mara Minjoli, Johanna Schneider und Christina Schamei) des PENG Kollektivs liegt es besonders am Herzen, Frauen im Jazz zu fördern und zu zeigen, wie vielfältig und lebensnah der Jazz im Ruhrgebiet ist. So unterschiedlich wie die Mitglieder des PENG e.V., so bunt ist auch dieses Festival und seine Musik. Dieses Jahr wird das Anna-Lena Schnabel Quartett aus Hamburg live zu sehen sein. Das Quartett hat es sich zur Aufgabe gemacht, ungewöhnliche und vertraute Klänge verschmelzen zu lassen. Thea Soti Electrified Island aus Serbien hingegen überraschen die Zuhörer mit einer Mischung aus Performance und Improvisation, bei der ungewöhnliche Klangexperimente mit der Stimme gezeigt werden.  Ampair:E spielen improvisierte, elektronische Musik und Kusimanten aus der Ukraine begeistern mit einer extremen Präzision der Stimmführung von Sängerin Tamara Lukasheva. Caris Hermes ist ein Trio, welches bereits seit 11 Jahren zusammen musiziert, dies hat zur Folge, dass die Mitglieder perfekt aufeinander abgestimmt sind. Das Eva Klesse Quartett ist international renommiert und wurde bereits mit einem Echo ausgezeichnet. Über das Festival 2017 schrieb nrwjazz.net: „Den Damen gebührt mein Respekt. Dieses „Frauen“ -Jazzfestival bietet eine bunte Mischung unterschiedlicher Stilrichtungen des modernen Jazz mit lokalen Bandleaderinnen und überregionalen Größen.“ Wir haben mit einer der sieben Gründerinnen, Mara Minjoli, ein Interview geführt, in welchem sie unter anderem über die Chancenungleichheit zwischen Musikerinnen und Musikern spricht, aber auch ihre Wünschen über die Zukunft des Festivals äußert.

Wie kam Euch die Idee für ein reines Frauenmusikfestival?

Thea Soti Electrified Island werden live auf dem Peng-Festival zu sehen sein

Eigentlich war es Maikas Idee, ein Kollektiv zu gründen. Zunächst ging es erstmal darum, sich gegenseitig als Musikerinnen zu unterstützen, sich auszutauschen und Erfahrungen miteinander zu teilen. Im Gespräch wurde schnell klar, dass wir alle ähnliche Erfahrungen gesammelt hatten, gerade auch im Hinblick auf die Situation, sich als Frau in einer Männerdomäne durchzuschlagen. Dann kam die Idee, sich nicht nur gegenseitig zu unterstützen, sondern auch anderen Musikerinnen eine Plattform zu bieten. So entstand die Idee des Festivals.

War es von Anfang an klar, dass Ihr ein Jazzfestival gründen wollt, oder standen noch andere Genres zur Debatte?

Da wir alle Jazz studiert haben und uns auch hauptsächlich in diesem Genre bewegen, war klar, dass es ein Jazzfestival werden würde. Allerdings ist der Begriff so weit und läßt viel Raum für Vielfalt. Wir suchen Bands und Musikerinnen aus, die uns schlicht und ergreifend inspirieren.

Die Resonanz ist sehr positiv und die letzten Festivals waren ausverkauft; gab es auch Kritik oder hattet Ihr mit Vorurteilen zu kämpfen?

Kusimaten treten 2018 beim Peng-Festival auf

Hin und wieder tauchte durchaus die Frage auf „wofür braucht man ein FRAUEN Jazzfestival, sollte es nicht ausschließlich um die Musik gehen und nicht um das Geschlecht?“ Wir haben uns die Frage selbst gestellt. Und ja, es soll um die Musik gehen. Allerdings sind Frauen in dieser Szene noch immer einer starken Männerdomäne unterworfen. Es gelten eben nicht die gleichen Rechte und als Frau hat man mit Vorurteilen zu kämpfen. In vielen Situationen wird leider allzu deutlich, dass man als Musikerin nicht die selben Chancen hat wie als Musiker. Viele sind skeptisch, dass Frauen ebenso gute MusikerInnen sein können wie Männer. Das Aussehen spielt auch immer noch eine große Rolle. Viele Frauen werden nur über ihre Außenwirkung und ihre potentielle Attraktivität bewertet. Gerade im Zuge der Festival-Planung und Verwirklichung ist unsere Motivation gewachsen, dran zu bleiben und hartnäckig weiter zu machen. Es gab immer wieder Momente, in denen wir selbst feststellen mußten, dass unserer Entscheidung ein Frauen-Festival zu gründen eine gewisse politische Notwendigkeit birgt. Wir als Musikerinnen und Organisatorinnen, aber auch die Künstlerinnen die wir eingeladen haben, mussten mehrmals feststellen, dass Gender-Equality keine Selbstverständlichkeit ist.

