01.10. – 04.10.2026 F.I.M. Festival Improvisierter Musik, Frankfurt

Einmal im Jahr präsentiert das Forum Improvisierter Musik Musiker*innen der nationalen und internationalen Improvisationsszene an diversen Spielorten in Frankfurt. Neben den Konzerten gehören zum Festivalprogramm auch Tanz, Workshops und Filme. Ein besonderer Fokus liegt in diesem Jahr auf der Trompete: Die diesjährige Preisträgerin des Deutschen Jazzpreises Lina Allemano (Foto: Manuel Miethe) spielt solo in der Nikolaikirche und mit der Formation SOG in der Brotfabrik. Außerdem dabei sind die Akkordeonistin Tizia Zimmermann, Els Vandeweyer am Vibraphon, Saxophonistin Camila Nebbia, Cellistin Lucy Railton, Carme López am Dudelsack, Marta Warelis am Piano und die elektronische Musikerin Anushka Chkheizde. Infos

 

02.10. – 04.10.2026 PENG Festival, Essen

Initiiert von 4 Sängerinnen gründete sich das PENG Festival, um „FLINTA* Personen zu fördern, die noch immer, trotz der großen Fortschritte der Gleichberechtigung im Jazz, unterrepräsentiert sind.“ Dass ihr Konzept funktioniert, zeigt sich nicht zuletzt an der Auszeichnung zum Festival des Jahres 2025 vom Deutschen Jazzpreis. Während Freitag & Samstag tolle Künstler*innen auf der Bühne des Maschinenhauses stehen, gibt es am Sonntag traditionell ein Workshop- und Kinderprogramm. Der Workshop mit dem Thema „Muster von Machtmissbrauch in Kunst & Kultur erkennen“ wird von Sara Hassan geleitet. Das für Kinder kostenfreie Kinderkonzert wird von den beiden Bands Larifari und Collective One gestaltet. Mit Ruji, SVM3, Zola Mennenöh, Fabiana Striffler & Aki Takase (Foto), der Carla Köllner Big Band und So Sorry. Infos

 

02.10. – 07.11.2026 Enjoy Jazz, Heidelberg, Mannheim & Ludwigshafen

Zum 28. Mal findet das Festival in der Rhein-Neckar-Region statt, welches, getreu des Festivalnamens, die Freude am Jazz zum Motto hat. Hier geht es um den Musikgenuss statt Quantität, daher findet meist nur ein Konzert pro Abend und pro Stadt statt. Bei der Künstlerauswahl wird neben Stars der Szene stets auch ein Augenmerk auf Innovation und Experimentierfreude gelegt. Das (bereits ausverkaufte) Eröffnungskonzert spielt Souad Massi, weiter geht’s mit Emilia Roig, Carme López (Foto: Eva Pombo) und Camila Nebbia. Und auch das weitere Programm kann sich sehen lassen: Jlin, Savina Yannatou, Elena Pinderhughes, Loreen Sima feat. Jakob Bänsch, Lena Boßmann, Lakecia Benjamin, Julie Sassoon Quartet, Tania Giannouli & Nik Bärtsch, Delphine Joussein, Elina Duni & Rob Luft, Tomoki Sanders, Jamie Baum Quartet & Anke Helfrich Trio, Elshan Ghasimi & Joss Turnbull, Emma Rawicz, Lizz Wright, Olga Reznichenko, Melody Gardot undSamara Joy! Infos

 

03.10. – 04.10.2026 Kindermusikfestival, Bielefeld

Neben Konzerten nur für Schulen im Zeitraum vom 2.-9. Oktober, bietet das Kindermusikfestival in Bielefeld am 3. und 4.10. auch zwei öffentliche Shows an. Und da geht es ganz besonders zu, denn die gebuchten Acts spielen nicht nacheinander, sondern stehen als „Festival“ Band gemeinsam auf der Bühne: so entstehen besondere Bandversionen der Kinderhits aller beteiligten Bands! Auf das Publikum wartet ein abwechslungsreiches Programm mit viel Action. Mit dabei sind neben der veranstaltenden Band RANDALE, die Kinderliedermacherin Suli Puschban (Foto: Anja Mey), Nica Neulich, Eichhorn und der lila Hund und Mathi – der Kinderliedermacher. 3.10. Bielefeld | 4.10. Melle

