Wer sich früh informiert, kann unangenehme Überraschungen vermeiden

Backstage Mom #15: Jutta Frimmel

Bei der Familiengründung soll es um Liebe und Glück gehen – wer möchte da ans Geld denken? Gerade Selbstständige sollten das aber schon im Vorfeld im Blick haben. Im Laufe unserer Reihe „Backstage Mom“ ist klar geworden, dass bei ihnen die finanziellen Aspekte der Elternschaft komplexer sind als bei Angestellten und dass sie von der individuellen Situation abhängen. Deshalb haben wir eine Expertin gebeten, Licht ins Dunkel zu bringen. Jutta Frimmel bietet mit ihrer Agentur Workshops und ausführliche Beratung zu allen aufkommenden Fragen bezüglich Elternzeit, Mutterschafts- und Elterngeld an. Demnächst startet ein Workshop speziell für Musiker*innen.

Jutta Frimmel ist Betriebswirtin mit einer Leidenschaft für Zahlen, Strategien und die richtige Balance – beruflich wie privat. Nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre hat sie Unternehmen in Beratung, Konzernstrukturen und im Mittelstand begleitet. Dabei wurde ihr klar, wie wichtig klare Strategien sind – und gleichzeitig Flexibilität im Umgang mit Veränderung.

Heute ist sie selbstständig in der betriebswirtschaftlichen Beratung, Buchhaltung und Elterngeldberatung tätig. Als Mutter verbindet sie strukturiertes Denken mit einem guten Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten. Ihr Fokus liegt auf praxisnahen Lösungen und der verständlichen Aufbereitung komplexer Themen. 

 

Du betreibst seit 2018 die Unternehmensberatung JF Beratung mit Fokus auf Selbstständige und Künstler*innen. Neben betriebswirtschaftlicher Beratung und Buchhaltung steht auch die Beratung zur Familiengründung für Künstler*innen im Fokus. Wie kam es dazu?

Ich habe immer wieder erlebt, dass gerade Selbstständige und freischaffende Künstler*innen bei Themen wie Mutterschutz, Elterngeld oder Elternzeit mit komplexen Regelungen konfrontiert sind. Daraus ist bei mir der Wunsch entstanden, verständliche Informationen und praxisnahe Unterstützung anzubieten.

 

Du bietest Beratung bei allen aufkommenden Fragen rund um Mutterschafts- und Elterngeld sowie dessen Beantragung an. Darüber hinaus bietest Du regelmäßig Workshops für Selbstständige und Künstler*innen an, aktuell unter anderem in Kooperation mit PRO MUSIK. Wo besteht aus Deiner Sicht der größte Aufklärungsbedarf und welche Fragen werden Dir am häufigsten gestellt?
 
Besonders viele Fragen kommen von Selbstständigen mit schwankenden Einkommen oder mehreren Einkommensquellen. Oft geht es darum, ob überhaupt ein Anspruch besteht und wie Mutterschafts- oder Elterngeld berechnet werden. Beim Mutterschaftsgeld herrscht häufig Unsicherheit darüber, welche Leistungen Selbstständigen zustehen und was während des Bezugs möglich ist.

Beim Elterngeld drehen sich viele Fragen um die Kombination von Familie und Erwerbstätigkeit: Wie wirkt sich Zuverdienst aus? Was ist der Unterschied zwischen BasisElterngeld und ElterngeldPlus? Und welche Aufteilung passt zur eigenen Situation? Die konkreten Antworten sind oft sehr individuell – deshalb ist der Aufklärungsbedarf hier besonders groß.

 

Viele freischaffende Künstler*innen bzw. Selbstständige wissen zu Beginn ihrer Karriere wahrscheinlich nicht, dass sie nicht dieselben Ansprüche wie Arbeitnehmer*innen haben. Worauf sollte ich bei der Familiengründung im Hinblick auf Mutterschaftsleistungen achten?
 
Der wichtigste Punkt ist, sich frühzeitig mit dem eigenen Versicherungsstatus auseinanderzusetzen. Gerade bei Selbstständigen entscheidet dieser darüber, welche Leistungen rund um die Mutterschutzfrist überhaupt möglich sind. Viele gehen zunächst davon aus, dass die Regelungen für Selbstständige und Angestellte ähnlich sind. Tatsächlich hängen Mutterschaftsleistungen aber stark davon ab, wie man krankenversichert ist.

Ob gesetzlich versichert, über die KSK abgesichert oder privat versichert: Die Voraussetzungen und Leistungen unterscheiden sich teilweise deutlich. Deshalb lohnt es sich, den eigenen Versicherungsschutz rechtzeitig zu prüfen und sich frühzeitig beraten zu lassen. In meinen Beratungen erlebe ich immer wieder, dass sich Betroffene erst während der Schwangerschaft mit diesem Thema beschäftigen. Dann sind manche Gestaltungsmöglichkeiten oder Tarifwechsel bereits nicht mehr möglich. Wer sich früh informiert, kann deutlich besser planen und unangenehme Überraschungen vermeiden.