Wie wichtig ist es Euch, die regionale Jazzszene zu unterstützen?

Das Eva Klesse Quartett tritt auf dem Peng-Festival auf (Foto: Arne Reimer)

Das ist uns ein großes Anliegen. Wir haben alle in Essen studiert und einige von uns leben auch immer noch im Ruhrgebiet. Es gibt ein sehr großes Potential von jungen MusikerInnen, die aber leider kaum lukrative Auftrittsmöglichkeiten im Pott haben. Wir möchten unseren KünstlerInnen eine schöne Auftrittsatmosphäre schaffen und sie durch eine angemessene Gage wertschätzen.

Hat sich die Kulturszene im Ruhrgebiet in den letzten Jahren verändert? Finden Jazzmusiker*innen hier gute Bedingungen vor?

Es hat sich in den letzten Jahren auf jeden Fall was getan. Es gibt einige, die sich in der Jazzszene engagieren. Das hat dafür gesorgt, dass die Szene etwas gewachsen ist und Studenten nach Abschluss ihres Studiums im Ruhrgebiet bleiben. Aber es kann noch viel mehr passieren. Es gibt viel Hochkultur und große Konzertsäle im Pott. Aber wirklich attraktiv wird eine Region erst durch ein Kulturangebot, das für jeden zugänglich ist. Die Auftrittsbedingungen sind leider meistens eher bescheiden. Deswegen versuchen wir durch die Unterstützung von Sponsoren, unseren KünstlerInnen eine angemessene Gage zu gewährleisten.

Würdet ihr Euch erhoffen, dass das Festival in den nächsten Jahren weiter wächst, oder ist es Euch wichtig, die eher familiäre Atmosphäre zu bewahren?

Auch im Line-Up: das Anna-Lena Schnabel Quartett

Wir freuen uns natürlich über steigende Besucherzahlen. Wir sind uns aber auch im Klaren darüber, dass der Charme unseres Festivals auch durch die familiäre Atmosphäre entstanden ist. Einen Ort zu finden, der mit dem Charme des Maschinenhauses mitzuhalten vermag, würde sich als sehr schwer erwiesen. Wahrscheinlich sogar unmöglich. Die Atmosphäre dort ist eine ganz besondere. Und auch das Team vor Ort ist respektvoll und „menschenorientiert“. Wir können mithilfe der Maschinenhaus-Mitarbeiter die KünstlerInnen aufgeschlossen willkommen heißen und sie in eine angenehme Atmosphäre aufnehmen. Wir wollen dem Maschinenhaus auf jeden Fall treu bleiben und zusammen mit den jeweiligen Organisatoren weitere Festival und Projekte planen.

Was wünscht Ihr Euch für die Geschlechterverhältnisse innerhalb der Musikszene, bzw. insbesondere der Jazzszene?

Caris Hermes ist Teil des diesjährigen Peng-Festivals

Noch ist es so, dass beispielsweise Instrumentalistinnen in der Minderheit im Jazz sind. Es wäre toll, wenn noch mehr junge Frauen ermutigt würden, den Weg als Musikerin zu beschreiten. Außerdem wünschen wir uns die gleichen Chancen, wenn es darum geht in bestimmten Clubs zu spielen, die gleichen Gehälter und den gleichen Respekt. Allerdings geht es vielen Frauen leider immer noch so, dass sie auf Grund ihres Geschlechts mit Vorurteilen zu kämpfen haben und noch immer nicht die gleichen Chancen wie Männer bekommen, ihre Musik zu präsentieren. Frauen sind in dieser Szene noch immer einer starken Männerdomäne unterworfen.

Die Festivaltickets kosten 25.-€/15.-€ erm. und Tagestickets 15.-€/10.-€ erm., hier sind sie erhältlich.

Veranstaltungsort: Maschinenhaus Essen, Wilhelm-Nieswandt-Allee 100, 45326 Essen

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