 

09.10.2026 Internationaler Mädchen und MINTA*Tag 2026, Frankfurt

„Be who you want to be, not what others want to see“ – so lautet in diesem Jahr das Motto unter dem Mädchen, inter*, nicht-binäre, trans* und agender Jugendliche (MINTA*) gemeinsam auf die Straße gehen und sich für ihr Recht auf ein sicheres, selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt und Diskriminierung, für freie Meinungsäußerung und Mitbestimmung einsetzen. Gestartet wird um 13:00 Uhr am Roßmarkt mit einer Kundgebung, Bühnenprogramm mit Musik, Tanz und Reden, dann geht es weiter mit dem „Walk of G!rls and MINTA*“ zum Jugendhaus Heideplatz, wo tolle Workshops angeboten werden – u.a. Tonaufnahmen, Graffiti, Film und Tanz. Das Ganze endet mit einer gemeinsamen Party (Plakat: Talk of G!RLS and MINTA* in Zusammenarbeit mit Denisa Holzapfel). Infos

 

09.10.2026 Jazz in den Ministergärten, Berlin

Der Abend mit Musiker*innen aus 7 verschiedenen Bundesländern findet bereits zum 23. Mal vor der besonderen Kulisse der Ministergärten in Berlin statt. Aus Hessen präsentiert sich Julie Kuhl, aus Brandenburg Mieke Miami und aus Meck-Pom das Saxophon Quartett „Stadtwind“ mit Birgitta Flick, Linda Gerull und Juliana Kohl (Foto). Mit dabei ist auch Caro Trischler mit Trio, die Ende Oktober einen Songwriting Workshop bei uns gibt! Infos

 

09.10. – 07.11.2026 Göttinger Jazzfestival, Göttingen

Das Göttinger Jazzfestival kann nun schon auf stolze 48 Jahre Festivalgeschichte zurückblicken, was es zum ältesten Jazzfestival in Niedersachsen macht. Von klassischen Strömungen bis Avantgarde wird im bewusst offen und vielfältig gehaltenen Programm alles angeboten – auch Amateur- und Schüler-Gruppen sowie (semi-) professionell arbeitenden Lokalmusiker*innen wird eine Bühne geboten: z.B. tritt die 17-jährige Altsaxophonistin Eli Klemke mit ihrem Quartett auf (Foto). Mit im Programm sind auch: Simin Tander, CarlSong, das Marialy Pacheco Trio und das Emma Rawicz Sextet. Infos

 

10.10. – 11.10.2026 People Festival, Berlin

Das PEOPLE Festival besitzt ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Musikwelt, weil es das klassische Konzept eines Festivals komplett auf den Kopf stellt. Anstelle von festen Line-ups, Hit-Performances und kommerziellem Sponsoring basiert es zu 100 % auf kollaborativer künstlerischer Freiheit. Gegründet von Musikern wie Justin Vernon (Bon Iver), den Brüdern Aaron und Bryce Dessner (The National) sowie den Betreibern des Berliner Michelberger Hotels, findet das originale Musik-Event im historischen Funkhaus Berlin statt. Dem öffentlich zugänglichen Festivalwochenende geht eine Labor-Woche voraus, bei der sich 180 Künstler*innen aus aller Welt in wechselnden Besetzungen in Studios zusammensetzen und kreativ werden. Das Resultat dieser Woche, exklusive Kollaborationen und Kreationen, wird dann auf den Bühnen präsentiert – dabei treten große Namen ohne Hierarchie neben Newcomern auf, einen Timetable gibt es vorher nicht. Ein einmaliges Erlebnis im Zeichen des gemeinsamen Musizierens. Infos

 

