Marianne Faithfull

“Negative Capability“

Schon bei den ersten Takten bekomme ich Gänsehaut – was für eine Stimme! “As Tears Go By”, “The Ballad Of Lucy Jordan” oder “Sister Morphine” – das sind die Songs der britischen Musikerin mit der unvergleichlichen, tief-rauen Stimme, die mich schon immer fasziniert hat, doch erst ihr 21. Album geht mir eindrucksvoll unter die Haut. Es könnte daran liegen, dass Marianne Faithfull es als ihr ehrlichstes Album bezeichnet. Wirft man einen Blick auf ihr bewegtes Leben, ist es eigentlich ein Wunder, dass sie im hohen Alter noch eine Platte aufnehmen konnte. Mit 17 wurde sie „entdeckt“ und durchlebte eine Karriere voller Schattenseiten (u.a. an der Seite von Mick Jagger). Sie wurde früh (alleinerziehende) Mutter, war aufgrund ihres Lebenswandels zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt, wurde trotz Fehlgeburt, Drogensucht, Obdachlosigkeit, Selbstmordversuch und Krebs so alt wie sie heute ist: 71 Jahre. Während all dieser Tragödien feilte sie an ihrer Musik, veröffentlichte Platten und schauspielerte. Seit vielen Jahren lebt sie nun in Paris und umgibt sich nur noch mit engsten Vertrauten. Die Liebe sei das wirklich Wichtige im Leben, sagt sie rückblickend in einem Interview. Lauscht man ihrem neuen Album, so meint man, eine tiefe, würdevolle Traurigkeit, aber auch reife Gelassenheit zu hören. Das Album enthält 11 Songs, die sie teils mit Songwritern wie Nick Cave und Ed Harcourt geschrieben hat, aber auch Klassiker wie Bob Dylans „It’s All Over Now, Baby Blue“ sind dabei. In „Born To Live“ wünscht sie sich einen schönen Tod, „They Come At Night“ thematisiert den Terroranschlag im Pariser Bataclan, „Don’t Go“ den Verlust eines Freundes. „The Gypsy Faerie Queen“ ist ein großartiges Duett mit Nick Cave.

CD, 2018, 10 Tracks, Label: BMG Rights Management

Mane Stelzer

24.11.2018