 

Das Elterngeld wird bei Selbstständigen in der Regel auf Grundlage des letzten abgeschlossenen steuerlichen Veranlagungszeitraums berechnet – häufig also des letzten Kalenderjahres. Wenn man in diesem Zeitraum hohe Schwankungen oder wenig verdient hat, fällt das Elterngeld oft sehr gering aus. Hinzu kommt, dass manche Schwangere unter anhaltender Übelkeit oder vorzeitigen Wehen leiden und deswegen wenig bis gar nicht mehr arbeiten können. Welche Möglichkeiten kommen in so einem Fall infrage?
 
Viele Selbstständige wissen nicht, dass der Bemessungszeitraum für das Elterngeld in bestimmten Fällen verschoben werden kann. Das kommt beispielsweise bei schwangerschaftsbedingten Erkrankungen oder anderen gesetzlich geregelten Ausnahmesituationen infrage. Ob diese Möglichkeit besteht, hängt immer vom Einzelfall ab. Deshalb lohnt sich eine frühzeitige Prüfung, wenn das Einkommen im relevanten Zeitraum außergewöhnlich niedrig ausgefallen ist. Unabhängig davon gibt es beim Elterngeld einen gesetzlichen Mindestbetrag.

 

Viele kennen BasisElterngeld und ElterngeldPlus – welche Optionen gibt es darüber hinaus und wie entscheidet man, was wann sinnvoll ist?
 
Die wichtigste Entscheidung ist meist die zwischen BasisElterngeld und ElterngeldPlus. Vereinfacht gesagt, eignet sich das BasisElterngeld eher für Phasen ohne Erwerbstätigkeit, während ElterngeldPlus mehr Flexibilität bietet, wenn parallel gearbeitet werden soll. Darüber hinaus gibt es mit dem Partnerschaftsbonus zusätzliche Möglichkeiten für Eltern, die sich Betreuung und Erwerbstätigkeit partnerschaftlich aufteilen möchten. Gerade für Selbstständige kann außerdem interessant sein, dass der Elterngeldbezug unter bestimmten Voraussetzungen unterbrochen werden kann. Dadurch lassen sich unterschiedliche Einkommensphasen oft besser berücksichtigen.

 

Wie viel darf ich während des Elterngeldbezugs arbeiten und wie wird das auf das Elterngeld angerechnet?
 
Während des Elterngeldbezugs darf grundsätzlich weitergearbeitet werden – allerdings nur innerhalb bestimmter Grenzen. Aktuell liegt die zulässige Arbeitszeit bei durchschnittlich 32 Stunden pro Woche.

Wichtig ist außerdem, dass Einkommen während des Bezugs die Höhe des Elterngeldes beeinflussen kann. Deshalb lohnt es sich besonders für Selbstständige, die geplante Tätigkeit und die Wahl zwischen BasisElterngeld und ElterngeldPlus gut aufeinander abzustimmen. Wie stark sich das konkret auswirkt, hängt von der individuellen Einkommenssituation ab.

 

Gibt es Sonderregelungen für Alleinerziehende oder Eltern mit mehreren kleinen Kindern?
 
Ja, sowohl für Alleinerziehende als auch für Familien mit mehreren kleinen Kindern gibt es besondere Regelungen. Alleinerziehende können unter bestimmten Voraussetzungen die Elterngeldmonate allein ausschöpfen, die sonst auf zwei Elternteile verteilt werden. Das kann gerade in dieser Situation eine wichtige finanzielle Entlastung sein.

Für Familien mit mehreren kleinen Kindern gibt es zusätzliche Leistungen, etwa den Geschwisterbonus oder Zuschläge bei Mehrlingsgeburten. Viele Eltern wissen gar nicht, dass solche Zuschläge existieren oder automatisch geprüft werden sollten. Deshalb lohnt es sich, bei der Antragstellung genau hinzuschauen. 

Damit werden die besonderen Herausforderungen von Alleinerziehenden sowie Familien mit mehreren kleinen Kindern zumindest teilweise berücksichtigt.

 

Schon lange ist bekannt, dass die derzeit geltenden Regelungen zum Mutterschafts- und Elterngeld für Selbstständige besondere Herausforderungen mit sich bringen. Alles in allem: Was müsste Deiner Meinung nach verändert werden?
 
Aus meiner Sicht orientieren sich viele Regelungen noch zu stark an klassischen Angestelltenbiografien. Die Realität von Selbstständigen – gerade im Kulturbereich – sieht oft anders aus: Einkommen schwanken, Projekte verlaufen nicht nach Kalenderjahren und Investitionen können einzelne Jahre stark beeinflussen. Wünschenswert wären deshalb flexiblere und praxisnähere Regelungen bei der Einkommensberechnung sowie weniger bürokratischer Aufwand. Vor allem aber braucht es mehr Transparenz. Viele Selbstständige erfahren erst sehr spät, welche Gestaltungsmöglichkeiten sie überhaupt haben.

 

Wo kann man sich über aktuelle Workshops und Angebote informieren?

Auf dem Instagram-Kanal von JF Beratung findet ihr aktuelle Informationen zu Workshops und Angeboten. In den kommenden Wochen wird außerdem über PRO MUSIK ein Workshop für Mitglieder und Interessierte angeboten.

 

Vielen Dank, liebe Jutta, für dieses Gespräch!

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18.06.2026