13.10. – 17.10.2026 Deutsches Jazzfestival, Frankfurt

Das Deutsche Jazzfestival Frankfurt lädt zu fünf Tagen zeitgenössischem Jazz von internationalem Rang ein. Im hr-Sendesaal werden am 15.10. die Vibrafonistin Sasha Berliner (Foto) und Pianistin Myra Melford zu hören sein, außerdem die Flötistin Naïssam Jalal gemeinsam mit dem Septett Shake Stew. Weiter geht es bei der Clubnacht am 16.10. in der Romanfabrik mit Komponistin und Saxofonistin Sarah Chaksad mit ihrem Sextett, während u.a. Witch ‘n‘ Monk im Club Voltaire spielen. Zurück im hr-Sendesaal machen Saxofonistin Emma Rawicz und Sängerin Norma Winstone den Abschluss. Infos

 

21.10. – 25.10.2026 Multiphonics Festival, Köln

Das Festivalprogramm wird dieses Mal von zwei Ensembles aus unserem Netzwerk umrahmt: während das Multiphonics Festival regulär im Alten Pfandhaus stattfindet, wird der Eröffnungsabend mit dem Beyond The Roots LARGE ENSEMBLE in der Alten Feuerwache ausgerichtet. Den Abschluss macht das ensemble FisFüz mit dem Programm Mozart im Morgenland oder: Die Entführten aus dem Serail. Außerdem dabei sind das Sheen Trio (Foto: Liudmila Jeremies) bestehend aus Shabnam Parvaresh, Ula Martyn-Ellis & Philipp Buck und Pianistin Sylvie Courvoisier. Infos

 

28.10. – 28.11.2026 Jazztage, Dortmund

In Dortmund gehen die Jazztage bereits zum 33. Mal an den Start. Das vierwöchige Programm richtet seinen Fokus auf aktuellen Jazz in all seinen Facetten – von regionalen bis internationalen Acts ist alles dabei. Das Programm wird erst nach und nach veröffentlicht, bereits bestätigt sind Céline Rudolph & Florian Weber und das Kira Linn Tentet für den Eröffnungsabend. Ebenfalls auf der Bühne des domicils: das Patricia Brennan Septet, Julie Campiche (Foto: Dominique Schreckling), Filippa Gojo & Stephan Mattner, Fallen Crooner, das Marialy Pacheco Trio und Ingrid Laubrock’s Grammy Season. Infos

 

29.10. – 01.11.2026 Libanon Festival, Hamburg

Experimenteller Rock trifft auf arabische Poesie, der traditionelle Dabke-Tanz auf die größten Stimmen des Landes: Für ein Wochenende zeigt das Festival in der Elbphilharmonie die lebendige und vielseitige Kultur des Libanon, die auch während des Kriegs aufrecht bleibt. Die Band Sanam präsentiert einen Mix aus Balladen, experimentellen Krautrock-Einflüsse und arabischer Poesie, Farah Kaddour (Foto) spielt die Langhalslaute Buzuq, Rayess Bek & Joan Baz liefern eine audiovisuelle Performance orientalischer Dabke-Musik, mit Sängerin Abeer Nehme präsentiert sich eine der bedeutendsten Künstlerinnen des Libanon und Singer-Songwriterin Tania Saleh, prägende Stimme der arabischen Indie-Szene, beschließt mit ihrer Band dieses spannende Programm. Infos

Maryam Akhondy wurde in Teheran geboren und lebt seit 1986 in Köln. Seit der Grundschule hat sie vor allem klassische Musik gesungen, war bei Schulfesten als Sängerin dabei. Nach dem Abitur studierte sie Theaterwissenschaften und Gesang in Teheran. Kurz bevor sie nach ihrem Abschluss ihre künstlerische Karriere starten wollte, begann die Islamische Revolution. Um öffentlich auftreten und ihren Beruf ausüben zu können, blieb ihr nichts anderes übrig, als 1986 nach Köln zu fliehen. Dort begann sie mit iranischen Musikerkollegen zusammen zu arbeiten; die wohl bekannteste war die Weltmusikband Shäl Sick Brass Band, mit der sie zwei mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnete Alben aufnahm.

Dass Akhondy ihre Heimat verließ, hat ihr zu großer künstlerischer Freiheit verholfen, die sie in Ensembles wie der Band Paaz nutzt oder dem Chor Banu, der wahrscheinlich einzigen iranischen Frauen-A Capella Gruppe weltweit. Bis zu 25 Sängerinnen zwischen 25-65 Jahren kommen donnerstags zur Probe, aber bei Konzerten stehen meist nur 7 von ihnen auf der Bühne. Eine Unmöglichkeit in ihrer Heimat, denn Frauen ist dort das öffentliche Musizieren und Singen nur ganz eingeschränkt möglich: vor weiblichem Publikum dürfen sie solistisch öffentlich auftreten, vor gemischtem Publikum aber nur, wenn ihr Gesang von männlichen Gesangsstimmen überdeckt wird. Wie sie die Islamische Revolution und den Umzug nach Deutschland erlebt hat und was ihren Chor so besonders macht, erzählt sie uns in folgendem Interview.

Du bist in Teheran geboren, hast Deine Kindheit und Jugend dort verbracht und Theaterwissenschaften und Gesang studiert. Dann kam die Islamische Revolution und mit ihr wurden die Frauenrechte massiv eingeschränkt. Wie hast Du diese Zeit erlebt?

Anfangs glaubten wir nicht, dass die damals neu verordneten Regeln und Verbote – die Musik und den Frauengesang betreffend – von Dauer sein würden. Erst als die ersten Musik- und Kunstschulen schließen mussten, wurde uns das ganze Maß der Veränderungen und die Schwierigkeiten, in denen wir nun steckten, bewusst. Natürlich haben wir Studentinnen und Studenten zusammen mit unseren Lehrern versucht, die Verbote zu umgehen, z.B. damit, dass der Unterricht nicht mehr in der Schule, sondern im Haus des Ostads stattfand (persisch für „Meister“). Auf einen gewissen öffentlichen Druck hin durften die Musikschulen dann nach einiger Zeit wieder öffnen. Allerdings wurden die bisherigen Klassen geteilt und Männer und Frauen getrennt unterrichtet – von einer Lehrkraft des gleichen Geschlechts. In der Öffentlichkeit zu singen, wurde Mädchen und Frauen gänzlich verboten. Das galt natürlich erst recht für die Bühnen- und Radioauftritte professioneller Sängerinnen.

Welche Auswirkungen hatte die islamische Revolution 1979 auf Dich und Deine Musik? Wie haben sich Dein Leben und Dein Alltag verändert?

Das Gesangsverbot für Frauen habe ich ja schon erwähnt. Es betraf auch mich, weil ich zu der Zeit meine ersten kleinen Auftritte im Radio hatte. Die Veränderungen im Land wirkten sich natürlich auch auf den privaten Bereich und das Berufsleben aus. Ein Beispiel: Neben meiner Gesangsausbildung arbeitete ich als Lehrerin in einer Grundschule. Anfangs trug ich, wie alle jungen Leute, während des Unterrichts Blue Jeans und eine Bluse. Nach der Revolution war daran natürlich nicht mehr zu denken. Eine lange, mantelähnliche Jacke und das Tragen eines Kopftuchs wurden zur Pflicht – in der Schule ebenso wie im Alltag außerhalb der eigenen vier Wände.

In der Folge durften Sängerinnen nicht mehr öffentlich auftreten. War das für Dich der Hauptgrund, dass Du 1986 nach Köln gezogen bist?

Ja. Darüber hinaus hatte ich ja Theaterwissenschaften studiert. Auch in diesem Bereich galten nach der Revolution ähnliche neue Regeln und Verbote wie in der Musik. Da traf es sich gut, dass ich in dieser Zeit zu einem asiatischen Musikfestival nach Stuttgart eingeladen wurde – als Gastsängerin einer iranischen Band aus Köln. In Deutschland traf ich meinen damaligen Mann wieder, der schon vorher aus dem Iran fliehen musste, weil er politisch verfolgt wurde. Also blieb auch ich und versuchte einen künstlerischen Neustart – ohne zu wissen, ob mir der mit meiner Musik in diesem für mich fremden Land gelingen würde.

Wie ging es Dir in Köln zu Beginn? Musstest Du ganz neu anfangen? Ist es Dir leichtgefallen, Kontakt in der Musikszene zu knüpfen?

Nein, das ist es nicht. Es war ein in jeder Hinsicht schwieriger Neuanfang für mich: in einer mir unbekannten Kultur mit einer völlig anderen Sprache und einem damals erst sechs Monate alten Kind! Der Weg in die Kölner Musikszene führte erst einmal nur in den Kreis der in Köln lebenden exiliranischen Musiker. Mit einigen von ihnen tourte ich bald durch Deutschland und Skandinavien. Später gründete ich meine eigene klassisch-iranische Musikgruppe, das Ensemble Barbad, und schrieb das Musiktheaterstück „Andaruni“, das ich wohl ein Dutzend Mal vor Exiliranern in Deutschland, Dänemark, Holland und Österreich aufführte.

Kontakt zu nicht-iranischen Musikern fand ich erst Anfang der 1990er-Jahre, als ich die Schäl Sick Brass Band und deren gänzlich andere Musik kennenlernte. Seitdem habe ich mit zahlreichen Kölner Musikerinnen und Musikern aus unterschiedlichsten Genres zusammengearbeitet. Auch deshalb empfinde ich mich heute als Teil dieser Szene.

Wann kam Dir die Idee, den Frauen-Chor Banu zu gründen? Was hat Dich daran gereizt?

Das war kurz vor dem Jahr 2000. Da bekam ich Lust, mehr über die Volksmusik meiner iranischen Heimat zu erfahren. Weil ich ja aus der traditionellen persischen Kunstmusik komme, die man vom Anspruch her vielleicht mit der klassischen europäischen Musik vergleichen könnte, wusste ich gar nicht soviel über die Volksmusik Irans. Mit einigen meiner in Köln lebenden iranischen Gesangsschülerinnen gründete ich deshalb einen kleinen Chor, der vorerst nur aus sieben Frauen und mir bestand. Reizvoll war daran auch, dass wir keine zusätzlichen Musiker brauchten – Klanghölzer und Rahmentrommeln reichten völlig aus, um unseren Gesang selbst zu begleiten.

Wie waren die Reaktionen von iranischen Musikkollegen und dem Publikum? Wurdest Du sofort akzeptiert?

Die Reaktionen waren erst einmal, wie man hier in Deutschland sagt, „sehr durchwachsen.“ Das lag zum einen daran, dass mich viele iranische Kollegen bis dahin nur als Interpretin im Genre der bereits erwähnten ernsten persischen Kunstmusik kannten. Neben dieser akademischen Musik wirkt die iranische Volksmusik sehr viel ursprünglicher, lebensfroher und manchmal sogar recht derb.

Dass ich mich, als professionelle Sängerin, gemeinsam mit meinen Schülerinnen auf die Bühne wagte, obwohl deren Stimmen unfertig klangen, sorgte ebenfalls für Unverständnis. Dabei war genau das die Absicht: Die Exiliranerinnen sollten so klingen, wie es die einfachen Frauen im Iran taten, wenn sie bei der Feldarbeit, beim Teppichknüpfen oder bei privaten Feiern gemeinsam sangen. Interessanterweise war es ein deutscher Veranstalter, Peter Schneckmann in Frankfurt, der uns erstmals für einen Auftritt buchte. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Woher nimmst Du das Repertoire? Sind es auch Lieder, die Ihr selbst geschrieben habt oder eher Volkslieder?

Viele der Lieder sind mir als Iranerin bereits bekannt. Von anderen habe ich erfahren, als ich mich intensiver mit der Gesangskultur einzelner im Iran lebenden Bevölkerungsgruppen beschäftigte. Was man hier vielleicht nicht weiß: Iran ist ein Vielvölkerstaat, dessen Provinzen im Westen an Irak und die Türkei, im Norden an Aserbaidschan und Turkmenistan, im Osten an Afghanistan und Pakistan und im Süden an die arabischen Golfstaaten grenzen. Alle diese Länder haben eigene Musikkulturen, die natürlich auch auf die benachbarten Regionen im Iran ausstrahlen.

Teile dieser Musik bilden den Kern unseres Repertoires. Allerdings bearbeite ich manche Lieder so, dass ich sie mit meinen Frauen auch mehrstimmig singen kann – was in der ursprünglichen Version in der Regel nicht der Fall ist. Einmal haben wir auch ein Gedicht des bekannten iranischen Lyrikers Ahmad Shamlou vertont und dabei seinen modernen Text mit traditioneller Musik verknüpft. Und für ein von der Akademie der Künste der Welt in Köln gefördertes Projekt sangen wir von mir ausgewählte alte Frauengesänge aus dem Rheinland – zur Hälfte auf Kölsch und zur Hälfte auf Persisch!

Worum geht es in Euren Liedern?

Einiges habe ich ja schon erwähnt. Um es noch einmal zusammenzufassen: Es geht um die ursprüngliche Musik einfacher Menschen, wie sie – vor allem auf dem Land und in kleinen Dörfern – über Generationen weitergegeben wurde. Diese Musik ist ein selbstverständlicher Teil ihres Alltags und beinhaltet keinen Kunstanspruch. Deshalb klingt sie so authentisch und ehrlich. Weil Frauen offensichtlich mehr Anlässe finden, um zu singen, besteht ein großer Teil unseres Repertoires aus von Frauen gesungenen Liedern. Ein Beispiel ist das einer Nomadin, deren Gesang dem Rhythmus folgt, in dem sie den Ziegenledersack bewegt, in dem Milch zu Butter wird. Ein anderes Lied ist das von Wäscherinnen am Fluß, die ihre Metallschüsseln umdrehen und so zu Trommeln machen. Im von den Frauen weitgehend improvisierten Text kann fast alles vorkommen: Spötteleien über die jungen Männer des Dorfes, Scherze über Schwiegermütter oder gegenseitiges Sich-auf-den-Arm-nehmen.

Mit Deiner Band Paaz kombinierst Du iranische Chansons und Popsongs mit Jazz. Was reizt Dich daran?

Es ist das Eintauchen in ein weiteres mit dem Iran verbundenes Genre und noch einmal etwas wesentlich Anderes als der Schritt, den ich seinerzeit von der klassischen persischen Kunstmusik meines Ensembles Barbad hin zu den mit meinem Frauenchor Banu gesungenen Volksliedern machte. Natürlich geht es auch um schöne Erinnerungen an meine Jugend. Die meisten der Paaz-Stücke entstanden ja in den 1950er bis 1970er Jahren, in denen sich viele iranische Komponisten von populärer europäischer Musik inspirieren ließen.

Dank der wunderbaren Musiker, die ich in Köln für dieses Projekt fand, klingen die meisten der von mir ausgewählten Stücke aber nicht wie bloße Coverversionen, sondern eher wie Neuinterpretationen. Und weil die Instrumentalisten sowohl aus der Klassik als auch aus dem Jazz kommen, fließen auch diese Klangfarben in unsere Musik ein.

In Presseberichten und Radiosendungen über Paaz wurde oft hervorgehoben, dass die Musiker nicht nur aus Deutschland, Weißrussland oder Chile kämen, sondern auch aus Israel und dem Iran. Das ist aber Zufall und sagt mehr über die Vielfalt der Kölner Musikszene aus als über unsere Arbeit. Mich beschäftigt das jedenfalls weniger als die Tatsache, dass alle Paaz-Kollegen vom Alter her meine Söhne sein könnten. Mit solch jungen, aber bereits sehr erfahrenen Künstlern ein gemeinsames Gefühl für Musik entwickeln zu können, die ich sowohl mit schönen, als auch wehmütigen Erinnerungen an mein früheres Leben im Iran verbinde, ist wirklich ein Geschenk.    

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise für Dich beruflich? Dein Chor kann wahrscheinlich auch nicht proben?

Den letzten Auftritt mit Paaz hatte ich im September 2020 in Mainz bei einer interkulturellen Veranstaltung. Obwohl der unter Corona-Bedingungen stattfand, fühlte es sich an wie ein Neustart – was sich als Irrtum erwies. 2020 wird mir wohl als mein „Online-Jahr“ in Erinnerung bleiben. Egal, ob Einzelunterricht oder Workshops für Gruppen: Nichts ging mehr im direkten persönlichen Kontakt. Meinen Probe- und Unterrichtsraum im Pfarrsaal einer Kölner Kirchengemeinde habe ich zuletzt im vergangenen Februar mit meinem ganzen Chor nutzen dürfen, dann nur noch in kleinen Gruppen mit ausreichendem Abstand und ab dem Frühjahr gar nicht mehr. Mehr als das hat aber geschmerzt, dass unsere ursprünglich mit Banu im Sommer 2020 geplante USA-Reise nicht stattfinden konnte. Auf unseren Auftritt bei einem großen Chorfestival in Washington DC hatten wir uns schon sehr gefreut – vor allem, weil wir dort eigentlich das 20-jähriges Bestehen unseres Chors feiern wollten!

Welche Unterstützung in dieser besonderen Situation würdest Du Dir wünschen?

Ich sag erst einmal, was mich gestört hat: Dass man die Probleme der Künstlerinnen und Künstler anfangs scheinbar nicht gesehen und ernstgenommen hat! Manche Informationen zu den Corona-Hilfen fand ich auch sehr widersprüchlich. Mein größtes Problem hatte allerdings weniger mit finanzieller Not oder mit abgesagten Konzerten zu tun, sondern damit, dass mir im Sommer der Mietvertrag meines Proberaums gekündigt wurde. Ich habe vier Monate suchen müssen, um einen vergleichbar großen Saal zu finden. Nutzen können werde ich den natürlich erst dann, wenn es die Corona-Situation wieder zulässt.

Reist Du nach wie vor in den Iran? Hast Du Kontakt zu Musiker*innen dort? Wie geht es ihnen aktuell dort?

Wenn es möglich ist, reise ich einmal im Jahr in den Iran, treffe mich dort mit alten Kolleginnen und Kollegen oder bummele in Teheran durch den Stadtteil Baharestan, in dem es besonders viele Instrumentenbauer und Musikgeschäfte gibt. Eigentlich hätte ich in diesem Jahr erstmals eine Studienreise zu den Musikkulturen Irans begleiten sollen. Dabei wäre es möglich gewesen, weitere Kontakte zu Musikern in fast allen Landesteilen zu knüpfen. Das ging natürlich wegen Corona nicht. Meine letzte Begegnung mit im Iran lebenden Musikern hatte ich deshalb beim Rudolstadt Festival 2019, bei dem Iran der Länderschwerpunkt war und zu dem auch ich mit Banu eingeladen war. An den Kolleginnen und Kollegen im Iran bewundere ich sehr, mit welcher Ausdauer und Energie sie es schaffen, sich immer wieder neu auf sich häufig verändernde Regeln einzustellen und ihre künstlerische Arbeit fortzuführen.

Was sind Deine Wünsche für 2021?

Wie alle anderen wünsche ich mir natürlich, dass es irgendwann mit dieser Corona-Pandemie zu Ende geht und wir wieder ein halbwegs normales Leben führen können. Für die Menschen im Iran wünsche ich mir bessere und menschenwürdigere Lebensbedingungen – losgelöst von allen Problemen, die durch Corona zusätzlich zu den schon so lange bestehenden hinzugekommen sind. Iran ist nämlich ein großartiges Land mit einer viele Jahrtausende alten Kultur und besonders gastfreundlichen Menschen. Ich wünsche mir sehr, dass viele Reisende aus dem Ausland beides in Zukunft wieder häufiger erleben und genießen können.

Infos: http://www.maryamakhondy.com, https://persischsingen.wordpress.com/singen-im-chor/

(Fotos: Bernd G. Schmitz)